E-Book, Deutsch, Band 12, 317 Seiten
Reihe: Eifel-Krimi
Berndorf Eifel-Träume
Überarbeitete Auflage
ISBN: 978-3-89425-831-3
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der 12. Siggi-Baumeister-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 12, 317 Seiten
Reihe: Eifel-Krimi
ISBN: 978-3-89425-831-3
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der 12. Band der Eifel-Serie
Die dreizehnjährige Annegret kehrt nach der Schule nicht nach Hause zurück. Nach drei Tagen wird sie gefunden - nur dreihundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt, tot. Journalist Siggi Baumeister erhält den Auftrag, die Geschichte zu recherchieren, und erfährt Unglaubliches: Chaos am Fundort der Leiche führt dazu, dass man zunächst noch nicht mal mit Sicherheit weiß, ob die Tat ein Sexualdelikt ist. Baumeister macht sich mit Annegrets Umfeld vertraut und bald geht ihm der Fall sehr nahe. Dabei belasten ihn auch noch private Probleme: Tante Anni will sterben, seine Exfreundin Vera kehrt zurück und dann steht auch noch seine Tochter vor der Tür.
Jacques Berndorf - Pseudonym des Journalisten Michael Preute - wurde 1936 in Duisburg geboren und lebt heute in der Eifel. Er war viele Jahre als Journalist tätig, arbeitete unter anderem für den 'stern' und den 'Spiegel', bis er sich ganz dem Krimischreiben widmete.
Seine Siggi-Baumeister-Geschichten haben Kultstatus, im Grafit Verlag sind erschienen: Eifel-Blues, Eifel-Gold, Eifel-Filz, Eifel-Schnee, Eifel-Feuer, Eifel-Rallye, Eifel-Jagd, Eifel-Sturm, Eifel-Müll, Eifel-Wasser, Eifel-Liebe, Eifel-Träume und Eifel-Kreuz.
Außerdem lieferbar: Die Raffkes und Der Kurier (beides Politthriller).
Autoren/Hrsg.
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ERSTES KAPITEL
Das Leben floss langsam und ganz unaufgeregt dahin. Ich hockte auf der Terrasse und blätterte in einem Magazin, was in diesem Sommer wahrlich kein Genuss war. Chaos und Ängste um die Terrorismusbekämpfung, das Unheil von Madrid, Brutalität in Fernost, Hinrichtungen im Nahen Osten, mein schönes Deutschland im Reformstau. Die Opposition hierzulande behauptete, der Kanzler sei ein Banause, während der Kanzler behauptete, die Opposition sei ein breitflächiger Brei aus Durchschnittlichen. Dieser Kanzler hat, so denke ich, einen miesen Job: Macht er etwas falsch, schreit die Kritik, macht er etwas richtig, kreischt die Kritik. Stolpe, dieser Maut-Mann, berief zum zehnten Mal eine ultimative Konferenz mit der Industrie ein und rechnete ganz ernsthaft damit, ernst genommen zu werden. Ein Industriemanager fühlte sich von den Medien übel verfolgt, weil er für das bloße Ausräumen seines Schreibtisches die ungefähre Summe von dreißig Millionen Euro eingestrichen hatte. Und er war der festen Überzeugung, er habe das durchaus verdient, und eigentlich sei es sogar zu wenig gewesen. Deutschland – die Lachnummer. Gott sei Dank kam mein Satchmo vorbei und jaulte herzzerreißend, weil er wie üblich dicht vorm Hungerkollaps stand. Also marschierte ich in die Küche und klatschte etwas Katzenpampe auf einen Teller. Aber er fraß nicht. Stattdessen stellte er sich auf einen Brocken Vulkangestein und röhrte seinen Schmerz hinaus in die stille, sonnige Landschaft. Es war jetzt ein Vierteljahr her und er trauerte immer noch. Wenn ich ihm eine Schüssel mit seinem geliebten Industriefutter hinstellte, tapste er heran, schnupperte, wandte sich um und begann, nach Paul zu rufen. Er verhielt sich nach dem Motto: Komm endlich her, hier ist was zu fressen! Doch Paul kam nicht, Paul konnte gar nicht kommen. Irgendein unbekannter Autofahrer hatte ihn genau vor meiner Haustür erwischt. Paul hatte sich wohl noch mit letzter Kraft in die Rosen geflüchtet, die die Gemeinde unter die jungen Ahornstämme gepflanzt hat, und dort sein Leben ausgehaucht. Ich hatte mich schuldig gefühlt, wie wir uns immer schuldig fühlen, wenn uns Anvertraute plötzlich und scheinbar so grundlos gehen müssen. Neben dem Forsythienbusch hinter dem Haus hatte ich ihn begraben. Satchmo war nun allein und hatte wochenlang den ganzen Tag über nach dem Freund gerufen. Zuweilen war er wie ein Blitz quer über die Straße zu Rudi Latten gerast, als hätte er dort Pauls Schwanzspitze entdeckt. Es war ein richtiges Katzenelend und Satchmo beruhigte sich nur langsam, ging immer noch mindestens dreimal pro Tag durch das hohe Gras zur Gartenmauer, weil er von dort aus einen guten Überblick hatte. Kein Paul mehr, nirgendwo. »Suche nicht nach Paul«, sagte ich zum tausendsten Mal. »Das Leben war eine Sekunde lang gegen ihn.« Und zum tausendsten Mal sah er mich prüfend an und schien zu denken, dass die blöden Menschen von den größeren Zusammenhängen nicht die geringste Ahnung haben. Beachtlich und würdevoll fand ich, dass mein Hund Cisco sich über Satchmos Geheul nicht aufregte, sondern ganz still dalag und ihn beobachtete. Vielleicht, um zu verstehen, was sich in Satchmos Seele abspielte. Na ja, dämlicherweise suchen wir Menschen bei allen Tieren nach menschlichen Verhaltensmustern. Cisco ruhte weit entfernt unter dem großen roten Ginsterbusch und blinzelte träge. Nun entschied er sich, uns Gesellschaft zu leisten. Er trottete heran, legte seinen Kopf zwischen die Vorderpfoten und sah Satchmo beim Fressen zu. Er rührt Katzenfutter nicht an. Das ist unter seiner Würde. Am Teichrand stand eine prächtige violette Distel, sicherlich achtzig Zentimeter hoch und mit mehr als dreißig Blüten bestückt. Um sie herum tanzte ein Pärchen Kaisermantel, eine kleine, wunderschöne Orgie in hellem Orange mit schwarzen Flecken. In der Namensgebung waren die Leute vergangener Generationen besser gewesen als wir und ich fragte mich, wie man diesen Schmetterling wohl heute nennen würde. Wahrscheinlich Orange-Plus oder Yellow Brush oder vielleicht auch Believe-in-God, auf jeden Fall fantasielos und streng neudeutsch. Dann rief Emma an, ihre Stimme war munter und angriffslustig. »Weißt du eigentlich, dass Tante Anni schlecht dran ist?« »Nein, weiß ich nicht. Was fehlt ihr denn?« »Sie klingt nicht gut und vor allem: Sie liegt nur noch im Bett und will nicht aufstehen.« »Hat sie Fieber, einen Infekt oder so was? Soll ich hinfahren?« »Nicht nötig. Ich fahre hin. Wie geht es dir?« »Na ja, wie immer. Entschieden zu langsam.« »An was arbeitest du?« »Das weiß ich auch nicht so genau.« Sie lachte und legte auf und ich fühlte mich angesichts ihres positiven Lebensdranges elend. Günter von nebenan schlurfte hinter dem Haus entlang, sah mich und meinte leicht verlegen: »Du siehst im Moment nicht so aus, als hättest du die Arbeit erfunden.« Ich erwiderte, er habe recht, aber er selbst würde auch nicht den Eindruck erwecken, als würde er sich danach drängen. Pingpong. »Im Moment nicht«, gab er zu. »Aber ich habe eine Gefährtin gefunden. Und da hat man dann Lust auf anderes.« Das war nun wirklich ein Grund, Freude zu empfinden, und ich sagte begeistert: »Herzlichen Glückwunsch. Wer ist die Arme?« »Tja«, antwortete er mit der typischen Zurückhaltung der hiesigen Bevölkerung, »die kennst du sowieso nicht.« Vorläufiges Ende der Unterhaltung. Er machte ein paar Schritte auf den Teichrand zu, beugte sich vor, starrte ins Wasser, richtete sich wieder auf, drehte sich langsam zu mir und erklärte schließlich doch in dürren Worten: »Ich lag ja im Krankenhaus. Und neben mir lag ein junger Mann, der immer Besuch von seiner Mutter kriegte. Dann war der Junge gesund und verschwand. Nur seine Mutter, die kam weiter. Zu mir.« Da schimmerte stählerner Lebenswille auf, das war Eifeldramatik pur, da schallte das Jagdhorn. »Und? Wie ist sie?« »Klasse, würde ich sagen. Sie ist ein paar Jährchen älter, aber was macht das schon?« »Gar nix!«, stimmte ich zu. »Halt sie fest.« Er strahlte und nickte: »Das will ich wohl.« Mit der Betulichkeit eines Tanzbären verschwand er um die Hausecke. »Wisst ihr«, erklärte ich Hund und Kater, »solche erfreulichen Besuche sollten wir öfter verzeichnen. Aber ihr liegt nur rum und guckt angewidert. Das baut nicht auf, das ist kontraproduktiv. Blöde Bande!« Wie aufs Stichwort kam Rodenstock in seinem neuen Auto angeschossen, einem schwarzen, unscheinbaren Seat mit vier Zylindern und lächerlichen 247,5 PS. Er ließ das Vehikel auf meinen Hof krachen, als sei er vom Himmel gefallen, schlug die Wagentür kanonenschlagartig zu und trabte auf die Terrasse. Fröhlich tönte er: »Na, du bist ja schon auf. Erstaunlich.« »Ich warne dich, ich bin schlecht gelaunt.« »Macht nichts. Hast du einen Kaffee da und eventuell einen Kognak und dann noch …« »Ja, ja, ich weiß schon. Nur eine Zigarre habe ich nicht.« »Aber ich!«, strunzte er und zog einen Glimmstängel aus der Brusttasche seines Hemdes, der durchaus Ähnlichkeit mit einem Ofenrohr hatte. »Monte Christo«, lautete die Verkündigung. »Raucht auch unser Kanzler.« »Hauptsache, bei dem raucht überhaupt noch was«, kommentierte ich giftig, ging aber in die Küche, goss ihm einen Kaffee ein und einen vierfachen Carlos III in der vagen Hoffnung, es möge nicht zu dick kommen. Natürlich fand ich auch noch zwei, drei Riegel tiefschwarze Herrenschokolade, die so trocken war, dass es staubte, und die seine Verdauung für Tage lahm legen würde. Ich kannte Rodenstock schon seit Jahren. Wenn er in dieser Stimmung war, nahm er einen langen, hochkonzentrierten Anlauf auf irgendein Thema, das ihn beseelte. Es konnte durchaus geschehen, dass bei dem Gespräch absolut nichts herauskam, weil das Thema eigentlich kein Thema war. Es war allerdings auch möglich, dass er einen Plan ausgeheckt hatte, wie man am schnellsten den Restkommunismus aus China vertreibt oder den Eskimos Eisstangen verkauft. Ein paar Tage zuvor hatte er mit aller Gewalt diskutieren wollen, wie man George W. Bush dazu bringen könnte, einen Crashkurs in Weltgeschichte zu belegen, um anschließend das Buchstabieren von Dritte-Welt-Staaten zu lehren. Er war der beste Freund, den ich im Leben hatte, aber er war zuweilen verdammt anstrengend. Jetzt saß er in der Sonne und zelebrierte Rodenstock pur. Er brach eine winzige Ecke Schokolade ab und legte sie sich mit verklärtem Gesichtsausdruck auf die Zunge. Er lutschte ein wenig, eigentlich war es nur ein Hauch von Lutschen. Dann trank er einen kleinen Schluck Kaffee, gefolgt von einer Winzigkeit Brandy. Schließlich grinste er wie ein Honigkuchenpferd und sagte: »Wunderbar!« Fehlte nur noch, dass er schnurrte. Er riss ein Streichholz an und hielt es an die Zigarre. Eingehend beobachtete er, was das Streichholz mit der Zigarre machte, und ich gewann den dumpfen Eindruck, er wollte mich in den Wahnsinn treiben. Das zweite Streichholz folgte und noch immer zog Rodenstock nicht an dem gewaltigen Glimmstängel. Nun strahlte er mich an und seufzte: »Diese Welt ist heute einfach überwältigend schön!« Erst dann kamen ein größeres Stück Schokolade, ein normaler Schluck Kaffee, ein größerer Schluck Brandy und ein gewaltiger Zug aus der Knasterrolle. Er beugte sich sanft zu Cisco und kraulte ihn hinter dem Ohr. »Braves Vieh«, sagte er leutselig. Satchmo kraulte er nie. »Lass es raus!«, forderte ich. Er spitzte den Mund, schloss die Augen und intonierte den Satz: »Also, diese Isabell, ich sage dir, diese Isabell ist einfach super, ein Superweib mit sagenhaften Aussichten. Selbst wenn sie jetzt im...