E-Book, Deutsch, Band 4, 420 Seiten
Reihe: Dan Sommerdahl
Grue Es bleibt in der Familie
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-03792-070-1
Verlag: Atrium Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sommerdahls vierter Fall
E-Book, Deutsch, Band 4, 420 Seiten
Reihe: Dan Sommerdahl
ISBN: 978-3-03792-070-1
Verlag: Atrium Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"Anna Grue ist in Dänemark so weltberühmt wie ihr Kollege Jussi Adler-Olsen - weil sie Krimis schreibt, die fabelhaft konstruiert und lebendig sind."
Elmar Krekeler (Die Welt)
In Christianssund geht ein Stalker um, der Dan Sommerdahls Freundin heimsucht. Doch bevor sich Dan dem Verfolger annehmen kann, wird er von dem Politiker Thomas Harskov gebeten, den Tod von zweien seiner Kinder zu untersuchen. Ein Sohn und eine Tochter sind in den vergangenen Jahren genau 27 Tage nach ihrem jeweils 16. Geburtstag durch Unglücksfälle ums Leben gekommen. Die Eltern leben seitdem in ständiger Angst um ihr drittes und letztes Kind, das in wenigen Wochen ebenfalls 16 wird. Dan ermittelt und stößt schon bald auf verstörende Indizien, als der Stalker seiner Freundin ermordet aufgefunden wird. Für Dan beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem nichts ist, wie es scheint.
Weitere Infos & Material
2
»… und so bleibt mir eigentlich nur noch, dir ein paar Worte zu sagen, Mutter.« Dan Sommerdahl wandte sich an das Geburtstagskind, und die Gäste ermunterten sich gegenseitig zur Ruhe. Er legte die Hand auf ihre Schulter. »Als ich ein Kind war, warst du das Wichtigste in meinem Leben, und auch wenn das wohl allen Müttern so geht, die wie du ihre Kinder allein großziehen müssen, bei dir war es sehr viel mehr als nur …« Dan fasste sich kurz, und er hoffte, der Rest der Gesellschaft würde seinem Beispiel folgen. Nach wenigen Minuten beendete er seine Ansprache: »Du bist noch immer – und wirst es immer sein – die klügste, hübscheste, stärkste und lustigste Frau in meinem Leben.« Stühle scharrten über den Parkettfußboden der Gaststätte, als sechsundachtzig festlich gekleidete Gäste sich erhoben und ein Hurra auf Birgit Sommerdahl ausbrachten, die jetzt ihre Augenwinkel mit einer Stoffserviette abtupfte.
Als Dan sich einige Augenblicke später wieder als Einziger erhoben hatte, bat er alle, die ein Lied, eine Rede oder sonst einen munteren Beitrag vortragen wollten, sich so rasch wie möglich bei ihm zu melden. Außerdem legte er – unter lautstarkem Protest – eine Zeitbegrenzung von fünf Minuten für alle Beiträge fest und erließ ein Verbot, Toasts auszubringen, bei denen man ebenso oft Hurra rufen musste, wie die Jubilarin Jahre zählte. Seine Mutter wurde in diesem Jahr immerhin fünfundsiebzig …
Kurz darauf waren alle, die etwas auf dem Herzen hatten, in die Rednerliste eingetragen. Dan faltete seine Notizen zusammen und setzte sich auf den Platz neben seiner Mutter. Sie tätschelte seine Hand und unterhielt sich weiter mit ihrem ältesten Enkel, Rasmus. Der junge Mann hatte sich aus Anlass des Tages von seinem Vater einen dunkelgrauen Anzug und ein figurbetontes rostrotes Hemd geliehen, dessen oberster Knopf offen stand. Sein helles Haar war frisch geschnitten, das Kinn rasiert. Dan erkannte seinen Sohn kaum wieder. Er sah plötzlich erwachsen aus. Erwachsen und selbstsicher. Bei seinem vierten Versuch hatte es endlich geklappt, und Rasmus war an der Filmhochschule aufgenommen worden – im Fach Regie. Er strahlte vor Freude, als er seiner Großmutter von all den großartigen Dingen erzählte, die ihn nun erwarteten.
Dans Blick schweifte zu seiner Tochter, die ebenfalls am Tisch der Jubilarin saß. Laura ging noch immer aufs Gymnasium, aber auch sie sah mit einem Mal so erwachsen aus. Vielleicht, weil sie die Haare zu einer schweren Schnecke hochgesteckt hatte – eine fast perfekte Imitation der Frisur ihrer Großmutter. Möglicherweise lag es auch an dem einfachen indigoblauen Brokatkleid, das sie wahrscheinlich in irgendeinem Secondhandladen gefunden hatte. Oder hatte es damit zu tun, dass er sie nicht mehr jeden Tag sah?
Sein Blick flog unwillkürlich drei Tische weiter zu Marianne. Seiner Frau. Exfrau, korrigierte er sich. Seiner Exgeliebten, Exehefrau, Exhexe … Nein, jetzt war er ungerecht. Eine Hexe war Marianne nie gewesen. Im Gegenteil, während der gesamten Scheidung, die er selbst zu verantworten hatte, war sie unglaublich loyal und grundehrlich gewesen. Sie fühlte sich verletzt, wütend, gedemütigt und bestand auf die Trennung. Dennoch hatte sie ihn anständig behandelt, das musste man ihr lassen.
Glücklicherweise war das Haus in der Gørtlergade nahezu schuldenfrei, sodass Marianne dort wohnen bleiben konnte, obwohl sie Dan seinen Anteil ausbezahlt hatte. Er konnte sich ein gebrauchtes Audi A4 Cabriolet sowie die Anzahlung einer gemütlichen Zweizimmerwohnung an der Hafenpromenade leisten. Den Hund und die Kinder sah er regelmäßig, doch Marianne hielt Abstand. Ihre Toleranzgrenze hat während der Scheidung möglicherweise ein wenig gelitten, dachte er. Eigentlich kein Wunder.
Sie unterhielt sich lebhaft mit ihrem Tischnachbarn, dem örtlichen Küster. Mariannes dunkle Augen leuchteten hinter den langen Strähnen ihres Ponys, die ihr über die Stirn fielen, und Dan dachte wie schon Tausende Male zuvor, dass sie die Ausstrahlung eines frechen Shetlandponys hatte. Klein, muskulös. Energisch. Und dann dieser Pony, an dem sie immer herumfingerte, wenn sie sich ereiferte. Jetzt legte sie den Kopf in den Nacken und lachte. Sie drehte ihm den Kopf zu und fing den Blick ihres Exmannes auf. Sofort wandte sie sich ab, als könnte allein sein Anblick sie verletzen. Dan schüttelte nur den Kopf.
»Dan, was ist denn?«
Er sah seine ältere Schwester an. »Ach, weißt du …«, sagte er und zuckte die Achseln. »Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, Bente.«
»Doch, wirst du. Es ist noch nicht mal ein Jahr her. Lass dir Zeit.«
»Ich habe gehört, Frauen fällt es leichter?«
Jetzt zuckte sie die Achseln. »Mir nicht«, erwiderte sie dann. »Es war eine harte Zeit. Oder … ist es eigentlich noch immer.«
»Ruft er dich immer noch zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten an?«
»Meist zu unmöglichen.« Bente schnitt eine Grimasse. »Er hat ein ausgeprägtes Gespür dafür, wann ich gerade eingeschlafen bin oder Gäste zum Abendessen habe.«
»Du musst das Telefon doch nicht abnehmen.«
»Aber er braucht mich, Dan.«
»Das ist es ja, was ich sage: Für Männer ist es schlimmer.«
Bente schüttelte lächelnd den Kopf.
Dan aß den Rest seiner Suppe. Immer hatte er das Gefühl, seiner Schwester etwas zu schulden. Nähe, Fürsorge. Irgendetwas. Vor ein paar Jahren hatte Bente Petri eingewilligt, ihm bei einem komplizierten Fall als Lockvogel zu dienen. Glücklicherweise war unbeschadet davongekommen. Dan lebte seit den Ereignissen damals mit einer langen blanken Narbe an seiner linken Wange und hatte sich nie wirklich verziehen, sie in die Sache hineingezogen zu haben.
Er sah sich um. Die meisten Geburtstagsgäste hatten die Vorspeise beendet, die Raucher kehrten allmählich von ihrem ersten Aufenthalt im Garten auf ihre Plätze zurück.
Zeit für die nächste Rede.
Dan erhob sich und klopfte an sein Glas.
*
Bereits zehn Minuten vor elf konnte der Wirt sein Personal mit dem Abräumen der Tische beauftragen. Die Geburtstagsgesellschaft zog in den Raum, der normalerweise als Versammlungszimmer des lokalen Dartclubs genutzt wurde. Hier standen Kaffeetassen und Petits Fours auf den Tischen, man konnte sich selbst bedienen, bis der Saal zum Tanzen vorbereitet war.
Dan ging auf den Parkplatz und rief Kirstine an. »Geht’s euch gut?«
»Sehr. Julius ist so groß geworden, Dan. Er kann fast schon alleine sitzen.«
»Wie schön … Was habt ihr gegessen? Wieder Fastfood?«
»Fie hat Sushi geholt. Es war superlecker. Wie läuft’s bei euch?«
»Wir sind beim Kaffee.«
»Genießt sie ihren großen Tag?«
»Mutter? Sie ist begeistert.«
»Hast du deinen Job als Toastmaster hinter dir?«
»Gott sei Dank! Diese Leute hier sind nicht zu bändigen. Lieder und Gedichte, Sketche, Ratespiele, Reden, man glaubt es kaum. Ich werde mich jetzt besaufen.«
»Dann schläfst du heute Abend nicht hier?«
»Nein, heute nicht, Kis.«
»Ich könnte den Zug nach Christianssund nehmen, wenn die Mädchen gegangen sind? Dann warte ich auf dich in der Wohnung, bis du von dem Fest nach Hause kommst.«
»Kirstine, ich …«
Sie atmete tief durch. »Nein, nein, du musst nichts erklären«, sagte sie dann. »Ich habe begriffen, dass ich nicht erwünscht bin. Mach’s gut.« Sie beendete das Gespräch, und Dan stand in der Dunkelheit und fühlte sich wie ein Idiot. Schließlich hatte sie ja recht. Sie nicht erwünscht. Jedenfalls nicht hier und nicht jetzt. Alles war noch immer viel zu frisch.
In den letzten Wochen hatte er sich immer wieder mit Kirstine gestritten, weil Dans Mutter sie nicht zu ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag eingeladen hatte. Nicht, weil sie Kirstine nicht mochte. Im Gegenteil, sie schätzte sie ungemein. Aber Birgit wollte unbedingt Marianne auf ihrem Fest haben – Marianne, die Mutter ihrer beiden Enkelkinder. Sie kannten und liebten sich seit einem Vierteljahrhundert. Doch wenn Marianne kam, konnte Kirstine nicht teilnehmen. Das wollte sie Dans Exfrau einfach nicht zumuten. Noch nicht. Dafür musste Dan doch Verständnis aufbringen. Er war ein wenig beleidigt, akzeptierte dann aber die Entscheidung seiner Mutter. Birgit hatte ja recht. Wenn die Feier in einem Jahr erst stattgefunden hätte, wäre es vielleicht anders gewesen. Aber nicht jetzt.
Kirstine konnte die Sache nicht ganz so gelassen sehen. Im Gegenteil, sie machte die ausbleibende Einladung zu einem zentralen Punkt. Es war ihrer Ansicht nach geradezu ein Zeichen dafür, wie Dans Familie sich ihr gegenüber verhielt – was ausgesprochen ungerecht war, da alle sie von Anfang an mochten. Aber so war das mit Kirstine. Alle liebten sie. Nicht nur, weil sie wie eine jüngere Ausgabe von Grace Kelly in Brünett aussah oder eine berühmte Schauspielerin war. Nein, sie nahm die Menschen mindestens ebenso sehr mit ihrem Wesen für sich ein. Mit ihrer Herzlichkeit, ihrer Intensität, ihrem Humor. Sie war großartig, jedenfalls solange es nicht um diese für sie unerreichbare Geburtstagsfeier ging. An diesem Punkt benahm sie sich, als würden sie alle wieder in die dritte Klasse gehen und Geburtstagseinladungen als harte Währung auf dem Schwarzmarkt des Schulhofes einsetzen.
»Dan Sommerdahl? Haben Sie einen Moment Zeit?« Ein ungefähr fünfzigjähriger, kompakt gebauter Mann mit Vollbart unterbrach seine Gedanken.
Sie gaben sich die Hand. Dan hatte den Mann sofort erkannt. Thomas Harskov saß im Folketing und wurde von den politischen Kommentatoren mehrerer Zeitungen als der...




