E-Book, Deutsch, 376 Seiten
Reihe: Edition Blau
Gary Die Jagd nach dem Blau
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-85869-837-7
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 376 Seiten
Reihe: Edition Blau
ISBN: 978-3-85869-837-7
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der elternlose Ludo lebt in einem Dorf in der Normandie bei seinem Onkel, dem Landbriefträger Ambroise Fleury. Der gilt als leicht durchgeknallt und erfreut die Kinder rundum mit seinen selbst gebauten Drachen: BLAUER VOGEL, ZITTERBACKE, JEAN-JACQUES ROUSSEAU. Ludo, als wahrer Fleury, einer Familie, der die 'Fähigkeit des Vergessens' nicht gegeben ist, leidet an 'Gedächtnisüberschuss'; er kann das halbe Kursbuch der Eisenbahn aufsagen. Auch nicht aus dem Kopf geht ihm Lila, Tochter polnischer Adliger, die ihn nach Jahren des Wartens endlich auf den Sommersitz der Familie einlädt. Die Liebe ist kompliziert, im Weg steht nicht nur Lilas deutscher Cousin Hans, sondern bald auch der Krieg. Nach der Besatzung der Deutschen, verbunden mit Razzien und Deportationen, schließt Ludo sich der Résistance an, während der Onkel sieben gelbe Sterne am Himmel aufsteigen lässt.
Romain Gary war Weltkriegspilot, Filmregisseur, Diplomat und Literat. 1914 als Roman Kacew in eine jüdische Familie in Wilna geboren, kam er 1928 nach Frankreich, 1938 zur französischen Luftwaffe, 1946 in den diplomatischen Dienst, wo er den Namen Romain Gary annahm. Er schrieb rund 30 Romane und hat fünf Pseudonyme benutzt. Als einziger Autor erhielt er zweimal den Prix Goncourt, 1956 für seinen Roman Die Wurzeln des Himmels, 1975 unter dem Pseudonym Émile Ajar für Du hast das Leben vor dir. Romain Gary war mit der Nouvelle-Vague-Legende Jean Seberg verheiratet. Ein Jahr nach deren mysteriösem Tod nahm er sich 1980 das Leben.
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I
Das kleine, den Werken Ambroise Fleurys gewidmete Museum in Cléry ist heute nur noch eine zweitrangige touristische Attraktion. Die meisten Besucher begeben sich dorthin, nachdem sie im Clos Joli gespeist haben, das, da sind sich sämtliche Reiseführer Frankreichs einig, zu den bedeutendsten Stätten des Landes zählt, während auf das Museum mit dem Hinweis »Ein Abstecher lohnt sich« hingewiesen wird. In seinen fünf Räumen befinden sich die meisten Werke meines Onkels, die den Krieg, die Okkupation und die Kämpfe in der Zeit der Befreiung überstanden haben sowie all die anderen Widrigkeiten und Momente von Mattigkeit, die unser Volk durchlebt hat. Alle Papierdrachen, gleich welcher Herkunft, entspringen der volkstümlichen Bilderwelt, was ihnen immer einen leicht naiven Anstrich gibt. Die von Ambroise Fleury machen da keine Ausnahme; selbst seine letzten, im hohen Alter angefertigten Stücke zeichnen sich durch Seelenreinheit und Unschuld aus. Trotz des geringen Interesses, das das Museum hervorruft, und der bescheidenen Subventionen, die es von der Gemeinde erhält, besteht keine Gefahr, dass es seine Pforten schließen könnte, dafür ist es allzu sehr mit unserer Geschichte verbunden. Doch meist sind die Säle leer, denn wir leben in Zeiten, wo die Franzosen nicht gerade darauf aus sind, sich zu erinnern, sondern lieber vergessen wollen. Das beste Foto von Ambroise Fleury hängt gleich am Eingang des Museums. Man sieht ihn in seiner Landbriefträgertracht – mit seinem Käppi, seiner Uniform und seinen großen Tretern, auf dem Bauch die lederne Umhängetasche – zwischen einem Marienkäfer-Drachen und dem GAMBETTA, dessen Gesicht und Körper den Ballon und die Gondel darstellen, womit der radikale Republikaner bekanntermaßen während der Belagerung von Paris aufstieg und davonflog. Es gibt noch eine Menge anderer Fotos von dem, den man lange »den leicht durchgeknallten Briefträger« von Cléry nannte, denn die meisten Besucher seines Ateliers von La Motte hatten ihn geknipst, einfach aus Spaß. Mein Onkel machte bereitwillig mit. Er hatte keine Angst, lächerlich zu wirken, und beklagte sich nicht über seinen Beinamen, ebenso wenig über das »niedliche Original«; auch wenn er wusste, dass die Einheimischen ihn den »verrückten Fleury« nannten, so schien er darin sehr viel eher ein Zeichen von Achtung als von Verachtung zu sehen. In den Dreißigerjahren, als das Ansehen meines Onkels größer zu werden begann, kam der Inhaber des Restaurants Clos Joli, Marcellin Duprat, auf die Idee, Postkarten drucken zu lassen, die meinen Vormund in Uniform inmitten seiner Drachen zeigten und die mit der Aufschrift »Cléry. Der berühmte Landbriefträger Ambroise Fleury und seine Drachen« versehen waren. Leider sind diese Karten alle in Schwarz-Weiß, und man kann auf ihnen nicht die Farben- und Formenfreudigkeit erkennen, nicht die lächelnde Herzensgüte und nicht, was ich das Augenzwinkern nennen würde, das der alte Normanne gen Himmel schickte. Mein Vater war im Ersten Weltkrieg gefallen, und meine Mutter starb wenig später. Der Krieg kostete auch dem zweiten der drei Fleury-Brüder, Robert, das Leben; mein Onkel Ambroise kehrte aus diesem Krieg heim, nachdem eine Kugel seine Brust durchbohrt hatte. Zur Verständnis der Geschichte muss ich hinzufügen, dass mein Urgroßvater Antoine auf den Barrikaden der Commune umgekommen war, und ich glaube, dass dieses kleine Aperçu unserer Vergangenheit und vor allem die Namen der beiden Fleurys auf den Gedenksteinen für die Gefallenen von Cléry eine entscheidende Rolle im Leben meines Vormundes gespielt haben. Er war sehr anders geworden als jener Mann, der er vor vierzehn-achtzehn gewesen war und von dem man hier in der Gegend sagte, er habe eine lockere Hand gehabt. Man wunderte sich darüber, dass ein Kriegsteilnehmer, der die militärische Verdienstmedaille erhalten hatte, nun keine Gelegenheit ausließ, seine pazifistischen Ansichten zu bekunden, die Kriegsdienstverweigerer verteidigte und alle Formen der Gewalt verurteilte, und zwar mit einer Flamme im Blick, die letzten Endes vielleicht nur der Widerschein derjenigen war, die auf dem Grab des unbekannten Soldaten brennt. Rein äußerlich hatte er gar nichts Niedliches. Ausgeprägte Gesichtszüge, hart und eigensinnig, zu einer Bürste geschnittenes graues Haar und einen jener dichten und langen Schnurrbärte, die man als »Gallier-Schnäuzer« bezeichnet, denn die Franzosen vermögen es noch, Gott sei Dank, an ihren historischen Erinnerungen festzuhalten, selbst wenn es nur mehr die ihrer Behaarung sind. Seine Augen waren schwermütig, was immer einen guten Hintergrund für Heiterkeit abgibt. Allgemein ging man davon aus, dass er »bekloppt« aus dem Krieg heimgekehrt sei; so erklärte man sich seinen Pazifismus und auch diese Marotte, seine gesamte Freizeit mit seinen Drachen zu verbringen: mit seinen gnamas, wie er sie nannte. Dieses Wort, gefunden in einem Buch über Äquatorial-Afrika, bezeichnet angeblich all das, was von einem Lebensfunken beseelt ist: Menschen, Fliegen, Löwen, Gedanken oder Elefanten. Er hatte den Beruf des Landbriefträgers zweifellos gewählt, weil seine militärische Verdienstmedaille und die beiden Auszeichnungen mit dem Kriegskreuz ihn zu einem Vorzugsposten berechtigten, vielleicht sah er darin aber auch eine Tätigkeit, die einem Friedfertigen gut ansteht. Er sagte oft zu mir: »Mit ein bisschen Glück, mein kleiner Ludo, und wenn du gut lernst, wirst auch du vielleicht eines Tages einen Posten bei der Post ergattern können.« Ich brauchte eine Menge Jahre, um mich zurechtzufinden in dem, was bei ihm feierlicher Ernst und tiefe Ehrlichkeit war, und einer anderen, schalkhaften Ader, die jenem gemeinschaftlichen Vermögen zu entspringen schien, wo die Franzosen nach sich suchen, wenn sie sich verirrt haben. Mein Onkel sagte, dass »die Drachen das Fliegen lernen müssen wie jeder andere auch«, und vom siebenten Lebensjahr an begleitete ich ihn nach der Schule mit einem gnama, der noch herrlich nach frischem Klebstoff duftete, bald auf die Wiese vor La Motte, bald ein bisschen weiter ans Ufer der Rigole. »Man muss sie gut festhalten«, erklärte er mir, »denn sie ziehen an dir, und manchmal reißen sie sich los, sie steigen hoch in den Himmel, sie machen sich auf, dem Blau nachzujagen, und dann siehst du sie nie wieder, außer wenn andere Leute sie zerschellt hierher zurückbringen.« »Und wenn ich sie zu sehr festhalte, werde ich dann nicht mit ihnen fortfliegen?« Er lächelte, was seinen dicken Schnurrbart noch gütiger werden ließ. »Das könnte schon passieren«, sagte er. »Aber man darf sich nicht fortreißen lassen.« Mein Onkel gab seinen Drachen liebevolle Namen: FLIEGENBEISSER, SPRINGINSFELD, HUMPELBEIN, DICKERCHEN, BRUDER LUSTIG, ZITTERBACKE, CHARMEUR, und ich wusste nie, weshalb es ausgerechnet dieser ganz bestimmte Name sein musste und nicht irgendein anderer, warum ein lustiger Frosch mit Pfoten, die einem im Wind zuwinkten, TAUMLER hieß und nicht eher PLATSCH, was wiederum ein breit lächelnder Fisch war, der in den Lüften mit seinen silbrigen Schuppen und seinen rosafarbenen Flossen rauschend hin- und herwogte, oder warum er über den Wiesen von La Motte seinen ALLERWERTESTEN häufiger aufsteigen ließ als seinen MIMILE, einen Marsmenschen, den ich äußerst nett fand mit seinen runden Augen und den ohrenförmigen Flügeln, die anfingen zu wedeln, wenn er sich in die Lüfte erhob; ich übte mich darin, diese Bewegungen nachzuahmen – mit Erfolg, sodass ich bei Wettstreiten dieser Art alle meine Klassenkameraden schlug. Wenn mein Onkel einen Drachen steigen ließ, dessen Formen ich nicht verstand, erklärte er mir: »Man muss versuchen, welche zu machen, die anders sind als alle, die man je gesehen und kennengelernt hat. Etwas wirklich Neues. Aber gerade die muss man noch fester an der Leine halten, denn wenn man sie loslässt, jagen sie dem Blau nach und können unter Umständen großen Schaden anrichten, wenn sie wieder herunterfallen.« Manchmal war es so, schien mir, dass die Drachen Ambroise Fleury an der Leine hielten. Lange Zeit war das DICKERCHEN mein Liebling; sein Bauch blähte sich erstaunlich auf, wenn er an Höhe gewann, und er vollführte, sobald auch nur ein Lüftchen wehte, Kapriolen, wobei er mit den Pfoten ganz komisch seinen Wanst schlug, wenn mein Onkel die Schnur anzog und wieder locker ließ. Ich gestattete DICKERCHEN, bei mir zu schlafen, auf der Erde braucht ein Drachen nämlich sehr viel Zuwendung, denn da verliert er an Form und Leben und verzweifelt leicht. Er braucht Höhe, freie Lüfte und viel Himmel um sich herum, damit er sich in voller Schönheit entfalten kann. Mein Vormund verbrachte seine Tage in Ausübung seines Berufes, indem er die Landschaft durchquerte und den Einheimischen die Post zustellte, die er morgens im Postamt abholte. Doch wenn ich nach einem Fußmarsch von fünf Kilometern aus der Schule kam, traf ich ihn fast immer auf der Wiese...