E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Carr Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8321-8946-4
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8946-4
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
J. L. CARR wurde 1912 in der Grafschaft Yorkshire geboren und starb 1994. Nachdem er jahrelang als Lehrer gearbeitet hatte, gründete er 1966 seinen eigenen Verlag Quince Tree Press und verfasste acht Romane. >Ein Monat auf dem Land< (DuMont 2016) war 1980 für den Booker-Preis nominiert. Bei DuMont erschienen außerdem >Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten< (2017), >Ein Tag im Sommer< (2018) und >Die Lehren des Schuldirektors George Harpole< (2019).
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NACH DEM GROSSEN KASSENSTURZ waren noch ungefähr tausend Pfund übrig, die für eine offizielle Chronik verwendet werden sollten. Eine hochrangige Persönlichkeit aus dem Spitzensport brachte unseren Vorsitzenden auf diese Idee. In seinem Brief schrieb der Betreffende: »Diese glorreiche Heldentat in der modernen Sportgeschichte sollte – und muss – für die Nachwelt bewahrt werden, und ich wäre stolz und es wäre mir eine Ehre, Sir, diesen Dienst Ihnen und Ihrer furchtlosen Truppe zu erweisen, sofern wir uns auf angemessene Bedingungen einigen können …« Und, fügte er hinzu, er würde dafür plädieren, dass MrFangfoss ein kurzes Vorwort verfasse, und auf der zweiten Seite könne man ein farbiges Porträt unseres Vorsitzenden mit seiner Unterschrift abdrucken.
Zweifelsohne war der Briefschreiber genau der Richtige für das Erstellen der Chronik. Seine Spielberichte in den hochkarätigen Sonntagszeitungen waren wirklich von fabelhafter Qualität. Selbst wenn die Werbe- und Vertriebsleiter ihre üblichen Fehden einmal ruhen ließen und gemeinsam beschlossen, ihn in Richtung Norden unters gemeine Volk zu schicken, damit er vor Kälte bibbernd irgendeiner trostlosen Vierte-Liga-Keilerei beiwohnte, wusste man, dass man hinterher ein Stück Literatur zu lesen bekäme. Seine Reportagen waren sogar gesammelt als Bücher erhältlich, man konnte sie sich in Bibliotheken ausleihen, und einige waren in Schullesebüchern enthalten. Daher war es umso verblüffender, dass unser Vorsitzender MrFangfoss, als er von ihm hörte, zugeben musste, noch nie etwas über ihn gehört zu haben.
»X?«, fragte er seine Vorstandskollegen. »X …, wer soll das sein? Nein, Sie machen das, MrGidner, Sie sind genau der Richtige für diesen Job. Schließlich verdienen Sie mit Schreiben Ihre Brötchen.«
»Aber nicht so wie er«, entgegnete ich. »Das, was ich mache, hat mit richtigem Schreiben nichts zu tun …«
Wenn es darum ging, bei Versammlungen das letzte Wort zu haben, war MrFangfoss unschlagbar: Er änderte einfach nur die Grammatik und wiederholte das bereits Gesagte, nur eben deutlich lauter.
»UNSER MRGIDNER IST DER RICHTIGE. ER VERDIENT MIT DEM SCHREIBEN SEINE BRÖTCHEN. WIR ALLE WISSEN DAS. Also, wer ist dafür? Ähm … alle, einstimmig! Sehr gut! Das hätten wir also. Es gibt fünfhundert sofort, die restlichen fünfhundert, wenn das Ding gedruckt ist. Und kein Geschwafel bitte. Halten Sie sich einfach an die ungeschminkte Wahrheit. Und wenn Sie nicht mehr genau wissen, was die Wahrheit war, fragen Sie mich. Gut, dann zum nächsten Punkt …«
Das hier ist noch nicht die offizielle Chronik. Es ist nur ein grober Entwurf. Die offizielle Chronik wird länger sein, jedes Detail wird minutiös geprüft werden, um sicherzustellen, dass wirklich nur die ungeschminkte Wahrheit gedruckt wird; Geschmacklosigkeiten werden getilgt werden, und der Text wird in stilistischer Hinsicht sowieso von ganz anderer Qualität sein. Deshalb wird sie auch mehr kosten.
Aber wenn Sie lediglich wissen wollen, was passiert ist, tut’s das hier bestimmt auch. Und was passiert ist, ist passiert, weil drei – nun, vielleicht auch vier – bemerkenswerte Männer zur selben Zeit am selben Ort waren. Einfach nur purer Zufall! Was bei genauerer Betrachtung fast immer der Grund ist, warum außergewöhnliche Dinge geschehen. Es läuft alles auf diese eine Sache hinaus: SIE WAREN DA.
Alles begann am Freitag, dem 14. März, dem letzten Spieltag der vorherigen Saison. In unserer Gegend die Zeit des Jahres, in der die Abflussrinnen auf den Zuckerrübenfeldern das letzte Winterregenwasser schlucken, woraufhin es weiter in die Gräben und von dort in die Kanäle fließt, sodass das Land wieder sicher über Meereshöhe steigt, die Zeit, in der klebrige Blüten in Konservengläsern gesammelt werden und, die verlässlichsten Vorboten des Frühlings überhaupt, Bewohner gemeindeeigener Sozialunterkünfte, die später im Jahr vom »Unser Dorf soll schöner werden«-Komitee wegen Vernachlässigung ihrer Vorgärten abgemahnt werden, vorsichtig ein paar Schritte vor die Tür machen und ein paar optimistische Spatenstiche wagen. Und die Dorfschule hatte kürzlich den Besuch eines Schulinspektors über sich ergehen lassen müssen. Kein formloses Nach-dem-Rechten-Schauen, sondern eine gründliche, kritische Prüfung sämtlicher Abläufe. Alex Slingsby erzählte mir davon.
Offenbar hatte der Spion, nachdem seine Mission erledigt war, seine schwarze Aktenmappe genommen, sich zum ersten Mal ein Lächeln abgerungen und auf halbem Weg zur Tür vorsichtig eingeräumt, dass es ihm eine Freude gewesen sei, Dr. Kossuths kleine Institution zu inspizieren, und man könne nur wünschen, dass es mehr Schulen dieser Art im Land gäbe – aber man möge ihn bitte nicht zitieren.
Nur eine letzte unbedeutende Kleinigkeit würde ihn noch interessieren: Wie dem Rektor das erstaunliche Wunder gelungen sei, ausnahmslos allen Kindern diese Kunst des Memorierens beizubringen, die er in der vergangenen Woche habe bestaunen können, zum Beispiel der Junge, der einhundert Zeilen aus der Ballade Wie Horatius die Brücke verteidigte rezitierte, oder das kleine Mädchen und dessen unglaublich genaue Beschreibung des Gemäldes Chaucer am Hof König Edwards III., das es bei einem Klassenausflug in die städtische Kunstgalerie von Birmingham gesehen hatte. »Ihre Beschreibung der Details der mittelalterlichen Kleidung … wirklich sehr bemerkenswert. Ich musste sie geradezu bitten, es gut sein zu lassen …! Was für eine Demonstration der Leistungsfähigkeit des menschlichen Gedächtnisses!«
Dr. Kossuth zeigte sich angesichts dieses Lobs allenfalls milde erfreut, war er als Ausländer doch noch nicht an das allgegenwärtige Desinteresse gegenüber der Erziehung der Jugend unseres Landes gewöhnt. Ohne zu zögern, legte er seine Theorien dar, auf deren Details ich nicht weiter eingehen möchte (unser Thema ist schließlich Fußball). Nur so viel: Laut Dr. Kossuth muss man Kindern lediglich beibringen, wie man richtig lernt und das Gelernte so lange im Gedächtnis behält, wie es von irgendeinem praktischen Nutzen ist. Daher verbrachte jedes Schulkind von Steeple Sinderby wöchentlich siebeneinhalb Stunden mit dem Trainieren der genauen Beobachtungsgabe, des Schnelllesens und der Merkfähigkeit, und die besonders hellen Köpfe bekamen noch eine schwierige Extraaufgabe – Geschwätz und Hintergrundgeräusche auszublenden, während sie konstruktives Denken und das optimale Ausnützen der Zeit übten.
»Mhm … Ah-h-h«, murmelte der staatliche Schulinspektor, zweifelsohne beunruhigt von dem Gedanken, dass er und seinesgleichen arbeitslos würden, sollte sich der letzte Teil dieser revolutionären Doktrin durchsetzen.
»Wie auch immer«, fuhr Dr. Kossuth fort, auch wenn es ihn freue, dass die Kunst des Memorierens die Neugier seines hohen Gastes geweckt habe, so eigneten sich die beiden von ihm angeführten Beispiele keineswegs als Praxistest für die Kossuth’sche Methode, weil a) Horatius eine überaus anschauliche Geschichte sei und b) das Mädchen das beschriebene Bild tatsächlich gesehen habe. »Wählen Sie irgendein anderes Kind aus«, drängte er ihn – »Irgendeines!« (Das Los fiel auf Bill Fangfoss.) »Unser junger Freund ist noch nie in seinem Leben Zug gefahren, weil der ehemalige Vorstandsvorsitzende der British Railways, Dr. Beeching, noch vor Bills Geburt sämtliche Bahnstrecken in unserer Grafschaft stilllegen hat lassen. Nun gut, nennen Sie irgendeine Eisenbahnlinie in Großbritannien, auch wenn sie nur noch auf alten Landkarten existiert, und Billy wird Ihnen in der richtigen Reihenfolge sämtliche Bahnhöfe und Haltestellen aufzählen, bis er an einem Hauptstrecken-Knotenpunkt angelangt ist; dann müssen Sie ihm sagen, ob er nach links oder rechts oder geradeaus weiterfahren soll.«
»Von Banbury nach Cheltenham«, sagte der Mann zu Billy.
»Banbury – King’s Sutton – Adderbury – Milton – Hook Norton – Great Rollright – Chipping Norton – Kingham (für Bledington und Church Icomb) – Stow on the Wold – Bourton on the Water …«
»Danke, das reicht«, sagte der Schulinspektor. »Du bist ein cleveres Kerlchen und wirst die Prüfung für eine weiterführende Schule bestimmt ohne Weiteres bestehen.«
Und so machte sich der arme Mann von dannen, während er über ebendiese Enthüllung grübelte, welch – um mit dem Dichter Thomas Gray zu sprechen – manchen Edelstein aus reinstem klarem Strahlen die unergründlichen Höhlen des dunklen Britanniens bargen; gewiss schüttelte er, kaum war er um die erste Ecke gebogen, voller Ehrfurcht angesichts dieser Begegnung mit einem wahrhaft großen Geist den Kopf.
Nicht, dass Sie jetzt denken, der Titel dieser Geschichte sei eine Falle oder falsche Fährte: Es geht um Fußball. Und ich habe diese Begebenheit nur erzählt, um aufzuzeigen, dass in unserem nicht gerade ruhmbedeckten Dorf dieser Mann von wirklich verblüffender Originalität wohnte, der bereit und gewillt war, die verkrusteten Strukturen unserer nationalen Institutionen aufzustemmen – sogar, wie Sie noch sehen werden, die...




