E-Book, Deutsch, 784 Seiten
Giordano Die Bertinis
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-400298-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 784 Seiten
ISBN: 978-3-10-400298-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ralph Giordano wurde 1923 in Hamburg geboren und starb 2014 in Köln. Sein Vater war Sohn eines Italieners und einer Deutschen, seine Mutter Jüdin. Besuch des Johanneums. Schulverweisung nach Erlaß der Nürnberger Gesetze. Verfolgung. Folter. Flucht. Versteck. Mai 1945 Befreiung. 1946 Beginn der journalistischen Arbeit. Ab 1964 Fernsehdokumentationen für den Westdeutschen Rundfunk und den Sender Freies Berlin und das Erscheinen zahlreicher Reportagen, Essays und Erzählungen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
Der Norden Hamburgs trug noch dörflichen Charakter, als Ahab Seelmann mit seiner Frau Kezia (was soviel wie Zimtduft heißt) aus dem Holsteinischen übersiedelte. Mitglied einer großen Sippe zwischen der Elbestadt und Lübeck – zu der er merkwürdigerweise sehr bald schon alle Beziehungen abbrach –, war der kleine, schmunzelnde, rundköpfige Jude früh selbständig geworden. Als Vertreter für bedeutende Hersteller in allerlei Kurzwaren führte ihn seine Route weit östlich, bis an Warthe und Weichsel, ja ins Ukrainische hinein. Und dort, in Winniza, wurde der Zweiundzwanzigjährige Zeuge eines Pogroms.
Die Straßen des Ghettos brannten, seine Einwohner wimmerten und beteten. Ahab, der Fremde aus Deutschland, blieb unbehelligt. Aber in die große Stadt an der Unterelbe zurückgekehrt, phantasierte er nachts häufig von um sich schlagenden Frauen: an ihren schwarzen Haaren über das Pflaster geschleift, die Röcke über die schreienden Münder gezerrt, seien sie unter freiem Himmel vor den Augen einer johlenden, gierstöhnenden Menge von riesigen Kerlen so lange geschändet worden, bis die schließlich nackten Körper nur noch einen einzigen grünblauen Fleck gebildet hätten. Erst dann seien im Lichte der kalten Sterne die Messer aufgeblitzt.
In solchen Nächten nahm Kezia, Ahabs herrliche Frau, seine fliegenden Hände in die ihren und lag still neben ihm. Er aber weinte an ihrem Leibe wie ein Kind.
Die Schreckensbilder verließen ihn nie. Als dem Paar 1875 eine Tochter geboren wurde, die es Recha nannte, glomm ihm das geheime Entsetzen seiner Rasse noch deutlicher hinter der Pupille. Obwohl in der Freien und Hansestadt, ja rings in weitem Umkreis überhaupt, keinerlei bedrohliche Anzeichen vorlagen, beobachteten Ahab und Kezia Seelmann das ahnungslos und prächtig gedeihende Mädchen doch mit Sorge. Seufzend und kummervoll fragten sie den Ewigen ihren Gott, ob sie recht daran getan hätten, ein jüdisches Kind in diese ungewisse, diese furchtbare, diese tödliche Welt zu setzen. Aber dann trösteten sie sich, daß die Zeiten des Mittelalters und der Verfolgung in diesem aufgeklärten Land, das keine Ghettos mehr kannte, für immer vorbei sein und nie wiederkehren würden.
Recha wurde ganz Kezias Sproß. Sie hatte das dichte schwarze Haar der Mutter, ihre dunklen Augen, das schmale, edle, großflächige Gesicht mit den hohen Backenknochen. Nur von der Größe Kezias – sie überragte Ahab um Haupteslänge – war nichts auf die Tochter überkommen, und ebenso wenig von der mütterlichen Sanftmut. Aber das blieb lange verborgen.
Hier Kindheit und früheste Jugend Recha Seelmanns zu schildern, hieße Platz und Zeit vergeuden. Ihr Dasein blieb geschichtslos bis zu jenem Tag, da Ahab von seinen östlichen Reisen einen adonishaften jungen Juden aus dem Galizischen mitbrachte. Recha, damals eben einundzwanzig geworden, besah ihn sich aufmerksam.
Großer Überredungskünste von seiner Seite hatte es gewiß nicht bedurft, daß sie sich nach kurzem schwanger fühlte. Und erst jetzt brachen seltsame und peinigende Eigenarten ungehemmt aus ihr hervor, gerade als hätte der männliche Samen sie freigelegt. Schon nach der ersten Liebesnacht benörgelte sie ihren Partner so ausführlich, kritisierte sie jede seiner Bemerkungen und Bewegungen so nachdrücklich, daß der schöne Mensch erschrocken fragte, ob sie ihn denn seiner Persönlichkeit und allen eigenen Willens gänzlich entkleiden wolle?
Mit dieser Frage entfachte er jedoch nur den Sturm zum Orkan, hätte es mit jeder anderen übrigens auch getan. Denn wenn jemand zu fragen hatte, dann sie, Recha Seelmann, nach der sich alle Männer die Augen aus dem Kopfe schielten! Und wenn jemand zu bestimmen hatte, dann sie erst recht, von vornherein und für alle Zeit, das war ihre Ordnung, die einzige, die sie annahm. Als der Mann nicht sogleich zu Kreuze kroch, behauptete sie, die ihm nur zu willig, ohne Gedanken an Zukünftiges, vielmehr entschieden beschäftigt mit der vollen, roten Wirklichkeit, beigelegen hatte: Zaubermittel habe er benutzt, um sie herumzukriegen, ja sie wollte sich sogar an Gewaltanwendung erinnern. Was Ahab und Kezia voraussahen, traf dann auch tatsächlich ein – Recha führte sich so dramatisch auf, daß der Liebhaber auf Nimmerwiedersehen verschwand, drei Monate, bevor sie niederkam.
Das war im Januar des Jahres 1897. Es wurde ein Mädchen, das den Namen Lea erhielt. Seinen Vater lernte es nie kennen. In die Geburtsurkunde und das standesamtliche Register aber wurde, der Wahrheit gemäß, als Religion des Erzeugers und der Mutter »mosaisch« geschrieben.
Um diese Zeit bezogen Ahab und Kezia Seelmann im nördlichen Stadtteil Barmbek ein Domizil, das sie bis zu ihrem Tode nicht mehr verlassen sollten – nahe der im dritten Stock eines hohen und, wie es schien, für die Ewigkeit gebauten Mietshauses.
Während Recha, von diesem Stützpunkt aus, ihre Schönheit genoß, mit der Männerwelt spielte und nach der Enttäuschung mit des Kindes flüchtigem Vater außer Rand und Band geriet, wuchs Lea hier hinter einer Mauer jüdischer Sorge und Liebe auf. Nie ließen die Großeltern sie allein, nie gab es auch nur eine Sekunde ohne Aufsicht. Sie schenkten ihr, als sie größer geworden war, Hunde und Katzen, um sie ans Haus zu fesseln und Gedanken an draußen, an menschliche Gespielen, gar nicht erst aufkommen zu lassen – denn dort unten, vor der Haustür, auf der Straße, begann die feindliche Welt!
Glücklich beschäftigte Lea sich mit den lebenden Geschenken und hängte ihr Herz an sie. Ihr inniges Empfinden für alles Getier zeigte sehr früh Merkmale von Überschwenglichkeit. Wann und wo immer sie Hunden, Katzen, Pferden oder Vögeln begegnete, wenn Ahab und Kezia sie spazierenführten, brach sie ungeachtet ihrer Umgebung in Schreie der Wonne und des Entzückens aus, machte aufmerksam auf Halskrausen aus Fell, auf gespitzte Ohren, stämmige Läufe, wedelnde Schweife, auf artig gehobene Pfoten und samtiges Gefieder. Allmählich richteten die Großeltern dem Enkelkind einen wahren Hauszoo ein, daß Lea bei ihnen bleibe und sich wohlfühle.
Als sie ihre musikalische Begabung erkannten, an untadelig nachgesummten oder -gesungenen Melodien von oft erheblichen Schwierigkeitsgraden, erwarben sie sogleich ein Klavier, auf daß es dem Kinde nicht langweilig werde. Stundenlang, von ihren Tieren umkreist, saß Lea nun auf hohem Schemel vor dem kostbaren Instrument und klimperte, noch bevor sie eine Note kannte, unermüdlich eigene Phantasiekompositionen auf den schwarzen und weißen Tasten. Mit sechs Jahren erhielt sie ihren ersten Musikunterricht. Doktor Aaron, der Hausarzt der Seelmanns, mit dem Ahab gelegentlich vorsichtige und unverbindliche Gespräche über Segen oder Unsegen diverser Talmud-Auslegungen führte, warnte vor Überanstrengung und innerer Erregung – Leas Gesundheit sei zerbrechlich, das Herz zu schwach, und dieser organische Mangel verantwortlich für jenen scharfen Hustenreiz im Rachen, der das Kind zuweilen überfiel. Oft stand Doktor Aaron vor Lea, betrachtete sie lange und traumverloren und verschwand dann hastig.
Bei ihrer Erziehung und Pflege wurden Ahab und Kezia Seelmann tatkräftig unterstützt von Franziska Oppenheim, ebenfalls jüdischer Herkunft, blutjung und kurz vor Leas Geburt als Dienstmädchen ins Haus gekommen. Es war Franziskas höchste Aufgabe, Lea vor körperlichem Schaden zu bewahren und ihr alle möglichen Gefahren seherisch aus dem Wege zu räumen. Winters hatte sie vor die Öfen schwere Schutzbleche zu stellen, desgleichen vor den Herd in der Küche, während der Kessel das ganze Jahr über zur Wand gekehrt sein mußte, Handlungen, die Franziska im Laufe der Jahre in Fleisch und Blut übergegangen waren.
Eine natürliche Folge von Leas Abgeschlossenheit bestand darin, daß sie neugierig wurde auf die Welt, mit der sie unvermeidbar, wenn auch zum großen Kummer ihrer Großeltern, in der Schule zum erstenmal wirklich zusammenkam. Ihr Verhältnis zu den Menschen war sofort und unwandelbar fertig – sie behandelte sie so, wie sie selbst gern von ihnen behandelt worden wäre. Sie liebte und fürchtete sie zugleich, zeigte eine glühende Bereitschaft, freundlich zu sein, zuzuhören, lauter gute Worte zu sagen, sich aufzuopfern. Ihr üppig belegtes Brot verschenkte sie stets an Bedürftige und nahm dafür deren Margarineschnitten an, die sie, entgegen ihrem Geschmack, mit verdrehten Augen wie in höchstem Genuß vertilgte. Immerfort suchte sie sich als gefällig zu erweisen. Sie war abhängig vom Wohlwollen ihrer Umwelt. Ein unbewußt kühler, schon ein nur abwesender Blick von jemandem, dem sie sich nahe fühlte, konnte sie tief erschrecken.
»Magst du mich nicht mehr?« fragte sie schüchtern und mit angehaltenem Atem. Wurden ihre Ängste zerstreut, so strahlte sie übers ganze Gesicht.
Es war ein merkwürdiges Gesicht – blaß, schmal, von schweren schwarzen Haaren umwallt, die Nase vielleicht ein bißchen zu groß geraten. Und es vermochte einen unirdischen Ausdruck anzunehmen, wenn Lea nach der Schule Ahab und Kezia atemlos entgegenflog und jubelte: »Sie mögen mich, alle mögen mich!« Dann drückten die Großeltern das selige Kind an sich, schlugen aber, allein gelassen, stumm die Hände vors Gesicht.
Obwohl jüdisch bis ins Mark ihrer Knochen, waren Ahab und Kezia Seelmann nichts weniger als fromme Leute. Der letzte Besuch einer Synagoge lag so weit zurück, daß sie sich nicht einmal mehr an das Jahr erinnern konnten. Kaum, daß sie zu Sabbat-Beginn die Kerzen anzündeten. Wohl wurde ein Unterschied zu ihrer Umgebung spürbar, aber...




