E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Haußmann (Hg) / Harries-Hedder / Ahrens Jetzt wird es spannend
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-347-14279-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichten zu dritt
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
ISBN: 978-3-347-14279-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jetzt wird es spannend, denn die elf Autorinnen dieses Erzählbandes haben sich auf das Experiment des kollektiven Schreibens eingelassen. Zu dritt eine Geschichte in aufeinanderfolgenden Kapiteln zu schreiben, die schlüssig und plausibel erzählt wird, ist eine Herausforderung. Das literarische Werkzeug ist der 'Cliffhänger', der den Spannungsbogen von Kapitel zu Kapitel treibt und die drei Autorinnen einer Geschichte miteinander verbindet. In drei Büchern sind fünfzehn Erzählungen mit jeweils vier Kapiteln thematisch organisiert. Sie sind inspiriert von Beobachtungen im Alltag, von Glücksmomenten und Momenten des Scheiterns und zeigen nicht nur die Ängste und Hoffnungen ihrer Figuren, sondern auch deren Abgründe und Möglichkeiten.
Renate Haußmann ist Autorin für kreatives Schreiben und Gründerin des Instituts SCHREIBWEISE HAMBURG.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Das Mädchen im Kirschbaum Kapitel 1 Das Mädchen im Kirschbaum Sabine Hammer Kapitel 2 Freier Fall Renate Haußmann Kapitel 3 Kirschenprinzessin Manon Haccius Kapitel 4 Kirschkernkissen Sabine Hammer Das Mädchen im Kirschbaum Sie wollte gerade die löchrige Küchengardine wieder zuziehen. Da sah sie im dämmrigen Abendlicht die Umrisse des Mädchens auf der obersten Leitersprosse. Und wieder, wie all die Tage davor, stand es regungslos, seinen Kopf in Richtung Bahnsteig gedreht. Erwartete es jemanden? Suchte es Zuflucht im dichten Blätterwerk des Kirschbaums? Neugierig spähte sie in Nachbars Garten, doch die zunehmende Dunkelheit kaschierte alles und ließ die Konturen in einem tiefen Schwarz verschwinden. Gleich morgen früh, bevor sie ihre Wochenmarkteinkäufe tätigte, wollte sie ihr Fernglas auf die Fensterbank legen. Vielleicht konnte sie damit etwas entdecken, was Antworten auf ihre Fragen gab. Das leichte Unbehagen, eine Voyeurin zu sein, schluckte sie am nächsten Tag mit dem ersten Milchkaffee herunter. Sie öffnete das Fenster, schloss die Augen, genoss die sommerliche Morgensonne und freute sich über das fröhliche Amselgezwitscher. Eine bedrohlich klingende Männerstimme holte sie jäh aus ihrer Entspannung. „Komm sofort herunter! Ich weiß, dass du dich wieder im Baum versteckst. Ich zähle bis drei, dann bist du in deinem Zimmer und wehe nicht, sonst setzt es was!“ Mit zittrigen Fingern nahm sie das Fernglas, drehte so lange am Rädchen, bis sie ihr Motiv scharf fokussieren konnte. Es erschien der Baumstamm mit seiner knorrigen Rinde und die an ihm lehnende Holzleiter. Und da saß das Mädchen auf einem Brett in der obersten Astgabel. Es hielt etwas in der Hand. War es ein Buch? Neben ihm stand eine glänzende Metallkassette, in die es ab und an hineingriff. Das Mädchen war wie immer ganz schwarz gekleidet, fast unsichtbar, krähenartig. Nur dass kein Laut von ihm zu hören war. Es machte keinerlei Anstalten, seinen Rückzugsort zu verlassen. Im Gegenteil. In aller Ruhe holte es aus der glitzernden Box einen Zettel, einen Stift, schrieb etwas auf und steckte dann das Papier in eine winzige Asthöhle über seinem Kopf. Da sie von ihrem Beobachtungsposten aus nicht erkennen konnte, was das Mädchen schrieb, zog sie es vor, erst die Einkäufe zu erledigen und ihre Recherchen am Nachmittag fortzusetzen. Beim Verlassen der Wohnung hörte sie erneut sein Brüllen. „Mach, was ich dir sage, und zwar sofort! Wenn du dich weiter weigerst und nicht das tust, was ich von dir verlange, kannst du die Nacht dort oben verbringen. Ich werde die Leiter in den Schuppen stellen. Du wirst schon sehen, was du davon hast! Du wirst frieren und hungern.“ Sollte sie sich einmischen und Zivilcourage beweisen? Könnte sie diesen Vater überhaupt beruhigen? Er flößte selbst ihr Angst ein. Sie nahm sich vor, noch am heutigen Tag fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zögernd stieg sie auf ihr Rad und fuhr zum Wochenmarkt. An einem Obststand lachten sie die ersten saftigen roten Süßkirschen an. Unweigerlich musste sie an das Mädchen im Baum denken. Von nun an nannte sie es ‚Cherry’. Auf dem Weg nach Hause sprach sie beim Jugendamt vor und schilderte einer Sozialarbeiterin, was sie beobachtet hatte und ihre Sorgen um das Mädchen. Sobald ihr Dienstplan es zuließe, versprach die Familienhelferin einen Hausbesuch zu machen, um sich vor Ort ein eigenes Bild von der Familie zu verschaffen. Beim anschließenden Blick aus dem Küchenfenster stellte sie sofort fest, dass die Leiter nicht mehr am Stamm lehnte, dass aber Cherry auf ihrem Brett stand und zum Bahnsteig schaute. Durch das Fernglas konnte sie auch erkennen, dass sie Kirschen aß und die Kerne im hohen Bogen Richtung Bahnsteig spuckte. Gedankenverloren tat sie es dem Mädchen gleich. Sie verzehrte eine nach der anderen von diesen köstlichen Früchten und beim Weitspucken empfand sie geradezu ein kindliches Vergnügen. Plötzlich drehte sich das Mädchen ruckartig um und schaute in ihre Richtung. Sie nutzte die Gelegenheit und rief ihm zu: „Hallo, hier bin ich, im Nachbarhaus. Hast du Lust mich zu besuchen?“ Schon verschwand Cherry wieder im Blätterdickicht. Doch ein paar Minuten später schritt sie langsam und aufrecht ihren heimischen Plattenweg entlang zur Gartenpforte. Ihr majestätischer Gang passte nicht zu ihrem schwarzen Schlabberlook. Ehe sie sich versah, stand ein Mädchen mit großen, rehbraunen Augen und einem ernsten, unkindlichen Gesichtsausdruck vor ihr. Sie ignorierte ihre ausgestreckte Hand, ging an ihr vorbei in die Küche und setzte sich auf einen Stuhl. Sofort wollte sie von ihr wissen, wie alt sie sei, in welche Klasse sie gehe, und vor allem wollte sie erfahren, was sie tagtäglich in dem Kirschbaum mache. Cherry presste ihre Lippen aufeinander, zog ihre Stirn kraus und antwortete nicht. War sie taub oder gar taubstumm? Als sie ihr anbot, sie nach Hause zu begleiten, begann sie hektisch aus einer Tasche ihrer übergroßen Strickjacke etwas hervorzuziehen. Sie hielt ihre Glitzerschachtel in der Hand, aus der sie mehrere Zettel und einen Stift entnahm. Mit Großbuchstaben schrieb sie auf ein Blatt NEIN, auf ein anderes die Zahl 9, darunter eine 4 und auf einen neuen Zettel schrieb sie FREIHEITSLIEBE. Sie konnte also hören, aber nicht sprechen. Verwundert schaute sie das Mädchen an. In seinem Blick sah sie jetzt keine Traurigkeit mehr, eher eine unbändige, wilde Entschlossenheit. Zaghaft wollte sie es am Arm berühren, doch es zuckte zurück, versteifte seine Körperhaltung und rückte vom Tisch ab. Sofort zog sie ihre Hand zurück. Sie wollte es auf keinen Fall verschrecken. Seine Einwortsätze, die alle wichtigen Informationen enthielten, faszinierten sie. Behutsam wies sie das Mädchen darauf hin, dass es schon spät sei, und sie zuhause bestimmt von ihrem Vater erwartet werde, worauf sie ihr erneut den NEIN-Zettel hinlegte, und jetzt begriff sie. Auf ihre Frage, ob sie am Sonntag wiederkommen möchte, schrieb sie JA. Am nächsten Tag empfing sie Cherry mit frisch gekochter Kirschmarmelade und einem Zettelkasten. Sie konnte nun für ihre Antworten verschiedene Farben auswählen. Nach einer Stunde war der Küchentisch mit kleinen bunten Vierecken übersät. Beide spürten, wie sich in der wohltuenden Stille eine Beziehung zwischen ihnen anbahnte. Eine Woche später lächelte Cherry sie zum ersten Mal beim Abschied an. Doch sie unterdrückte ihren Impuls, das Mädchen zu umarmen. An einem lauen Sommerabend öffnete Cherry ihr Küchenfenster und schrieb zwei Wörter auf einen grünen Zettel FREIHEIT ATMEN. Längst hatte sie verstanden, was dem Mädchen der Kirschbaum bedeutete: allein und für andere unsichtbar sein, träumen dürfen, atmen können und, vor allem, sich frei fühlen. Nach einigen Tagen stand die Leiter wieder am inzwischen fast völlig abgeernteten Kirschbaum. Durch das Fernglas entdeckte sie Cherry. Sie stand in einer Astgabel und ihre geöffnete Schachtel befand sich neben ihr auf dem Brett. Mit einer Hand hielt sie sich am Stamm fest, mit der anderen holte sie einen Zettel nach dem anderen aus einem Hohlraum und steckte diese in ihre Box. Wenige Minuten später stand sie in der Wohnung vor ihr, nickte ihr zu, ging in die Küche, räumte den Tisch frei und verteilte auf ihm ihre Zettellawine. Sie las und staunte, dass aus diesem introvertierten, wortkargen Mädchen so viel Lebensweisheit hervorquoll. Es ließ sie in seine Seele schauen und an seinen Gedanken und Gefühlen teilhaben. Nun wusste sie endgültig, dass es Vertrauen zu ihr gefasst hatte. Was sie zu lesen bekam, erinnerte sie an ihren Schulalltag und an die von ihr auf die Tafel geschriebenen Themenvorschläge für Besinnungsaufsätze, wie z.B.: „Was ist Glück?“ „Kann man sich in Gefangenschaft trotzdem frei fühlen?“ „Verletzt sich jemand auch selbst, wenn er anderen wehtut?“ Hier bekam sie bruchstückhaft Antworten auf diese Fragen. Die philosophischen Kurzbotschaften dieses jungen Mädchens zeigten ihr einerseits, wie sehr es sich nach Geborgenheit und Liebe sehnte und andererseits wurde seine Angst vor Nähe und den damit verbundenen erneuten Enttäuschungen deutlich. Sie wollte für das Mädchen da sein, es begleiten. Auch wenn es nicht mit ihr sprach, verstand sie es von Tag zu Tag besser. Woche um Woche verbrachten sie viele Stunden gemeinsam in der Küche. Alle mittlerweile eng beschriebenen Zettel...