E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Hofer Tannenfall. Die Rückkehr der weißen Hirsche
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-96041-575-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-96041-575-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – alle Tannenfall-Schicksale in einem einzigen Abenteuer vereint.
In der Welt von Elia Khalberg sind Kunst und Bücher tabu. Abgeschieden lebt sie mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin auf einem Maiensäß in den Schweizer Bergen. Als die beiden eines Tages spurlos verschwinden, verlässt Elia notgedrungen ihre selbst gewählte Isolation und begibt sich auf die Suche nach ihnen. Diese führt sie zu den mysteriösen »Tannenfall«-Büchern, deren vierter und letzter Teil noch ungeschrieben ist. Elia erkennt, dass sie ihre Familie nur retten kann, wenn sie ihre Überzeugungen aufgibt und den Roman selbst verfasst – eine Geschichte, die erschreckend eng mit ihrem eigenen Leben verknüpft ist..
Der lang gehütete Rätsel um Tannenfall endlich entschlüsselt,
Fulminant, bildgewaltig, phantastisch
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
20 Es war bereits tiefe Nacht, als Kranach den Fiat durch den immer schmaler werdenden Forstweg steuerte. Der Anhänger schaukelte auf den tiefen Fahrtrinnen wie ein steuerloses Ruderboot. Die Beschreibungen, die ihm Elia immer wieder als aufmerksame Beifahrerin zurief, stimmten mit der Realität nicht überein. Weder der beschriebene Weg, der nach der Passhöhe links die beiden zu ihrem Ziel bringen sollte, fand seinen Platz in der Wirklichkeit noch die nach dem Wagen greifenden Fichten- und Tannenarme, welche sie zu einer Wiese geleiten sollten. Erst recht gab es keine Spur von der kleinen verlassenen Villa, die angeblich vor einem weiten Horizont auf sie wartete wie einst auf die Romanfigur Marlene Castor und ihre fiktive Tochter Lya. Da half es auch nichts, dass Elia wie verrückt im Roman hin- und herblätterte, um einen Ausweg aus dem dunklen Wald zu finden, in den Kranach mit lautem Fluchen eingebogen war. »Wir sind hier falsch«, sagte Elia und sah mit vorwurfsvollen Blicken den abgekämpften Kommissar an, der nicht nur Mühe hatte, die Augen offen zu halten, sondern auch, den Wagen nicht gegen einen der Bäume zu steuern, die im Scheinwerferlicht immer näher an die beiden heranrückten. »Du wolltest zu dieser verdammten Villa. Hier ist aber weit und breit keine Villa.« »Weil Sie auch nicht ordnungsgemäß meinen Anweisungen gefolgt sind, sondern die erstbeste Abzweigung genommen haben.« »Da war keine andere«, fluchte Kranach. »Weil Sie nicht richtig hingesehen haben.« Kranach wollte platzen vor Wut, und just in dem Moment sprang der Wagen förmlich in die Höhe und setzte dann mit einem lauten Krachen auf dem Weg auf. »So passen Sie doch auf! Rosinante wird noch übel bei so einem Gerüttel«, empörte sich Elia, sah wieder in das Buch und wartete, bis Kranach den Wagen aus seiner misslichen Lage herausmanövriert hatte. »Hier ist nichts. Absolut nichts. Wir haben uns verfahren«, schimpfte er erneut, stellte den Motor des Wagens ab, stieg aus und suchte auf seinem Handy nach der aktuellen Position. »Ich hätte nie auf dich hören sollen. Wir hätten ganz normal nach Tannenfall fahren und uns dort ein Hotel nehmen sollen.« »Das geht nicht, Herr Kommissar«, sagte Elia, ohne aufzublicken. »Was geht nicht? Ein Hotel nehmen? Damit wir uns diesen Mist hier erspart hätten?« Ohne zu antworten, blätterte Elia im Buch vor. »Hier, Seite sechsundachtzig«, sagte sie und las: »Dieses Tannenfall: Wo ist das? Ist das zwischen Spital und dem Semmering? Nördlich vom Stuhleck?« Dann verstellte Elia ein wenig ihre Stimme. Sie sprach tiefer und ahmte so einen Dialog zwischen der Heldin Marlene und einem mysteriösen Bergführer nach. »Du weißt gar nichts, oder?« »Was meinst du?« »Tannenfall existiert nicht.« Elia atmete tief ein und blickte Kranach aus dem Inneren des Wagens an. »Da nützt Ihnen Ihr Handy nichts«, sagte sie. »Da können Sie draufstarren, so lange Sie wollen.« Kranach war inzwischen so wütend, dass er mit der flachen Hand wie ein Verrückter auf das Dach des Fiat schlug, sodass Rosinante, der die ganze Reise über still und unauffällig gewesen war, zu schnauben begann und sich im Anhänger wie wild hin und her bewegte. »Sehen Sie? Jetzt machen Sie Rosinante auch noch nervös«, sagte Elia. »Und was sollen wir jetzt tun? Ich kann hier nicht mehr zurücksetzen, da es zu dunkel ist und ich den Anhänger in den Abgrund schieben würde. Und vorwärts geht es auch nicht, weil ich auf diesem verfluchten Weg aufsitze.« »Dann lassen Sie uns zu Fuß gehen! Dieses Stuhleck ist sicher nicht weit. Von dort oben sehen wir ins Tal und können Ausschau nach Tannenfall halten. Oder nach dem, was danach aussieht.« »Einen Ort, den es nicht gibt«, sagte Kranach spöttisch. Er suchte nach einer neuen Zigarette und war nach einem kurzen Schreck erleichtert, als er eine letzte volle Packung in der Innentasche seines Mantels fand, der zusammengeknüllt auf der Rückbank lag. Nachdem er sich seine Zigarette angesteckt hatte, ging er ein paar Schritte vor dem Auto auf und ab und sagte dann zu Elia, die weiter im Buch blätterte: »Wir bleiben vorerst einmal hier und schlafen im Auto. Wenn es hell ist, hole ich Hilfe. Ein Traktor kann uns herausziehen. Dann fahren wir ins Dorf, gehen in ein Hotel, essen etwas, und dann fahren wir von mir aus auf dieses Stuhleck.« Elia schwieg. »Einverstanden?« Elia schwieg weiter. Erst als ihr Kranach das Buch zuklappte, nickte sie, sichtlich unglücklich über diese Entscheidung. »Sie können ruhig schlafen. Ich werde in der Zwischenzeit den ersten Teil von ›Tannenfall‹ lesen.« »Natürlich, du hast ja die ganze Zeit über geruht, während ich gefahren bin«, sagte Kranach und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Dann rauchte er stumm vor sich hin grollend die Zigarette fertig, dämpfte sie auf dem Waldboden aus und setzte sich zurück ins Auto. Er kippte den Fahrersitz so weit es ging nach hinten, machte es sich darin so bequem wie möglich und deckte sich mit dem Mantel zu. Doch bevor er die Augen schloss, schaltete er unter Elias Protest das Licht im Wagen aus, bis die beiden in völliger Dunkelheit saßen. »So kann ich nicht lesen.« »Du hast jahrzehntelang kein Buch gelesen, jetzt kommt es auf diese eine Nacht auch nicht mehr an«, sagte Kranach. »Schlaf jetzt! Morgen finden wir dein Tannenfall«, fügte er hinzu und war für einen Moment nicht sicher, ob er im Wald Schritte hörte. Doch bevor er sich aufsetzen konnte, um nachzusehen, war er eingeschlafen. Als die Sonne wenige Stunden später ihren ersten Lichtspeer durch den Dunkelwald stieß und Kranach im Gesicht traf, sprang er wie von der Tarantel gestochen aus einem bleiernen, traumlosen Schlaf und sah sich benommen um. Der Platz neben ihm war leer. Sofort war Kranach hellwach und sprang aus dem Wagen. Er rief nach Elia und suchte in allen Himmelsrichtungen nach ihr. Doch sein altes Mädchen blieb verschwunden. Ebenso wie die drei »Tannenfall«-Bände. Zurück beim Wagen bemerkte er, dass der hintere Teil des Anhängers geöffnet und leer war. »Du verdammtes, störrisches Ding!«, rief er und entdeckte im Boden Hufabdrücke des alten Rosinante, der vermutlich mit einem neugierigen Stoffbären und der stolzen Elia im Sattel in Richtung Stuhleck unterwegs war. Es war ein Abend im Frühling 1965, als ich June ins Bett brachte und Baptiste hinter mich trat. »Morgen geht unsere Sonne auf«, sagte er sanft und küsste mich auf den Hals. »Natürlich geht morgen die Sonne auf«, sagte ich lächelnd und zog die kleine karierte Decke über Junes Brust, die sich im Schlaf ruhig auf und ab bewegte. »Morgen kommt Jinji. Und er will bleiben«, sagte Baptiste. »Das ist nicht dein Ernst?«, fuhr ich herum und musste Baptiste mit so großen Augen angesehen haben, dass er vor Freude laut zu lachen begann. »Aber er kommt nicht allein. Frank Carpenter begleitet ihn. Auch er will bleiben.« »Du veräppelst mich doch! Jinji Gotarama und Frank Carpenter kommen zu uns und wollen in unsere Chalets ziehen?« »Unser kleines Jena spricht sich herum«, sagte Baptiste stolz und mit leuchtenden Augen. Jinji Gotarama war der bekannteste Schriftsteller unserer Zeit. Er galt als Genie und wurde von allen Künstlern verehrt als eine beispiellose Koryphäe. Gotarama hatte Jura in Osaka studiert, später als Anwalt gearbeitet und dann zu schreiben begonnen. Ende der 1940er Jahre hatte er mit dem Roman »Der lange Tod des Künstlers Karl« – der Geschichte eines verzweifelt liebenden Künstlers, der Selbstmord begeht – internationale Aufmerksamkeit erregt. Gotaramas Held agierte nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges irrational, hochemotional und frei. »Ich kehre zärtlich zu mir nach Hause zurück und entdecke in mir eine neue Welt, die ich draußen nie gefunden habe«, erklärte der junge Künstler Karl in dem Buch. Der Roman fing die Sehnsucht nach einer neuen Empfindsamkeit der Zeit ein und wurde zum Kultbuch der Nachkriegsgeneration. Gotarama schuf damit einen internationalen Bestseller und wurde so populär, dass er bald die ganze Welt bereiste. Viele junge Männer kleideten sich wie der junge Karl mit einem Anzug aus erschwinglichem marineblauem Stoff, der nicht zu aufwendig gestaltet war. Darunter trugen sie ein einfaches hellblaues Hemd mit einer gelben Fliege. In Lateinamerika wurden sogar Porzellanfiguren von Karl für den europäischen Markt hergestellt. Es hieß, dass Gotaramas Werk eine ganze Suizidwelle junger Männer ausgelöst habe, die nach den Wirren des Krieges ihr Heil in der Kunst suchten, aber nicht fanden, da die Welt um sie zerstört war. »Der lange Tod des Künstlers Karl« war Gotaramas Beitrag zur wieder aufkeimenden Sehnsucht der neuen Generation nach zelebrierten Emotionen, die in allen Extremen ausgelebt werden wollten – von der leidenschaftlichen Liebe bis zur selbstmörderischen Sehnsucht nach der Kunst und nach einer Welt außerhalb der Trümmer. Nachdem Gotarama ein Megastar der Literatur geworden war, lebte er über zwanzig Jahre lang zurückgezogen in einem großen Haus in Japan mit Blick auf das Meer. Er war ein schmaler, stiller Mann mit kleinen Augen und kurz geschorenem Haar. Im Gegensatz zu der jüngeren Generation trug er einen dezenten Anzug. Nach dem großen Erfolg von »Der lange Tod des Künstlers Karl« hatte Jinji Gotarama der großen Weltbühne der Literatur den Rücken gekehrt. Doch es schien, als hätte sich auch die Kreativität von ihm abgewendet, denn er hatte seit Jahren nichts Bemerkenswertes mehr geschrieben. So hieß es, dass...