E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Hoeder Ökorassismus
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28497-5
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie Weiße unsere Welt zerstören
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-446-28497-5
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ob eine Person neben einer Mülldeponie oder im Grünen lebt, indigene Gemeinschaften zugunsten des westlichen Konsums enteignet oder durch »green gentrification« ganze Personengruppen verdrängt werden - all das ist kein Zufall, dahinter steckt Ökorassismus. Auch die fortschreitende Erderwärmung trifft systematisch People of Color, während der weiße Westen von einem Lebensstil profitiert, der die Welt an den Abgrund bringt.
Eindrücklich zeigt Ciani-Sophia Hoeder, warum Bambuszahnbürsten die Welt nicht retten und was hinter »grünen Nazis« steckt. Ein Buch über die oft unsichtbaren Zusammenhänge zwischen Ökologie und Rassismus - aufrüttelnd, persönlich und hochaktuell.
Ciani-Sophia Hoeder ist freie Journalistin sowie Gründerin von RosaMag, dem ersten Online-Lifestylemagazin für Schwarze FLINTA* in Deutschland. Sie studierte Politik und Journalismus in Berlin und London. Bei hanserblau erschienen bisher zwei Bücher von ihr, 'Wut und Böse' (2021) und 'Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher' (2023).
Autoren/Hrsg.
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Klimakiller Rassismus
Wie kann die Erderwärmung rassistisch sein? Rassismus ist ein soziales Konstrukt. Klimawandel ein naturwissenschaftliches Phänomen. Auf der einen Seite: Narrative, Macht, Ideologien. Auf der anderen: CO2, schmelzende Gletscher, steigende Meeresspiegel. Zwei getrennte Welten? Sozial. Biologisch. Weit voneinander entfernt.
Doch dieser Planet existiert nicht losgelöst von gesellschaftlichen Realitäten — in unserer Welt entscheiden Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht darüber, wer sich schützen kann — und wer nicht.
Der Klimawandel ist nicht rassistisch. Seine Folgen sind es — weil sie sich entlang bereits existierender Ungleichheiten entfalten. Sie treffen Schwarze Menschen, Native Nations und People of Color weltweit besonders hart: in den Townships von Kapstadt, wo das Wasser versiegt. In den überfluteten Gassen von Dhaka, wo Kinder durch braune Brühe waten. In den verdorrten Feldern des Sudan, wo der Regen ausbleibt und der Hunger wächst.Währenddessen sitzen die Hauptverursacher — mehrheitlich Menschen im Globalen Norden — in der Kühle ihrer mit Klimaanlagen ausgestatteten Häuser.
Die, die den Planeten ruinieren, kommen oft besser durch die Krise. Die, die am wenigsten zur Erderhitzung beitragen, zahlen den höchsten Preis.
Das ist kein Zufall. Das ist kein Schicksal. Es ist System. Dahinter steckt ein strukturelles Ungleichgewicht: Ökorassismus.
Der Klimawandel ist also nicht nur eine Umweltkrise — er ist eine Gerechtigkeitskatastrophe. Denn unsere ganze Gesellschaft basiert auf einem System, das ökorassistische Strukturen festigt. Alltägliche Dinge, wie das Smartphone in unserer Tasche, enthalten Materialien, die unter unmenschlichen Bedingungen in weit entfernten Minen abgebaut werden — zum Beispiel in der Demokratischen Republik Kongo. Ein Land, das reich an Ressourcen wie Kobalt, Kupfer und Coltan ist, aber dessen Bevölkerung in Armut lebt.
Der Bergbau ist kein Job, den man freiwillig wählt — die Menschen ertragen ihn, weil sie keine Wahl haben. Über 77 Millionen Menschen in der Demokratischen Republik Kongo sind von Armut betroffen. Im Jahr 2025 waren 11 Millionen Menschen auf lebensnotwendige Hilfe angewiesen. Das ist der Grund, warum so viele im Bergbau arbeiten — um zu überleben. Aus Not. Auch Kinderarbeit ist dabei keine Seltenheit.
Hier prallen globale Wirtschaftsmacht und politische Instabilität aufeinander, und die Menschen vor Ort bezahlen den Preis.
Über 69 Prozent des weltweit geförderten Kobalts stammt aus dem Süden der Demokratischen Republik Kongo. Ohne dieses Metall gäbe es keine leistungsfähigen Akkus — nicht nur keine Smartphones, sondern auch keine Laptops, Elektroautos und schon gar keine Energiewende »Made in Silicon Valley«.
Der Preis: Kinder graben in instabilen Schächten — etabliert zu Zeiten der belgischen Kolonialzeit, ohne Schutz. Ganze Dörfer werden verdrängt. Flüsse verseucht. Und all das, um einen Konsumhunger zu stillen, der nicht in Lubumbashi, der kongolesischen Kobalt-Hauptstadt, entsteht — sondern in New York, Berlin, Shanghai.
Im Vergleich zu anderen Regionen der Erde ist Europa bei kritischen Metallen klar im Nachteil, sagt Mineralogin Antje Wittenberg von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR): »Unter Weltmarktbedingungen ist die Rohstoffgewinnung für kritische Rohstoffe in Europa derzeit kaum konkurrenzfähig.«
Zwar gibt es auch in Europa Rohstoffvorkommen — etwa für Lithium oder Graphit — doch der Abbau ist hier wegen strenger Umweltauflagen, hoher Personalkosten und gesellschaftlicher Widerstände kaum durchsetzbar. Die Umwelt- und Sozialstandards verhindern eine Ausbeutung à la China, der Demokratischen Republik Kongo oder anderen Ländern, in denen die Risiken billigend in Kauf genommen werden.
Kurz gesagt: Die Rohstoffe sind zwar da, aber der Abbau scheitert an europäischen Maßstäben für Umwelt- und Arbeitsschutz. Was man hier nicht riskieren will, wird woanders bedenkenlos umgesetzt — mit gravierenden Umweltschäden und unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen.
Damals wie heute diktieren Machtzentren die Regeln — und Schwarze Regionen zahlen den Preis. Die Gewinne wandern nach Norden, die Schäden bleiben im Süden. Globale Konzerne und lokale Eliten teilen sich das kongolesische Kobalt in Deals, die mehr nach Kolonialzeit als nach freiem Markt klingen. Neokolonialismus im neuen Gewand — alte Muster neu verpackt als Teil der globalen Wirtschaft.
All das ist lange schon bekannt. Es gibt Berichte, Bilder, Dokus und Studien über die Schattenseite des Kobaltabbaus im Kongo. Im Westen wird kurz hingesehen — dann weitergewischt zum nächsten Clip. Auf einem Gerät, das aus genau jenen ausbeuterischen Verhältnissen stammt, über die man gerade noch entsetzt war.
Was diesen Zustand ökorassistisch macht, ist nicht nur die Ausbeutung selbst. Es ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid Schwarzer Menschen. Das Ergebnis kolonialer Narrative ist nicht nur, dass Kobalt unter Gewaltbedingungen gefördert wird — sondern dass wir es wissen. Und trotzdem weiterkonsumieren. Neokolonialismus ist die Praxis der Ausbeutung. Ökorassismus ist ihre Legitimation. Das eine ist die Struktur — das andere die Ideologie, die sie am Laufen hält.
Der US-amerikanische Bürgerrechtler, Umweltaktivist und Vater des Begriffs »environmental racism« Reverend Benjamin Chavis schrieb: »Rassismus wurde schon immer genutzt, um die Vergewaltigung der Natur zu rechtfertigen.«
Diese Aussage entlarvt eine zentrale ideologische Verbindung zwischen der Ausbeutung von Menschen und der Natur. In der kolonialen Logik standen Schwarze Körper, indigene Gemeinschaften und natürliche Ressourcen gleichermaßen außerhalb des Schutzes, den westliche Gruppen für sich beanspruchten.
Schwarze und indigene Lebenswelten wurden — und werden weiterhin, aber weitaus subtiler — als »wild«, »chaotisch«, »unzivilisiert« markiert — und genau deshalb als frei verfügbar. Wer als minderwertig gilt, dessen Leid ist irrelevant. Wer als »naturvölkisch« entmenschlicht wird, dessen Umwelt gilt als Rohstofflager.
Im kolonialen Denken sind Mensch und Natur nicht gleichwertig: Der Mensch steht der Natur — rational, zivilisiert, ordnend. Die kolonialisierten Anderen stehen der Natur — irrational, wild, zu zähmen.
Diese Trennung lebt bis heute fort — in der globalen Klimapolitik, in der »nachhaltigen« Rohstoffgewinnung, in grünen Technologien, die auf extraktivistischen Prinzipien beruhen. Der Rassismus liefert die Erzählung, warum bestimmte Zerstörungen nicht als solche gelten. Warum manche Länder leergeräumt werden dürfen, warum manche Kinder in Minen arbeiten, und andere Kinder mit Tablets pauken.
Chavis’ Zitat zeigt nicht nur eine historische Tatsache, sondern auch eine ideologische Verbindung, die bis heute die ökologische Krise prägt: Wenn Schwarze Leben als weniger wertvoll angesehen werden, betrifft das auch die Umwelt, in der sie leben — die Flüsse, Wälder und Böden. Die Ungleichheit zwischen den Menschen spiegelt sich in der Ungleichheit ihrer Lebensräume wider.
Wir im Westen — du, ich — profitieren davon. Nicht nur durch unsere Smartphones. Auch in Form von Kleidung, Schokolade oder Kaffee. Unsere gesamte Wirtschaft ist verflochten mit einem System, das auf Ausbeutung basiert. Rassismus erleichtert Ausbeutung. Rassismus zerstört die Umwelt.
In vielen Black-, Indigenous- und PoC-Communitys ist dieses Bewusstsein längst da. Sie kennen die Verflechtung von Umweltzerstörung und Unterdrückung — aus Erfahrung. Doch ihre Perspektiven finden im öffentlichen Diskurs kaum Gehör.
Das jahrhundertealte Wissen indigener und kolonialisierter Gemeinschaften über nachhaltiges Leben, über das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt, wurde nicht nur verdrängt — es wurde abgewertet, ausgelöscht, lächerlich gemacht.
Dabei läge genau dort oft der Schlüssel: in einer Haltung der Beziehung, nicht des Besitzes. In der Anerkennung von natürlichen Limits, nicht in der endlosen Expansion.
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