Boyle Good Home
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-446-25934-8
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stories
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-446-25934-8
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
T. Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, ist der Autor von zahlreichen Romanen und Erzählungen, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Bis 2012 lehrte er Creative Writing an der University of Southern California in Los Angeles. Bei Hanser erschienen zuletzt »Das wilde Kind« (Erzählung, 2010), »Wenn das Schlachten vorbei ist« (Roman, 2012), »San Miguel« (Roman, 2013), die Neuübersetzung von »Wassermusik« (Roman, 2014), »Hart auf hart« (Roman, 2015), die Neuübersetzung von »Grün ist die Hoffnung« (Roman, 2016), »Die Terranauten« (Roman, 2017), »Good Home« (Stories, 2018), »Das Licht« (Roman, 2019), »Sind wir nicht Menschen« (Stories, 2020), »Sprich mit mir« (Roman, 2021) sowie »Blue Skies« (Roman, 2023).
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Balto
Es gab zwei Arten von Wahrheiten: gute und schmerzhafte. Das war es, was der Anwalt ihres Vaters ihr sagte, und sie hörte ihm zu, sie tat ihr Bestes – auf ihrem Gesicht eine schmale, glänzende Sichel aus Sonnenlicht, reflektiert von der gelben Küchenwand –, aber es war schwer. Schwer, weil es ein Werktag war, weil die Schule vorbei und dies der freie Teil des Tages war, ihre Gelegenheit, im 7-Eleven herumzuschlendern oder mit ihren Freundinnen zu chatten, bevor Hausaufgaben und Abendessen den Tag beschlossen. Schwer auch, weil ihr Vater dabei war. Er saß auf einem Hocker an der Küchentheke und nippte an einem Becher, in dem kein Kaffee, eindeutig kein Kaffee war. Im sanften Widerschein des Sonnenlichts sah sein Gesicht weich aus, die Falten in den Augenwinkeln waren beinahe verschwunden, die Krähenfüße – wie sie dieses Wort liebte: als hätten die schuppigen Klauen des Vogels sich dort festgekrallt, wie etwas aus einer Horrorgeschichte von Edgar Allan Poe, der Rabe Nimmermehr. Aber war ein Rabe nicht etwas anderes als eine Krähe, und wieso hießen diese Falten dann nicht Rabenfüße? Oder Adlerfüße? Es gab ja Menschen, die eine Adlernase hatten – sie kamen andauernd in Geschichten vor –, und trotzdem sprach man von Krähenfüßen, das war doch irgendwie unsinnig.
»Angelle«, sagte der Anwalt – Mr Apodaca –, und der Klang ihres Namens holte sie in die Gegenwart zurück, »hörst du mir zu?«
Sie nickte. Und weil das nicht zu reichen schien, sagte sie auch etwas. »Ja«, sagte sie, doch ihre Stimme klang seltsam in ihren Ohren, als spräche jemand anders für sie.
»Gut«, sagte er, »gut«, und beugte sich über den Tisch, sodass der Blick seiner großen, feuchten Hundeaugen etwas Bedrohliches bekam. »Das hier ist nämlich sehr wichtig, das brauche ich ja wohl nicht zu betonen.«
Er wartete auf ihr Nicken, bevor er fortfuhr.
»Es gibt zwei Arten von Wahrheiten«, sagte er, »so wie es zwei Arten von Lügen gibt. Es gibt schlimme Lügen, die auf Täuschung und Betrug abzielen, das weiß jeder, und dann gibt es die Notlügen, kleine Schwindeleien, die keinem wirklich wehtun« – er stieß langsam die Luft aus, als stiege er gerade in eine warme Badewanne – »und vielleicht sogar etwas Gutes bewirken. Verstehst du, was ich meine?«
Sie saß ganz still. Natürlich verstand sie ihn. Er behandelte sie wie eine Neunjährige, wie ihre kleine Schwester, und dabei war sie zwölf, beinahe dreizehn, und dass sie sich nicht rührte, dass sie nicht antwortete, nicht nickte, ja nicht einmal blinzelte, war ein Akt der Rebellion.
»Wie zum Beispiel in diesem Fall«, fuhr er fort, »im Fall deines Vaters, meine ich. Du kennst das aus dem Fernsehen, aus Filmen. Der Richter will von dir die Wahrheit hören, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, und du musst es schwören wie alle anderen – wie dein Vater, wie ich, wie jeder, der vor Gericht aussagt.« Auch er hatte einen Becher. Seiner stammte, wie sie sah, aus der Collegezeit ihrer Mutter – B.U. stand in großen roten Buchstaben darauf, Boston University –, aber es war Kaffee darin oder vielmehr bis eben darin gewesen. Jetzt schob er das Ding auf dem Tisch herum, als wäre es eine Schachfigur und er wüsste nicht, wohin damit. »Ich will nur, dass du daran denkst – und auch dein Vater will das, oder nein, es ist von sehr großer Bedeutung für ihn, dass du es nicht vergisst –, es gibt gute und schlechte Wahrheiten, das ist alles. Und das Gedächtnis ist nur bis zu einem gewissen Grad zuverlässig. Ich meine, wer kann schon sagen, was wirklich passiert ist – schließlich hat doch jeder seine eigene Version: die Joggerin, der Junge auf dem Fahrrad … Und es könnte sein, dass der Staatsanwalt dich fragen wird, was an jenem Tag passiert ist. Nur er und ich werden dir Fragen stellen, du kannst also ganz unbesorgt sein.«
Aber sie war besorgt, schon weil Mr Apodaca da war mit seinem perfekt sitzenden Anzug und der perfekt gebundenen Krawatte und dem Hundeblick, und außerdem, weil man ihrem Vater am Straßenrand Handschellen angelegt, ihn ins Gefängnis geworfen und den Wagen beschlagnahmt hatte, was bedeutete, dass ihn keiner benutzen konnte, weder ihr Vater noch ihre Mutter, wenn sie aus Frankreich zurückkehrte, weder Dolores, das Hausmädchen, noch Allie, das Au-pair-Mädchen. Das alles wusste sie, aber da war noch etwas anderes, etwas, das mit dem Gesichtsausdruck ihres Vaters und dem zuckersüßen Ton des Anwalts zu tun hatte und bewirkte, dass sie sich verhärtete: Sie sprachen von oben herab. Als wäre sie so dumm wie ihre kleine Schwester. Aber das war sie nicht. Das war sie nicht.
An jenem Tag, dem Tag des Vorfalls – oder Unfalls, er würde es von nun an als Unfall bezeichnen müssen –, hatte er sich mit Marcy zum Mittagessen in einem Restaurant am Yachthafen verabredet, wo man draußen sitzen und zusehen konnte, wie die Sonne die Masten der leise schaukelnden Boote beschien und das Licht gebrochen wurde, sich wieder bündelte und abermals gebrochen wurde. Es war einer seiner liebsten Orte in dieser Stadt – einer seiner liebsten Orte überhaupt. Ganz gleich, wie überarbeitet er sich fühlte, wie schwer das Leben war, wie überproportionale Dimensionen jede Aufgabe, jeder Termin annahm, sodass auch zwanzig Leute, ein Team, eine Armee nicht damit fertiggeworden wären – an diesem Tisch am Ende der Terrasse zu sitzen, mit Blick auf den Dschungel aus Masten, die ausgebleichten Holzstege, den funkelnden Halbkreis des Hafens und die Hügel, die ihn umrahmten, hatte immer eine beruhigende Wirkung auf ihn. Das und der gerade eben nicht zu kühle offene Chardonnay aus der Gegend. Er war beim zweiten Glas, als Marcy die Treppe herunterkam, wobei sie die Hüften schwenkte wie ein Model auf dem Laufsteg, und über die lange Terrasse auf ihn zuschritt. Sie schenkte ihm ihr unkompliziertes Lächeln, ein Lächeln, das auch ihre Augen funkeln ließ und alles einschloss – den Tag, das Lokal, die Sonne und die Brise und den blankgescheuerten Geruch des Ozeans und mittendrin ihn –, und dann beugte sie sich zu ihm und küsste ihn, bevor sie sich auf den Stuhl neben ihm sinken ließ. »Sieht gut aus«, sagte sie und meinte den Wein, der wie getriebenes Gold in dem Glas vor ihm stand. Er winkte dem Kellner.
Und worüber sprachen sie? Belanglosigkeiten. Ihre Arbeit, ein Paar Schuhe, das sie gekauft, zurückgebracht und dann doch wieder gekauft hatte, den Film, den sie zwei Abende zuvor gesehen hatten – das letzte Mal, dass sie zusammen gewesen waren –, und sie sagte, sie könne noch immer nicht glauben, dass ihm das Ende gefallen habe. »Und zwar nicht, weil es kitschig war«, sagte sie – und da wurde ihr Wein serviert, und sollten sie nicht vielleicht gleich eine Flasche nehmen, ja, klar, eine Flasche, warum nicht? –, »und es war ziemlich kitschig, sondern weil ich es total unglaubwürdig fand.«
»Was fandest du unglaubwürdig – dass ihr Mann sie zurückgenommen hat?«
»Nein«, sagte sie. »Oder ja. Es ist jedenfalls idiotisch. Aber was soll man von einem französischen Film schon erwarten? Da sieht man immer diese geschmeidigen Rasseweiber in den Dreißigern –«
»Oder Vierzigern.«
»– mit tollen Beinen und einem Make-up wie, ich weiß nicht, bei einem Kiss-Revival, und obwohl sie mit dem wunderbarsten Mann der Welt verheiratet sind, fühlen sie sich unerfüllt und lassen sich, angefangen beim Metzger, vom ganzen Dorf flachlegen.«
»Juliette Binoche«, sagte er. Er spürte den Wein. Er fühlte sich gut.
»Ja, genau. Sie war’s zwar nicht, aber sie hätte es sein können. Sein sollen. In den letzten, sagen wir, zwanzig Jahren hat sie in allen französischen Filmen außer dem hier mitgespielt.« Sie stellte ihr Glas ab und stieß ein kurzes, melodisches Lachen aus, das wie das Lied eines Vogels klang, ein Lachen, das ihn verzauberte, und er dachte jetzt nicht mehr an die Arbeit, weder an die Arbeit noch an irgendetwas anderes, und da wurden der Kühler und die Flasche gebracht, der Wein so kalt wie der Keller, aus dem er stammte. »Und am Ende kommt das ganze Dorf und jubelt ihr zu, weil sie ihren romantischen Idealen treu geblieben ist – auch ihr Mann, Herrgott.«
Nichts konnte ihn aufregen. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Er war verliebt, die Pelikane glitten über den Bauch der Bucht, und Marcys Augen waren lüstern und schön und zufrieden mit sich selbst, aber trotzdem musste er hier mal kurz auf die Bremse treten. »Martine ist nicht so«, sagte er. »Und ich auch nicht.«
Sie sah über die Schulter, bevor sie eine Zigarette hervorkramte – immerhin waren sie in Kalifornien –, und als sie sich vorbeugte, um sie anzuzünden, fielen ihr die Haare ins Gesicht. Lächelnd richtete sie sich auf, der Rauch wurde von ihren Lippen gerissen und verweht, kaum dass sie ihn ausgeblasen hatte. Diskussion erledigt.
Marcy war achtundzwanzig und hatte in Berkeley studiert. Sie und ihre Schwester hatten in einer Nebenstraße der Innenstadt ein Geschäft für Künstlerbedarf eröffnet. Sie hatte ihren Abschluss in zwei Fächern gemacht: Kunst und Film. Sie fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sie war Asiatin. Oder vielmehr Chinesin, wie sie ihn korrigierte. Jedenfalls chinesischer Abstammung. Ihre Familie, hatte sie ihm bei ihrem ersten Rendezvous mit so viel Ironie in der Stimme erzählt, dass das Thema gleich wieder erledigt gewesen war, ging auf den ehrenwerten Urgroßvater zurück, der als blinder Passagier im klischeehaften Mehlfass im Laderaum des klischeehaften Frachtschiffs über den Pazifik gekommen war. Sie war in einem aus dem Boden gestampften Vorort von Syracuse...