Foster | Auch keine Tränen aus Kristall | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 1, 0 Seiten

Reihe: Die Homanx-Reihe

Foster Auch keine Tränen aus Kristall

Der Homanx-Zyklus - Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-13365-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Homanx-Zyklus - Roman

E-Book, Deutsch, Band 1, 0 Seiten

Reihe: Die Homanx-Reihe

ISBN: 978-3-641-13365-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vor dem Commonwealth

Ryo ist ein Thranx, ein intelligentes Insektenwesen. Schon im Larvenstadium fiel auf, dass er anders war als seine Altersgenossen, ein Tagträumer. Im Erwachsenenalter sucht Ryo beständig nach seiner Bestimmung – es muss doch mehr im Leben geben als seine Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen? Als plötzlich haarlose, zweibeinige Ungeheuer auftauchen, die sich Menschen nennen und die Raumfahrt ebenfalls beherrschen, ist Ryo, der Träumer, plötzlich der wichtigste Thranx überhaupt …

Alan Dean Fosters Arbeiten sind breit gefächert und reichen von Science Fiction und Fantasy über Horror und Krimis bis zu Western. Er schrieb Romane zu »Star Wars« und den ersten drei Alien-Filmen sowie Vorlagen für Hörbücher, Radio und die Story des ersten Star-Trek-Films. Alan Dean Foster lebt heute mit seiner Familie in Prescott, Arizona.
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EINS


Es ist hart, eine Larve zu sein. Zuerst ist da gar nichts. Und dann wächst aus dem Nichts ganz langsam und stufenweise ein unbestimmtes, unsicheres Bewusstsein heran. Die Wahrnehmung der Welt stellt sich nicht als ein Schock ein, sondern als eine graue Unvermeidbarkeit. Die Larve kann sich nicht bewegen, kann nicht sprechen. Aber denken kann sie.

Seine ersten Erinnerungen befassten sich ganz natürlich mit dem Pflegehort: einer kühlen, schwach beleuchteten Kammer kontrollierter Bewegung und beträchtlichen Lärms. Unter der sanft gewölbten Decke unterhielten sich Erwachsene mit seinen Mitlarven. Und mit der Wahrnehmung seiner Umgebung stellte sich das Erkennen des Ichs und eines Körpers ein: einer knotigen, eineinhalb Meter langen zylindrischen Masse aus fleckigweißem Fleisch.

Durch einfache, noch nicht vollkommene Larvenaugen nahm er hungrig die beschränkte Welt in sich auf. Erwachsene, Geräte, Wände, Decke und Boden. Seine Gefährten, die Krippe, in der er lag. Und alles das war weiß und schwarz oder ein Grauton dazwischen. Das war alles, was er wahrnehmen konnte. Farbe war ein geheimnisvolles, unvorstellbares Reich, zu dem nur Erwachsene Zugang hatten. Von all den Fremdartigkeiten der Existenz beschäftigte ihn am meisten der Gedanke, was wohl blau, was gelb sein mochte – der Geschmack des ihm vorenthaltenen Spektrums.

Die Erwachsenen, die den Pflegehort verwalteten und sich um die Jungen kümmerten, waren darin geübt. Sie hatten von Generationen von Jungen dieselben Fragen gehört, Fragen in derselben Reihenfolge, die immer wieder gestellt wurden. Und doch waren sie stets geduldig und höflich. Und so gaben sie sich redlich Mühe, ihm zu erklären, was Farbe sei. Die Worte hatten keine Bedeutung, weil es keine Bezugspunkte gab, keine geistigen Landmarken, auf die sich eine Larve beziehen konnte. Es war so, als versuchte man die Sonne zu beschreiben, die die Oberfläche des Planeten erwärmte, hoch, ganz hoch oberhalb des unterirdischen Pflegehorts. In seiner Vorstellung war die Sonne ein hell leuchtendes Etwas, das ein intensives Fehlen von Dunkelheit produzierte.

Er wuchs heran, und die Helfer ließen zu, dass er sich in seiner primitiven, sich aufbäumenden wurmähnlichen Art und Weise bewegte. Pfleger bewegten sich geschäftig in dem Hort, geschäftige Erwachsene, denen die Gabe echter Beweglichkeit verliehen war. Lehrmaschinen murmelten den Lernbegierigen ihre endlosen Litaneien zu. Gelegentlich kamen auch andere Erwachsene zu Besuch, darunter auch ein Paar, das sich ihm gegenüber als seine eigenen Eltern identifizierte.

Er verglich sie mit seinen Gefährten, die wie er unruhige weiße Massen waren, die in stumpfen, schwarzen Augen und dünnen Mundschlitzen endeten. Wie er die Erwachsenen doch um ihre sauberen Linien und ihre reifen Körper beneidete, die vier kräftigen Beine, die Fußarme darüber, die entweder als Hände oder als drittes Beinpaar dienten, und die zarten Echthände darüber.

Und echte Augen hatten sie auch, die Erwachsenen. Große, aus vielen Facetten zusammengesetzte Augen, die wie eine Ansammlung strahlender Juwelen leuchteten (für ihn in hellem Grau, obwohl er wusste, dass sie orange und rot und golden waren, was auch immer das sein mochte). Sie waren seitlich an den glänzenden, herzförmigen Köpfen angeordnet, an denen ein Paar federartiger Antennen wippte, völlig weiß. Die Antennen faszinierten ihn ebenso wie all seine Gefährten. Die Erwachsenen pflegten ihnen zu erklären, dass diese Antennen für zwei Sinne zuständig waren: den Geruchssinn und den Fazz-Sinn.

Das Fazzen verstand er; die Fähigkeit nämlich, die Anwesenheit bewegter Gegenstände durch Wahrnehmung der Luftverdrängung zu entdecken. Aber was man unter ›Geruch‹ verstand, blieb ihm völlig verschlossen, ebenso wie Farbe. Und so kam es, dass er sich außer Armen und Beinen auch verzweifelt Antennen wünschte. Er sehnte sich verzweifelt danach, komplett zu sein.

Die Pfleger waren geduldig und hatten volles Verständnis für derartiges Sehnen. Antennen und Glieder würden mit der Zeit kommen. Und bis dahin gab es viel zu lernen.

Sie lehrten ihn Sprache, obwohl Larven höchstens zu einem primitiven Keuchen und Stöhnen fähig waren, mehr konnten sie mit ihren flexiblen Mundteilen nicht zustandebringen. Es bedurfte harter Kiefer und ausgewachsener Lungen und Kehlen, um die eleganten Klick- und Pfeiftöne zu erzeugen, in denen sich Erwachsene miteinander verständigten.

Aber immerhin konnte er ein wenig sehen und hören und in begrenztem Maße sprechen. Aber ohne Farben war der Gesichtssinn unvollkommen, und fazzen und riechen konnte er überhaupt nicht. Als Ausgleich erklärten ihm die Lehrer, dass kein Erwachsener auch nur annähernd so gut fazzen und riechen konnte wie die primitiven Vorfahren der Thranx, damals, als die Rasse noch ohne Intelligenz viel tiefer in den Eingeweiden der Erde wohnte, als sie es heute tat, als es noch kein künstliches Licht gab und damit der Fazzsinn und der Geruchssinn notwendigerweise viel wichtiger als der Gesichtssinn waren.

Er hörte zu und verstand, aber das machte seine Enttäuschung nicht geringer. Dann kroch er auf Wurmart über die Übungsstrecke, weil sie darauf bestanden, dass er sich bewegen musste. Aber dabei war ihm die ganze Zeit bewusst, was für ein blasser Schatten echter Beweglichkeit das doch war. Oh, wie enttäuschend das alles war!

Larvenjahre waren Lernjahre. Fast außerstande, sich zu bewegen, unfähig zu riechen oder zu fazzen und kaum imstande, sich zu unterhalten, aber mit ausreichendem Gesichts- und Gehörsinn ausgestattet, verfügte eine Larve über genügend Fähigkeit zum Lernen.

Er war ein besonders wissbegieriger Student, der alles in sich aufnahm und begierig nach mehr verlangte. Seine Lehrer und Pfleger waren zufrieden, ebenso wie die Lehrmaschine, die an seiner Krippe befestigt war. Er meisterte Hoch- und Nieder-Thranx, obwohl er keines von beiden richtig sprechen konnte. Er lernte Physik und Chemie und die Grundlagen der Biologie und damit auch, wie gefährlich jede Wasserfläche war, die tiefer als sein Thorax war, wo die Atemlöcher der Erwachsenen saßen. Ein erwachsener Thranx konnte auf dem Wasser treiben, aber nicht lange, und wenn Wasser in den Körper eindrang, dann sank er. Schwimmen war ein Talent, das primitiven Geschöpfen mit Innenskeletten vorbehalten war.

Man lehrte ihn Astronomie und Geologie, obwohl er den Himmel oder die Erde nie gesehen hatte, weil er doch unter der Oberfläche lebte. Der Pflegehort war elegant gefliest und vertäfelt. Andere Teile von Paszex, seiner Heimatstadt, waren mit Plastik, Keramik, Metallen oder Steinplatten verkleidet. In den antiken Höhlen des Planeten Hivehom, wo die Thranx sich entwickelt hatten, gab es noch Tunnels und Kammern zu sehen, die mit echter ausgewürgter Zellulose und Körperstuck verkleidet waren.

Man studierte auch Industrie und Ackerbau. Die Geschichte lehrte, wie die geselligen Arthropoden, die man als die Thranx kannte, die Herrschaft über Hivehom angetreten hatten und sich an die Existenz oberhalb und auch unterhalb der Oberfläche angepasst und sich schließlich auf andere Welten ausgebreitet hatten. Schließlich und endlich wurde auch über Theologie diskutiert, und die Larven trafen ihre Wahl.

Und dann ging es weiter zu komplizierteren Themen, während ihr Geist heranreifte. Sie befassten sich mit Biochemie, Nukleonik, Soziologie und Psychologie und den Künsten, darunter auch Jurisprudenz. Besonderen Spaß machte ihm die Geschichte der Weltraumfahrt, die Berichte über die ersten zögernden Flüge zu den drei Monden Hivehoms in schwerfälligen Raketen, die Entwicklung des Posigravityantriebs, der Schiffe durch den Abgrund zwischen den Sternen trieb. Und schließlich die Errichtung von Kolonien auf Welten wie Dixx und Everon und Calm Nursery. Und er lernte von dem blühenden Handel zwischen Willow-wane, seiner eigenen Koloniewelt, und Hivehom und den anderen Kolonien.

Wie er sich doch danach sehnte, nach Hivehom zu reisen, als er davon lernte! Die Mutterwelt des Volkes, Hivehom! Was für ein magischer, geheimnisvoller Name. Seine Pfleger lächelten über seine Erregung. Es war ganz natürlich, dass er dorthin reisen wollte. Schließlich wollte das jeder.

Und doch zeigte sich noch etwas mehr auf seinen Profilkarten: ein Undefiniertes Sehnen, das die Larvenpsychologen verblüffte. Vielleicht hing es mit seinem ungewöhnlichen Ausschlüpfen zusammen. Die normalen vier Eier hatten nicht je ein männliches und ein weibliches Paar hervorgebracht, sondern drei weibliche und ein männliches Wesen.

Die Sorge der Psychologen war ihm bewusst, aber er selbst kümmerte sich nicht sehr darum. Er konzentrierte sich ganz drauf, soviel wie möglich zu lernen, und stopfte seinen Verstand bis zum Bersten mit den Wundern der Existenz voll. Während diese seltsamen Erwachsenen etwas von ›Unschlüssigkeit‹ murmelten und ›mangelnde Bereitschaft zu tatkräftigem Handeln‹, arbeitete er sich durch die Lernprogramme und milderte ihre Besorgnis mit seiner außergewöhnlichen Wissbegierde.

Weshalb die nur nicht begreifen konnten, dass er sich nicht für ein bestimmtes Thema interessierte? Ihn interessierte alles. Aber das begriffen die Psychologen nicht, das beunruhigte sie. Und seine Familie beunruhigte es auch, weil ein Thranx an der Schwelle zum Erwachsensein stets weiß, was er oder sie zu tun vorhat – später. Verallgemeinerungen schaffen kein Leben.

Eine Weile dachten sie, er könnte vielleicht vorhaben, Philosoph zu werden; aber seine allgemeinen Interessen galten speziellen Dingen, nicht abstrusen Spekulationen. Nur die Tatsache, dass er ungewöhnlich hohe Erkenntnisse erzielte, hinderte sie daran, ihn aus dem allgemeinen Pflegehort zu entfernen und ihn in...


Foster, Alan Dean
Alan Dean Fosters Arbeiten sind breit gefächert und reichen von Science Fiction und Fantasy über Horror und Krimis bis zu Western. Er schrieb Romane zu »Star Wars« und den ersten drei Alien-Filmen sowie Vorlagen für Hörbücher, Radio und die Story des ersten Star-Trek-Films. Alan Dean Foster lebt heute mit seiner Familie in Prescott, Arizona.



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