E-Book, Deutsch, Band 3, 416 Seiten
Reihe: Lennart Ipsen
Kobr Schatten über Sømarken
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-30512-3
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Bornholmkrimi
E-Book, Deutsch, Band 3, 416 Seiten
Reihe: Lennart Ipsen
ISBN: 978-3-641-30512-3
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lennart meldet sich sofort zurück zur Arbeit, darf aber wegen Befangenheit nicht offiziell ermitteln. Also zieht er auf eigene Faust los, denn der Verdacht gegen Maren, etwas mit dem Tod des Mannes zu tun zu haben, erhärtet sich – und bringt ihr gesamtes Lebenswerk in Gefahr …
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Montag, 21. Juli
Lennart fühlte sich wie gerädert, als er am nächsten Morgen wach wurde. Obwohl die nächtliche Kälte nach einer Weile wie ein feuchter Schleier von der Ostsee ans Land gezogen war und ihn hatte frösteln lassen, hätte er nicht sagen können, um wie viel Uhr er von seinem Beobachtungsposten im Sand, an dem er noch lange über alles Mögliche nachgesonnen hatte, ins Bett gewandert war. Irgendwann hatte sich Maren neben ihn gelegt und sich an ihn geschmiegt. Im Halbschlaf hatte er sie gefragt, ob sie noch reden wolle, doch er hatte gespürt, wie sie müde und kraftlos den Kopf geschüttelt hatte. Dann waren sie beide wortlos eingeschlafen.
Nun, da er seine Augen aufschlug, war es draußen schon hell. Das hatte an sich nicht viel zu bedeuten, im Juli ging die Sonne auf Bornholm früh auf. Als er auf die Uhr sah, erschrak er jedoch: Es war bereits kurz nach acht. Er griff nach seinem Handy. Seine Augen hatten Mühe, die winzigen Buchstaben auf dem Display scharf zu stellen. Ohne Lesebrille wäre er wohl schon bald gänzlich aufgeschmissen. Als sich der Schleier ein wenig gelichtet hatte, konnte er schließlich entziffern, was das Telefon zu vermelden hatte: einen verpassten Anruf seines Vaters um kurz vor sieben, zwei Werbemails und eine Nachricht von Morten und Rosa Nygaard, die sich für den netten gemeinsamen Abend bedankten, auch wenn das natürlich Lennarts Pflicht als Gast gewesen wäre. Doch unter den gegebenen Umständen hatte er wohl eine ziemlich gute Entschuldigung für sein Versäumnis. Ida hatte zudem per WhatsApp nachgefragt, warum er sie denn mitten in der Nacht angerufen habe. Magda hingegen hatte sich nicht mehr gemeldet. Er runzelte die Stirn. Ob sie gut nach Hause gekommen war? Er hatte in der Nacht gar nicht mehr nachgesehen, doch jetzt verschaffte ihm die Standort-App bereits nach einer halben Minute Gewissheit: Ihr Telefon befand sich im Gymnasium, genauso wie das ihrer Schwester. Gott sei Dank.
Von Britta fehlte jegliche Nachricht. Insgeheim hatte er gehofft, dass sie vielleicht über Nacht wieder zur Besinnung gekommen und von ihrem seltsamen Vorhaben, ihn aus den polizeilichen Untersuchungen herauszuhalten, abgekommen wäre. Ganz offensichtlich war diese Hoffnung jedoch unbegründet gewesen.
Da Maren noch fest schlief, beschloss er, kurz zu checken, ob die Presse bereits Wind vom Unglücksfall im bekommen hatte, was aber anscheinend noch nicht der Fall war. Die letzten veröffentlichten Nachrichten über Maren und das hatten allesamt noch mit dem angeblichen »Liebescomeback des Küchentraumpaars« zu tun. Doch das wäre nur eine Frage der Zeit. Auf Instagram sah es schon jetzt ganz anders aus: Eine Augenzeugin hatte ein Foto des Polizei- und Rettungseinsatzes gepostet, von Finjas Mutmaßungen berichtet, Falk sei an einer giftigen Substanz gestorben, und forderte das Restaurant auf, Stellung zu beziehen, worauf bereits zahlreiche User reagiert hatten.
»Geht der Shitstorm schon los?«, hörte er Maren fragen. Er legte das Handy weg, drehte sich zu ihr und streichelte ihr übers Haar.
»Eine von deinen gestrigen Besucherinnen will wissen, was los war, das ist alles.«
Sie seufzte. »Das ist alles, sagst du? Was soll ich ihr denn schreiben? Wie soll ich mich zu all dem verhalten?«
»Du wirst ihr die Wahrheit sagen: dass Falk eines viel zu frühen, aber natürlichen Todes gestorben ist, dass es sich um ein tragisches Unglück handelt, das nichts mit seinem Besuch in deinem Laden, geschweige denn mit deinem Essen zu tun hat.«
»Bist du dir da sicher?«
»Ziemlich sicher«, sagte Lennart, obwohl das nicht zu hundert Prozent der Wahrheit entsprach. Natürlich wies der plötzliche Tod eines fit wirkenden, sportlichen Mannes um die fünfzig Fragen auf.
»Britta und Tao sind da anscheinend anderer Meinung. Sie haben sogar eine Wache abgestellt, die die ganze Nacht aufpassen muss, dass ich mich nicht unbefugt meinem eigenen Lokal nähere.«
Lennart holte tief Luft. Was sollte er sagen? Er hätte in einem solchen Fall genauso gehandelt.
»Das ist letztlich nur zu deinem eigenen Schutz, nicht dass dir hinterher noch irgendwer was anhängen kann«, fabulierte er, um seine Freundin nicht noch mehr aufzuregen. Aber natürlich war ihm klar, dass, würde sich der momentan noch vage Verdacht vom Gift im Essen erhärten, Maren zunächst zweifelsohne im Zentrum der Ermittlungen stehen würde. »Sag mal: Wie alt war Falk eigentlich genau?«, fragte er, um das Thema zu wechseln. Und weil er es schlicht wissen wollte.
»Neunundvierzig, genau wie du. Hab ich dir eigentlich mal erzählt, dass ihr beiden am exakt gleichen Tag geboren wurdet?«
Er schüttelte den Kopf. Nein, das hatte sie nicht. Überhaupt wusste er nicht viel über seinen »Vorgänger«. Irgendwie hatte sich ein Gespräch darüber nie ergeben. Maren hatte auch stets den Eindruck erweckt, dass das nicht gerade ihr Lieblingsthema war. Lennart hingegen hatte schon zahlreiche Geschichten und Anekdoten aus seiner Ehe mit Andrea zum Besten gegeben.
»Dann muss ich es vergessen haben.«
»Offenbar. Wenn der Anfang von Falks und meinem Leben schon so parallel verlaufen ist und wir unsere Leidenschaft für dich teilten, hoffe ich mal, dass nicht auch mein Ende so schnell kommt wie seines.«
Maren fuhr im Bett hoch und sah ihn mit gerunzelter Stirn an. »Was soll das denn jetzt heißen?«
»Nichts soll das heißen. Gar nichts. Nur blödes Geschwätz von mir. Komm, leg dich noch mal hin.«
»Nein, ich muss doch … wie spät?«
»Viertel nach acht.«
»Oje, ich muss rüber ins Lokal. Warum hast du mich denn nicht geweckt?«
»Weil ich selber gerade erst aufgewacht bin. Mach dir mal keinen Stress, die Kollegen werden sich schon melden, wenn sie dich brauchen.«
»Ich überlass denen nur ungern komplett das Feld. Wer weiß, was die von der Spurensicherung in der Küche für ein Chaos anrichten. Die wollen sie sich nämlich heute vornehmen, hat Britta gemeint. Also, nur, wenn sich der Verdacht erhärtet, dass …« Sie stockte. »Ich möchte jedenfalls vor Ort sein. Außerdem will ich gleich wissen, zu welchem Ergebnis diese Gerichtsmedizinerin gekommen ist.«
Lennart nickte. Das wollte auch er.
»Ich komm mit«, sagte er also bestimmt, und Maren widersprach nicht.
***
Zwanzig Minuten später waren sie geduscht und angezogen und hatten über den schmalen Trampelpfad am Strand entlang das erreicht. Lennart bemerkte dort wieder den grauen Abteilungsbus, auch wenn von Tao und Britta selbst noch nichts zu sehen war. Dafür räumte der Spurensicherer gerade einige Ausrüstungsgegenstände aus seinem Auto und trug sie in Richtung Haus.
»Lennart, die sind tatsächlich schon wieder da und gehen in die Küche. Heißt das, dass …«
»Nein, Maren, das heißt noch gar nichts. Wir fragen jetzt erst mal meine lieben Kolleginnen, wie die Lage sich so darstellt.«
Tatsächlich traf Lennart im Gastraum auf die beiden. Tao stellte ihr Laptop gerade auf einen der Tische und steckte ihr Ladekabel an. Sie lächelte Lennart freundlich an und winkte ihm kurz zu, ließ aber nur ein knappes »Guten Morgen« vernehmen.
Britta hingegen, die gerade noch telefoniert hatte, kam auf die beiden zu. Sie streckte Maren eine Hand zum Gruß hin, was Lennart seltsam frostig und distanziert fand: Bislang hatten sich die beiden bei ihren Treffen immer mit einer Umarmung und Küsschen auf die Wange begrüßt.
Doch auch Lennart selbst bekam nicht den üblichen Drücker, sondern nur ein kühles »Hallo, Chef«. An Brittas seltsamer Haltung schien sich also über Nacht nicht das Geringste geändert zu haben. Schade.
»Guten Morgen«, grüßte Lennart sachlich. »Na, wie sieht’s aus? Hat sich Doktor Eklund schon zur Todesursache geäußert?«
Britta zog eine Braue hoch und blickte ihn skeptisch an. Wahrscheinlich würde sie ihm gleich mit irgendeinem Geschwurbel wie den angeblichen »ermittlungstaktischen Gründen« kommen, aus denen sie ihm darüber keine Auskunft geben könne.
»Ja, hat sie«, erklärte sie jedoch stattdessen freiheraus. »Der Tod von Falk Magnusson wurde durch ein pflanzliches Gift herbeigeführt, das auch genau zu den Symptomen passt, die er vor seinem Tod gezeigt hat, also die Rötung im Gesicht, die trockenen Schleimhäute, der unnatürliche Durst, die Weitung der Pupillen, die Luftnot und schließlich die letale Atemlähmung.«
Marens Gesicht wurde kreidebleich, ihre Pupillen verengten sich.
»Welche Substanz genau?«, wollte Lennart wissen. Mit Schrecken dachte er an einen seiner letzten spektakulären Fälle, bei dem drei Männer mit Blausäure vergiftet worden waren.
»Es handelt sich um Atropin. Magnusson hatte eine sehr hohe Menge davon im Blut.«
Lennart zuckte die Achseln. »Sagt mir spontan nichts.«
Britta nickte. »Atropin ist das Gift der …«
»Tollkirsche«, murmelte Maren auf einmal neben ihm.
»Genau, die Früchte der Tollkirsche enthalten richtig viel von dem Zeug«, bestätigte Britta.
»Das würde also tatsächlich heißen, dass ich, ich meine, dass wir …«, stammelte Maren mit feuchten Augen. Ihre Lippen begannen zu beben. Lennart legte den Arm um sie.
»Gab es denn im gestrigen Menü irgendwelche Zutaten, die eine Verwechslung mit der Tollkirsche nahelegen würden? Ich meine, Wildkirschen, irgendwelche Beeren, so was in der Richtung?«, fragte Tao.
Maren liefen Tränen über die Wange. »Eigentlich nicht«, presste sie hervor, schränkte dann aber ein: »Außer vielleicht im ersten Dessert.«...