E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Dornblüth / Franke Kampf um die Freiheit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-83835-4
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georgien und der lange Arm des Kreml
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-451-83835-4
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gesine Dornblüth, Dr., geb. 1969, ist promovierte Slavistin und Hörfunkjournalistin. Von 2012 bis 2017 war sie Deutschlandfunk-Korrespondentin in Moskau. Seit Beginn der 1990er Jahre unternahm sie zahlreiche Recherchereisen nach Russland und den gesamten postsowjetischen Raum.
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Sehr altes Europa: Georgien und die Wurzeln der Zivilisation
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ Gott schuf dann mehrere Tage Pflanzen und allerlei Getier an Land, im Wasser und in der Luft. Nach fünf Tagen sprach er: „Lasset uns Menschen machen.“ Das tat er und sprach: „Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.“
Schöpfen war selbstverständlich recht anstrengend, und so „vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.“ In Georgien erzählt man sich: Als Gott aber am fünften Tag die Menschen erschaffen hatte, waren darunter auch Georgier. Und die sahen all die Köstlichkeiten, all die Pflanzen und Tiere und den Wein und stürzten sich offensichtlich voller Lust auf die Speisen und Getränke, die da angerichtet waren. Essen und Trinken ist die herausragende Leidenschaft der Georgier. Und als sie damit fertig waren, tranken sie noch ein letztes Glas, schufen ihrerseits legendäre und gefürchtet lange Trinksprüche, ließen den Schöpfer hochleben und sangen vielstimmig, wie es unter Georgiern üblich ist. Und als sie am siebten Tage mit all ihren Tischbräuchen fertig waren, gingen sie zu Gott und fragten: „Lieber Gott, wo ist denn das Land, das du uns zugewiesen hast?“ Da war der Schöpfer ein wenig göttlich verwirrt und fragte: „Wo wart ihr, als ich das Land verteilt habe?“
Ob ihm erste Zweifel an seiner eigenen Vollkommenheit kamen, als er die Georgier kennen lernte, ist nicht überliefert. Heute wissen wir aus verschiedenen Quellen und eigener Erfahrung, dass Gott seine Schöpfung nicht gut kannte. Denn er hatte die Menschheit nicht geschaffen, damit die sein Werk systematisch zerstört. Die Georgier jedenfalls schauten Gott erwartungsvoll an: „Wir waren noch beim Essen, haben getrunken, haben Trinksprüche auf dich ausgebracht, auf die Schönheit der Welt, die du erschaffen hast. Wir haben erst getrunken auf die, die kommen. Dann auf die, die gehen. Und schließlich auf die, die noch da sind.“ Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Georgier vom Wein leicht gelallt haben, als sie vor ihrem Schöpfer standen. Klar ist, es war keine einzige Frau dabei. Mahnend sagte der Schöpfer: „Ihr seid zu spät, die Erde ist aufgeteilt!“ Aus ihrem Rausch jäh geweckt fragten sie, wo sie denn nun hingehen könnten.
Gott schien diese Typen irgendwie liebenswert zu finden. Sollte er nicht die gesamte Schöpfung gleich gern mögen? Aber das ist eine Frage, die Theologen in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich beantworten. Durchaus so, wie es politisch gerade gefordert ist. Der Legende nach hatte Gott sich auch ein Plätzchen für sich selbst reserviert, das schönste natürlich – Gott war demnach also keineswegs selbstlos. Doch diese leicht lallenden und erneut vielstimmig singenden Georgier lullten den Schöpfer dermaßen ein, dass er sich fühlte wie ein Beamter aus Brüssel, die er zu dieser Zeit noch nicht erschaffen hatte. Und so rückte der Schöpfer das Plätzchen raus, das er für sich selbst reserviert hatte. Und, wen überrascht das nun noch, es war Georgien!
Seitdem spielt Georgien in der georgischen Interpretation der Schöpfungsgeschichte eine zentrale Rolle. Sie suchen das Paradies? Fahren Sie in den Westen Georgiens, nach Adscharien am Schwarzen Meer. Ignorieren Sie die schrecklichen Hochhäuser, die in den vergangenen Jahren gebaut wurden und die das Flair ruinieren. Sie sind dazu da, an Russen verkauft zu werden, die nicht mehr in Russland leben wollen. Sie müssen die Stadt verlassen, wenn Sie verstehen möchten, warum Adscharien durchaus das Zeug zum Garten Eden hat. Wandern Sie in den Hügeln rundherum, bestaunen Sie die üppig grüne Landschaft. Es ist feucht und warm und fruchtbar. Es wächst Tee und es wachsen Granatäpfel. Natürlich haben Adam und Eva, als sie vom Baum der Erkenntnis kosteten, nicht in einen Granny Smith oder irgendein anderes gewöhnliches Kernobst gebissen, es war selbstverständlich ein Granatapfel.
Die Schöpfungsgeschichte im Alten Testament soll etwa 3000 Jahre alt sein. Ein Witz, folgt man der ironischen Erzählung von Georgiens Chefarchäologen, Dawit Lortkipanidse. Er hat einen menschlichen Schädel aus der Erde geholt, der 1,8 Millionen Jahre alt ist! „Hier sehen Sie den primitivsten Menschen, der jemals außerhalb Afrikas gefunden wurde“, hat er gesagt und dann lächelnd hinzugefügt, „es ist ein Georgier. Wir haben einfach Glück gehabt, dass wir ihn hier gefunden haben. Sonst wäre er Armenier.“ Nun gab es vor 1,8 Millionen Jahren keine Nationalstaaten. Aber wenige Kilometer vom Fundort entfernt ist heute die Grenze nach Armenien. Und mit den Armeniern streiten sich die Georgier, wer als Erster das Christentum zur Staatsreligion erklärt hat. Die Georgier haben es im 4. Jahrhundert getan.
Im Übrigen könnte im allerweitesten Sinn etwas dran sein, dass die Georgier, als die Schöpfungsgeschichte vor 3000 Jahren aufgeschrieben wurde, tatsächlich all die Köstlichkeiten genossen, die Gott auf der Erde geschaffen hatte, all die Früchte und die Kräuter, die Tiere und den Wein, und dass sie etwas betrunken waren. Denn in der Nähe des Fundortes des ältesten Hominiden außerhalb Afrikas haben Forscher 8000 Jahre alte Tongefäße gefunden, in denen Spuren von Wein enthalten waren. Auch im Wettlauf darum, wer den Wein erfunden hat, können nur wenige mithalten. Die Griechen haben auf Kreta eine 3500 Jahre alte Weinpresse entdeckt, und der Wein und die Ekstase war den „alten“ Griechen bekanntlich so heilig, dass sie einen Gott dahinter vermuteten. Es besteht aber der begründete Verdacht, dass die auch schon ganz schön alten Griechen unter ihrem Anführer Jason mit den Argonauten nach Kolchis gesegelt sind, um dort Wissen und eine Wissende zu rauben, die Königstochter Medea. Medea heißt auf Griechisch „die Wissende“. Die Königstochter Medea soll eben genau das gewesen sein, eine Zauberin, eine Heilerin, eine Seherin.
Kolchis ist das heutige Westgeorgien. Die Kolcher gewannen Gold, indem sie das Fell eines Widders in den Fluss legten und damit Goldpartikel auffingen. Der Sage nach hing das „Goldene Vlies“ in einer Eiche und wurde von einem Drachen bewacht. Medea half Jason, den Drachen einzuschläfern. Als Jason abreiste, nahm er Medea gleich mit. Der griechischen Deutung nach hatte sie sich in ihn verliebt. Das Ganze könnte auch ein Hinweis darauf sein, dass bereits damals im Schwarzmeerraum Frauen versklavt und zur Prostitution gezwungen wurden. Aus der Zeit des antiken Griechenlands stammt vielleicht auch der Begriff Georgien. Georgós ist das griechische Wort für Bauer. Und fruchtbar genug, um für den Garten Eden zu taugen, ist das Land.
In Kolchis leben heute Megrelen wie unser Freund und Kollege Irakli Absandse, dessen Name dem griechischen Herakles entspricht. Beide, Irakli und Herakles, sind äußerst mutige Männer. Wir haben uns im August 2008 kennengelernt, als Iraklis Heimatstadt Poti in Teilen von russischen Truppen besetzt war, die allerdings profane Konsumgüter raubten. Wir trafen Irakli an dem Fluss, den auch einst Jason mit den Argonauten hinaufgerudert ist, um Medea und das Vlies zu rauben. Genug Mythos also, um jede Niederlage mit großem Selbstbewusstsein wegzustecken.
Es ist schwierig, von den Georgiern zu sprechen. Die georgischen Stämme haben sich jahrhundertelang bekriegt. Sie haben eigene Sprachen und starke Dialekte, regionale Küchen, unterschiedliche Temperamente. „Wir Georgier sind sehr individualistisch“, sagt der Dirigent Swimon Dschangulaschwili. „Wir haben zu allem immer gegensätzliche Meinungen. Das ist natürlich zur Hälfte ein Scherz. Wir streiten ständig über irgendetwas.“ Und das durchaus lautstark und temperamentvoll. „Wahrscheinlich ist deshalb bei uns die Polyphonie entstanden. Unsere Vorfahren konnten sich einfach nicht auf eine Stimme einigen.“ Der mehrstimmige Gesang der Georgier ist faszinierend und bei vielen Menschen auch berüchtigt. Die georgische Polyphonie zu lieben, aber ständig die Augen zu verdrehen und über diese Gesänge zu lästern, gehört auch zur Polyphonie der Georgier.
Im Nationalen Handschriftenzentrum Georgiens lagern die ältesten erhaltenen Niederschriften polyphoner Kirchengesänge. Eine stammt aus dem 10. Jahrhundert. Die schwarze Schrift ist geschwungen, zwischen den Zeilen große Abstände: Platz für Linien, Schnörkel und rote Häkchen für die Melodie. Dem Musiker Dschangulaschwili kommen die Tränen, wenn er sich weiße Schutzhandschuhe überstreift und das mehr als 1000 Jahre alte in Leder gebundene Buch in die Hände nimmt.
„Im Mittelalter fielen hier...




