E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Bojack Gewalt und ihre Folgen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-947502-60-8
Verlag: ZKS Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Traumafolgestörungen und Bewältigungsstrategien
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-947502-60-8
Verlag: ZKS Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Traumatisierungen - speziell sexuelle Gewalt - langfristige seelische Folgen hinterlassen, ist bekannt. Die Frage lautet, wie kann damit umgegangen werden. Nicht immer ist es möglich, wie in westlichen Ländern, eine Psychotherapie einzuleiten. Hier werden andere Möglichkeiten des Umgangs mit erlittener Gewalt aufgezeigt. Ein weiterer Aspekt des Buches ist, dass nicht nur seelische, sondern auch körperliche Auswirkungen sexueller Gewalt möglich sind. Zwar ist bekannt, dass auch Männern sexuelle Gewalt widerfahren kann, Studien zu deren körperlichen Folgen stehen noch aus.
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Wohnungslosigkeit, psychische Erkrankungen und Trauma
KARSTEN GIERTZ 1. Einleitung
Traumatische Erfahrungen und schwere Traumafolgestörungen gehen mit viel Leid, somatischen Folgeerkrankungen und sozialen Beeinträchtigungen einher (vgl. Felitti et al., 1998; Herman, 2018; Senger, 2019). Allerdings können die Reaktionen auf belastende Ereignisse wie zum Beispiel die Konfrontation mit dem Tod, das Erleben von ernsthaften Verletzungen oder von sexueller Gewalt bei jedem Menschen ganz unterschiedlich verlaufen. Während ein Teil der Betroffenen derartige Erlebnisse nach einer Zeit kompensieren und verarbeiten kann, weist ein anderer Teil akute Belastungsreaktionen, Anpassungsstörungen, schwere Depressionen, Suchterkrankungen sowie eine Posttraumatische Belastungsstörung oder komplexere Traumafolgestörungen auf. Oftmals hängt der Verlauf der Symptomatik mit der Art und der Dauer der traumatischen Erfahrung zusammen (vgl. Maercker et al., 2019). Aber auch individuelle Faktoren wie Entwicklungsbedingungen, Lernerfahrungen, genetische Vulnerabilität, Geschlecht, Vorerkrankungen oder das Vorliegen einer prätraumatischen Persönlichkeitsstruktur können den Symptomverlauf entscheidend beeinflussen. Daneben spielen soziale Faktoren, wie das Vorhandensein von sozialer Unterstützung, das Eingebettet Sein in ein sicheres Milieu oder förderliche Lebensbedingungen, eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung von traumatischen Erlebnissen (ebd.). Obwohl wohnungslose Menschen schweren Lebensbedingungen wie Entbehrungen, Einsamkeit, Stigmatisierung, Prostitution, Kriminalität und Gewalterfahrungen ausgesetzt sind, blieben traumabezogene Störungen bei dieser Gruppe lange Zeit in der klinischen und epidemiologischen Forschung unberücksichtigt. Aktuelle Studien weisen jedoch darauf hin, dass im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung schwere psychische und traumabezogene Störungen bei wohnungslosen Menschen signifikant häufiger auftreten (Ayano et al., 2020; Fazel et al., 2008). Gleichzeitig kommen eine prekäre Versorgungssituation und zusätzliche Belastungen im Zusammenhang mit der Wohnungslosigkeit hinzu, die sich re-traumatisierend auswirken können und den Störungsverlauf negativ beeinflussen. Darüber hinaus fehlt es wohnungslosen Menschen an persönlichen, sozialen und materiellen Ressourcen und Unterstützungsmöglichkeiten zur Bewältigung der langfristigen Folgen von Traumafolgestörungen. Im folgenden Beitrag wird ein Überblick über die Lebenssituation von Wohnungslosen und über den aktuellen Forschungsstand aus der psychiatrischen Versorgungsforschung von Deutschland zur Prävalenz psychischer und traumabezogener Störungen sowie zur Inanspruchnahme entsprechender Behandlungs- und Versorgungsangebote bei wohnungslosen Menschen gegeben. Ausgehend von den Ergebnissen werden Konsequenzen für die Versorgung bei dieser Zielgruppe aufgezeigt. 2. Wohnungslosigkeit in Europa und Deutschland Wohnungslosigkeit ist ein weltweites Phänomen, das aufgrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen wie Krieg, Flucht, Vertreibung, sozioökonomische Ungleichheit, Mietschulden infolge ökonomischer Krisen, fehlender bezahlbarer Wohnraum, Klimakatastrophen oder die mangelnde Versorgung von bestimmten Personenkreisen (z. B. psychisch erkrankte Menschen, junge Kinder und Jugendliche aus konfliktbelasteten Familien, ehemals im Gefängnis untergebrachte Personen) an Bedeutung gewonnen hat. In Europa lässt sich die Anzahl von wohnungslosen Menschen nach einem Bericht der Abbé Pierre Stiftung und des Europäischen Dachverbandes Wohnungslosenhilfe (FEANTSA) (2018) auf hunderttausend Menschen schätzen. Zu den Ländern mit der höchsten Anzahl von Wohnungslosen zählen in Europa nach den verfügbaren Daten Deutschland, Tschechien und die Niederlande. Wohnungslosigkeit bildet die extremste Form der gesellschaftlichen Exklusion. Allerdings gibt es bis heute keine international anerkannte Definition von Wohnungslosigkeit. Begrifflichkeiten wie „wohnungslos“, „obdachlos“, „ohne eigene mietrechtliche Wohnung“, „wohnsitzlos“ oder „auf der Straße lebend“ werden häufig synonym verwendet. Der Europäische Dachverband Wohnungslosenhilfe entwickelte eine Typologie (ETHOS), welche sich in Europa weitestgehend als Standard etabliert hat und die verschiedenen internationalen Formen von Wohnungslosigkeit berücksichtigt (FEANTSA, 2017). Dabei wird unterschieden zwischen: Obdachlos: Personen, die ohne festen Wohnsitz auf der Straße oder an öffentlichen Plätzen leben sowie in Notschlafstellen bzw. niederschwelligen Einrichtungen übernachten. Wohnungslos: Personen, die für einen begrenzten Zeitraum in Wohnungsloseneinrichtungen leben. Darunter zählen auch Frauen, die wegen häuslicher Gewalt kurz- bis mittelfristig eine Schutzeinrichtung beherbergen oder auch Menschen mit Migrationshintergrund, deren Aufenthaltsstatus noch nicht geklärt ist sowie Personen, die aus einer Dauereinrichtung (Klinik, Gefängnis, Psychiatrie) entlassen werden und über keinen festen Wohnsitz verfügen. Ungesichertes Wohnen: Personen, die bei Freunden oder Bekannten wohnen, von Zwangsräumung bedroht oder in ihrer Wohnung von Gewalt bedroht sind, sowie illegal eine Wohnung belegen. Unzureichendes Wohnen: Personen, die Wohnprovisorien (z. B. Abbruchhäusern, Wohnwagen, Garagen, Kellern), nicht geeignete oder überbelegte Wohnräume bewohnen. Auch in Deutschland gibt es keine rechtlich und fachlich anerkannte Definition von Wohnungslosigkeit. In Fachkreisen wird überwiegend die Definition der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W, 2011) als Orientierung verwenden, welche auf den Deutschen Städtetag (1987) zurückgeht und vom Forschungsverbund „Wohnungslosigkeit und Hilfen in Wohnungsnotfällen“ zwischen 2001 bis 2004 weiterentwickelt wurde (BAG W, 2005). Danach zählen folgende Personen als Wohnungsnotfälle: die nicht über eine eigene mietrechtlich abgesicherte Wohnung (oder Wohneigentum) verfügen und nicht institutionell untergebracht sind. die ohne jegliche Unterkunft leben. die sich in Behelfsunterkünften (wie Baracken, Wohnwagen, Gartenlauben etc.) befinden oder vorübergehend bei Freunden, Bekannten und Verwandten untergekommen sind sowie zeitweise auf eigene Kosten in einer gewerbsmäßigen Behelfsunterkunft leben (z. B. in Hotels oder Pensionen). die per Verfügung, Einweisung oder sonstiger Maßnahmen der Obdachlosenbehörde, der zuständigen Ordnungsbehörde oder über eine Kostenübernahme nach Sozialgesetzbuch in vorübergehende Behelfs- bzw. Notunterkünfte oder soziale Einrichtungen leben. die mangels einer verfügbaren Wohnung in psychosozialen Einrichtungen, dem Strafvollzug oder einer psychiatrischen Klinik länger als notwendig untergebracht sind. Bis heute liegen keine offiziellen Zahlen oder amtlichen Statistiken über die Anzahl von wohnungslosen Personen in Deutschland vor. Schätzungen der BAG W (2019) belief sich die Gesamtanzahl im Jahr 2018 auf 678 000 Menschen ohne Wohnung. Im Vergleich zum Vorjahr konnte ein Anstieg um 4,2 % ermittelt werden. Wohnungslos geflüchtete Menschen nehmen dabei einen Anteil von 402 000 ein. In den kommunalen und freigemeinnützigen Hilfesystemen sind ca. 140 000 Wohnungslose untergebracht. Etwa 41 000 Menschen leben ohne jede Unterkunft auf der Straße. In einer Zählung der Stadt Berlin, bei der ausschließlich Personen einbezogen wurden, die zum Zeitpunkt der Erhebung auf der Straße lebten oder Angebote der Kältehilfe beanspruchten, konnten insgesamt 1 976 Personen erfasst werden (SenIAS, 2020). Nach einer umfangreichen Studie zu den Ursachen für Wohnungslosigkeit in Deutschland, zählen Mietschulden oder unzureichende Mietzahlungsfähigkeit (85 %), mietwidriges Verhalten (2,4 %), Eigenbedarf des Eigentümers bzw. der Eigentümerin (1,5 %), Trennung von Partnerin oder Partner (2,2 %) sowie Auszug oder Rauswurf aus dem Elternhaus (1,1 %) zu den häufigsten Gründen für den Eintritt in die Wohnungslosigkeit (Busch-Geertsema et al., 2019). Die Formen und Arten von Wohnungslosigkeit haben sich in Europa in den letzten Jahrhunderten extrem gewandelt (vgl. Timms, 1996). Allerdings zählen wohnungslose Menschen auch zu einer Personengruppe, welche schon immer Stigmatisierungs-, Kriminalisierungs-, Marginalisierungs- sowie gesellschaftlichen Sanktionierungs- und Disziplinierungsprozessen ausgesetzt ist (Foucault, 1975; [1974-1975]). Wie in vielen anderen Ländern sind Wohnungslose auch in der deutschen Gesellschaft eine vernachlässigte, stigmatisierte und marginalisierte Randgruppe. Einer Umfrage aus dem Jahr 2012 zufolge stimmen 35 bis 38 % der deutschen Bevölkerung Aussagen wie „Die Obdachlosen in unseren Städten sind unangenehm“, „Die meisten Obdachlosen sind arbeitsscheu“ oder „Bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden“ eher oder sogar voll und ganz zu (Küper, 2012). Im Vergleich zu anderen Formen gruppenbezogener Feindlichkeit (z. B. Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit oder Sexismus)...