E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Reihe: Frieling - Erfahrungen
Guthörl Mit 82 nach Berlin – Aufbruch in ein neues Leben
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8280-3865-3
Verlag: Frieling & Huffmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aufbruch in ein neues Leben. Erinnerungen und Erfahrungen
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Reihe: Frieling - Erfahrungen
ISBN: 978-3-8280-3865-3
Verlag: Frieling & Huffmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als sich die lebenslustige Ursula mit Anfang achtzig entschließt, ihre Zelte in Luxemburg abzubrechen und nach Berlin zu ziehen, erntet sie Erstaunen und Anerkennung. Für die alterslose Frau, die neugierig auf die Zukunft ist, nie aufhört, Pläne zu schmieden, und sich optimistisch den Veränderungen des Lebens stellt, ist dieser Umzug nur eine weitere Aufbrucherfahrung in ihrem erkenntnisreichen Leben. In Form eines Tagebuchs beschreibt Ursula den Abschied von Luxemburg sowie ihren neuen Lebensabschnitt in Berlin und lässt dabei ihre Gedanken immer wieder auch in die Vergangenheit schweifen. Ursula blickt zurück auf ihre Begegnungen mit der Liebe, betrachtet das Leben und die Menschen, die ihren Lebensweg gekreuzt haben, und reflektiert darüber, wie sehr die indische Philosophie ihr Denken und ihr spirituelles Sein geprägt hat.
Die Lebensfreude, die in Ursulas Worten und Schilderungen streckt, ist geradezu ansteckend. Wer die Ansicht vertreten sollte, dass man mit achtzig zum „alten Eisen“ gehöre und Veränderungen scheuen müsse, wird eines Besseren belehrt.
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VORWORT Mit 77 habe ich beschlossen, im Alter von 80 von Luxemburg nach Berlin zu ziehen, denn dann wird, falls alles gut geht, meine neue Eigentumswohnung bezugsfertig sein. Ich (be)wundere mich selbst ein bisschen, wie es meine Entschlusskraft geschafft hat, besorgtes, träges Anhaften zu überwinden, um nach über 50 Jahren Gewohntes und Bequemes hinter mir zu lassen. Geholfen haben mir wahrscheinlich frühere Aufbruchserfahrungen, wenn ich fast keinen Ausweg aus der gegenwärtigen Misere mehr sah. Mit 22 Jahren kündigte ich nach vier Jahren meine schlecht bezahlte Stelle bei einer französischen Bank in Saarbrücken, um als „Mother’s help“ in London besser Englisch zu lernen. Ich hatte den Plan, Flugbegleiterin (damals: Stewardess) zu werden. Das verwirklichte sich (zum Glück) nicht, weil sie mich zu klein und meine Handgelenke zu schwach fanden. Als Trost sagte die Prüferin: „Sie haben eine künstlerische Begabung.“ Damit konnte ich wenig anfangen und bewarb mich bei den Röchling’schen Eisen- und Stahlwerken in Völklingen als Betriebssekretärin in den Kohlenwertstoffbetrieben. Mein ehemaliger Chef bei der Bank hatte mir diesen Tipp gegeben und für mich im Personalbüro angerufen. Ich hätte auch als seine Sekretärin bei der Dresdner Bank anfangen können, doch Bank interessierte mich nicht mehr. Außerdem rauchte Herr Hell Zigarre, was ich schlecht vertrug, so sympathisch er mir sonst war. Die Völklinger Hütte hatte einen gewissen Nimbus damals im Saarland. Fünf Jahre erduldete ich das Martyrium in dieser belastenden, stinkenden Dreckschleuder, und saß abends meistens zu Hause deprimiert bei meinen Eltern herum, weil ich in unserem kleinen Industrieort Göttelborn keinen Freundeskreis hatte und einige Liebesbeziehungen auch nicht von Dauer waren. Mit 25 Jahren dachte ich, mein Leben wäre ohne Perspektive, und ich spielte mit dem Gedanken, es wegzuwerfen. Doch das hätte ich meinen Eltern nicht antun können. Außerdem hielt ich es für Sünde. Über diese Phase meines Lebens habe ich bereits geschrieben. Sie ist ferne Vergangenheit. Ungefähr ab 29 hat sich das Blatt zum Glück gewendet, als ich nach Luxemburg auswanderte. Von 1966 bis 1998 war ich sozusagen „Beamtin auf Lebenszeit“ bei der Europäischen Kommission. Dort kamen mir nun meine französischen und englischen Sprachkenntnisse zugute. Im Großherzogtum habe ich mich weiter bemüht, die wahre Liebe zu finden, jedoch vergebens. Die ist mir erst im Alter von 44 in Pondicherry (Südindien) begegnet. Leider starb mein jordanisch-palästinensischer Liebster bereits eineinhalb Jahre später mit 30 Jahren durch Ertrinken im Indischen Ozean. Ich blieb also Single. Ein anderer Mann, den ich auf allen Ebenen akzeptieren und lieben konnte, ist mir nicht ein zweites Mal begegnet. Scheinbar hast du jetzt andere Aufgaben während dieser Lebensphase zu erfüllen, dachte ich und nahm sie wohl oder übel bereitwillig an. Der Aufbruch nach Südindien veränderte mein Dasein grundlegend. Nach dem Tod meiner Mutter entwickelte sich meine innere spirituelle Neigung immer mehr. Sie brachte mich in Kontakt mit dem „Yoga“ (ich würde ihn eher Philosophie nennen) von Sri Aurobindo und Mirra Alfassa. Also nahm ich mir einen unbezahlten Urlaub von drei Jahren bei der Europäischen Kommission und begab mich 1980 zum ersten Mal nach Auroville und Pondicherry in Südindien. Darüber habe ich ein Buch mit dem Titel „Wasser-Morgen“ geschrieben und im Selbstverlag veröffentlicht. Weil ich Berlin recht interessant finde und auch einige Freundinnen und Freunde dort leben, hat mir meine Intuition eingegeben zuzugreifen, als mir Barbara ein neues Bauprojekt an der Spree zeigte. Ich fackelte daher nicht lange und unterschrieb den Kaufvertrag. Ein wenig besorgt war ich allerdings, als ich den Tank einer Heizölfirma schräg hinter meiner zukünftigen Wohnung sichtete. Als ich näher daran vorbeiging, stieg ein Hauch von Heizöl in mein geruchsempfindliches Näschen. Angesichts der zahlreichen Vorteile des Bauprojektes am Goslarer Ufer wischte ich jedoch diesen Nachteil kurzentschlossen beiseite. Schließlich rieche ich in Luxemburg auch manchmal das Benzin der Flieger, die vom nahen Flughafen (ca. 3 km entfernt) aufsteigen. Auch der Autolärm am frühen Morgen stört mich zunehmend. Also die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht. Gegen Ende 2016 ist die Fertigstellung der Gebäude geplant. Nun braucht es noch ein wenig Geduld und Spucke, bis ich meine neue Heimat – sozusagen als Alterssitz – erobern oder eher gewinnen kann. Luxemburg ist mir nach 50 Jahren langweilig geworden, und ich habe ein Gefühl, als ob ich noch einen Aufbruch und neue Erfahrungen in einer andern Umgebung brauche. Außer Emmy habe ich keine engeren Freundinnen im Großherzogtum. Im allmählich ansteigenden Alter würde ich im Großherzogtum zur Einsiedlerin mutieren. Falls irgendwann mein Führerschein nicht mehr verlängert würde, könnte ich mich nicht mehr frei bewegen und meine Besorgungen machen. Luxemburg ist in dieser Hinsicht weniger großzügig als Deutschland, wo man unbegrenzt vom Alter Auto fahren darf. In eine Pflegeeinrichtung würde ich auch nur mit größtem Widerwillen einziehen. Meine fast vegane Ernährungsweise könnte ich dort wohl kaum durchziehen. Auch die ständige Gefahr, vom Personal oder von Mitbewohnern im Zimmer überrascht zu werden, würde ich schlecht ertragen. Deshalb muss ich Vorkehrungen treffen, solange ich körperlich noch in der Lage dazu bin. In Berlin scheint es auch relativ einfach zu sein, sich, falls notwendig, in der eigenen Wohnung betreuen zu lassen. Die Berliner Wohnung würde sich, im Gegensatz zur Luxemburger Behausung, gut für fremde Pflegekräfte eignen. In der Zwischenzeit versuche ich nun, die Erfahrungen beim Wohnungsbau aufzuschreiben. Auf diese Weise langweile ich mich nicht während der Wartezeit, und für andere Menschen könnte mein Beispiel vielleicht ebenfalls aufschlussreich sein. Wenn ich Leuten von meinem Umzugsvorhaben mit 80/81 nach Berlin erzähle, sehe ich Erstaunen und eine gewisse Anerkennung dieser späten Initiative in ihren Augen. Die meisten hätten scheinbar nicht mehr die Traute dazu, im höheren Alter ein solch anstrengendes Projekt in Angriff zu nehmen. Mir ist bewusst, dass sich Verlage nicht gerade um unbekannte alte Autoren reißen. Darum kümmere ich mich jedoch nicht, wenn die Lust zum Schreiben über mich kommt. Immerhin habe ich kürzlich im Radio gehört, dass Filme und Bücher über und von Menschen fortgeschrittenen (fortschrittlichen?!) Alters immer gefragter und erfolgreicher werden. Das klingt ja nicht schlecht. Wahrscheinlich kaufen ältere Semester mehr Gedrucktes als junge. Wer weiß, was der Kosmos – oder wer auch immer – für mich noch in petto hält? Schon in jungen Jahren hatte ich die vage Ahnung, dass ich erst im hohen Alter meine Bestimmung erreiche. Also creme und massiere ich tapfer meine Falten und halte mein Gewicht unter 50 kg, damit ich auch äußerlich fit und halbwegs ansehnlich bleibe, sollte mich der schriftstellerische Erfolg wider alle Vernunft im Greisenalter doch noch überraschen. Wenn nicht, verlasse ich meinen Körper wenigstens mit dem Gefühl, mein Möglichstes getan zu haben. Auf der anderen Ebene sind die irdischen Erfahrungen und Resümees vielleicht auch nicht ganz ohne Sinn, und im nächsten Leben könnte ich eventuell darauf aufbauen. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich allerdings das Abenteuer „Erde“ lieber nicht erneut absolvieren, da die Zukunftsaussichten für unseren Planeten nicht gerade rosig sind. Die Umsiedlung nach Berlin erscheint mir außerdem in gewisser Weise wie eine Vorübung zum endgültigen Abgang von der irdischen Bühne. Das Anhängen an der Materie und an Gewohnheiten sollte man überwinden, um gut vorbereitet, mit leichtem Gepäck, in der jenseitigen Welt einzutreffen und ohne allzu langes Herumirren den richtigen Ort zu finden – vielleicht auch wiederzufinden. Bei dieser Gelegenheit bin ich auch gezwungen, meine Schränke zu entrümpeln. Dazu kann ich mich nur unter Druck überwinden. Im Grunde neige ich nämlich eher zum Horten und Bequemsein. Das heißt allerdings nicht, dass ich so bald wie möglich die Erde verlassen möchte. 51 Jahre Luxemburg scheinen jedoch ausreichend für mich zu sein, obwohl es viele gute Möglichkeiten für ein bequemes Leben in diesem kleinen Ländchen gibt. Allerdings hat sich auch einiges zum Nachteil verändert. So ruhig und gemütlich wie in früheren Jahren ist es nicht mehr. Die ganze Stadt ist eine Baustelle, und der Autoverkehr hat stark zugenommen, sogar auf der Nebenstraße vor meiner Wohnung in Senningerberg. In die Innenstadt fahre ich nur noch per Bus, wenn es unbedingt notwendig ist. Das Auto parke ich außerhalb auf dem Kirchberg. Also breite ich nach und nach meine Flügel aus und stelle mir vor, ab Herbst 2017 (inzwischen wurde die Fertigstellung der Wohnung um ein Jahr verschoben) in Berlin gut gelaunt...