E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Burckhardt Score
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15640-4
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-641-15640-4
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In einer nicht allzu fernen Zukunft: Regierungen sind abgeschafft, Geld, Gewalt, Krankheiten, Umweltverschmutzung, Ungerechtigkeit ebenso. Nollet heißt das Unternehmen, das Glück für alle garantiert. Aber noch gibt es die „Zone“, wo ein erbarmungsloser Überlebenskampf tobt. Zwischen Utopie und Dystopie entwirft Martin Burckhardt mit dieser fundierten „Social Fantasy“ eine Gesellschaft, die uns viel näher ist, als wir denken.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
§ 2. Ziel allen Lebens ist die Glückseligkeit. Insofern ist das Streben nach Glück die Pflicht jedes Einzelnen. Es ist die einzige Pflicht, der die Bewohner des ECO-Systems unterliegen. Die Wege, auf denen sich das Glück finden lässt, liegen nicht von vorneherein fest. Fest steht nur, dass das Glück eine Sache der Gemeinschaft ist. Aus diesem Streben erwächst der Wunsch nach persönlicher Vervollkommnung, der Wunsch, sich vor anderen auszuzeichnen, all die nützlichen Dinge, die frühere Gesellschaften nur unter Einsatz von Zwangsmitteln oder Geldanreizen haben bewerkstelligen können. Der Score ist der Träger des Wertes, aber zugleich Ausdruck der sozialen Wertschätzung. Folglich geht das Streben nach Glück einher mit der Sorge um den eigenen Score. Vernachlässigt ein Mensch diese seine Bestimmung, begeht er ein Verbrechen an sich selbst und der Gemeinschaft.
Als er hinaustrat, empfing ihn gleißender Sonnenschein. In der Frühe, als er in die Firma gefahren war, hatte es geregnet. Jetzt war der Asphalt so heiß, dass er zu flimmern schien. Normalerweise ließ sich Damian, wenn er die Firma verließ, gleich zu seinem Apartment kutschieren. Jetzt, da man ihm einen Zwangsurlaub auferlegt hatte, fand er es angemessen, ein paar Schritte zu gehen. Vielleicht lag es daran, dass er sich als Statistiker ohnehin mehr in der Welt der Zahlen aufgehoben fühlte, auf jeden Fall fühlte sich der Gang in die Außenwelt noch immer fremdartig an. Das lag nicht unbedingt an der Stadt. Nachdem Nollet, wie Google, Facebook und andere Internetfirmen, Opfer von Bürgerprotesten im Silicon Valley geworden war, hatte man die Zentrale nach Berlin verlegt. Dort hatte man sich mit dem Berliner Senat über den Kauf des Tempelhofer Flugfeldes einigen können. Der Londoner Architekt Usman Haque hatte hier ein Gebäude errichtet, das wie ein riesenhaftes Ufo aussah, das nur zufällig auf diesem Flugfeld gelandet war. Damian, der nie zuvor in Deutschland gewesen war, hatte sich von Anbeginn in diesen Anblick verliebt. Als er sich ein Büro hatte aussuchen dürfen, hatte er eines gewählt, von wo er auf das alte Terminal sehen konnte: ein steinernes Halbrund, das wie eine Art Bugwelle vor dem landenden Raumschiff wirkte.
Wie immer war der Firmensitz von Neugierigen umgeben. Neben Touristen, die wegen des monumentalen Bauwerks, der Ikone des ECO-Systems, gekommen waren, waren es Fans, die auf der Suche nach irgendeinem Hinweis, was im Innern des Raumschiffs ausgetüftelt wurde, in Scharen hierherpilgerten. Hätte sich Damian normalerweise umgezogen, so fiel er in seiner blütenweißen Nollet-Uniform schon von Weitem auf. Schon nach wenigen Schritten poppten auf seiner Datenbrille diverse Kontaktangebote auf, und das, obwohl er die üblichen Sexangebote geblockt hatte. Da die Anbieter bereits für ihre Offerte einen Obolus entrichten mussten, konnte er an den Bewegungen des Balkens das Steigen seines Scores verfolgen. Veranlasste diese Aussicht vor allem die jungen Entwickler dazu, des Öfteren ein Bad in der Menge zu nehmen, stellte sie überhaupt eine Motivation dar, bei Nollet arbeiten zu wollen. Selbst Carmen, die ansonsten alles dafür tat, um den Eindruck der Unnahbaren zu kultivieren, war, wie er gerüchteweise gehört hatte, von Zeit zu Zeit den Angeboten muskulöser Nollet-Aficionados erlegen.
Weil Damian das Aufsehen, das sein Erscheinen erregte, höchst unangenehm war, betrat er eines jener luxuriösen Etablissements, die vor allem von Lobbyisten genutzt wurden. Hatte die Gegend um das Tempelhofer Feld vor einigen Jahren noch eine kleinbürgerliche Prägung besessen, so hatte die Landung des Ufos eine tiefgreifende Veränderung des Stadtteils bewirkt. Überall waren Hotels und Prachtbauten entstanden, die der Ästhetik des extraterrestrischen Flugkörpers nacheiferten. Jetzt freilich hatte Damian keinen Blick für die Raffinesse der Architektur. In seinem Kopf stand, wie eine große, dunkle Wolke, nur ein einziges Warum. Warum hatte Castoriadis sich auf diese schreckliche Weise getötet? Hatte er irgendetwas übersehen? Lag es vielleicht daran, dass Castoriadis, in einer völligen Verkennung der Situation, das Inquisitionsgespräch als eine Disziplinarmaßnahme aufgefasst hatte? War sein Freitod also die Vorwegnahme einer Strafe, die niemals im Raum gestanden hatte?
Auf sonderbare Weise fühlte sich Damian von dem, was passiert war, selbst befleckt. Zudem ging ihm nach, dass er, als er seine Kollegen von der Social Design Planning Group entdeckt hatte, einfach das Weite gesucht hatte. Schon der Umstand, dass man ihn suspendiert hatte, rief ein ebenso tief sitzendes wie unbestimmtes Schuldgefühl in ihm wach. Negroponte, bei dem er wegen der Störungen seiner Amygdala in Behandlung war, hatte behauptet, dass sich in diesem Schuldgefühl die Überreste des vergangenen Zeitalters artikulierten, wie Damian überhaupt, mit seinem übertriebenen Pflichtgefühl und seiner Ernsthaftigkeit, ein altmodischer Charakter sei.
Wenn es so war, war es nur die halbe Wahrheit. Gewiss hatten seine Großeltern Sorge getragen, ihm eine, wie sie es nannten, ordentliche Erziehung zukommen zu lassen. Die Lebensumstände seiner Eltern hingegen waren unorthodox. Schon seine Mutter hatte dem Reichtum ihrer Eltern den Rücken gekehrt. Mit einem Künstler-Intellektuellen, den sie in der City of Dreams, einem Casino in Macao, kennengelernt hatte, hatte sie sich in Marrakesch niedergelassen, dieser Stadt, die Damian noch heute als märchenhaften Kindheitsort in Erinnerung hatte. Als Damian vier Jahre alt gewesen war, war seine Mutter an einem Hirnschlag gestorben. Danach hatte sich sein Vater, der eine schlecht bezahlte Stelle an der Cadi-Ayyad-Universität innehatte, um ihn gekümmert. Trotzdem hatten die Großeltern alles darangesetzt, den einzigen Enkel dem Einflussbereich seines, wie sie fanden, vollkommen verantwortungslosen Vaters zu entziehen. Letztlich war es zu einem Kompromiss gekommen: Als Gegenleistung für sein Einverständnis, den Sohn auf die St. Edwards Boarding School in Oxford zu bringen, hatten die Großeltern seinem Vater ein Besuchsrecht und eine finanzielle Unterstützung eingeräumt.
Was das Arbeitsethos anbelangte, hatte der großelterliche Einfluss Damian nachhaltig geprägt. Dass man, wie es die Masse im ECO-System tat, sich den Genüssen des Rollenspiels und damit einem durch und durch hedonistischen Lebensentwurf hingeben konnte, widerstrebte ihm zutiefst. Natürlich wusste er um die Paradoxie dieser Empfindung. Denn als Mitglied der Social Design Planning Group war er an der Gestaltung dieser Wirklichkeit maßgeblich beteiligt. Fast alle Gespräche drehten sich darum, wie sie das Spielerlebnis optimieren könnten. Mochte Damian auch unfähig sein, die Früchte der eigenen Arbeit genussvoll zu konsumieren, so zweifelte er nicht im Mindesten am Sinn dieser Aufgabe. Schon als er sich während seines Studiums in Chengs Sprach- und Interaktionstheorien versenkt hatte, war ihm klargeworden, dass sich die alte Welt überlebt hatte, hatte er im Zeitraffer verfolgen können, wie sie zusammenbrach. Mithilfe intelligenter Programme und einer kleinen Schar von Systemarchitekten ließ sich eine riesenhafte Maschinerie betreiben, die ehedem die Arbeit von Abertausenden, ja Millionen von Menschen eingefordert hätte. Nunmehr wurde nicht mehr bloß die Muskelkraft der Industriearbeiter durch Roboter ersetzt, auch akademische Qualifikationen fielen der Rationalisierung zum Opfer. Der Hass, der sich in den Bürgerkriegen von 2023 bis 2024 entlud, galt also nicht den Profiteuren der Krise allein, sondern war Symptom einer tiefen Entwürdigung, dem Gefühl, letztlich nutzlos und überflüssig zu sein. Erstaunlicherweise war die Maschine, die die Menschen überflüssig gemacht hatte, zugleich ihre Rettung. Denn der ungeheure Erfolg der neuen Währung war nur die Folge einer radikalen Digitalisierungsmaßnahme: der Ersetzung der Arbeit durch Spiel. Im Spiel löste sich ein, wovon die Politiker nur hatten träumen können: das bedingungslose Grundeinkommen, Zugang zu Bildung, eine freie, gerechte und solidarische Gesellschaft.
Hatte Cheng mit seiner Verschlüsselungstechnik die Grundlage für eine neuartige Weltwährung geschaffen, so hatte sein Weggefährte Khan mit seinem Nachkriegsspiel Amnesia eine neue Form der Unterhaltung entwickelt, bei der die Realität selbst zur Spielfläche geworden war. Im Schatten des Erfolgs, der alle Maßstäbe sprengte, wurde der Konzern nicht mehr als Garant des Scores und der Währungsstabilität betrachtet, sondern als Unterhaltungskonzern, der die Spieler mit immer neuen Thrills und Sensationen bespaßte.
Die Bedienung brachte den Eistee, um den Damian gebeten hatte. In den gewöhnlichen Restaurants hatten längst Service-Bots derlei Aufgaben übernommen, hier erklärten sich die astronomischen Preise vor allem dadurch, dass Bedienen zu einer kultischen Verrichtung geworden war. So wetteiferten die Kellner darum, den Kunden ihre Wünsche von den Augen abzulesen. Als er einmal mit Justine hier gewesen war, hatte sie ihm erzählt, das Aldebaran habe sich vor allem als Schule der Devotheit einen Ruf erworben. Wollte man in ein höheres SM-Level aufsteigen, galt es, hier eine zweiwöchige Ausbildung zu absolvieren. Neben zehn Stunden hingebungsvoller Gästebetreuung bestand die Herausforderung darin, dass die Aspiranten für die Dauer der Ausbildung jeder sexuellen Aktivität entsagen mussten. Die junge Frau, die ihm den Eistee servierte, schenkte ihm, als er sie musterte, ein dankbares Lächeln. Dann stöckelte sie hüftschwingend zu ihrem Tresen zurück. Auch dieser...