Calaferte Requiem für die Schuldlosen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-03734-548-1
Verlag: diaphanes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm
Reihe: Literatur
ISBN: 978-3-03734-548-1
Verlag: diaphanes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In der »Zone« aufwachsen, heißt abgebrüht sein von Geburt an. Die Zone, das ist ein Armenghetto im Lyon der dreißiger und vierziger Jahre, in dem die Vogelfreien leben. Im Mittelpunkt dieses Schmelztiegels polnischer, rumänischer, deutscher, italienischer, arabischer, jüdischer Einwanderer stehen die beiden Kneipen (die eine von Feld, die andere von Feltin) und Ledernachts Lumpenladen, in dem sich die ganze Siedlung mit Kleidern voller Wanzen eindeckt. Raufereien sind der beliebteste Zeitvertreib, unter Erwachsenen wie Kindern herrscht fröhliche Promiskuität, Kleinkriminalität ist Ehrensache, Mord und Totschlag geschehen eben, und allenthalben lauert der Wahnsinn. Doch alle träumen auf ihre Weise vom Ausbruch...
In seinem ersten, inzwischen klassischen Roman hat Louis Calaferte seinen Freunden und Gefährten ein trotziges Denkmal gesetzt: ein bei aller Drastik der geschilderten Umstände wehmütiger, ja zarter Abgesang auf die eigene Kindheit. Ein notwendiges Buch, in dem man sich verlieren und an dem man Anstoß nehmen kann; große Literatur von eigenwilliger Schönheit, packend von der ersten bis zur letzten Seite, ein fiebriger Text auf Augenhöhe mit Célines »Reise ans Ende der Nacht« oder Pasolinis »Ragazzi di vita«.
Empfohlen von Georges-Arthur Goldschmidt für die Finnegan's List 2012.
Louis Calaferte geboren 1928 in Turin, wuchs in einem Elendsviertel in der Vorstadt von Lyon auf und arbeitete ab dem Alter von 13 Jahren in einer Fabrik. Als schriftstellerischer Workaholic hinterließ ein äußerst umfangreiches Werk aus Romanen, Aufzeichnungen, Theaterstücken, Gedichten und Essays, die in weiten Teilen autobiographisch geprägt sind: nach eigener Aussage war er für fiktionale Literatur »zu ungeduldig«. Er starb 1994 in Dijon. Sein Buch (1963) gilt als der vielleicht eindrücklichste erotische Roman der französischen Nachkriegsliteratur, landete sofort auf dem Index und wurde erst zwanzig Jahre später wieder veröffentlicht. ist die erste deutsche Übersetzung eines seiner Bücher.
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II
Auf dem Schulhof, der Teer zerging unter der großen Sommerhitze, standen also Schborn, Chapuizat, Meunier, Grogeat, Debrer der Bucklige, der Sohn von Ledernacht, genauso jüdisch wie sein Vater, aber mutiger, Lubresco, ein Rumäne, der sich unter uns verirrt hatte: und dazu ich. Das war die Bande, Schborn als Anführer, ich gleich dahinter als sein Leutnant.
Schieler steckte die Papiere mit den Resultaten in die Tasche seiner Jacke. Er tat alles mit kleinen präzisen Handbewegungen. Der geringsten Handlung verlieh er eine feierliche Bedeutung. So war er. Man hatte Lust, ihn zu ohrfeigen.
Kaum war das Papier verstaut, wurde ich zum Abszess der Bande. Zum Dreckskerl, der im Lauf eines Jahres alle seine Kräfte aufgewendet hatte, um die Schule zu ehren. Ich war verloren. Ich ahnte es. Es wurde spürbar. Die Kumpel standen reglos und sahen mich an, wobei sie sich fragten, wie wohl die unweigerliche Rache ausfallen würde. Ich sah mich schon auf Befehl meines Kumpels Schborn zusammengetreten auf dem Boden liegen.
Ich hatte keine Angst. Es war mir schon mehrmals passiert, verprügelt zu werden, und damals war es für mich undenkbar, eine gute Schlägerei abzulehnen, mochte man auch für den Rest seiner Tage als Krüppel aus ihr hervorgehen. Das Gesetz der Stärke, das ein Naturgesetz ist, spannt die Muskeln derjenigen, die sich ihm unterwerfen. Ich war bereit.
Schieler, der unser Verhalten nur mit Mühe zu deuten vermochte, fasste Hoffnung, weil noch immer nichts passiert war, wo wir doch angesichts eines solchen Unglücks logischerweise schon längst hätten reagieren müssen. Er war hocherfreut, dass wir alle so verständnisvoll wirkten. Er dachte, er könne wirklich das Gewitter vermeiden und machte Anstalten zum Rückzug.
Mit seiner einzigartigen Stimme nagelte Schborn ihn fest. (Wenn er zu brüllen begann, dann klang es wie Donner und eine Lokomotive in voller Fahrt.)
»He, Alter!«
Schieler wusste, an wen man sich mit diesen Worten richtete. Er drehte sich um:
»Ja?«
Er hatte Angst, Er war geboren, um Angst zu haben, und man sah es ihm an. Er war weiß wie ein Ei. Schborn und mich fürchtete er persönlich.
»Zeig deinen Schrieb her!«
»Schborn, Sie übertreten die Grenzen der …«
»Zeig deinen Schrieb her!«
»Ich werde es Herrn Lobe, dem Direktor, melden …«
Unsere Wünsche und unsere Leidenschaften waren so heftig und so primitiv, dass wir uns, wurde ihre Erfüllung aufgeschoben, sofort aufbäumten. Schborn packte den Alten, der den Namen von Herrn Lobe in alle Winde rief, am Ärmel. Es war seine Angewohnheit, beim geringsten Schock zu verzweifeln und den Beistand eines Vorgesetzten herbeizurufen. Lobe kam in diesen Fällen selten. Er war im Augenblick nicht in der Schule. Mit flatternden Fingern nestelte Schieler das Papier aus seiner Tasche. Schborn riss es ihm aus der Hand, betrachtete es, betastete es, roch daran und verkündetet den anderen, dass es wahr sei. Ich hatte bestanden.
An diesem Juliabend zogen kleine rote Wolken und ein Wind wie aus einem Blasebalg über den Himmel. Die Kumpels drehten sich nach mir um. Ihre Blicke waren kalt und kriminell, und ich kannte diese Blicke. Sie warteten auf den Befehl des Anführers, um loszuspringen und Hackfleisch aus mir zu machen. Ich bückte mich und hob rasch zwei ganz schön große Steine auf. Einen in jeder Hand. Ich zeigte, dass ich nicht gewillt war, mir das gefallen zu lassen. Ich wusste im voraus, wie der Kampf ausgehen würde. Sie würden mich bewusstlos auf dem Pflaster liegen lassen, und heute Abend würde ein vergnügter Debrer meiner Mutter melden, dass ihr Sohn erfreulicherweise das Schulabschlusszeugnis erhalten hatte, ihm aber leider ein kleiner Unfall passiert sei. Bei der Vorstellung meines vergossenen Blutes lächelte Debrer und zeigte dabei seine verfaulenden Zahnstummel.
In diesem Moment kam Schborns Stolz dazwischen.
Aufrecht, stark und imponierend stand er unter dem Vordach des Schulhofs. Schieler hatte sich, wie er es immer tat, klugerweise bis an den äußersten Rand des Hofs zurückgezogen. Diejenigen, die nicht wirklich zur Bande gehörten, hatten einen Kreis gebildet und schlossen uns, die Jungs und mich, ein. Chapuizat, der auf dem Hals eines unterernährten Geflügels einen von Pockennarben gezierten Wasserkopf trug, hatte schon einen Schritt in meine Richtung getan. Man schickte sich an, in dieser menschlichen Arena meine Niederlage zu feiern. Ich würde der Verlierer sein und binnen weniger Sekunden meine Stellung als Schborns Leutnant einbüßen. Eine Stellung, in die Chapuizat, der seit langem von ihr träumte, sofort nachrücken würde. Aber den würde ich fertigmachen. Auch wenn ich mich dafür nur um ihn kümmern müsste. Er würde mit mir auf der Strecke bleiben. Schborn würde auch ihn nicht haben wollen. Das würde meine einzige Ruhmestat an diesem Tag bleiben. Einen mehr als wahrscheinlichen Nachfolger vernichten.
Doch plötzlich bahnte sich Schborn einen Weg durch die Gruppe und streckte mir die Hand entgegen. Durch diese un- erwartete Handlung demonstrierte er seinen Rang als Anführer. Die anderen waren verpflichtet, ihm zu gehorchen. Mit Schborn an meiner Seite waren wir unangreifbar. Er verschonte mich, um das vielleicht heikle Vergnügen zu genießen, eine Gruppe unter seine Willkür zu zwingen. Ich drückte ihm die Hand. Gemurmel wurde laut und verstummte rasch. Schborn platzte vor Stolz. Mit diesem Machtstreich hatte er seine Stellung gestärkt. Unbequeme Kerle im Schach zu halten, denen beim Gedanken an eine grandiose Prügelei bereits das Wasser im Mund zusammenlief, das war wirklich das Vorrecht eines Bandenführers. Er war als Einziger aus unserer Mitte dazu imstande. Das wusste er sehr wohl und er ließ es sich nicht nehmen.
Dennoch herrschte immer noch dicke Luft. Dass Schborn der Bande meine sterbliche Hülle vorenthielt, das mochte noch angehen, aber dass es zum Abschluss dieses Tages nichts Bemerkenswertes, nichts Schreckliches geben sollte, das war undenkbar. Nun wurde der blasse Debrer grün im Gesicht. Der Bucklige würde an meiner Stelle bezahlen. Er hatte den Riecher eines Halunken und witterte es; während Schborn mir patzig zu meinem Erfolg gratulierte und ich meinerseits auf dieses »total sinnlose Scheißzeugnis« spuckte, griff uns Debrer an und beschimpfte uns als große Dreckskerle. Das Gerangel begann. Es war ein schöner Faustkampf: Eine Linke, eine Rechte, und Debrer fiel unter dem Gewicht der anderen, die das Handgemenge ausnutzten, um einige Hiebe auszuteilen, hintüber auf seinen Buckel. Dabei verlor der arme Debrer wohl seine letzten Zahnstummel.
Ich hingegen machte mir nichts vor. Schborn und ich verstanden einander perfekt. Wir waren aus demselben Holz geschnitzt. Sein Stolz war gestillt, aber auf den Kampf verzichtete er nicht. Wir fassten uns beim Wickel. Kleider und Haut, Mann gegen Mann, aber nur wir allein, er und ich. Eine Abrechnung unter Anführern, mitten am Tag, bei aller Freundschaft, aus reinem Vergnügen und um deutlich zu zeigen, dass wir beide uns nichts vormachten.
Unterdessen wurde Debrer zusammengeschlagen. Es ging schnell. Er konnte sich nicht auf den Beinen halten. Nach kaum einer Minute hatten es die Jungs satt, seinen Schädel gegen eine der Zementsäulen des Vordachs zu schlagen. Es hallte nicht wirklich. Was wir mochten, das war der Widerstand, der verbissene Kampf, bei dem keiner die Oberhand über den anderen gewinnen konnte. Sich mit einem Debrer zu prügeln, das war zwangsläufig eine Sache von kurzer Dauer. Blutüberströmt, aber ohne Tränen stellt er sich zu den anderen, die rund um Schborn und mich standen und unseren Kampfeseifer bewunderten. Diese Duelle meiner Kindheit erscheinen mir heute wie eine wunderbare Neuauflage der Kraftproben der Antike. Sie besaßen die gleiche bestialische Humanität und Größe.
Schborn war eindeutig der Stärkere von uns beiden. Ich hingegen war schneller und nervöser, und meine Schläge waren vielleicht weniger kraftvoll, saßen aber besser. Ich war geschmeidiger, und trotz seines schraubstockartigen Griffs wand ich mich zwischen seinen Händen wie ein Aal im Todeskampf.
So wie es aussah, konnte unser Kampf Stunden dauern. Unsere körperliche Ausdauer war groß. Wir würden uns noch immer keilen, wenn Schieler nicht mit einem Wink angezeigt hätte, dass Lobe, der Direktor, die Straße runterkam. Schborn versetzte mir mit gestreckter Hand eine gewaltige Ohrfeige. Er erhielt meine Faust in den Unterleib und stöhnte auf, aber es reichte. Lobe war da.
Lobe war ein merkwürdiges, kleines, dürres Männchen. Im rechten Auge trug er ein Monokel. Ihm fehlte ein Arm, den er im Krieg gelassen hatte. Ein nervöser Tick verzerrte seine untere Gesichtshälfte im Sekundentakt. Seine einzige Hand, die rechte, zierte ein goldener Ring mit einem dreieckigen Stein. Bevor er seine Ohrfeigen austeilte, drehte er den Stein zur Handfläche. Die spitze Fassung bohrte sich weich in die speckige Wange. Naja, wenn man so sagen kann. Wir waren alle mager wie Dorfkatzen!
Wegen seines Rings und wegen seiner blitzartigen Fußtritte, die er im richtigen Moment austeilte, wurde Lobe von allen geachtet. Diese Besonderheiten machten ihn dennoch nicht zum Rohling. Ganz im Gegenteil. Ich habe noch viel zu sagen über ihn, der mich als erster begreifen ließ, dass die Intelligenz eine viel zuverlässigere Kraft ist als Schläge. Schborn und ich waren die...




