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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Diez Kipppunkte

Von den Versprechen der Neunziger zu den Krisen der Gegenwart
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8412-3783-5
Verlag: Aufbau Verlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Von den Versprechen der Neunziger zu den Krisen der Gegenwart

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-8412-3783-5
Verlag: Aufbau Verlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Neunziger als Schlüsseljahrzehnt unserer Gegenwart und Zukunft.

In den neunziger Jahren wurde die Welt geschaffen, in der wir immer noch leben - und die gerade krachend kollabiert. Dagegen setzt dieses Buch kämpferischen Optimismus. Ziel ist es, die Geschichte dieser Dekade zu nutzen, nicht zur Abrechnung, sondern zur Aufklärung. Denn darum geht es: Wir müssen wieder trainieren, in Alternativen zu denken. Wir müssen die Möglichkeiten erkennen, die in jedem Krisenmoment vorhanden sind. Wir müssen wieder an unsere Handlungsfähigkeit glauben, als Einzelne, in der Gemeinschaft, als Demokratie.



GEORG DIEZ, geboren 1969 in München, ist Journalist und Buchautor. Er arbeitete für die Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, den Spiegel und Die Zeit und schreibt für deutsche und internationale Medien. Als Fellow der Max-Planck-Gesellschaft und von Project-Together beschäftigt er sich mit Fragen demokratischer Innovation. Er lebt in Berlin und Stockholm.
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Warum die neunziger Jahre?


Dieses Buch ist eine Gebrauchsanweisung für die Gegenwart, mehr eine Gedankenübung als ein Geschichtswerk. Und doch unternimmt es die erste Gesamtschau des Jahrzehnts, das entscheidend ist für das Verständnis der Krisen unserer Gegenwart: In den neunziger Jahren wurde die Welt geschaffen, in der wir immer noch leben – und die gerade krachend kollabiert.

Nach dem Ende des Kalten Krieges, nach dem Ende der Geschichte, wie es hieß, nach dem Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus, nach der deutschen und der europäischen Einheit, nach dem Triumph, so klang es, des Westens als politische und kulturelle Matrix – was konnte da noch schiefgehen?

Leider, das zeigt sich, ziemlich viel. Und so stehen wir vor dem Scherbenhaufen der Chancen, die dieses Jahrzehnt geboten hätte. Ziel dieses Buches ist es, diese verpassten Chancen für heute zu beschreiben. Ziel ist es, die Geschichte der neunziger Jahre zu nutzen, nicht zur Abrechnung, sondern zur Aufklärung. Und zu zeigen: Das waren die Ideen und Alternativen, das sind die nicht eingelösten Versprechen, das sind die »roads not taken«.

Dieses Buch soll etwas kämpferischen Optimismus verbreiten. Denn das Gefühl von Krise ist umfassend, und in der abermaligen Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten verdichten sich Autoritarismus, Demokratieverneinung, Profitgier, Rassismus, Frauenverachtung und Neodarwinismus – verbunden mit der entgrenzten Klimakatastrophe und einer toxischen Kombination von Technologie und Kapital. Der Horizont scheint zu verschwinden, der Blick auf die Zukunft scheint sich zu schließen.

Was aber haben die neunziger Jahre damit zu tun? Im Rückblick fällt die aufgekratzte Apathie jener Zeit auf, eine echte und eine falsche Euphorie, dass es – trotz der Kriege in Irak und auf dem Balkan und des Genozids in Ruanda, um nur ein paar Schrecken dieses Blutjahrzehnts zu nennen – nun immer besser werden würde. Freiheit sollte endlich Gestalt annehmen.

Was auch auffällt, das ist die Dunkelheit, die am Anfang der Dekade herrschte, die Verstörung, die Verweigerung, die Gewalt, die aus dem Herzen des Kapitalismus selbst kam, die sich gegen diesen Kapitalismus wendete und in der Kultur spiegelte: Generation X, Nirvana und der Selbstmord von Kurt Cobain; Bret Easton Ellis’ Roman American Psycho und Blutlust aus turbokapitalistischem Selbsthass; Fight Club, das Buch und der Film, wo die Gewalt, die in Gier und Geld geborgen ist, nach außen gewendet wurde, Mann gegen Mann und jeder gegen sich selbst.

Was weiter auffällt, das ist, wie wenig wir uns erinnern wollen, wie umfassend die Amnesie ist und wie absichtsvoll: Alles, was wir heute über die Klimakatastrophe wissen, war damals schon klar. Alles, was Elon Musk und seine Oligarchenfreunde an digital-libertären Dystopien erschaffen, wurde damals vorbereitet. Alles, was westliche Hybris, demokratischen Verfall und die Übermacht der Märkte ausmacht, wurde damals diskutiert.

Und heute? Was können wir aus dem lernen, was damals passierte? Und wie können wir es ändern? Denn darum geht es: Wir müssen wieder trainieren, in Alternativen zu denken. Wir müssen die Möglichkeiten erkennen, die in jedem Krisenmoment vorhanden sind. Wir müssen die Kraft wiederfinden und an unsere Handlungsfähigkeit glauben, als Einzelne, in der Gemeinschaft, als Demokratie.

Geschichte ist nie linear, Geschichte ist verschlungen, sie überlagert sich, sie überlappt sich. Vieles wird verständlicher, wenn wir der Enge und der scheinbaren Alternativlosigkeit unserer Gegenwart ausweichen, vieles wird dadurch auch veränderbarer. In diesem Sinne ist dies ein politisches Buch – Politik verstanden als der organisierte Versuch, das Leben gemeinsam zu verändern. Politik als die Notwendigkeit, in Optionen zu denken und sich nicht mit dem abzugeben, was andere sagen. Politik auch als etwas, das in den neunziger Jahren verlernt wurde, als Handwerk, als Denkweise, als kollektive Anstrengung.

Es war in vielem ein verlorenes Jahrzehnt, es war auch ein sehr langes Jahrzehnt: Eine mögliche Zeitspanne wären die Jahre zwischen dem 9. November 1989, als die Mauer fiel, und dem 11. September 2001, als der Terroranschlag auf das World Trade Center die Auszeit von der Geschichte beendete. Ein weiteres denkbares Ende der neunziger Jahre wäre die Finanzkrise von 2008 und 2009, als die Spekulationsblase rund um den Immobilienmarkt barst und in der Folge Banken gerettet wurden und die Bürger nicht – was auf der einen Seite zu den Protesten von Occupy Wall Street 2011 führte und auf der anderen Seite zur Wahl von Donald Trump 2016.

Ich wähle diesen weiten Winkel. Die neunziger Jahre beginnen für mich 1973, als das Bretton-Woods-Abkommen zerbrach, das die Weltwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg geregelt hatte, und damit die neoliberale Ära Form annahm – und sie enden 2016, als dieselbe neoliberale Ära mit der Wahl von Donald Trump und dem Brexit crashte. So grenzt auch der Harvard-Ökonom Dani Rodrik die Epoche ein, mit dem ich, wie mit vielen anderen Menschen, während der Arbeit an diesem Buch gesprochen habe – das aus konkreten Fragen entstand, die ich an die Gegenwart hatte.

Ein Auslöser war die Frustration mit einer bestimmten Art von Politik ohne Politik, oft eher ein technokratisches Achselzucken als demokratisches Anpacken – die Methode Scholz zum Beispiel, dessen politisches Projekt eine Art von Projektverweigerung war und der sich als Erbe und Vollstrecker einer ganzen Generation von Sozialdemokraten erwies: Gerhard Schröder und Tony Blair hatten mit dem »dritten Weg« in den neunziger Jahren die Entpolitisierung der Gesellschaft vorangetrieben und dennoch wenigstens Reformen gewagt, deren Folgen bis heute nachwirken.

Ein weiterer Auslöser war die Frustration über die Art und Weise, wie über den Krieg Russlands in der Ukraine gesprochen wurde, medial wie politisch. Historische Analyse wirkte hier eher störend oder polarisierend, wenn es um die NATO-Osterweiterung geht oder die Frage, wie sich eine Verteidigungsallianz in eine Friedensordnung verwandeln kann.

Und schließlich war da noch die Frustration darüber, wie sich seit mehr als 30 Jahren die Diskussionen um Klimawandel und Kapitalismus verhaken und dass wir so viel Zeit vergeudet haben, die uns heute fehlt. Das verbindet sich mit der Sorge, dass meine Kinder und Ihre Kinder eine Welt erben werden, die in vielem nicht mehr wiederzuerkennen sein wird.

Wir leben in einer unübersichtlichen Epoche, und die Zeit, die vor uns liegt, lässt sich nicht genau bemessen aus der Erfahrung der Zeit, die hinter uns liegt. Aber es hilft, wenn man versucht, in der Geschichte Muster zu erkennen, Verbindungen zu sehen, Perspektiven zu verknüpfen, die weiter gefasst sind als die atemlose Gegenwart. Die Muster, die sich abzeichnen, strukturieren die Lektüre des Buches.

Ich glaube sehr daran, dass es notwendig ist, diese Struktur in der Vergangenheit zu erkennen, um die Mutlosigkeit und Trägheit unserer Gesellschaften zu überwinden. Ich glaube daran, dass Ideen helfen, die Welt zu gestalten, und dass es darum geht, bestimmte Ideen wie Freiheit, Gleichheit, Solidarität auf der Folie der neunziger Jahre neu zu definieren.

Ich suche deshalb nach den Kipppunkten, nach den Momenten und Konstellationen, an denen Geschichte hätte anders verlaufen können – oder an denen Entscheidungen getroffen wurden, deren Konsequenzen wir noch heute erleben. Diese Kipppunkte sind, anders als die Kipppunkte der Klimaforschung, nicht unumkehrbar. Es gibt, das ist das Versprechen von Politik, immer die Möglichkeit, den Lauf der Geschichte zu verändern.

Was aber sind die Alternativen? Wo sind sie zu finden? Wie kann aus dem, was nicht geschehen ist, eine neue Wirklichkeit werden? Wie funktioniert historische Spekulation? Was ist, mit anderen Worten, die Macht des Kontrafaktischen?

Diese Gedanken strukturieren das Buch. Diesen Motiven gilt es zu folgen. In der Vergangenheit versteckt liegen die Schlüssel dafür, unsere Zukunft anders zu gestalten

Und so bleibt die Hoffnung, dass dieses Buch so wirkt, wie es gemeint ist: Als Einladung, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir gemeinsam weitermachen wollen. Es ist kein Werk der Melancholie oder des Pessimismus. Es geht nicht darum zu zeigen, was alles falsch gelaufen ist. Es...



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