E-Book, Deutsch, 290 Seiten
Fink Heinzelmännchen im Heuboden
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-8111-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Halbstarke im Dienste der Dorfgemeinschaft
E-Book, Deutsch, 290 Seiten
ISBN: 978-3-7562-8111-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In ganz Mitteleuropa (nach der aktuellen Landkarte acht Länder und Südtirol) erzählte man einst Sagen von hilfreichen Zwergen des Typus Heinzelmännchen, männlichen und weiblichen. Diese Sagen weisen gemeinsame Motive auf: Die Zwerge werden von den Menschen verpflegt. - Sie verrichten Arbeiten, die weder Kraft noch Übung voraussetzen. - Man kann sie zur Hilfeleistung aufbieten - Sie sind konventionell unsichtbar, was entweder durch Schwärzung oder durch eine besondere Kopfbedeckung signalisiert wird. - Sie absolvieren einzeln ein soziales Praktikum. - Man entlässt sie mit einem Anzug von roter Farbe, und das gilt für die Sennengehilfen in Tirol genauso wie für die Schiffsjungen von der Ostsee, die als Klabautermänner bekannt sind. Da es praktisch unmöglich ist, dass die Erzähler sich abgesprochen haben, müssen sich die Sagen auf einen ehemals verbreiteten Brauch beziehen. Jener Brauch ist im frühen Mittelalter aus der sozialen Wirklichkeit verschwunden. Nachdem die Erinnerung an ihn verblasst war, haben zahlreiche Entstellungen sein Bild verdunkelt und die Forscher verwirrt. Der Verfasser rekonstruiert den Brauch, wobei er sich auf die Jugendweihe der Naturvölker, auf Zaubermärchen und auf die Beschreibung der rumänischen Mädchen-Spinnstube sowie der ukrainischen Mädchen-Spinnstube stützt.
Hans Fink (geboren 1942 in Temeschburg/Timisoara, Rumänien) ist ein rumäniendeutscher Journalist und Publizist. Er studierte Germanistik und Rumänistik und arbeitete viele Jahre als Journalist in Bukarest. Seine Themenfelder waren Unterricht und Erziehung.
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Das Vorhaben
In Mitteleuropa, das bedeutet Frankreich, die Benelux-Länder, Deutschland, Tschechien, Österreich, Südtirol und die Schweiz, hat eine Institution der Gentilordnung, die unter dem Namen Buschschule bekannt ist, bis ins Mittelalter bestanden. Das ergibt sich aus der Analyse der Sagen von den Heinzelmännchen, den Saligen Fräulein und vergleichbaren Gestalten der Folklore: Wichteln, Zwergen, Hollen, Heugüteln bzw. Erdweibeln, Seejungfrauen, Elfen, Nachtfräulein. Deren Urbilder waren Jugendliche, Halbstarke, die an einem spezifischen Ritus teilnahmen und sozialisiert wurden, indem die Dorfgemeinschaft sie als Hilfskräfte zur Erledigung einfacher Arbeiten einsetzte. Die vorliegende Recherche setzt sich zum Ziel, die Zusammenhänge und die Hintergründe zu klären. Sowohl ihre völlige Abhängigkeit von den Menschen durch die Verköstigung wie auch die Verrichtung von Hilfsarbeiten aller Art, und zwar auf Bestellung und Anweisung, widerlegen die in der Erzählforschung eingenistete Vorstellung, die hilfreichen Zwerge des Typus Heinzelmännchen und die Saligen Fräulein wären Dämonen des Volksglaubens. Wie vertraulich das Verhältnis war, ergibt sich aus den Mitteilungen, dass die Menschen ihre Mahlzeiten mit ihnen teilten und ihnen Kleinkinder anvertrauten. Die Bewohner vom Kretschhaus zu Lulzhausen in Luxemburg etwa setzten abends das vom Nachtessen Übriggebliebene auf den Küchenschrank, indem sie sagten: „Das ist für die Wichtelcher“, und gingen dann zur Ruhe, ohne das Tischgeschirr vom Tisch geräumt zu haben. Morgens beim Aufstehen fanden die Hausleute das Essgeschirr wohlgescheuert in Ordnung an seinem Platz aufgestellt, das Haus gereinigt und die auf dem Küchenschrank aufgestellten Überreste des Abendessens verzehrt (Wichtlein zu Lulzhausen1). Die Buschschule, eine aus der Steinzeit stammende Einrichtung, war der Rahmen für die kollektive Jugendweihe.2 Sie lässt sich mit einer Internatsschule unserer Zeit vergleichen. Ihr Standort befand sich im Wald. Dort lernten die Knaben und Mädchen alles, was ein Erwachsener wissen und können musste, um selbstständig für sich und für seine Angehörigen zu sorgen. Irgendwann während der Schulzeit, vermutlich kurz nach der Einschulung, verwandelten der Stammeszauberer und die Stammeshexe sie rituell in Erwachsene. Diese Einrichtung ist Gegenstand sowohl des Märchens als auch der Sage; Relikte in Form von Bräuchen überlebten bis in die nahe Vergangenheit. Bei der Darstellung macht sich ein deutlicher Unterschied zwischen Märchen und Sagen bemerkbar. Im Falle der Märchen setzt sich die Handlung aus (z.T. umgedeuteten) Erlebnissen der Zöglinge von ihrer Einschulung bis zu ihrer Rückkehr ins Dorf zusammen. Bis auf den heutigen Tag erfreuen sich Märchen von der Buschschule großer Beliebtheit. Von den 200 Texten der berühmten Grimm’schen Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ enthalten drei Dutzend Motive, die Momenten der kollektiven Jugendweihe entsprechen, unter ihnen so bekannte wie „Der Froschkönig“ – „Marienkind“ – „Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ – „Der treue Johannes“ – „Rapunzel“ – „Die sieben Raben“ – „Rotkäppchen“ – „Fitchers Vogel“ – „Die sechs Schwäne“ – „Dornröschen“ – „Sneewittchen“ – „Die drei Federn“ – „Hans mein Igel“ – „Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet“ – „Der Eisenofen“ – „Die weiße und die schwarze Braut“ – „Der Eisenhans“ – „Der Trommler“. Im international gebräuchlichen Verzeichnis der Märchentypen von Aarne-Thompson gehören mehr als 50 Typen zu dieser Kategorie. Besondere Erwähnung verdient der Typus AT 301 „Die drei geraubten Königstöchter“ mit den Untertypen AT 301 A „Die Prinzessinnen in der Unterwelt, AT 301 B „Die außerordentlichen Gesellen“ und AT 301 C „Der Apfelbaum des Königs“, weil die zahlreichen spezifischen Texte den Vorgang der Jugendweihe umfassend wiedergeben.3 Die Natur dieser Märchen hat der russische Erzählforscher Wladimir Propp in einem bahnbrechenden Werk enthüllt, das ist die 1946 in Leningrad veröffentlichte Abhandlung „Die historischen Wurzeln des Zaubermärchens“.4 In den Sagen lernen wir die Zöglinge der Buschschule aus der Sicht der Dorfgemeinschaft kennen: Sie helfen bei allen fälligen Arbeiten, dafür werden sie von den Bauern verpflegt; ältere Knaben und Mädchen absolvieren einzeln ein soziales Praktikum auf einem Bauernhof oder bei einem Handwerker. Mit der Buschschule als Zange lässt sich das Rätsel der Hamelner Rattenfänger-Sage knacken, an dem sich viele Volkskundler und Historiker die Zähne ausgebissen haben. Wenn man von Frankreich absieht, ist die Handlung des Märchens nur ausnahmsweise mit einer Ortschaft verknüpft. Dagegen sind Angaben zum Handlungsort bei den Sagen die Regel. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Märchen und Sagen betrifft ihr Alter. Die Märchen über die europäische Buschschule sind anderthalbtausend Jahre älter als die Sagen über Heinzelmännchen und Salige Fräulein. Ihre Entstehungszeit stimmt mit der Späten Bronzezeit (etwa 1200 bis 800 v.Chr.) überein. Wenn wir davon ausgehen, dass man in der Öffentlichkeit nicht über die Buschschule sprechen durfte, solange sie existierte, lässt sich die Entstehungszeit der Märchen durch zwei Vorgänge eingrenzen: Zum einen durch die Herstellung von Ganzmetallrüstungen aus Bronzeblech, die sich in den Texten widerspiegelt, denn in Mitteleuropa hat die Herstellung von Rüstungsteilen wie Helm, Panzer, Arm- und Beinschienen im 13. Jahrhundert v.Chr. begonnen.5 Zum anderen durch die Verbreitung des Reitpferds, denn in die Märchen von der Buschschule ist das Reitpferd nachträglich eingeführt worden, also hat es diese schon gegeben, als das Reitpferd noch nicht verbreitet war, und das heißt: noch nicht allgemein bekannt war. Folglich muss die Buschschule in Teilen des Kontinents während der Späten Bronzezeit aus der sozialen Wirklichkeit verschwunden sein. Damals haben die Menschen auf einem ausgedehnten Areal auf die Buschschule verzichtet. Man darf von einem ausgedehnten Areal sprechen, weil die Märchen zahlreiche gegensätzliche Angaben zur Jugendweihe enthalten: (A) Wir unterscheiden drei Formen, was das Geschlecht der Teilnehmer betrifft, nämlich: ausschließlich Knaben, ausschließlich Mädchen und die gemischte Gruppe. (B) Es zeichnen sich mehrere Möglichkeiten ab, wie der Initiand aus dem Elternhaus zur Initiationsstätte gelangte: Er wurde dem Schulleiter bzw. der Schulleiterin übergeben (AT 314, 325, 710). – Die Gruppe der Initianden folgte einer Tier-Maske (AT 303, 311, 313, 405); solche Masken verkörpern Hirsch, Fuchs, Kater, Schwein, Eule. – Man führte das Kind bis in die Nähe der Initiationsstätte, die letzte Wegstrecke bewältigte es allein (AT 502, 709 und rumänische Balladen, die Monica Bratulescu analysiert). – Der Initiand legte den Weg allein zurück (AT 313). – Die Schulleiterin griff sich das Mädchen mit Einverständnis der Eltern (AT 310). – Der Schulleiter und seine Gehilfen inszenierten eine Entführung der Mädchen (AT 301, 302). (C) Wir stellen fest, dass Knaben und Mädchen in manchen Fällen gleichzeitig an der Jugendweihe teilnahmen und als künftiges Ehepaar nach Hause zurückkehrten (AT 301 und 303 A), während der Knabe in anderen Fällen früher initiiert wurde als seine künftige Braut oder an einem anderen Ort initiiert wurde, denn er holt sie von der Initiationsstätte ab (AT 402, 408, 409 A). (D) Gemäß einer Vorstellung befanden sich die Initianden während der Ausbildungszeit unter dem Erdboden, gemäß einer anderen in der Tiefe eines Gewässers. (E) Der Tunnel im künstlich aufgeworfenen Hügel, der angeblich in die Unterwelt führte, weist zwei Profile auf: a) wie der Großbuchstabe [L] und b) wie ein Kellerhals. (F) Um die Körper der Initianden zu erneuern, haben Zauberer und Hexe sie angeblich verbrannt und wiederbelebt – oder zerstückelt, gekocht und wiederbelebt – oder Organe ausgetauscht. Auf einem kleinen Gebiet wäre eine derartige Vielfalt nicht möglich gewesen Warum hatte sich die Buschschule überlebt? Als Gründe dafür kommen die horizontale und die vertikale soziale Differenzierung in Betracht. Die Buschschule war in der egalitären Gesellschaft der Wildbeuter entstanden. Neben die Jäger waren mit der Zeit Viehzüchter und Bauern getreten, Töpfer und Salzsieder, Prospektoren, Bergarbeiter, Schmiede und Händler, parallel damit hatte eine Spaltung in Arm und Reich...