E-Book, Deutsch, Band 2, 176 Seiten
Reihe: Liesl von der Post
Brée Klapperstorch
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8000-9924-5
Verlag: Carl Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 176 Seiten
Reihe: Liesl von der Post
ISBN: 978-3-8000-9924-5
Verlag: Carl Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Uli Brée ist Autor zahlreicher Fernseherfolge wie »Biester«, »Vorstadtweiber« und »Vier Frauen und ein Todesfall« (gemeinsam mit Rupert Henning). Er entwickelte die Figur der Bibi Fellner für den Wiener »Tatort«. Für seinen letzten Roman wurde ihm der Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur verliehen. Mit »Die Liesl von der Post« lässt er seiner Liebe zu lustigen und schrägen Frauenfiguren freien Lauf.
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Kuckucksbaby
Drei Monate nach Adam Möschls 65. Geburtstag, zwei Tage nach der Episode mit dem Storch und fünf Tage vor seinem Tod fährt Liesl in ihrem Postauto nichtsahnend die Straße oberhalb der Schottergrube entlang. Sie hat das Fenster runtergekurbelt, den Arm lässig rausgelehnt, das Radio laut aufgedreht und singen tut sie auch noch lautstark, als würde sie sich gerade beim Musi-Paradies bewerben.
Mit dir gibt’s koa Sünd’
und auch kein Bereu’n,
soll’n doch die andern einander verzeih’n.
Wir wollen leben, kräftig und wüd.
Mir wohnan in einem Luftschloss
solange es geht,
mir wohnan in einem Luftschloss,
bis die Liebe verweht.
Eigentlich ist sie am Weg zum Brenner Rudi. Ja, auch unfreundliche Menschen bekommen Post. Manchmal kann man sich das nicht aussuchen. Aber man kann sich zumindest über eine Ausrede freuen und sie dankend und erfreut annehmen. Dabei hat der Rudi schon auch ein Herz, nur nicht für Menschen. Seine Viecher nennt er zum Beispiel alle beim Namen. Das weiß sicher niemand. Aber einmal ist die Liesl auf seinen Hof gefahren und hat eine Unterschrift gebraucht. Ein Schreiben vom Gericht, weil er wieder wen verklagt hat. Aber er war nirgends zu finden. Und dann hat sie ihn hinten im Stall entdeckt, wie er liebevoll eine trächtige Kuh gestreichelt und ihr gut zugeredet hat. Da war er richtig zärtlich und liebevoll. Ins Ohr geflüstert hat er der Bridget. Warum er das Vieh Bridget Jones genannt hat, davon hat Liesl auch keine Ahnung. Vielleicht ist der Brenner Rudi ja ein heimlicher Fan von Renée Zellweger. Jedenfalls ist die Liesl dann ganz leise wieder aus dem Stall geschlichen, damit sich der Rudi keine Blöße geben muss. Seitdem sieht sie den Brenner mit anderen Augen. Das hat schon seinen Grund, warum er die Menschen weniger mag als die Viecher.
Aus dem Augenwinkel sieht sie, dass der verrostete alte Schranken zur oberen Schottergrube offen steht und auf dem kleinen Plateau ein altes Wohnmobil parkt. „Privatgrundstück – Betreten und Befahren verboten“. Das von Schrotkugeln durchlöcherte Blechschild ist eigentlich nicht zu übersehen. Liesl legt eine Vollbremsung hin. Nicht, weil sie den Sheriff raushängen lassen und irgendwelche verirrten Touristen z’sammscheißen will, so was liegt ihr nicht. Nein, es ist, weil sie vor dem Wohnmobil einen mickrigen Klapptisch stehen sieht und in dem Klappstuhl daneben hockt der einstmals so stolze Adam Möschl und schaut drein wie drei Häufchen Elend auf einmal. Sie haut den Rückwärtsgang rein, noch bevor die Fuhre überhaupt zum Stehen gekommen ist, was ihre alte Postkutsche mit einem markerschütternden Geräusch quittiert. Liesl setzt rasant zurück. Wer, so wie sie, gefühlte 200-mal am Tag wo rein und wieder raus fährt, weiß was er tut. Sie biegt in den Schotterweg ein, wirbelt einen Haufen Steine auf, passiert den Schranken und bleibt mit einem kraftvollen Bremser direkt vor dem alten Wohnmobil stehen. Adam blickt auf und grinst. Gerade in dem Moment wollte er sich einen Rotwein nachschenken.
„Die Liesl von der Post!“
„Der Adam vom Musi-Paradies!“ Liesl lächelt gelassen aus ihrem Auto raus. „Das ist aber eine Überraschung.“ Auf diesem Parkett fühlt sie sich sichtlich wohler als seinerzeit in Adams Reich. Auf der Straße ist sie die Chefin.
„Nix Paradies. Außig’worfen hat sie mich, die Schlange. Naja, ich kann’s ihr nicht verdenken.“
„Wegen dem Storch?“
Adam stöhnt kurz auf und nimmt einen kräftigen Schluck vom Rotwein. Das ist wohl Antwort genug.
„Wenn es Ihnen ein Trost ist: Robert De Niro ist mit 79 noch mal Vater geworden, Al Pacino mit 83.“
„Ich weiß eh. Aber da gibt’s einen kleinen Unterschied.“
„Der wäre?“
„Die haben alle ihre eigenen – wenn auch sehr jungen – Frauen geschwängert und nicht so wie ich ... irgendwen!“
Liesl versteht nicht, was er meint: „Irgendwen?“ Er muss doch wissen, wen er geschwängert hat. Oder waren es gleich so viele?
Adam druckst herum. „Ich hab keinen blassen Schimmer, wer jetzt wieder schwanger ist.“
„Wieso wieder? Das ist nicht der erste Storch in Ihrem Garten?“
Adam schüttelt den Kopf, als würde er sein gesamtes bisheriges Leben bedauern. „Aber diesmal, ich schwör’s dir, ich hab keine Ahnung.“ Zur Bekräftigung seiner Worte nimmt er gleich noch einen Schluck vom guten Rotwein.
„Waren es so viele?“
Adam ringt mit sich und der Wahrheit, dann blickt er Liesl aus dem Augenwinkel an: „Wie still ist die Liesl von der Post?“
„Ganz still!“, antwortet sie und schnappt sich den zweiten Klappstuhl.
Adam seufzt, als würde er bei Pfarrer Rahul die Beichte ablegen. „Ich war das nicht! Ohne die blauen Pillen läuft bei mir gar nix mehr. Und die hab ich alle weggeschmissen. Auf Anraten deiner Freundin, der Frau Doktor. Wegen meinem Herz.“
„Aha. Und was sollte dann das ganze Brimborium vor drei Monaten bei Ihrem Geburtstag?“
Er blickt sie mit blutunterlaufenen Augen an. „Wenn du dein ganzes Leben lang ein Weiberer warst und dann auf einmal die Hos’n tot ist wie ein Pharao in einer Pyramide, da brauchst schon ein gesundes Ego, um drüberzustehen, das kannst mir glauben.“
„Dann lässt man die Welt lieber glauben, dass man es noch immer kann ...“
„Den Triumph gönn ich der Linde nicht. Nicht einmal jetzt.“
„Obwohl Sie genau wissen, dass Sie das gar nicht gewesen sein können!“
„Vorher verreck ich lieber in der scheiß Kist’n da, bevor ich das zugeb. Außerdem wollte ich eh nie in die Algarve. Soll die blöde Kuh ruhig glauben, dass der alte Stier es noch kann. Tut mir leid, wenn ich mich danebenbenommen hab.“
In Liesl erwacht der detektivische Instinkt: „Vielleicht wollte sich ja wer an Ihnen rächen.“
Adam blickt auf. Daran hat er noch gar nicht gedacht.
„Wenn Sie wollen, könnte ich mich ja mal ein bissel umhören.“
„Das würdest du tun?“
„Ja. Ich könnte mich schon dazu überwinden. Haben Sie Feinde?“
Adam lacht laut auf. Unter Mühen quält er sich aus dem klapprigen Campingstuhl, verschwindet im Wohnmobil und murmelt dabei vor sich hin: „Glaub mir, gegen die Schlagerbranche ist die Politik ein Zuckerlgeschäft.“
Liesl macht ein paar Schritte und blickt über die Kante in die Schottergrube. Da geht es schon ein paar Meter runter. Adam kommt mit einem zweiten Glas und einer vollen Flasche Rotwein in der Hand zurück und gesellt sich zu ihr. „Haben Sie da keine Angst mit der alten Kist’n, so nah am Abgrund?“
„Da kann nix passieren, ich hab Keile unter die Radln gesteckt.“ Der Alte deutet auf die Vorderräder.
„Hat so ein Haus wie Ihres keine Alarmanlage?“
„Schon, aber die geht ja nur los, wenn wer einbricht.“
„Und was ist mit Kameras?“
„Die gibt’s schon. Aber ich glaub, die Daten werden maximal 72 Stunden gespeichert. Dann löscht sich das Klumpert automatisch.“
Liesl blickt auf ihre Uhr. „Und wie kommen wir da ran?“
„Die Linde hat eine App auf ihrem Handy. Ich kümmere mich nie um sowas. Daheim ist sie die Chefin.“
Liesl seufzt. Keine leichte Aufgabe. Adam schenkt Liesl was vom Rotwein ein und reicht ihr das Glas. Liesl lehnt dankend ab: „Ich bin im Dienst.“
„Bei der Post saufen doch alle.“
„Die Post ist mir wurscht. Ich bin im Dienst der Gerechtigkeit und da heißt es, einen klaren Verstand zu bewahren.“
„Das ist natürlich ein Argument“, grinst Adam und leert Liesls Glas in einem Zug.
Die beiden ahnen nicht, dass sie aus dem Wald gegenüber durch ein Fernglas beobachtet werden. Die Jägerwirtin heißt nämlich nicht nur so, sie ist auch eine Jägerin. Eine teuflisch gute noch dazu.
Clear pregnant
Und wieder fährt sie die Allee mit den zu kurz geratenen Bäumen hinauf. Und wieder fährt sie durch das Tor. Wieder zieht sie ihre Spur durch den frisch geharkten Kies, wieder läuft sie die halbherzige Feinbetontreppe hinauf und wieder zieht sie an der Glocke und hört „Schatzl …“. Und wieder öffnet niemand die wetterfeste Plastiktüre.
Im Garten liegt der Holzstorch am Boden. Als wäre er tot. Als hätte ihn ein Jäger geschossen. Das arme unschuldige Viecherl, denkt sich Liesl. Eine Sekunde später fühlt sie sich genauso. Da steht nämlich die Linde auf der Terrasse und mault sie an, als hätte sie nur auf die Liesl gewartet. Ein Wunder, dass sie keine Schrotflinte im Arm hält.
„Dass du dich noch da hertraust, Liesl von der Post. Ich muss zugeben, ich hab ein bissel gebraucht. Aber dann war mir alles klar. Auf einmal hat alles zusammengepasst. Ich hab dich gesehen, du Luder, in der Praxis deiner Freundin. Ihr steckt alle unter einer Decke!“
Einen Moment lang fragt sich Liesl, wovon die Linde redet, aber dann fällt es ihr wieder ein. Es gab da was. Ein paar Tage vor der tragischen Begegnung mit dem Storch und dem Adam und den vielen Glückwunschkarten.
Die Linde ist im Wartezimmer gesessen, wie die Liesl die Praxis betreten und der Barbara die Post gebracht hat. Die Sylvia, Barbaras Sprechstundenhilfe, ist hinter der Theke gesessen.
„Trari, trara, die Post ist da“, hat sie gesagt. Das sagt sie gern und oft. Auf dem Rücken von ihrem Hoodie steht’s auch drauf. Und weil sie gerade da war, hat sie sich gedacht, dass sie die...