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E-Book, Deutsch, 472 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 190 mm

Gebauer Das Prinzip Verantwortungslosigkeit

Beiträge zur Irrationalität im öffentlichen Diskurs
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-948971-18-2
Verlag: Lichtschlag Medien und Werbung
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Beiträge zur Irrationalität im öffentlichen Diskurs

E-Book, Deutsch, 472 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 190 mm

ISBN: 978-3-948971-18-2
Verlag: Lichtschlag Medien und Werbung
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Zuversicht der europäischen Aufklärung war auf den menschlichen Verstand gerichtet. Der immer besser ausgebildete Geist der Moderne sollte ein immer verlässlicheres Bild von der Realität zeichnen und Politik sich mit ihren Forderungen innerhalb der fassbaren Welt bewegen. Dem Recht kam die Aufgabe zu, einen ethisch fundierten, wissenschaftlich begründbaren und praktischen Handlungsrahmen für jedermann zu bieten. Doch statt mit diesem optimistischen Faden des Fortschritts emsig weiterzunähen, sinkt die hoffnungsvolle Moderne inzwischen zurück in gefühlige Glaubenserwägungen, verliert sie sich in Postfaktischem und Kontrafaktischem, tritt verantwortungslos Surreales an die Stelle demütigen Funktionsverbesserns. Die Weltgesellschaft ist von Irrationalität erfasst. Aber es gibt Auswege.

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Keine Biofortifikation
ohne Intelligenzfortifikation
Tischrede am Vorabend der
Haberler-Konferenz 2019 in Vaduz Einleitung Paläoanthropologisch läßt sich der derzeit einschlägige Forschungsmainstream – auf das Äußerste verkürzt – sinngemäß etwa so zusammenfassen, daß der Mensch als homo erectus circa 2 Millionen Jahre in Zentralafrika verharrte, bevor er sich auf den Weg „out of Africa“ machte. Mit einer Jahresmigrationsstrecke von 400 Metern habe dann sein Nachfolgemodell, der homo sapiens, vor rund 40.000 Jahren die Atlantikküste desjenigen Landes erreicht, das wir derzeit Spanien nennen. (Präzisionsmängel bei dieser Darstellung bitte ich, mir nachzusehen. Sie passieren, wenn pro Zeile rund 350 Millionen Jahre zusammengefasst werden.) Man muss nicht selber dabei gewesen sein, um zu verstehen: Ein solcher Ortswechsel kann nicht ohne Auswirkungen auf das Denken der Beteiligten und auf ihre Mentalität geblieben sein. Wer sich knapp zwei Millionen Jahre mit seinen Eltern und Kindern am Äquator aufgehalten hat – also an einer Stelle, an der es sonnenlaufbedingt keine Jahreszeiten gibt –, der hat ein anderes Zeitverständnis als derjenige, der sich beeilen muss, vor den Herbststürmen seine Ernte in Sicherheit zu bringen. Wo wegen der Licht- und Temperaturschwankungen nicht an jeder Pflanze alle Jahreszeiten immer gleichzeitig stattfinden und also auch nicht (wie damals am Äquator) durchgängig verzehrbereite Früchte verfügbar sein können, da musste der wandernde Mensch schnell zwei Dinge lernen: Erstens, daß es Zeit gibt. Und zweitens, daß man sich während eines Jahres immer unterschiedlich an verschiedene Umstände anpassen musste, wollte man überleben. Und weil diese Anpassungsnotwendigkeiten durch Erfahrungsgewinne über die Zeit naheliegenderweise zu immer besseren Anpassungstechniken führten, entdeckte der Mensch irgendwann, daß es etwas gibt, das er „Fortschritt“ nannte. In einer von algerischen Arbeitern im Sommer 2018 mit einem Kärcher von einer Höhlenwand gereinigten südfranzösischen Wandmalerei aus dem Jahr 37.000 vor Christussoll es nach unbestätigten Meldungen geheißen haben: „Nachdem der Vater gesagt hatte, ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘, entgegnete ihm sein Sohn ‚Ich will das aber jetzt einmal anders machen‘. Dann gingen beide verärgert in verschiedene Richtungen fort.“ Orthomolekularmediziner sind der Auffassung, daß auch wir Gegenwartsmenschen bis heute (mindestens) rein körperlich noch immer erhebliche Ähnlichkeiten mit unseren äquatorial-afrikanischen Vorfahren aufweisen, weswegen sie empfehlen, das infolge fehlender Sonneneinstrahlung demgemäß unzureichend körpereigen gebildete Vitamin D dem Körper zusätzlich in höherer Dosis als derzeit schulmedizinisch anerkannt zuzuführen. Sollte also tatsächlich zutreffen, daß wir Menschen auch 40.000 Jahre nach unserer Ankunft in Nordspanien noch immer tief in unserem Inneren mit dem Umstand einer sich stets wandelnden Umwelt und den daraus folgenden Anpassungszwängen hadern? Könnte es sein, daß die Sehnsucht nach einem paradiesischen Urzustand, das Verlangen nach einem Leben im Einklang mit der Natur und der Traum von einer biodynamisch-ökologischen Harmonie zwischen naturbelassenen Pflanzen, gewaltfrei geernteten Früchten, gentechnisch unberührten Tieren und dem modernen Menschen in Wahrheit ein archaisches Streben zurück zu den bequemen Quellen einer zeitlosen Gleichartigkeit jedes Tages in den wohltemperierten, nährstoffreichen Urwäldern beispielsweise des Kongo ist, wo nicht täglich Unwägbares die menschliche Intelligenz herausfordert, statt ihr ein relaxtes Chillen in der coolen Lounge einer gepflegten Rooftop-Bar zu gestatten? Hauptteil Die Sehnsucht des modernen Gegenwartsmenschen nach einem heilen und geradezu für heilig erklärten Urzustand der Natur ist heute allgegenwärtig. Die grüne Philosophie und ihre politischen Adepten haben nicht nur Bioprodukte und Biosupermärkte hervorgebracht, sondern auch rückstandsfreie Teesorten, biologisch abbaubare Tragetaschen, freilaufende Hühner und vieles anderes mehr. Ja, sie haben sogar bewirkt, daß die Bremssättel an einigen Hybridsportwagen nicht mehr traditionell knallrot, sondern chlorophyll-grün lackiert werden. Was aber ist dieser ursprüngliche Naturzustand tatsächlich? Leben der in ein Hemd mit Farben ohne Schwermetalle gewandete Sozialarbeiter und seine Mitbewohner*Innen in ihrer Wohngemeinschaft zwischen Komposthaufen und Insektenhotel, unter Solarpanelen und neben einem Altglascontainer, tatsächlich im Einklang mit der Natur, ganz „ohne chemische Zusatzstoffe“, wenn sie auf dem Weg zur Bushaltestelle ihre Limonade ohne Konservierungsmittel aus einem wiederverwendbaren Metallbecher trinken? Ist Fleisch wirklich Mord? Sind Käse und Milch Mißbrauch und ein Blattsalat die Veruntreuung von primärem Biodünger? Natürlich nicht. Denn im Naturzustand gibt es keine Wasserleitungen, die Flussläufe stören. Im Naturzustand fehlt die Bodenheizung und ist bestenfalls ersetzt durch ein Lagerfeuer, dessen Feinstaubimmissionen niemand messen kann. Im Naturzustand hat das Laptop keinen Strom und da, wo der Umweltaktivist heute WLAN für sein schnelles Internet schätzt, sitzt ohne Forschung und ohne Fortschritt und ohne Technik und ohne Hightech nur eine Mücke, die ihn sticht. P.J. O’Rourke (auf den zurückzukommen sein wird) hat schon vor einigen Jahren treffend angeregt, den wahren Charakter der freien Natur individuell empirisch dadurch zu verifizieren, daß man sich einem Selbstversuch unterziehe: Wenn man sich verläßlich sicher sein könne, alleine zu Hause zu sein (und der Postbote schon da war), solle man sich im Garten nackt ausziehen, in eine Hecke hüpfen und dann über den Rasen rollen. Auf diese Weise verstehe man sofort: Natur juckt. Kluge Denker haben darauf hingewiesen, daß das Bild einer rundweg positiven und freundlichen Natur bei Jean-Jacques Rousseau nur deswegen so unkritisch gemalt werden konnte, weil er sich in Südfrankreich Zeit seines Lebens einer milden und überwiegend ungefährlichen Flora und Fauna gegenübersah. Romano Guardini hat – wenn ich mich recht erinnere – ausgeführt, daß Rousseaus Denken insgesamt schon dann völlig anderes ausgefallen wäre, hätte er beispielsweise in Persien gelebt und die menschenfeindliche Umgebung einer Wüste erfahren. Kurz: Wer einmal in einer Salzwüste verdurstet, an einem Pol erfroren, von einem Tiger gefressen, von einer Springflut verschluckt oder von einem Killervirus dahingerafft worden ist, der wird aller Voraussicht nach anschließend nicht mehr unreflektiert begeistert die Rückkehr zur Natur proklamieren, sondern er wird gewisse kulturelle Anpassungsmechanismen durchaus zu schätzen wissen. Eine Überlebensration Essen oder die Medikamente, die man zu sich nimmt, dürfen gentechnisch veränderte Komponenten enthalten. Merke: Auch der härteste Gegner der Pharmaindustrie modifiziert seine Weltsicht üblicherweise in Sekunden, wenn er auf dem Behandlungsstuhl seines Zahnarztes sitzt und der ihm ankündigt, es könne nun für einen Augenblick etwas unangenehm werden. Wer das menschliche Interesse und Bemühen um ein immer besseres Verständnis von natürlichen Zusammenhängen einmal in dem Kontext des eigenen Überlebens, des Vermeidens von Schmerz und des Begrenzens von Leid erfasst und verstanden hat, der nähert sich allen Versuchen, die Abläufe der Welt zum eigenen nachhaltigen Nutzen technisch zu beherrschen, mit größerer Demut. Er lehnt Forschung und Technik fortan nicht mehr rundweg ab, sondern erkennt sie als potentiell sinnvollen Beitrag zu einer menschenwürdigen, lebenswerten Existenz für jedermann. Er begreift, warum es in den Schriften unserer Vorfahren heißt, daß der Mensch sich „die Erde untertan machen“ solle. Weil nur dann, wenn die Wirkweisen der Natur verstanden und nutzbar gemacht werden können, die Grundlage für menschliches Leben auf diesem Planeten auf Dauer gesichert werden kann. Anders als ein Dschungelbewohner am Amazonas, ein chinesischer Bergbauer in einer unzugänglichen Talschlucht oder ein Inuit irgendwo zwischen Geröllmassen und Eisbergen, wissen viele Bürger in den Ballungszentren von fortgeschrittenen Industriestaaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr ansatzweise das Glück zu schätzen, sich in einer funktionierenden Infrastruktur zu bewegen und nicht selten in Minutenschnelle praktisch Zugriff auf alles zu haben, was des Menschen Herz begehrt. Ein Arzt, ein Krankenhaus, ein Medikament, ein frisches Brot und frisches Wasser, Käse und Wein aus aller Welt, Autoersatzteile, Haushaltsgegenstände aller Art, Schlüsseldienste, Kugelschreiberminen, Ersatzbatterien, eine Steckdose, WLAN, eine Bahnhaltestelle usw. usf. Alles findet sich griffbereit. Und dennoch: Trotz (oder gerade wegen?) dieses Überflusses an Lebensbewältigungsmöglichkeiten aller Art hat eine nie dagewesene Technikfeindlichkeit die Seelen vieler...


Gebauer, Carlos A.
Carlos A. Gebauer studierte Philosophie, Neuere Geschichte, Sprach-, Rechts- und Musikwissenschaften. Neben seiner
Tätigkeit als Rechtsanwalt und Fachanwalt für Medizinrecht in Düsseldorf ist er Publizist, stellvertretender Vorsitzender des Zweiten Senates bei dem Anwaltsgerichtshof NRW und stellvertretender Vorsitzender der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft.



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