E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Reihe: Piper Taschenbuch
Hoffmann Das Haus an der Elbchaussee
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-99094-3
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Geschichte einer Reederfamilie
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Reihe: Piper Taschenbuch
ISBN: 978-3-492-99094-3
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gabriele Hoffmann, promovierte Historikerin und Journalistin, war lange für den Stern, den NDR und Radio Bremen tätig und ist Autorin historischer Sachbücher, Biographien und Tatsachenromane. Ihre vielbeachtete Doppelbiographie »Constantia von Cosel und August der Starke« ist in über 25 Auflagen erschienen, mit »Das Haus an der Elbchaussee« - bei Piper - hat sie die fulminante Familiensaga einer Reederdynastie geschrieben und zugleich ein repräsentatives Zeitbild des Bürgertums im Deutschland des 19. Jahrhunderts gezeichnet. Zuletzt holte sie mit ihrer Biographie des Bankiers Max Warburg einen Mann in Erinnerung, der in der Nazizeit 75 000 Juden das Leben rettete.
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Erziehung eines Kaufmanns
Schule
Cesar und Adolph sind nur noch in den Schulferien zu Hause – im Juli vier Wochen an der Elbe, zu Weihnachten ein paar Tage am Alten Wandrahm.
Die meisten Kaufleute schätzen eine Ausbildung von vier bis sieben Jahren im Comptoir höher ein als den Besuch eines Gymnasiums und verachten Gelehrte als Hungerleider: Nur der Handel könne den Luxus mehren. Cesars Eltern sehen das anders. Ihre Söhnen sollen sich durch Bildung einen Vorsprung vor dem Gros der Kaufleute an der Börse sichern.
Die Auswahl der Schule war nicht einfach. Das Johanneum und das Akademische Gymnasium in Hamburg haben ihren guten Ruf seit Jahren verloren. Doch Karl Sieveking, Doctor iuris und Senatssyndikus, spricht mit Wärme von seinen Jahren am Katharineum in Lübeck. Auch der Ruf der alten Lateinschule neben der Katharinenkirche war nicht immer der beste – der Lübecker Rat mußte den Lehrern verbieten, im Schlafrock in der Klasse zu erscheinen. Aber nun versucht das Kollegium, dem Kaufmannsstand entgegenzukommen. Der Rat hat verordnet, es sei Aufgabe der Lehrer, »die Jugend nicht für eine vergangene Welt, sondern für Zeit und Ort, worin sie leben sollen, zu bilden«[44].
Cesar und Adolph wohnen in Lübeck bei Dr. Tiburtius, der am Katharineum Latein und Geographie unterrichtet. Auch in Hamburg hätten ihre Eltern sie in Pension gegeben. Man findet, daß die Geselligkeit eines großen Handlungshauses zuviel Zerstreuung für heranwachsende Knaben biete.
Ich bin nach Lübeck gefahren und hatte Glück: Das Gymnasium bewahrt die alten »Censuren u. Conduitenlisten« noch auf. In die Listen trugen die Lehrer zu Ostern, Michaelis und Weihnachten ein, was sie über Betragen, Fleiß, Aufmerksamkeit und Fortschritte der Schüler zu sagen hatten.
Die Handschriften sind flüchtig, dies sind interne Listen – eine schwierige Quelle. Beispiel: Dr. Tiburtius setzte sich bei einem Verdacht lebhaft für Cesar ein, wobei aber nicht klar wird, was Cesar getan haben soll – vielleicht ging es um Abschreiben oder Lügen. Über den Schulalltag am Katharineum kann man in »Buddenbrooks« nachlesen, allerdings ist es der Alltag einer späteren Schülergeneration, sind es Erlebnisse eines Kaufmannssohns, der Künstler werden will: Thomas Mann erzählt von einer erstickenden Schulatmosphäre. Aus den »Censuren u. Conduitenlisten« der 1820er Jahre geht hervor, daß die Lehrer viel von den Schülern verlangten, die Kinder aber achteten. Die Klassen waren damals groß – Cesars Quinta hatte 66 Schüler –, es gab ein Kurssystem nach Leistungsstand und Fähigkeiten der Kinder, der Unterricht war lang, täglich von acht bis zwölf und von zwei bis fünf auch sonnabends, dazu kam noch Zeit für Hausaufgaben.
Ich habe verglichen, was die Lehrer über Cesar und Adolph und später auch Gustav schrieben, und versucht, nach diesen Vergleichen erste Skizzen der Brüder zu entwerfen.
Cesar und Adolph kommen in die gleiche Klasse, die Septima. Cesar benimmt sich »bescheiden und gut«, ist fleißig und aufmerksam, nur im Schreiben könnte er sich mehr anstrengen. Adolph benimmt sich, »Kindische Spielereien abgerechnet gut und Folgsam«, und »giebt sich wie sein Bruder Mühe weiter zu kommen«. Im Herbst 1822 werden beide in die Sexta versetzt. Cesar macht das Rechnen Spaß. Er ist oft krank und versäumt fast ein Trimester, doch als er wieder in die Schule kommt, übertreffen seine Fortschritte die Erwartungen der Lehrer. Adolph dagegen beträgt sich nun »nicht immer ohne Tadel« und kann »nur durch beständiges Zureden« zum Zuhören gebracht werden. Aber er lernt leicht »und wird wohl werden«.
Ein Jahr später ist auch Cesar manchmal vorlaut und sein Fleiß läßt nach. Er lernt gut, besonders in Latein, Religion, deutscher Grammatik und Französisch, und ist den Lehrern »lieb«, man »muß ihn etwas schärfer anfassen als manchen anderen, denn er hat gar herrliche Gaben«.
Cesar kommt Ostern 1825 vorzeitig in die Quarta. Sein Klassenlehrer ist nun Dr. Tiburtius – Schule total. Im Herbst, Cesar ist zwölf, versäumt er wieder viel wegen Krankheit, ihm ist oft schlecht, und die Lehrer sind enttäuscht, daß andere in der Klasse ihn an Kenntnissen übertreffen.
Seit Ostern 1824 ist auch Gustav am Katharineum. Sophie Godeffroy bekommt am 24. Mai 1824 noch einen Sohn, Alfred, den vierten der Brüder Godeffroy.
Gustav, sieben, ist wie seine Brüder anfangs gutwillig. Fleiß und Aufmerksamkeit sind nach einem Jahr »musterhaft und geben bei seinen vortrefflichen Anlagen die besten Hoffnungen«. Ein halbes Jahr später heißt es, er sei »windig, vorlaut«, und baue leider zuweilen darauf, »daß er dem Lehrer werth ist«. Auch Gustav ist oft krank. Weihnachten 1826 notiert ein Lehrer, »er ist nicht böse, aber verzogen«.
Von jedem der Brüder heißt es irgendwann einmal, er sei verzogen: Cesar ist nach einer Krankheit verzogen, Adolph ist verzogen, weil er dreist ist, dünkelhaft und vornehm tut, der kleine Gustav ist verzogen, weil er spielen und nicht hören will. Alle drei sind lebhaft und eifrig, als sie zur Schule kommen. Bei allen gibt es Disziplinprobleme im Alter von dreizehn, vierzehn Jahren. Danach verhalten die Brüder sich unterschiedlich.
Cesar, der hochbegabte Schüler, von dem seine Lehrer viel erwarten, läßt die Schule an sich abgleiten. Er ist der selbständigste der Brüder und braucht den Beifall der Lehrer nicht. Er hat seinen Platz im Leben, solange er seinen Vater nicht enttäuscht. Einige Lehrer beschweren sich, daß er sie manchmal weder zu hören noch zu sehen scheine. Sogar in Dr. Tiburtius Eintragungen ist Enttäuschung spürbar. Cesar macht keine Schularbeiten außer in Französisch – der Vater verlangt, daß er Französisch kann – und kommt trotzdem gut in der Klasse mit. Im letzten Schuljahr, der Untersekunda, ist er »im Ganzen ordentlich, und, bei großer Lebendigkeit, lenksam«. Er ist gut im Rechnen, Schreiben, im Kaufmännischen Unterricht – Maße, Gewichte, Währungen – und interessiert sich jetzt für Geschichte. Ostern 1830 dann die letzten Eintragungen: Er sei fleißiger geworden, doch nehme er manches noch zu leicht.
Adolph kämpft um Aufmerksamkeit und Beifall. Er ist »plauderhaft« und liebt »den Verkehr mit der Nachbarschaft« und versucht, den Lehrern zu beweisen, daß sie ganz unbedeutend seien. Er ahmt Cesar nach, ist aber ungeschickter. Er schlägt sich in allen Fächern so durch außer in Französisch, wo er schlecht ist. Seine Gesundheit ist robust. Das Auffälligste an ihm aber bleibt, daß er, der mittlere Bruder, beachtet werden will. Ostern 1830 urteilt der Lehrer, der Kaufmännischen Unterricht gibt, zum letzten Mal: Er »nimmt alles zu leicht, ist ungenau im Einzelnen, und daher bleiben überall Lücken in seiner Kenntnis«.
Der kleine Gustav ist der gewandteste der Brüder, stimmt seine Wünsche und die der Lehrer am geschicktesten aufeinander ab. Er geht davon aus, daß Lehrer und Mitschüler ihm wohlwollen – alle kennen doch seine fabelhaften großen Brüder, und da ist nun er, Gustav, der Glanzpunkt des Dreiergestirns. Er hat eine rasche Auffassungsgabe und lernt gern. Die Lehrer halten mehr von ihm als von seinen Brüdern, außer Dr. Tiburtius, der unbeirrbar Cesar für bedeutend hält. Gustav ist lange krank und fehlt ein Jahr, trotzdem schafft er die Quarta bei Tiburtius in vier Trimestern statt in den üblichen sechs und kommt Michaelis 1830 in die Untertertia. Doch ohne seine Brüder fühlt er sich nicht wohl. Weihnachten 1830 verläßt er Lübeck vorzeitig.
Michaelis 1832 steht wieder ein Godeffroy in den Conduitenlisten, in Untersekunda, diesmal ohne Vornamen. Es könnte Gustav sein. Er ist der zweitbeste Schüler der Klasse. Im letzten Trimester läßt sein Interesse für die Schule schlagartig nach. Michaelis 1833 verläßt er, sechzehnjährig, das Gymnasium mit Obersekundareife.
Es gibt auch ein Urteil Cesar Godeffroys über seine Zeit am Katharineum: Jahre später schickt er seine Kinder nach Lübeck zur Schule.
Lehre
Cesar kann Ostern 1830 endlich zu seinem Vater in die kaufmännische Lehre gehen. Adolph muß sein Französisch in Lausanne verbessern, danach wird der Vater ihn zu Onkel Richard Parish ans Comptoir von Parish & Co., Deichstraße, geben.
Lehrlingen ergeht es sehr unterschiedlich. Carl Woermann, Geburtsjahrgang 1813 wie Cesar und später sein Konkurrent in der Reederei, lebt im Haus seines Onkels und Prinzipals in einer kalten Dachkammer und würde es niemals wagen, sich nach den gemeinsamen Mahlzeiten nicht sofort zurückzuziehen. »Lehrlinge«[45], erzählt Conrad Warnecke, der 1832 beim alten Wachsmuth in der Steinstraße seine Lehre beginnt, »mußten um 6 Uhr aufstehen, den Schlüssel vom Prinzipal holen, das Haus aufschließen, den Ofen heizen und die Lampen reinigen. Sie hatten bis halb elf Uhr abends im Kontor zu bleiben und alsdann das Bett aufzusuchen. Einen um den anderen Sonntag hatten sie Ausgang, mußten aber am Abend bis 11 Uhr wieder im Hause sein.« Wachsmuth & Krogmann sind vierzig Jahre später in der Südsee schärfste Konkurrenten von Joh. Ces. Godeffroy & Sohn.
Cesar putzt keine Lampen im Kontor. Den Söhnen großer Häuser schmeicheln die Angestellten, rächen sich dafür aber mit Klatsch über die Zuchtlosigkeit, das Luxusleben und den Hochmut ihrer jungen Herren. Cesar repräsentiert bei gesellschaftlichen Anlässen wieder neben seinen Eltern den Namen.
Er muß jeden Morgen pünktlich um neun Uhr im Comptoir an seinem Pult stehen. Der Vater ist immer früh da, weil er meint, der Chef müsse ein gutes Beispiel geben. Am Vormittag liest er Briefe, und in...