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E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Enright Vogelkind

Roman. »Eine unvergessliche Lektüre.« Sunday Independent
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-31395-1
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman. »Eine unvergessliche Lektüre.« Sunday Independent

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-641-31395-1
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Anne Enrights 'bislang bester Roman' (The Irish Times) über zwei Frauen und ihre Reise zu sich selbst
Die junge Irin Nell verdient ihr Geld mit dem Schreiben von Reiseberichten über Orte, an denen sie nie war. Denn Nell hat Fantasie, und das Schreiben ist ihr Leben. Ihren Großvater, den berühmten Dichter Phil McDaragh, hat sie nie kennengelernt, aber seine Verse sprechen intensiv zu ihr. Auch Nells Mutter Carmel kennt diese Verse gut. Lange hat sie sich vergeblich bemüht, das Image des Dichters und seine Lyrik mit ihren Erinnerungen an den Vater zusammenzubringen. Nun ist es an Nell, um die Versöhnung zu kämpfen, die ihrer Mutter versagt blieb.

So zärtlich wie wahrhaftig erzählt Anne Enright in ihrem berührenden Familienroman von vererbten Wunden und der tröstlichen Kraft der Poesie.

'Ein großartiger Roman.' Sally Rooney

Anne Enright, 1962 in Dublin geboren, zählt zu den bedeutendsten englischsprachigen Schriftstellerinnen der Gegenwart und wurde 2015 zur ersten Laureate for Irish Fiction ernannt. 'Das Familientreffen' (2007) wurde unter anderem mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet, ist in gut dreißig Sprachen übersetzt und weltweit ein Bestseller. Für 'Anatomie einer Affäre' (2011) erhielt sie die Andrew Carnegie Medal for Excellence in Fiction, für 'Rosaleens Fest' (2015) den Irish Novel of the Year Prize. 'Vogelkind', ihr achter Roman, stand auf der Shortlist des Women's Prize for Fiction und errang den Writers' Prize for Fiction 2024.

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CARMEL


ES WAR NICHT der Umstand, dass er sie verließ, obwohl sie krank war, sondern dass er zurückkam und das Haus auf den Kopf stellte, weil er, wie er sagte, seine Armbanduhr vermisste. Er hatte sie verloren oder verlegt, oder vielleicht hatte ihre Mutter sie versteckt, um ihn zu ärgern; vielleicht wollte sie die Uhr als Andenken behalten. Er durchsuchte das Wohnzimmer, riss Schranktüren auf, fuhr mit der Hand über den Kaminsims und wühlte in den Sofakissen, bis sie kreuz und quer lagen und man sich nicht vorstellen konnte, jemals wieder dort zu sitzen.

»Hast du sie gesehen?«

Die Uhr hatte ein cremeweißes Ziffernblatt und ein braunes Lederarmband. Carmel hatte sie oft am breiten Handgelenk ihres Vaters gesehen und war mit der Wärme dieses kleinen, schweren Gegenstands vertraut. Er war flach und fest, wie eine tickende Münze. Ihr Vater knöpfte sich die Hemdmanschetten auf, nahm die Uhr ab und legte sie irgendwo hin – neben den Aschenbecher, auf das Regal im Bad oder ins Schlafzimmer, wo ihre Mutter jetzt lag und lauschte, während er durchs Haus ging und den Schrank unter der Küchenspüle leerte, wo niemand je eine Armbanduhr aufbewahrt hatte.

»Hast du sie?«

Leider war es so, dass ihr Vater nichts wiederfand, nicht einmal dann, wenn es direkt vor ihm lag. Sie hatten oft darüber gelacht, wie kindisch ihr Daddo in dieser Hinsicht war. »Wäre es ein Hund, würde es ihn beißen«, pflegte ihre Mutter zu sagen. Carmel brauchte viele Jahre, um den Satz zu verstehen.

Wenn in diesem Haus etwas vermisst wurde, rief ihre Mutter Orte aus, »Auf dem Treppenabsatz«, »Im Bücherregal«, denn sie war die Hüterin der Dinge. Sie merkte sich alles.

Aber wo die Uhr war, sagte sie nicht, und darüber ärgerte sich ihr Vater. Er polterte herum, und ihr Schweigen wurde zu einer unüberwindlichen Mauer. Nun konnte er nicht mehr hinauf.

Wenigstens hat Carmel jenen Nachmittag so in Erinnerung. Sie war zwölf Jahre alt, und ihr Gedächtnis hatte anscheinend Lücken, selbst damals schon. Die Lücken klafften meist dort, wo es um ihr eigenes Verhalten ging. Hatte sie ihm bei der Suche geholfen? Nein, wahrscheinlich hatte sie nur dagestanden. Oder vielleicht hatte sie vom Wohnzimmer aus gelauscht, zusammen mit ihrer Schwester Imelda. Trotzdem konnte sie ihren Vater sehen, in allen Räumen des Hauses; sie kannte die Geschichte aus allen Blickwinkeln außer ihrem eigenen. Sie sah ihn am Fuß der Treppe, wie er eine Hand aufs Geländer legte und nach oben blickte. Carmel kann sich nicht daran erinnern, ihm gefolgt zu sein, obwohl es so gewesen sein muss, denn sie kann sich erinnern, wie er zu ihrer Mutter ins Schlafzimmer ging. Sie sah ihn, wie man einen Fremden sehen würde, aus weiter Ferne. Gleichzeitig meint sie, sich an jedes Detail zu erinnern.

Ihr Vater war damals 47. Er trug ein grünlich braunes Tweedjackett mit von kleinen Büchern, Zigarettenschachteln, Stofftaschentüchern und Schlüsseln ausgebeulten Taschen. Durch sein glänzendes Haar schimmerte rosa Kopfhaut durch. Einer seiner Kunststoffbrillenbügel war angekaut und ragte über das Ohr hinaus, sein Nacken leuchtete in einem satten, dunklen Rot.

Es war der Sommer, in dem ihrer Mutter aus unaussprechlichen Gründen eine Brust abgeschnitten worden war. Ihr Vater wühlte in der Kleidung, die im Schrank am Bügel hing, und dabei weinte er. Die Schublade ihres Nachttisches öffnete er mit so viel Kraft, dass sie herausflog und der Inhalt zu Boden fiel. Er sah darauf hinunter: ihr Krimskrams, ihr Terminkalender, eine Tube mit rosa Salbe für die Narbe an ihrem Brustkorb.

Ihre Mutter ruhte aufs Kissen gestützt im Bett. Wegen des Drainageschlauchs musste sie aufrecht sitzen. Carmel hatte die Narbe nie gesehen und wusste nicht, ob sie senkrecht verlief, wie ein Schlitz, oder doch eher waagerecht wie eine Tasche für die überschüssige Haut. Vermutlich handelte es sich um eine Diagonale bis unter die Achsel, denn der Verband umschloss die komplette Schulter wie ein Halfter. Ihre Mutter konnte den Arm nicht heben, um ins Nachthemd zu kommen; an der Stelle hatten sie den Stoff aufgerissen.

Ihr Vater bemerkte, dass er die leere Holzschublade immer noch in der Hand hielt. Er ließ sie fallen, beugte sich vor und packte ihre Mutter bei den Schultern.

»Wo ist sie?«, fragte er.

Sie sah ihn an. Ihr Vater krümmte sich, er bettelte, doch als sie endlich antwortete, klang ihre Stimme hart und kalt.

»Woher soll ich das wissen?«

Ihre Schwester Imelda behauptet, ihr Vater hätte das Bett durchwühlt, noch während ihre Mutter darin lag. Er tastete sie ab und fragte immer wieder: »Wo hast du sie versteckt? Wo?« Carmel erinnert sich anders: Ihr Vater hat das Bett gemacht. Das war alles. Er schüttelte die Kissen auf und fuhr mit der Hand unter die Decke, um das Laken glatt zu streichen. Er wollte, dass ihre kranke Mutter möglichst bequem lag. Ja, vielleicht dachte er dabei auch an die Uhr; er handelte in uneindeutiger Absicht.

Er stellte sich ans Fußende und zog das Federbett weg, ein weiches, blassrosa Ding, das mit einem gedämpften Geräusch zu Boden sank. Die beige, in sich verdrehte Decke flog hinterher. Knie und Hüfte ihrer Mutter zeichneten sich unter dem dünnen Baumwolllaken ab; ihr Vater beugte sich vor und riss es stöhnend in die Höhe. Ganz kurz hing es in der Luft, ein schwebendes Dach über dem zur Schau gestellten Körper ihrer Mutter. Das Gesicht konnte Carmel nicht sehen, nur das verrutschte Nachthemd, aus dem ein kleines, nacktes Bein ragte. Es zuckte in der plötzlichen Helligkeit. Ihr Vater ließ das Laken los, es sammelte sich zu einer Pfütze am Boden, und Imelda sprang vor, um das Nachthemd herunterzuziehen.

In dem Sommer war Imelda siebzehn, fünf Jahre älter als Carmel. Sie war erwachsen. Später behauptete sie, ihr Vater habe an dem Tag getrunken, aber damals sah sie ihn nur wortlos an und nickte, eine simple Geste, woraufhin er sich bückte und das Laken, das Imelda aufgehoben und über die Mutter gebreitet hatte, wieder feststeckte. Er schob die Kanten unter die Matratze, einmal rundherum, und merkte dann ganz plötzlich, wie ungeübt er im Bettenmachen war.

»Mach du das«, sagte er, drehte sich um und ging hinaus.

Sie hörten seine schweren Schritte auf der Treppe und dann Geklapper im Flur. Die Haustür wurde geöffnet und nicht wieder geschlossen. Vom Garten fuhr ein Windstoß bis zu ihnen herauf, und da wussten sie, er war weg. Sie hatten ihren Vater zum letzten Mal im Schlafzimmer gesehen, und in dieser Stimmung. Bei seinem nächsten Besuch würde sich alles verändert haben.

Das alles fiel Carmel viele Jahre später wieder ein, wenn sie Waschmittelwerbung sah oder ihr Bett bezog, und auch in dem Sommer, als sie als Zimmermädchen jobbte. Die Freude des schwebenden Baumwolllakens, die Schwierigkeiten darunter. Als die zwölfjährige Carmel sah, wie das Laken in die Höhe stieg, stieg auch ein Gefühl in ihr auf, eine Mischung aus Atem und Atemlosigkeit; ganz kurz wusste sie nicht, für wen sie sich entscheiden sollte. Der schwebende Stoff war wunderschön, das nackte Bein so jämmerlich. Außerdem spürte sie, als das Laken hochgerissen wurde, einen reißenden Schmerz. Ihr Vater stand mit ausgebreiteten Armen da, und Carmel wusste natürlich, dass er im Unrecht und seine Wut über die verlorene Uhr unangebracht war. Doch die Kränkung der Mutterbrust war sehr verwirrend. Carmel meinte, die Verletzung in den eigenen Brüsten zu spüren, die noch im Wachstum begriffen waren und wund. Manchmal störte sie nicht der flache Brustkorb ihrer Mutter, nicht einmal die diskrete Diagonale der Narbe, sondern die Beule daneben, die Art und Weise, wie sie sich ausbreitete. Daran ließ sich nichts mehr ändern, nun da sie allein war.

Der Verlust schien ihre Mutter zu verstören, fast so, als hätte die Krankheit sie an etwas erinnert. Diesen Ausdruck trieb ihr die Krankheit in die Augen: Sie war eine so sanfte Person.

Ihre Mutter Terry las den ganzen Tag, selbst später noch, als es ihr wieder besser ging. Sie las morgens im Bett, und wenn sie herunterkam, lehnte sie das Buch an die Teekanne. Danach lag sie auf einer Liege im Garten, mit gespreizten Beinen und einem rücklings über das Kopfteil gelegten Arm. Sprach man sie an, während sie las, reagierte sie mit einem Blick wie aus einer schönen Ferne.

Obwohl man meinen könnte, sie wäre mit zwei Töchtern und einem Mann ausgelastet gewesen, hatte sie in der Tat gar nicht so viel zu tun. Fürs Kochen hatte sie sich beispielsweise nie interessiert und oft gar nicht gekocht. Der Staubsauger stand oben an der Treppe und sammelte Staub an.

Ihr Lächeln vermittelte eine Art Trockenheit, Reserviertheit möglicherweise oder Vergebung für alles, was die Leute traurig machte. »Selig sind, die Frieden stiften« stand auf dem Zierteller, den sie in der Küche aufhängte. In der Zeit, in der sie ans Bett gefesselt war, stritten ihre Töchter darum, ihr die Haare kämmen zu dürfen.

Carmels Schwester Imelda wusste, wie die Narbe aussah, weil sie die Wunde jeden Abend versorgte. Wie es ging, hatte die Krankenschwester ihr gezeigt. Imelda verschwand mit einer weißen Emailleschüssel und einem gefalteten Handtuch im Schlafzimmer, und wenn sie sich umdrehte und die Tür hinter sich schloss, war ihr Gesichtsausdruck erhaben. Danach redete sie nicht mit Carmel. Sie sagte ihr höchstens, sie solle die Klappe halten.

»Hast du mich verstanden?«

Carmel fragte sich, ob ihr Mund wirklich eine...


Bonné, Eva
Eva Bonné übersetzt Literatur aus dem Englischen, u.a. von Rachel Cusk, Anne Enright, Michael Cunningham und Abdulrazak Gurnah. Sie wurde mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet.

Enright, Anne
Anne Enright, 1962 in Dublin geboren, zählt zu den bedeutendsten englischsprachigen Schriftstellerinnen der Gegenwart und wurde 2015 zur ersten Laureate for Irish Fiction ernannt. »Das Familientreffen« (2007) wurde unter anderem mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet, ist in gut dreißig Sprachen übersetzt und weltweit ein Bestseller. Für »Anatomie einer Affäre« (2011) erhielt sie die Andrew Carnegie Medal for Excellence in Fiction, für »Rosaleens Fest« (2015) den Irish Novel of the Year Prize. »Vogelkind«, ihr achter Roman, stand auf der Shortlist des Women's Prize for Fiction und errang den Writers' Prize for Fiction 2024.



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