E-Book, Deutsch, 303 Seiten
Essau Angst bei Kindern und Jugendlichen
3. unv. Aufl
ISBN: 978-3-8463-5953-2
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 303 Seiten
ISBN: 978-3-8463-5953-2
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Professor Dr. Cecilia A. Essau lehrt und forscht an der University of Roehampton, London
Autoren/Hrsg.
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2Beschreibung und Klassifikation von Angststörungen
Klassifikationssysteme
Die am häufigsten eingesetzten Klassifikationssysteme für Angststörungen sind das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM-IV; American Psychiatric Association 1994 (APA); deutsche Version: Saß et al. 1996) und die Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD; World Health Organization 1993; deutsche Version: Dilling et al. 1994). Im Gegensatz zu früheren Versionen beider Klassifikationssysteme stimmen die derzeitigen Fassungen in großen Teilen überein (Tab. 2.1). Sie unterscheiden sich in einigen Punkten.
Hauptunterschiede zwischen dem DSM-IV und der ICD-10 bestehen darin, dass in der ICD-10 die Angststörungen in (a) Phobische Angststörungen (F40) und (b) andere Angststörungen (F41) unterteilt sind, die die Panikstörung und die Generalisierte Angststörung umfassen. Im DSM-IV wird die Zwangsstörung als ein Subtyp von Angststörungen klassifiziert, während in der ICD10 zwischen Ängsten und Zwängen unterschieden wird. Ein anderer wichtiger Unterschied ist, dass die ICD-10 eine Kategorie gemischter „Angst- und depressiver Störungen“ beinhaltet, die das DSM-IV nicht enthält. Diese Kategorie ist für Fälle bestimmt, in denen Symptome von Angst und Depression vorliegen, wobei weder die Angstnoch die Depressionssymptome für sich genommen schwer genug sind, um die Diagnose einer Angststörung oder einer depressiven Störung zu rechtfertigen. Diese Kategorie ist zwar nicht in der Hauptklassifikation des DSM-IV vertreten, jedoch Bestandteil einer Liste von Kategorien, die in weiteren Studien untersucht werden sollen.
DSM-II, DSM-III, DSM-III-R
In der ersten Ausgabe des DSM (APA 1952) wurden Phobien zuerst als psychoneurotische Reaktionen identifiziert (Tab. 2.2). Im DSM-II (APA 1968) wurde diese Kategorie geändert und Phobien als phobische Neurosen bezeichnet. Im DSM-II wurde auch die Überängstlichkeitsreaktion als eine eigene diagnostische Kategorie für Kinder und Jugendliche eingeführt. Im DSM-III (1980) und DSM-III-R (1987) unternahm man erste Versuche, auf die Entwicklung abgestimmte diagnostische Kriterien für Angst und Phobische Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu entwerfen. Es wurden die Störung mit Trennungsangst, die Störung mit Überängstlichkeit und die Störung mit Kontaktvermeidung unterschieden. Zusätzlich konnten bei Kindern und Jugendlichen die Angststörungen Erwachsener diagnostiziert werden. So markierten das DSM-III und das anschließende DSM-III-R den Beginn von Studien, in denen die Aspekte von Angststörungen in der Kindheit untersucht wurden. Derartige Studien haben zu Veränderungen der diagnostischen Kriterien einiger Angststörungen im DSM-IV und in der ICD-10 geführt.
Tab. 2.1 Klassifikation von Angststörungen nach ICD-10 und DSM-IV
| ICD-10 | DSM-IV |
| F40 Phobische Störungen F40.0 Agoraphobie F40.1 Soziale Phobien F40.2 Spezifische (isolierte) Phobien F40.8 Sonstige Phobische Störungen F40.9 Nicht näher bezeichnete Phobische Störungen | 300.22 Agoraphobie ohne Panikstörung 300.23 Soziale Phobie 300.29 Spezifische Phobie 300.00 Angststörung NNB |
| F41 Sonstige Angststörungen F41.0 Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst) F41.1 Generalisierte Angststörung F41.2 Angst und depressive Störung, gemischt F41.3 Sonstige gemischte Angststörungen F41.8 Sonstige näher bezeichnete Angststörungen F41.9 Nicht näher bezeichnete Angststörungen | 300.21 Panikstörung mit Agoraphobie 300.01 Panikstörung ohne Agoraphobie 300.02 Generalisierte Angststörung 300.00 NNB Angststörung |
| F42 Zwangsstörung F42.0 Vorwiegend Zwangsgedanken oder Grübelzwang F42.1 Vorwiegend Zwangshandlungen (Zwangsrituale) F42.2 Zwangsgedanken und -handlungen, gemischt F42.8 Sonstige Zwangsstörungen F42.9 Nicht näher bezeichnete Zwangsstörung | 300.3 Zwangsstörung |
| F43 Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen F43.0 Akute Belastungsreaktion F43.1 PosttraumatischeBelastungsstörung F43.2 Anpassungsstörungen F43.8 Sonstige Reaktionen auf schwere Belastung F43.9 Nicht näher bezeichnete Reaktion auf schwere Belastung | 308.3 Akute Belastungsstörung 309.81 PosttraumatischeBelastungsstörung |
Tab. 2.2 Klassifikation der Angststörungen im DSM-III-R und DSM-IV
| DSM-III-R | DSM-IV |
| Angststörungen des Kindes- und Jugendalters 309.21 Störung mit Trennungsangst 313.21 Störung mit Kontaktvermeidung 313.00 Störung mit Überängstlichkeit | Andere Störungen des Kleinkind-, Kindes- und Jugendalters 309.21 Störung mit Trennungsangst |
| Angststörungen (Erwachsenenteil) 300.22 Agoraphobie ohne Panikstörung in der Vorgeschichte 300.21 Panikstörung mit Agoraphobie 300.01 Panikstörung ohne Agoraphobie 300.02 Generalisierte Angststörung 300.23 Soziale Phobie 300.29 Einfache Phobie 300.30 Zwangsstörung 309.89 Posttraumatische Belastungsstörung | Angststörungen (Erwachsenenteil) 300.22 Agoraphobie ohne Panikstörung in der Vorgeschichte 300.21 Panikstörung mit Agoraphobie 300.01 Panikstörung ohne Agoraphobie 300.02 Generalisierte Angststörung 300.23 Soziale Phobie 300.29 Spezifische Phobie 300.30 Zwangsstörung 309.81 Posttraumatische Belastungsstörung |
DSM-IV
Das DSM-IV (APA 1994) unterscheidet sich in einigen Punkten von den zwei vorherigen Fassungen (DSM-III [APA 1980]; DSM-III-R [APA 1987]). Während die früheren Ausgaben drei verschiedene diagnostische Kategorien von Angststörungen beinhalteten (Störungen mit Überängstlichkeit, Störung mit Kontaktvermeidung und Störung mit Trennungsangst), wurde in der aktuellen Version des DSM die Störung mit Überängstlichkeit unter der Generalisierten Angststörung und die Vermeidungsangst unter der Sozialen Phobie subsumiert. Als einzige Angststörung unter „Störungen, die gewöhnlich im Kleinkindalter, der Kindheit oder der Adoleszenz diagnostiziert werden“ (Saß et al. 1996), bleibt somit die Störung mit Trennungsangst bestehen. Die übrigen Angststörungskategorien können sowohl auf Kinder und Jugendliche als auch auf Erwachsene angewandt werden: Agoraphobie, Soziale Phobie, Spezifische Phobie, Panikstörung, Zwangsstörung, Generalisierte Angststörung, Posttraumatische und Akute Belastungsstörung (Tab. 2.3).
All diese Angststörungen sind durch eine übermäßige oder unangemessene Angst gekennzeichnet, die bei den Betroffenen zu einer deutlichen Funktionsbeeinträchtigung führt. Sie unterscheiden sich jedoch bezüglich der Beschaffenheit des gefürchteten Reizes und den dadurch ausgelösten Angstreaktionen. Um eine Angststörung nach dem DSM-IV zu diagnostizieren, dürfen sich die Symptome nicht besser durch eine andere psychische Störung, eine medizinische Ursache oder als Ergebnis eines Substanzgebrauchs erklären lassen.
ICD-10
Die ICD-10 unterscheidet vier kind- und jugendspezifische Angststörungen: die emotionale Störung mit Trennungsangst des Kindesalters (F93.0), die Phobische Störung des Kindesalters (F93.1), die Störung mit sozialer Ängstlichkeit des Kindesalters (F93.2) und die emotionale Störung mit Geschwisterrivalität (F93.3). Sie werden der Kategorie „emotionale Störungen des Kindesalters“ zugeordnet. Die kindspezifische Generalisierte Angststörung (F93.80) wird nicht in den klinisch-diagnostischen Leitlinien, sondern ausschließlich in den Forschungskriterien aufgeführt. Deshalb sollte bei dem Gebrauch der ICD-10-Klassifikation sowohl die klinisch-diagnostischen Leitlinien als auch die Forschungskriterien parallel verwendet werden. Die anderen Arten von Angststörungen wurden folgenden Kategorien zugeordnet:
•Phobische Störungen (z. B. Agoraphobie [F41.0], Soziale Phobie [F40.1], Spezifische Phobien [F40.2], sonstige Phobische Störungen [F40.8]);
•sonstige Angststörungen (z. B. Panikstörung [episodisch paroxysmale Angst; F41.0], Generalisierte Angststörung [F41.1], Angst und depressive Störung, gemischt [F41.2]);
•Zwangsstörung (F42) und
•Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (z. B. Akute Belastungsreaktion [F43.0)], Posttraumatische Belastungsstörung [F43.1] und...




