E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Wolff Taxifahrt mit einem Vampir
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-529-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-98952-529-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Steffi von Wolff, geboren 1966 in Hessen, war Reporterin, Redakteurin und Moderatorin bei verschiedenen Radiosendern. Heute arbeitet sie freiberuflich für die ARD, als Roman- und Sachbuchautorin für diverse Verlage, hat eine Kolumne im Segelmagazin YACHT und wird von vielen Fans als »Comedyqueen« gefeiert. Steffi von Wolff lebt mit ihrem Mann in Hamburg. Die Autorin im Internet: steffivonwolff.de und facebook.com/steffivonwolff.autorin Steffi von Wolff veröffentlichte bei dotbooks bereits ihre Bestseller »Glitzerbarbie«, »Gruppen-Ex«, »ReeperWahn« und »Rostfrei«, »Fräulein Cosima erlebt ein Wunder«, »Das kleine Segelboot des Glücks«, »Der kleine Buchclub der Träume«, »Das kleine Hotel an der Nordsee«, »Das kleine Haus am Ende der Welt«, »Kein Mann ist auch (k)eine Lösung«, »Für Rache ist es nie zu spät«, »Die Spätsommerfrauen«, »Taxifahrt mit einem Vampir« und »Das kleine Appartement des Glücks« sowie die Kurzgeschichten-Anthologien »Das kleine Liebeschaos für Glückssucher«, »Das kleine Glück im Weihnachtstrubel« und »Das kleine Handbuch des Liebesglücks«. Außerdem erschienen sind ihre Sammelbände »Liebe ist nichts für Anfänger« und »Küsse und andere Missgeschicke«. Eine andere Seite ihres Könnens zeigt Steffi von Wolff unter ihrem Pseudonym Rebecca Stephan im ebenso einfühlsamen wie bewegenden Roman »Zwei halbe Leben«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
»Dreizehn Euro achtzig.«
»Kannich … kannich … äh, hicks … mit Karte zahlen?«
»Nein, können Sie nicht. Das hatte ich Ihnen aber vor Fahrtantritt bereits gesagt.« Meine Finger trommeln auf dem Lenkrad herum. Das dauert mir schon wieder viel zu lange.
Der ziemlich angetrunkene Gast brabbelt so etwas wie »Blöde Kuh« vor sich hin und lallt dann: »HamSienich.«
Doch. Habe ich. Ich sage es immer. Weil nämlich das Kartenlesegerät schon seit ungefähr einem Jahr nicht mehr funktioniert und ich auch überhaupt nicht einsehe, es reparieren zu lassen. Weil nämlich die Garantie schon abgelaufen ist und ich das selbst bezahlen müsste; und dazu habe ich keine Lust, keine Lust, keine Lust. Diese Herumstreiterei mit dem Kartenlesegeräthersteller würde mich zermürben, und ich bin zermürbt genug. Man würde mir des Weiteren vorwerfen, ich hätte doch sehen müssen, dass ich keine EC-Karte, sondern einen Mitgliedsausweis der Barmer Ersatzkasse durch den Schlitz gezogen und damit die komplette Elektrik zum Brachliegen gebracht hatte. Mich nerven solche Diskussionen, weil sie zu nichts fuhren, und zu nichts habe ich keine Zeit.
»Ich habe es vorher gesagt. Dreizehn Euro achtzig. Es wird nicht weniger, wenn Sie rummeckern.«
Der Fahrgast schnaubt und kramt umständlich in seinem Portemonnaie. Dann drückt er mir zwanzig Euro in die Hand, sagt »Mir ist schlecht« und kotzt mir im nächsten Augenblick in den Nacken. Er hat Sauerbraten gegessen. Und Knödel. Pfanni halb und halb. Das rieche ich sofort. Wenn man Taxi fährt, lernt man so was. Meine Laune ist jetzt noch beschissener als vorher. Auch, weil ich den Wagen jetzt erst mal grundreinigen kann und mir wegen des Ausfalls Geld durch die Lappen gehen wird.
Der Fahrgast öffnet die Tür und fällt aus dem Auto.
Ich lasse ihn liegen, verzichte darauf, ihm das Wechselgeld hinterherzuwerfen, und trete aufs Gaspedal. Was für ein idyllischer Dienstagabend! Es ist zwar warm, fast zu warm für den Juni, aber es regnet. Ein Scheißabend. Rosenkohl hat er auch noch gegessen. Wie eklig ist das denn? Rosenkohl bleibt ewig haften. Außerdem ist Rosenkohl meines Erachtens ein Wintergemüse, er muss es tiefgefroren gekauft haben.
Zwei Stunden später stinke ich immer noch nach dem halbverdauten Braten, obwohl ich Ewigkeiten unter der Dusche gestanden habe. Der Wannenboden sieht aus, als hätte ich Blätter verloren. Wegen des Rosenkohls. Das Telefon klingelt. Weil ich hoffe, dass es die Reinigungsfirma ist, gehe ich dran; ich gehe sonst nie ans Telefon. Weil ich Telefonieren hasse.
»Hallo.«
»Spreche ich mit Helene Messmer?«
»Hm.« Hm ist immer gut.
»Hier ist Nicole Wiedekopf, ich rufe von der Marktforschungsagentur Bauer und Sohn an. Frau Messmer, wie geht es Ihnen?« Ich sage nichts.
»Das ist aber schön. Frau Messmer, ich stelle Ihnen jetzt ein paar Fragen, die Sie bitte mit Zahlen beantworten. Das geht so: Sagen Sie eins, trifft die Frage sehr auf Sie zu, und das geht dann so weiter bis zur Zahl zehn, da trifft dann die Frage gar nicht auf Sie zu. Haben Sie das verstanden?«
Meine Laune ist keine Laune mehr, sondern ein untragbarer Zustand.
»Haben Sie eine Waschmaschine?«, will Frau Wiedekopf fröhlich von mir wissen.
Wie soll ich diese Frage denn anders beantworten als entweder mit eins oder mit zehn? Sage ich zwei, trifft es dann ein bisschen auf mich zu, dass ich eine habe? Sage ich fünf, bin ich dann mit mir am Ringen, ob ich eine habe?
»Was soll der Quatsch?«, frage ich Frau Wiedekopf zurück, die daraufhin glockenhell auflacht und nun ihre absolvierten Rhetorikschulungen herausholt: »Das war lustig, was? Ich wollte Sie nur ein wenig auflockern. Sie scheinen mir eine sehr sympathische Frau zu sein.« Bestimmt möchte sie, dass ich jetzt sage: »Hahahahaha, Sie aber auch, Sie aber auch! Sie sind mir vielleicht eine, mich so aufs Glatteis zu führen.« Und dann könnten wir zusammen lachen, und ich könnte noch lockerer werden, ihr sogar die Marke meines Weichspülers verraten und mich mit ihr darüber austauschen, dass das mit dem Wäschewaschen früher ja viel komplizierter war als heute. Und Frau Wiedekopf würde sagen: »Ja, ja, wir können uns glücklich schätzen, dass wir in einer Zeit leben, in der wir die Laken nicht mehr auf der Bleiche trocknen müssen.« Vielleicht würde Frau Wiedekopf sogar noch ein Witzchen erzählen, und ich wiederum wäre irgendwann so locker, dass ich einfach so auseinanderfalle und in meinen Einzelteilen auf dem Boden liege.
Aber ich denke gar nicht daran. »Woher haben Sie überhaupt meine Nummer?«, frage ich böse. Das will Frau Wiedekopf mir allerdings nicht verraten, also muss ich davon ausgehen, dass es sich bei Bauer und Sohn um eine Firma handelt, die heimtückisch Adressen kauft, um dann ahnungslosen Mitbürgern mit Hilfe der Rufnummernunterdrückung den Abend zu verderben. Während Frau Wiedekopf mich weiter mit Fragen löchert, die ich ihr nicht beantworte, laufe ich in die Küche und nehme aus dem rechten Schrank einen Teller, den ich auf den Boden fallen lasse. Ich brauche jetzt einfach Scherben, über die ich mich ärgern kann. Und ich motze Frau Wiedekopf an, die irgendwann nur noch vor sich hinstammelt. Irgendwann sagt sie traurig: »Warum sind Sie denn so unfreundlich zu mir? Ich bin noch nicht so lange hier, wissen Sie, ich studiere nämlich, und meine Eltern können mich nicht unterstützen. Ich mache doch nur meinen Job.«
»Ach Göttchen.« Jetzt drückt sie auch noch auf die Tränendrüse. Hut ab. Hier haben schon mehrere Marktforschungsunternehmen angerufen, aber so geflennt hat noch keiner. Frau Wiedekopf klingt auch ehrlich gesagt gar nicht wie eine Frau, die dort arbeitet, sie klingt eher wie eine Nichtschwimmerin, die mitten im Atlantischen Ozean merkt, dass ein Schnorchel kein Schwimmflügel ist. Panisch und ein wenig orientierungslos. Will mich da vielleicht irgendjemand verarschen?
»Bestimmt hatten Sie auch eine total schwere Kindheit, sind in der Schule gehänselt worden, stimmt’s?« Ich warte die Antwort gar nicht ab, weil mich Frau Wiedekopf so dermaßen nervt. »Und beim Abschlussball wollte keiner mit Ihnen tanzen, weil sie so ein Mauerblümchen waren, richtig? Dabei wollten Sie doch nur glücklich sein und …«
Ich höre Frau Wiedekopf leise schluchzen, werde aber einen Teufel tun, mich jetzt weichklopfen zu lassen und wie ein Rind eine Skala von eins bis zehn runterzubeten, nur damit sie auf ihre Quote kommt. Ist es mein Problem, dass sie nebenbei jobben muss? Eher nicht. Außerdem glaube ich nach wie vor, dass die Alte gar nicht bei einem Marktforschungsunternehmen arbeitet, sondern mir da sonst wer einen witzigen Telefonstreich spielt.
»Warum sind Sie so gemein?«, fragt Frau Wiedekopf. »Gegenfrage: Warum rede ich überhaupt noch mit Ihnen?« »Glauben Sie nicht, es würde Ihnen vielleicht besser gehen, wenn Sie ein bisschen freundlicher wären? Jeder sollte doch seine Mitmenschen so behandeln, wie er selbst behandelt werden möchte.«
»Mir ist es scheißegal, wie ich behandelt werde, das dürfen Sie mir jetzt einfach mal glauben. Und wie es Ihnen geht, ist mir ebenfalls scheißegal. Auch ob Sie Ihr blödes Studium schaffen oder nicht. Ich hab auch nicht studiert.«
»Aber das ist doch nicht meine Schuld.«
»Das habe ich auch nicht behauptet. Und jetzt lege ich auf.« »Nein!«, ruft Frau Wiedekopf verzweifelt, so als ob ich ihre allerletzte Rettung wäre. »Bitte nicht. Dann habe ich bestimmt gar kein Glück mehr.«
Das ist das erste Mal, dass mir jemand, wenn auch durch die Blume, sagt, dass ich so was wie Glück für ihn bedeute.
»Belästigen Sie andere Idioten mit Ihrem Scheiß«, sage ich abschließend, aber sie gibt noch nicht auf und stellt mir blöde Fragen zu meinem Frischwurstkonsum. Ob ich Hirnwurst eklig fände. Aber wirklich auszukennen in der Lebensmittelbranche scheint sie sich auch nicht. Sonst wüsste sie, dass Hirnwurst schon lange nicht mehr aus Hirn, sondern aus relativ magerem Schweine- und Kalbfleischbrät besteht. Und sie heißt auch nicht mehr Hirnwurst, sondern Gelbwurst. Selbst früher bestand sie nicht komplett aus Hirn, sondern nur zu 25 Prozent. So. Wen interessiert’s? Ich weiß so was, weil ich nachts oft nicht schlafen kann. Und da laufen im Fernsehen diese ganzen Dokumentationen. Es ist also nicht so, dass ich mich für Gelbwurst interessiere. Gelbwurst ist mir total egal. Ich interessiere mich für eigentlich gar nichts. Die Scherben werde ich auch nicht wegfegen. Immerhin könnte es sein, dass ich heute Nacht Durst bekomme, barfuß in die Küche gehe und mir schlaftrunken einen oder beide Füße an den Scherben aufschneide, was wiederum zur Folge haben könnte, dass ich verblute. Aber bei meinem Glück werde ich natürlich genau in die scherbenlosen Zwischenräume treten.
»Bitte …«, fleht Frau Wiedekopf und sagt dann noch irgendwas, das ich aber nicht mehr höre, weil ich einfach und ohne mich zu verabschieden auflege. Danach geht es mir besser.
Ja, gut erkannt: Ich bin ein schlechtgelaunter, missmutiger Mensch von 29 Jahren. Wenn ich es auf den Punkt bringen soll: Ich finde das Leben beschissen. Am liebsten wäre ich tot. Nicht, dass ich von Todessehnsucht geplagt bin, aber ich kann dem Leben als solches einfach nichts abgewinnen. Früher, ganz früher, war das, glaube ich, mal anders. Als ich mit meiner Freundin Annkathrin im Sandkästen gespielt habe. Wobei ich da auch immer schon nie gelacht habe. Lieber habe ich den anderen die Plastikschaufeln über den Kopf gehauen oder ihnen Sand in die Augen gedrückt. Wenn sie mich zu sehr genervt haben. Lediglich mit Annkathrin habe ich mich gut verstanden und nie gezofft. Vielleicht lag es...




