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E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Wolfram Handbuch Naturraumpädagogik
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-451-83845-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
in Theorie und Praxis
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-451-83845-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anke Wolfram ist Erzieherin, Psychomotorikerin und Waldpädagogin. Seit 2007 leitet sie die Einrichtung Waldkinder-Regensburg, eine Konsultationseinrichtung für den Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan, die u.a. die UNESCO-Auszeichnung 'Bildung für nachhaltige Entwicklung' erhalten hat.
Weitere Infos & Material
2. Menschenbild und Bildungsverständnis in der Naturraumpädagogik
2.1 Naturraumpädagogik als Handlungskonzept
Im Mittelpunkt jedes frühpädagogischen Ansatzes steht das Kind. Das Bild vom Kind, das in einer Einrichtung vorherrscht, prägt die jeweilige pädagogische Ausrichtung. Jeder Erwachsene, der mit Kindern umgeht und mit ihnen Bildungsprozesse gestaltet, ist auf- und herausgefordert, sich Gedanken über das eigene Bild vom Kind zu machen. Die eigene Kindheit, persönliche Erfahrungen und Lebenshintergründe spielen dabei eine Rolle.
Pädagogische Teams haben die Aufgabe, sich über ihre Vorstellungen auszutauschen und sich über das Bild vom Kind zu verständigen, das in der Einrichtung von allen gelebt wird. Dass dieser Austausch kontinuierlich zu reflektieren ist, ergibt sich nicht nur durch personelle Veränderungen im Team, persönliche Weiterentwicklung und einen sich permanent erweiternden Erfahrungshorizont, sondern ist gleichsam eine pädagogische Pflicht.
Veränderte Kindheit
„Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit. Wir fühlten uns geborgen bei diesen Eltern, die einander so zugetan waren und stets Zeit für uns hatten, wenn wir sie brauchten, uns im Übrigen aber frei und unbeschwert auf dem wunderbaren Spielplatz, den wir in dem Näs unserer Kindheit besaßen, herumtollen ließen. Gewiss wurden wir in Zucht und Gottesfurcht erzogen, so wie es dazumal Sitte war, aber in unseren Spielen waren wir herrlich frei und nie überwacht. Und wir spielten und spielten und spielten, sodass es das reine Wunder war, daß wir uns nicht totgespielt haben. Wir kletterten wie die Affen auf Bäume und Dächer, wir sprangen auf Bretterstapel und Heuhaufen, daß uns die Eingeweide nur so wimmerten, wir krochen quer durch riesige Sägemehlhaufen, lebensgefährliche, unterirdische Gänge entlang, und wir schwammen im Fluss, lange bevor wir überhaupt schwimmen konnten“ (Lindgren 2004, S. 44 f.).
Spontane Naturerlebnisse sind selten geworden
Durchgeplanter Alltag
Astrid Lindgrens Schilderungen ihrer Kindheit machen deutlich, wie sehr sich seit damals die Lebenswirklichkeit von Kindern verändert hat. „Kinder wachsen heute in einer kulturell vielfältigen, sozial komplexen und hoch technisierten Welt auf, die beschleunigten Wandel aufweist“ (Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales & Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz 2024, S. 5). Sie haben es heute ungleich schwerer, sich selbst und die Natur intensiv zu erleben. Vor allem ihre Chancen auf spontane Spiele in der Natur und ihrem direkten Umfeld schwinden. Zum einen, weil häufig nahgelegene, natürliche Spielräume fehlen; zum anderen, weil Kinder durch Ganztagsbetreuung oder zahlreiche Aktivitäten in Vereinen, durch die Teilnahme an Förderangeboten und Freizeitkursen weniger Zeit finden, um ungezwungen und spontan draußen mit Freunden zu spielen. Die Freizeit der Kinder ist heute weitgehend verplant und von Erwachsenen vorstrukturiert.
Noch in der Generation heutiger Eltern war es möglich, sich als Kind das eigene Wohnumfeld meist zu Fuß in sich ständig erweiternden Radien zu erschließen. Heute wird die Lebenswelt der Kinder zu verinselten Erfahrungsräumen konstruiert. Diese sind meist für die Kinder nicht mehr eigenständig erreichbar und lassen kaum Zusammenhänge erkennen. Vergleicht man den Aktionsraum und die Bewegungsfreiheit von Kindern früherer Generationen wird deutlich, wie unselbstständig Kinder sich heute ihre Welt erschließen können und dürfen.
Eingeschränkte Sinneserfahrungen
Auch die vielfältigen Angebote vorgefertigter Spielmaterialien schränken die Kreativität und das Sinneserleben ein. Der Forscherdrang und die Eigenwirksamkeit von Kindern werden in der Folge häufig gehemmt. Computer, Tablet, Smartphone und Fernseher haben im Kinderzimmer Einzug gehalten und ersetzen zunehmend fehlende Spielkamerad:innen, Geschwisterkinder und vor allem Erfahrungen mit den Dingen aus erster Hand. Der Schwerpunkt kindlicher Förderung wird auf kognitive Leistungen gelegt. Das theoretische Wissen steht im Vordergrund, weil Eltern oft befürchten, dass ihre Kinder in der heutigen Wissensgesellschaft sonst nicht mithalten können. Leistungsdruck und Überforderung belasten deshalb oftmals bereits Kleinkinder (vgl. Miklitz 2020).
Kindheit findet zunehmend drinnen statt
Kindheit findet immer weniger draußen statt. Sie wurde nach innen verlegt. Unsere veränderte Lebensweise zieht gesundheitliche, gesellschafts- und umweltpolitische Folgen nach sich. Vor allem der daraus resultierende Bewegungsmangel hat erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern, beeinträchtigt die körperliche wie psychische Leistungsfähigkeit und die Gehirnentwicklung.
Bewegungsmangel und seine Folgen
Eine deutliche Zunahme folgender Erkrankungen im Kindesalter ist zu beobachten: Ungeschicklichkeit, feinmotorische Defizite, Übergewicht, Allergien, psychische und psychosomatische Störungen wie Rücken- und Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, Hyperaktivität, Gereiztheit, Aggression und Depressionen (vgl. Hurrelmann o. J.). Es fällt auf, dass immer weniger Kinder über ausreichend Fitness und Ausdauer verfügen. Es fehlt ihnen an Muskelkraft und Körperspannung. Viele Kinder weisen einen unsicheren Laufstil, eine eingeschränkte Fein- und Grobmotorik oder Schwierigkeiten in der Koordination auf. Die Zahl der Unfälle, die auf mangelnde Bewegungserfahrung zurückzuführen sind, nimmt stetig zu.
Der Natursoziologe Rainer Brämer (2010) untersuchte Auswirkungen der Naturentfremdung bei Kindern und Jugendlichen (vgl. Brämer et al. 2010). Seine Studien quittieren deutschen Kindern:
- ein defizitäres Naturverständnis und mangelnde Naturverbundenheit,
- ein geringes Umweltbewusstsein,
- mangelhafte Natur- und Artenkenntnisse,
- fehlendes Wissen um naturbezogene Zusammenhänge,
- fehlendes Wissen über forst- und landwirtschaftliche Nutzungsformen,
- einen Mangel im achtsamen Umgang mit Natur und Lebewesen und
- mangelndes Wissen und Beachtung von globalen, naturrelevanten Zusammenhängen.
Das Bild vom Kind in der Naturraumpädagogik
Naturraumpädagogik reagiert auf die veränderten Bedingungen für die Bildung und Entwicklung von Kindern. Es besteht die Grundüberzeugung, dass naturnahe, ganzheitliche Impulse in der heutigen Zeit Basis für eine starke, kreative und positive Entwicklung sind. Die Herausforderungen, vor die uns das Informationszeitalter stellt, werden sich nur mithilfe eines zukunftsweisenden Bewusstseins lösen lassen.
Kinder brauchen Möglichkeiten, die sie dabei unterstützen,
- auf ihre eigenen Fähigkeiten und die Fähigkeiten von anderen zu vertrauen,
- soziale Kompetenzen zu entwickeln,
- Visionen entwickeln zu können und Mut zu haben, diese umzusetzen,
- sich anpassungsfähig und flexibel zugleich zu verhalten.
Die Natur wirkt dabei wie ein Katalysator: Sie bietet eine Umgebung, die es jungen Persönlichkeiten ermöglicht, die eigenen Kompetenzen zu spüren. Dazu gehören erste Bindungserfahrungen ebenso wie das Erleben von Freiheit im Sinne einer möglichen Entscheidung entsprechend des Alters und der Situation sowie Sicherheit und Vertrauen. Daraus entstehen Handlungskompetenz und Stärke, um Verantwortung für sich selbst, das persönliche Umfeld, die Gesellschaft und die Umwelt zu übernehmen.
Folgende Überlegungen zeichnen den Hintergrund für das Bild vom Kind, wie es im Sinne der Naturraumpädagogik zur Basis pädagogischen Handelns wird:
Kinder…
- sind einzigartig
- sind kompetent von Anfang an
- haben eine individuelle Lernbiografie
„Die moderne Säuglingsforschung hat gezeigt, dass Neugeborene – lange vor dem Spracherwerb – sehr viel kompetenter sind als ursprünglich angenommen.“ (Haug-Schnabel & Bensel 2017, S. 56).
Der Säugling tritt von Anfang an in Interaktion mit seinem Umfeld. Er kommt bereits mit einem enormen Verhaltensrepertoire sowie mit einer schier unendlichen Lernkapazität auf die Welt – „vorausgesetzt, die ‚Umwelt‘ bietet die für einen Erfahrungsgewinn nötigen Sinneseindrücke liebevoll und angemessen“ (ebd.).
Jedes Kind unterscheidet sich durch seine Persönlichkeit und Individualität von anderen Kindern. Es bietet ein Spektrum einzigartiger Besonderheiten durch seine Anlagen, Stärken, Bedingungen des Aufwachsens, seine Eigenaktivitäten und sein Entwicklungstempo. Die kindliche Entwicklung ist ein vielschichtiger und individueller Prozess (vgl. Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales & Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz 2024)
Kinder als aktive Gestalter ihrer Entwicklung
Durch den hohen Anteil an Freispiel in naturraumpädagogischen Einrichtungen haben Kinder die Chance, sich stets ihrem Entwicklungsstand entsprechend ihre Umwelt zu...




