Flanagan Die Chroniken von Araluen - Der Gefangene des Wüstenvolks
Deutsche Erstausgabe
ISBN: 978-3-641-10124-4
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 7, 480 Seiten
Reihe: Die Chroniken von Araluen
ISBN: 978-3-641-10124-4
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Waffenstillstand Araluens mit den Skandianern ist noch frisch, als König Duncan die Nachricht erreicht, dass Erak, der Anführer Skandias vom Wüstenvolk der Arridi gefangen genommen wurde. Kurz entschlossen brechen der Waldläufer Will und seine Freunde Walt, Gilan, Evanlyn und Horace auf, um den Skandianer zu befreien. Doch Sandstürme, unbarmherzige Hitze und feindselige Nachbarvölker machen die Mission zu einem Wettlauf gegen die Zeit ...
Spannende und actionreiche Abenteuer in einem fantastisch-mittlalterlichen Setting – tauche ein in »Die Chroniken von Araluen«!
John Flanagan arbeitete als Werbetexter und Drehbuchautor, bevor er das Bücherschreiben zu seinem Hauptberuf machte. Den ersten Band von »Die Chroniken von Araluen« schrieb er, um seinen 12-jährigen Sohn zum Lesen zu animieren. Die Reihe eroberte in Australien in kürzester Zeit die Bestsellerlisten.
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Das muss aufhören, Cassandra«, sagte Duncan. Er war wütend, daran bestand kein Zweifel. Wenn es nicht so offensichtlich gewesen wäre, weil er aufgebracht in seinem Arbeitszimmer hinter dem Schreibtisch auf und ab marschierte, hätte sie es daran gemerkt, dass er sie Cassandra nannte. Sein Kosename für sie war Cass oder Cassie. Nur wenn er wirklich böse auf sie war, sprach er ihren vollen Namen aus.
Und heute war er böse. Er hatte einen arbeitsreichen Vormittag vor sich. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Petitionen und Urteile, eine Handelsdelegation aus Teutlandt forderte seine Aufmerksamkeit, und trotz alledem musste er sich mit einer Beschwerde über das Benehmen seiner Tochter beschäftigen.
Sie hob die Hände zu einer besänftigenden Geste. »Papa, ich wollte nur …«
»Du hast dich nach Mitternacht draußen herumgetrieben, einem unschuldigen Wachmann aufgelauert und ihm dann mit deiner verdammten Schlinge eine Heidenangst eingejagt! Was, wenn du ihn getroffen hättest und nicht seinen Speer?«
»Hab ich aber nicht«, antwortete sie schlicht. »Ich treffe mein Ziel. Und ich habe auf die Speerspitze gezielt.«
Er sah sie aufgebracht an und streckte die Hand aus.
»Her damit«, befahl er. Als sie fragend den Kopf zur Seite legte, fügte er hinzu: »Die Schlinge. Her damit.«
Entschlossen schob sie das Kinn vor. »Nein.«
Er zog die Augenbrauen hoch. »Du widersetzt dich mir, dem König?«
»Ich widersetze mich nicht. Ich gebe dir nur nicht meine selbst gemachte Schlinge. Eine Woche habe ich gebraucht, um sie richtig hinzubekommen. Seit Monaten übe ich nun damit, weil ich mein Ziel sicher treffen will. Ich werde sie dir nicht geben, nur damit du sie zerstörst. Tut mir leid.« Die Entschuldigung fügte sie nach einer winzigen Pause hinzu.
»Ich bin außerdem dein Vater«, erinnerte er sie.
Sie nickte. »Das respektiere ich auch. Aber im Augenblick bist du wütend. Und wenn ich dir jetzt meine Schlinge gäbe, dann würdest du sie sofort und ohne zu zögern zerstören, ist es nicht so?«
Er schüttelte aufgebracht den Kopf und drehte sich zum Fenster. Sie befanden sich in seinem Arbeitszimmer, einem großen, luftigen und hellen Raum, von dem aus man auf den Park blicken konnte.
»Ich kann nicht zulassen, dass du nachts draußen herumschleichst und die Wachposten überraschst«, sagte er. Er hatte gemerkt, dass er bezüglich der Schlinge nicht weiterkam, und hielt es für das Beste, seine Taktik zu ändern. Er wusste genau, wie stur seine Tochter sein konnte.
»Es ist nicht anständig den Männern gegenüber«, fuhr er fort. »Dies ist nun schon zum dritten Mal passiert, und sie haben deine albernen Spiele langsam satt. Der Oberste Wachhabende hat mich um ein Gespräch gebeten, und ich weiß genau, worum es gehen wird.« Er drehte sich zu ihr. »Du hast mich in eine sehr schwierige Lage gebracht. Ich werde mich bei ihm entschuldigen müssen. Ist dir klar, wie peinlich das ist?«
Er sah, wie der Ärger aus ihrem Gesicht wich. »Das tut mir leid, Vater«, antwortete sie steif, denn für gewöhnlich nannte sie ihn Papa. Heute jedoch waren sie Cassandra und Vater. »Aber es ist kein albernes Spiel, glaub mir. Es ist etwas, was ich tun muss.«
»Warum?«, fragte er, immer noch aufgebracht. »Du bist die Kronprinzessin, nicht irgendein Dorfmädchen! Du lebst in einem Schloss mit Hunderten von Soldaten, die dich beschützen! Warum um alles in der Welt musst du lernen, wie man in der Dunkelheit umherschleicht und obendrein noch die Waffe eines Wilderers benutzt?«
»Papa!«, sagte sie und vergaß alle Formalitäten: »Denk doch an meine bisherigen Erfahrungen. Ich wurde in Celtica von den Wargals verfolgt. Meine Begleitgarde wurde getötet und ich bin gerade so mit dem Leben davongekommen. Dann wurde ich von Morgaraths Armee gefangen genommen. Ich wurde nach Skandia verschleppt, wo ich allein in den Bergen überleben musste. Ich hätte dort sterben können. Danach war ich in eine entsetzliche Schlacht verwickelt. Deine vielen Wachen haben mich davor nicht schützen können, oder?«
Duncan winkte irritiert ab. »Nun ja, vielleicht nicht. Aber…«
»Sehen wir doch einmal den Tatsachen ins Auge«, fuhr Cassandra fort, »es ist eine gefährliche Welt, und als Kronprinzessin bin ich ein Ziel für unsere Feinde. Ich möchte in der Lage sein, mich selbst zu schützen. Ich möchte mich nicht auf andere Leute verlassen müssen. Außerdem …« Sie zögerte.
»Außerdem?«, fragte er nach. Cassandra schien zu überlegen, ob sie den nächsten Satz tatsächlich aussprechen sollte. Dann holte sie tief Luft und sprach weiter.
»Als deine Tochter sollte ich dir irgendwann helfen können und einen Teil deiner Pflichten auf mich nehmen.«
»Aber das tust du doch bereits! Das Bankett letzte Woche war ein voller Erfolg …«
Sie winkte ab. »Ich meine damit nicht Bankette und Staatsempfänge oder ein Picknick im Park. Ich meine die wichtigen Dinge: in deinem Namen auf diplomatische Mission zu gehen, als deine Stellvertreterin zu handeln, wenn Streitigkeiten beigelegt werden müssen. Die Art von Dingen, die du auch von einem Sohn erwarten würdest.«
»Aber du bist nicht mein Sohn«, sagte Duncan.
Cassandra lächelte traurig. Sie wusste, ihr Vater liebte sie. Doch sie wusste auch, dass ein König, jeder König, sich einen Sohn wünschte, der sein Werk fortführte.
»Papa, eines Tages werde ich Königin sein. Nicht zu bald, hoffe ich«, fügte sie hastig hinzu und Duncan nickte lächelnd. »Aber wenn ich es einmal sein werde, dann werde ich diese Dinge tun müssen und vielleicht ist es zu jenem Zeitpunkt etwas spät, mit dem Lernen anzufangen.«
Duncan musterte sie nachdenklich. Cassandra hatte einen starken Willen, das wusste er. Sie war tapfer, tüchtig und intelligent. Sie würde sich auf keinen Fall damit begnügen, als Herrscherin nur ein Schmuckstück zu sein, während andere die wichtigen Entscheidungen treffen.
»Damit hast du möglicherweise recht«, sagte er schließlich. »Du sollst ja auch lernen, dich selbst verteidigen zu können. Aber Sir Richard hat dir beigebracht, wie man den Säbel führt. Warum gibst du dich mit der Schlinge ab … und warum willst du lernen, unbemerkt umherzuschleichen?«
Es war nicht ungewöhnlich für hochwohlgeborene junge Damen, die Schwertkunst zu erlernen. Cassandra nahm schon seit einigen Monaten Unterricht bei dem stellvertretenden Heeresmeister und benutzte dabei einen leichten Säbel, der speziell für sie hergestellt worden war. Sie sah ihren Vater jetzt entschuldigend an.
»Ich komme damit zurecht«, gab sie zu. »Aber ich werde niemals eine richtige Schwertkünstlerin sein. Und genau das müsste ich werden, wenn ich mich gegen einen Mann mit einer schweren Waffe ernsthaft verteidigen will. Das Gleiche gilt für den Bogen. Es ist jahrelange Übung nötig, um ihn wirklich gut einsetzen zu können, und dafür habe ich nicht die Zeit.
Die Schlinge ist eine Waffe, die ich bereits gut kenne. Ich habe schon als Kind gelernt, damit umzugehen. Sie hat mich in Skandia am Leben erhalten. Ich habe beschlossen, dass sie die Waffe meiner Wahl ist und ich meine diesbezüglichen Fähigkeiten vervollkommnen will.«
»Das könntest du auch auf einem Übungsgelände tun. Dazu brauchst du nicht meine Wachen in Angst und Schrecken zu versetzen«, sagte Duncan.
Sie lächelte entschuldigend. »Ich gebe zu, das war ihnen gegenüber nicht anständig. Aber Geldon sagte, die beste Übung sei es, wenn man die Situation so echt wie möglich macht.«
»Geldon?« Duncan zog die Augenbrauen zusammen. Geldon war ein Waldläufer im Ruhestand, der eine kleine Unterkunft auf Schloss Araluen hatte. Gelegentlich diente er Crowley, dem Obersten Waldläufer, als Ratgeber. Cassandra wurde rot, als ihr klar wurde, dass sie mehr verraten hatte, als sie wollte.
»Ich habe ihn lediglich um ein paar Ratschläge gebeten, wie man sich am besten ungesehen bewegt«, gestand sie und fügte dann eilig hinzu: »Aber er wusste nichts von der Schlinge, ehrlich.«
»Mit ihm werde ich später reden«, sagte Duncan, obwohl er keine Zweifel an ihrer Aussage hatte. Geldon würde sie gewiss nicht zu so unverantwortlichem Handeln ermuntern.
Er setzte sich und atmete einige Male tief durch, um seinen Ärger abklingen zu lassen. Dann sagte er in ruhigerem Ton: »Cass, denk doch einmal nach. Deine Eskapaden könnten dich oder auch das Schloss in ernste Gefahr bringen.«
Sie neigte den Kopf und sah ihren Vater verständnislos an.
»Jetzt, wo die Wachen wissen, was du treibst, könnten sie vielleicht manchmal ein Geräusch oder eine Bewegung im Dunkeln missachten. Wenn sie eine dunkle Gestalt durch die Büsche kriechen sehen, werden sie annehmen, du wärst es. Aber sie könnten sich täuschen. Was, wenn ein Feind versucht, ins Schloss einzudringen? Das könnte den Tod eines Wachpostens zur Folge haben. Möchtest du das wirklich verantworten?«
Niedergeschlagen ließ Cassandra den Kopf hängen, als ihr klar wurde, dass er recht hatte. »Nein«, antwortete sie leise.
»Natürlich könnte auch das Gegenteil passieren. Eines Nachts könnte ein Wachposten jemand sehen, der sich anschleicht und nicht wissen, dass es die Kronprinzessin ist. Du selbst könntest getötet werden.«
Sie öffnete den Mund, um etwas einzuwenden, doch er hob nur die Hand.
»Ich weiß, du denkst, du bist zu geübt dafür. Aber überlege doch mal. Was würde mit dem Mann geschehen, der dich getötet hat? Möchtest du, dass er das auf dem Gewissen hat?«
»Natürlich nicht«, sagte sie düster. Ihr Vater nickte, zufrieden, dass sie diese Lektion gelernt hatte.
»Deshalb möchte ich, dass du mit diesen...




