E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Dannemeyer Das Potenzial des Inneren Kindes nutzen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7495-0084-0
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dein Weg zu emotionaler Freiheit
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7495-0084-0
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dr. phil. Petra Dannemeyer und Ralf Dannemeyer (lic. rer. publ.) beschreiben sich selbst als 'Architekten der Veränderung'. Seit mehr als 20 Jahren begleiten sie Einzelpersonen und Organisationen durch Veränderungsprozesse. Er studierte Journalistik und arbeitete 16 Jahre lang als Wissenschaftsjournalist. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Pädagogik und leitete elf Jahre lang eine psychologische Familienberatungsstelle. Das Ehepaar lebt und arbeitet in Weimar und Ammoudia (Griechenland).
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologie / Allgemeines & Theorie Psychologie: Sachbuch, Ratgeber
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologie / Allgemeines & Theorie Psychologie: Allgemeines
- Sozialwissenschaften Psychologie Allgemeine Psychologie Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie
Weitere Infos & Material
1. Geburt und Vergessen
„Ein neugeborenes Baby ist wie der Anfang aller Dinge –
es ist Staunen, Hoffnung, Traum aller Möglichkeiten.“
– Eda J. LeShan*
1.1 Wir kommen emotional frei auf die Welt
Wie erlebt ein Fötus seine Geburt? Wir wissen es nicht, können es nicht wissen. Das Neugeborene kann es uns nicht mitteilen. Und wenn es ein paar Jahre später über die Fähigkeit verfügt, zu denken und die Gedanken in Worte zu fassen, kann es sich nicht mehr erinnern. Wenn wir so wenig über die Wahrheit sagen können, arbeiten wir gern mit der Theorie des Als-ob (Vaihinger, 2013). Das ist ein philosophischer Ansatz, bei dem etwas ganz und gar Unrealistisches für einen Moment als wahr unterstellt wird. Das Ziel sind Forschung und Erkenntnisgewinn. In diesem Buch wirst du häufiger die Wirkung der Theorie des Als-ob erleben. Tun wir einstweilen mal so, als ob das Neugeborene uns von seiner Geburt berichten könnte. Dann würde es vielleicht Folgendes sagen:
Das Baby: „So erlebe ich meine Geburt“
„Der Raum, der mich umgibt, ist dunkel und warm. Ich fühle mich schwerelos. Aus der Ferne kann ich Geräusche wahrnehmen, mal lauter und dann wieder leiser. Ich werde sanft geschaukelt. Manchmal spüre ich, wie etwas den Raum um mich berührt. Es fühlt sich sanft an. Alles ist vertraut und sicher, schon seit langer Zeit. Doch heute spüre ich einen Impuls. Ich weiß jetzt, dass die Zeit gekommen ist, diesen Raum zu verlassen. Der Weg führt in einen winzigen engen Tunnel. Ich werde es schaffen, ihn zu durchqueren.
Und jetzt spüre ich auch, dass ich Hilfe bekomme. Eine starke Anspannung, ein Pressen in dem Raum um mich, hilft mir, meine Reise zu beginnen. Ich komme ein Stück voran. Dann die zweite Anspannung, und wieder schiebe ich mich vorwärts. Die Geräusche außerhalb des Raumes werden lauter. Plötzlich wird es um mich herum heller und kühler. Und dann gibt der Tunnel mich frei. Ich bin orientierungslos, habe für einen kurzen Moment Todesangst, denn das Licht blendet mich und mir ist, als ob ich ersticke und vielleicht ins Bodenlose falle. Doch ich will leben!
Mit einem lauten Schrei befreie ich mich von meiner Angst. Plötzlich kann ich atmen. Ich spüre, wie ich getrennt werde von dem Wesen, in dessen Raum ich gelebt habe. In mir ist der tiefe Wunsch nach Wärme und Berührung. Und schon werde ich geschaukelt, fast so wie in dem Raum. Ich werde sicher gehalten und eingehüllt in weichen Stoff. Ich rieche das Wesen, welches mich mit einem Lächeln ansieht. Es riecht so ähnlich, wie es in dem Raum roch, in dem ich so lange gelebt habe. Und dann schmecke ich die Brust, die mich sofort nährt. Ich bin voller Glück und Liebe. Es ist einzigartig, auf dieser Welt zu sein.“
So oder ähnlich könnte ein Baby seine Geburt erleben, wenn es auf dieser Welt willkommen geheißen wird.
Genauer wissen wir es von den Müttern, denn sie können es uns erzählen:
Die Mutter: „So erlebe ich die Geburt meines Kindes“
„Meine Hände umschließen sanft die Wölbung meines Bauches. Es hat sich wieder bewegt. Mit sanfter Stimme spreche ich zu ihm. Seit Tagen warte ich darauf, dass die Reise beginnt. Jetzt scheint es so weit zu sein. In dem Zimmer, in dem ich mein Kind zur Welt bringen werde, umgeben mich helle Farben; ich sehe ein Wasserbecken, ein großes Bett und ein Windspiel, dessen Töne mich sanft einhüllen. Am Bett steht ein CTG – also ein Wehenschreiber. Er hat mir vor ein paar Minuten signalisiert, dass das Kleine seine Reise bereits begonnen hat.
Ich nehme einen tiefen Atemzug und rieche den angenehmen Duft frischer Kräuter. Meine Bauchdecke zieht sich unter den Kontraktionen der Wehen zusammen. Es ist ein Schmerz, der sich so anders anfühlt als all die psychischen und körperlichen Schmerzen, die ich in meinem Leben bisher kennengelernt habe. Der Schmerz verbindet sich mit dem Gefühl tiefer Liebe, tiefen Vertrauens in meine Kraft und großer Hoffnung. Ich weiß, dass ich das hier schaffen werde. Und indem ich das denke, kommen mir auch Zweifel.
Kann ich eine gute Mutter sein? Wird sich mein Kleines wohlfühlen? Werde ich es so lieben können, dass es glücklich wird? Und wird es mich lieben? Die nächste Schmerzwelle reißt die Zweifel mit sich fort. Ich konzentriere mich auf das, was jetzt geschieht. Und als hätte das Kind nur auf diesen Moment gewartet, befreit es sich aus der Enge und wird ans Licht gespült. Kurz ringt es nach Luft, dann erfüllt ein greller Schrei den Raum. Das Baby schließt die Augen, als wäre es vom Licht geblendet, und sein Kopf bewegt sich suchend hin und her. Die Hebamme trennt die Nabelschnur, die uns noch immer verbindet. Ein beglückender und zugleich schmerzhafter Prozess. Nicht, dass die Durchtrennung der Nabelschnur körperliche Schmerzen bereitet, nein: Es tut seelisch so sehr weh, dass ich weinen möchte. Denn jetzt ist die Einheit zwischen uns aufgehoben, wir sind zwei getrennte Wesen in einem gemeinsamen Leben. Doch im Moment mag ich die Trennung nicht akzeptieren. Sanft wiege ich das Kind in meinen Armen und spüre erneut die Verbundenheit zwischen uns. Bewundernd schaue ich auf mein Kind. Es ist, als wären wir eingehüllt in ein sanftes Leuchten.
Ich merke ihm die Anspannung der letzten Stunden nicht an. Ich spüre die Liebe, die von ihm ausgeht, das Vertrauen und die Authentizität. Es hat keine Angst, obwohl es doch gerade erst seinen seit Monaten vertrauten Raum verlassen hat. In der neuen Welt ist es lauter, heller, kühler, und mein Baby ist plötzlich auf sich allein gestellt. Die Nahrung, die es in meinem Körper einfach so bekommen hat, muss es sich jetzt selbst holen, es muss allein atmen und es könnte fallen, wenn ich es nicht halte. Doch das Kind vertraut der neuen Welt, von der auch ich ein Teil bin. Es ist eingeschlafen und seine Sanftheit rührt mich zu Tränen. Ich lasse es zu und weine – vor Glück.“
1.2 Das einzigartige Potenzial des Menschen
Wenn ein Kind auf die Welt kommt, trägt es Licht und Liebe in seine neue Umgebung. Sein einzigartiges Potenzial ist gewissermaßen sein Begrüßungsgeschenk. Ob und wie es sich entwickelt, wie intensiv das Licht in den folgenden Jahren im Leben des Menschen strahlt, ob die Liebe sich immer weiter entfalten darf oder verkümmert – das hängt von vielen Faktoren ab. Vor allem von der Qualität der Beziehungen zu den für das Kind wichtigsten Menschen.
Was können wir lernen, wenn wir Babys beobachten? Sie geben sich allem, was sie erleben, vollkommen hin. Vielleicht beobachtet das Kind ein Mobile, das über seinem Bettchen hängt. Oder es entdeckt, wie es an einem Greifling Glockentöne erzeugt. Oder wie es Stoffwürfel stapeln und den Stapel wieder umwerfen kann: All dies geschieht mit voller Hingabe. Es sieht, hört und fühlt dabei unendliche Welten – ein sich ständig wandelndes schöpferisches Szenario. Babys sind authentisch, unschuldig, arglos, kreativ und neugierig. Was sie tun, geschieht mit kindlicher Einfachheit – ursprünglich, klar, voller Hingabe.
Gleich nach der Geburt zeigt das Baby ein besonderes Interesse für seine wichtigsten Bezugspersonen, für die menschliche Stimme und das Gesicht. Vom ersten Tag an – und noch davor, also während der Schwangerschaft – entsteht eine Beziehung zwischen dem Kind und den Menschen um es herum. Wenige Wochen nach der Geburt beginnt das Kind, die Mama zu „spiegeln“: Öffnet sie den Mund, streckt die Zunge heraus oder spitzt die Lippen zu einem Kussmund – macht das Baby dasselbe. Oder es versucht, die Mama nachzuahmen, so lange, bis es gelingt. Und wenn diese die Bewegungen oder Töne des Babys nachahmt, strampelt das Kind und dankt mit einem wonnevollen Lachen. Was da zwischen dem Baby und seinen nächsten Bezugspersonen entsteht, lässt sich nur mit dem Zauber vergleichen, den frisch Verliebte erleben. Genau so funktioniert das Spiel des Verliebens und des Flirtens: Die Partner beobachten einander, erahnen und ertasten, was den anderen bewegt. Dann versuchen sie, Signale auszusenden, und beobachten genau, ob sie damit eine Reaktion des anderen hervorlocken können. Dieses Spiel der Liebe, dieser Resonanzaufbau zwischen Menschen, steht nicht nur am Anfang einer erwachsenen zwischenmenschlichen Beziehung. Damit beginnt auch das menschliche Dasein, das Leben: Liebe!
Ein Kind wird – hoffentlich – in Liebe gezeugt und als Liebe geboren. Es ist gewissermaßen aus dem Stoff gemacht, aus dem Liebe in einem umfassenden Sinne gemacht ist. Der Mensch verfügt damit zu Beginn seines Lebens über ein Potenzial, das wir seinen Wesenskern nennen möchten. Dieser Wesenskern besteht aus den folgenden sieben Seinsaspekten:
- Liebend sein. Das Kind gibt bedingungslose Liebe. Und es braucht bedingungslose Liebe. Nicht nur, um sich wohlzufühlen, um glücklich zu sein. Sondern, um sich zu entwickeln, unter Umständen sogar, um überleben zu können.
- Intuitiv sein. Lachen, Toben, in die Hände klatschen, komische Geräusche ausprobieren, Chaos anrichten und Fratzen schneiden: Kindliches Spiel bedeutet Leichtigkeit und Spaß. Das Kind erlebt sich dabei in verschiedenen Rollen, erprobt ständig neue Situationen und erlebt eine beinahe unendliche Fülle an Handlungs- und Interaktionsmöglichkeiten. Dabei probiert es die Dinge intuitiv aus, handelt aus sich heraus und erkundet Muster und Regeln, was es mag und was nicht und wie die Dinge funktionieren. Deshalb ist das kindliche Spiel unabdingbare Voraussetzung für Entwicklung, Veränderung und das Entstehen sozialer Kompetenz.
- Arglos sein, vertrauen. Auch...