Komarek Spätlese
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7099-7432-2
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Texte aus vier Jahrzehnten
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7432-2
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Texte aus vier Jahrzehnten Alfred Komarek zeigen die vielfältigen Facetten seines Werks: von der Glosse voll sprühendem Wortwitz und den legendären "Melodie exklusiv"-Radiotexten bis hin zum Reisebericht, der die Atmosphäre eines Ortes sensibel einfängt.
Lange bevor Alfred Komarek mit den Romanen rund um den Weinviertler Gendarmen Simon Polt und den Grazer Publizisten Daniel Käfer zum Bestsellerautor wurde, erwarb er sich mit seinen Radiosendungen, Glossen, Feuilletons, Essays und Reportagen für Zeitschriften eine treue Fangemeinde - vor allem seine Radiotexte für die Ö3-Sendung "Melodie exklusiv" sind bis heute legendär. Eine umfangreiche Auswahl aus diesen Texten, die seit den 1960er Jahren entstanden sind, liegt nun erstmals in diesem Alfred-Komarek-Lesebuch vor: Der Bogen dieser Spätlese reicht von Satiren, in denen Komarek allzu österreichische Verhältnisse voller Sprachwitz aufs Korn nimmt, und einem "Bestiarium" klassischer österreichischer Charaktere über Glossen bis hin zu pointierten Kurzgeschichten und sensiblen Reisereportagen, in denen sich Komarek als literarischer Wegbegleiter voll feinem Gespür für die eigene Atmosphäre von Lebensräumen erweist. Wie in einer literarischen Weinverkostung präsentiert diese Spätlese die verschiedenen Aromen, Farben und Facetten von Alfred Komareks Werk, von frischen, spritzigen Jungweinen bis hin zu eigenwilligen, intensiven Cuvées.
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Wer borgt mir, bitte, ein Gewehr?
An einem wunderschönen Oktobermorgen eines Jahres, das nicht genannt werden will, stand der Jüngling K., nicht mehr von den Jüngsten einer, vor den Toren einer Kaserne, die dereinst kaisertreue Rösser und Soldaten beherbergt hatte. Da es in einer aufrechten Demokratie nichts mehr zu wiehern gab, verlegte man später die Heeresküche in den Stall. Der noch zivile Jüngling K. hatte nicht einmal eine Zahnbürste bei sich, war er doch wild entschlossen, seine körperliche und geistige Hinfälligkeit dermaßen eindrucksvoll zu beweisen, dass das Heer geradezu Wert darauf legen musste, sich von derlei Elementen freizuhalten. Das Schicksal meinte es nicht gut mit diesen ruchlosen Absichten: Irgendein fürwitziger Keim abdominaler Herkunft hatte die Kaserne zum Krankenhaus gemacht, die Tore blieben geschlossen, und schon hatte der Jüngling K., was er partout nicht haben wollte: einen Marschbefehl. Und wenig später war er, wo’s ihm so gar nicht recht behagen wollte: hinter den Mauern einer anderen Kaserne, umgeben von verstörten Leidensgenossen. Man hatte, heeresamts auch nicht gerade auf den Kopf gefallen, zu einem hinterhältigen Schlag gegen wehrwiderspenstige Knaben reiferen Alters ausgeholt: Da waren sie nun, Akademiker, Familienväter, manche sogar beides, Karrieremacher, Prominentensöhne und eben K., der sich sein Brot schon damals mit dem Bereiten von Pegasusen und dem Küssen von Musen – oder war es umgekehrt? – verdiente. Ein höchst suspektes Element jedenfalls. Besagtes Element und alle anderen waren nicht gerade heiter. Hatten doch die meisten geplant, nach heeresärztlicher Bestätigung ihrer Leiden diese Nacht, wenn sich nicht noch Besseres fand, wenigstens in Morpheus’ Armen – und das in Zivil – zu verbringen. Nichts da. Die neue Kaserne war nur Zufluchtsort, bis die alte wieder ihren Dienst tun konnte, und an einem Zufluchtsort wurde nicht amtsgehandelt, also auch nicht untersucht. Und die verdutzten neuen Soldaten waren mit dem Bewusstsein, dass dieser Berufsstand vorerst ein Provisorium bleiben sollte, nur halb getröstet. Anklagend trugen sie ihre Leiden vor sich her und wurden mit der Zusicherung in die neuen Gemächer abgeschoben, dass man die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit nicht beanspruchen werde, solange man diese nicht kenne. Damit begann der feldgraue Alltag. Man belud die Herren mit Uniformen, mit der Heeresbutterdose und anderem nützlichen Gerät, überließ ihnen den Helm als Haupteszier und stattete sie mit Trainingsanzügen aus, die sie dank bauschiger Hosen und enger Oberteile mit der wilden Grazie tanzender Derwische umgaben. Man lernte widerwillig, das harte Lager nach militärischer Geometrie auszurichten, legte sich schaudernd ins rechteckig disziplinierte Linnen und versuchte zu schlafen. Der Soldat K. überlegte mit offenen Augen, wie er in die Falle getappt war. Da lag er nun, dem fürwitzigen Stande der Pioniere zugerechnet, und verstand die Welt nicht mehr. Es roch nach Staub. Es roch nach Seife. Und nach Mensch roch es auch. Hierorts zählte man Musen sicher zum Ungeziefer. Und morgen würde einer kommen und mit sehr lauter Stimme bekanntgeben, dass man strammzustehen habe, die Arschbacken zusammengekniffen: Jawoll. Pionier K. brach in unmotiviertes Gelächter aus. Pssst! Tönte es von allen Seiten. Es war eine Freude zu leben. Die nächsten Tage brachten nicht viel Neues. Nichts jedenfalls, was K. und die anderen nicht befürchtet hätten. Alle warteten auf den Tag X, an dem sie endlich in die angestammte Kaserne zurückkehren durften, um dort einen weißbekittelten Herrn beim Hippokrateseid zu nehmen. Aber dann! Von dieser Hoffnung genährt, überlebte jeder auf seine Weise. Der Pionier K. suchte sein Heil in der Heeresküche, wo er durch extensive Ausnützung der Kartoffelschälmaschine aus riesigen Knollen zierliche Pommes de Paris raspelte, Gurken zu Tode schälte und gewaltige Mengen von Karotten aß, in der Hoffnung, auch noch ein ansehnliches Magenleiden zu erwirtschaften. Ein anderer, höchst sensibel und von altem Adel, ergab sich der Trunksucht. Seinem Stande gemäß verfiel er allerdings nicht in plebejisches Lallen, sondern verwandelte sich trunkenen Gemüts in hochgeachtete Lebensformen. So hetzte er eines Abends in wilden Sprüngen als Lipizzaner durch die Kaserne, verhielt vor seinem Bette, auf nervösem Hufe tänzelnd, um dieses endlich per Levade zu bespringen. Wenig später trat der Diensthabende ein, die letzte Meldung des Tages entgegenzunehmen. Der Lipizzaner, nicht faul, ergriff die Gelegenheit zu einer plötzlichen Metamorphose und meldete, sich im Bette zackig erhebend: Oberst Podhajsky meldet Zimmer 9, besetzt mit 8 Lipizzanern, zur Nachtruhe ab. Es sei hier wohl gestattet, von wieherndem Gelächter zu sprechen. Dann, nach zwei Wochen, war der Tag X gekommen. Ein neuer Marschbefehl. Und einer in die Freiheit, wie alle hofften. Besagte Freiheit war beinah perfekt, sah man von den Mauern ab, die sie umgaben, von den bewachten Toren, die sie versperrten. Aber es sollte ja nicht mehr lange dauern. Der Heeresarzt war schon eingetroffen, sein Wartezimmer entpuppte sich als langer Gang, dunkelgrün gestrichen und säuerlich riechend. Da saßen sie nun, die Leidenden, Hinfälligen. Der erste mit einem Liter feinstem italienischem Espresso im Leibe, der sein Herz zu einem beeindruckenden Stakkato veranlassen sollte, der zweite bleich und blass, wie es seinem hinkenden Kreislauf entsprach, das eine Bein gefühllos, das andere kribbelnd, die Hände leichig-kalt, der dritte trug ein verbürgtes Zwölffingerdarmgeschwür im Leibe, der vierte war dermaßen siech, dass er das dicke Bündel Bestätigungen und Expertisen führender Medizinmänner kaum noch tragen konnte, und dann war auch schon K. an der Reihe, ein geheimnisvolles Leiden in den Höhlen seines Kopfes tragend, das ihn glücklich über die Jahre vorher gerettet hatte und ihn auch diesmal wohl nicht im Stich lassen würde. Eines musste man dem Heeresweißkittel lassen: Er nahm sich Zeit. Eine gute halbe Stunde dauerte es, bis der erste wieder hervorkam, der mit dem rasenden Herzen, ein weißes Papiersäcklein mit ebenso weißem Pülverchen in der Hand und – höchst tauglich. Abermals währte es an die dreißig Minuten, bis der Kreislaufgestörte sich aus dem Untersuchungsraum schleppte, in blutleeren Fingern ein weißes Säcklein mit ebenso weißem Pülverchen darin. Und wieder öffnete sich die Tür, der Soldat mit dem verbürgten Zwölffingerdarmgeschwür tänzelte hervor. Ohne Säcklein und sichtlich zufrieden. Frei? Tönte der Chor der Gefangenen. Gottlob tauglich, sagte dieser, und Diät bekomme ich auch. Kopfschüttelnd griff der nächste nach seinem nicht nur medizinisch gewichtigen Bündel, verschwand und kam wieder. Links das Bündel, rechts ein weißes Säcklein, ach, Sie wissen schon. Dem Pionier K. ward es seltsam im Gemüte. Er trat ein, stand wenig später da, in rosiger Nacktheit, wurde gewogen, abgemessen und prüfend beäugt. Naja, hörte er, naja. Adonis ist er keiner. K. deutete anklagend auf seinen Kopf, den mit den Höhlen. Schlimm. Sehr schlimm, hörte er menschlich mitfühlende Worte. Was tun wir wohl dagegen? Und wenig später umkrampfte die nunmehr endgültig soldatische Rechte ein weißes Säcklein – und die anderen fanden das auch noch lustig. Also Soldat. Fern von Weib, Katze und Nymphensittich. Auf kargen Sold reduziert. Der Freiheit beraubt. Der Menschenwürde verlustig. So gut wie tot. Da regte sich irgendetwas – mag sein ein Schwejk’sches Erbe – in den Tiefen des neuen Pioniers: Er ballte Herz und Verstand zur Faust und beschloss zu überleben. Dieses Überleben begann mit dem Begreifen der seltsam grauen Wesenheit, die ihn nunmehr umgab. Der Welt der schönen Künste hatte er ohnedies abgeschworen, bis auf Weiteres, und jene Gesellschaft, deren Leistungsdruck K. mit einem Mal schmerzlich vermisste, war draußen geblieben. Auch die Eigenverantwortlichkeit beschränkte sich nunmehr auf das pünktliche und exakte Ausführen von Befehlen. Wurde kein Zeitpunkt genannt, blieb nur noch die Exaktheit, das hatte K. recht schnell begriffen. So legte er mit fünf beherzten Kameraden Heeresdecken zusammen, millimetergenau, mit abgezirkelten Bewegungen, tagelang. Am Schluss der Bemühungen stand dann ein recht bescheidenes Gebilde, allerdings aufreizend senkrecht und hinreißend kantig. Da man K. und Kameraden überdies zur ungeliebten Spezies der Intellektuellen zählte, gab es entsprechende Aufgaben zu erfüllen, zum Beispiel die Belebung des Herreskorrespondenzwesens. Pionier eins, ein Organisationstalent, erheischte auf dem Dienstwege zwei Blatt jungfräuliches Papier, Pionier zwei, des Maschinschreibens kundig, nahm es bedächtig entgegen und wartete gespannt auf das Diktat von Pionier drei, dessen Routine in der Abfassung dienstlicher Schriftstücke nicht ungenutzt bleiben durfte. Pionier vier, der Genaue, überprüfte anschließend das Papier und wies es recht häufig an zwei und drei zwecks Neuabfassung zurück, was wiederum zur Folge hatte, dass eins ausgesandt wurde, um neues Papier...