E-Book, Deutsch, Band 1, 512 Seiten
Reihe: Preston Brothers
McLean Preston Brothers, Band 1 - Loving Lucas
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-473-51219-5
Verlag: Ravensburger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 512 Seiten
Reihe: Preston Brothers
ISBN: 978-3-473-51219-5
Verlag: Ravensburger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jay McLean ist passionierte Leserin, mit Herzblut New-Adult- und Young-Adult-Autorin und äußerst gut darin, Dinge vor sich herzuschieben. Wenn sie nicht gerade liest, schreibt oder To-Dos verdrängt, verbringt sie am liebsten Zeit mit ihren drei Söhnen oder schaut True-Crime-Dokumentationen. Sie schreibt genau die Bücher, die sie auch selbst als Leserin liebt. Bücher, die sie zum Lachen, ihr Herz zum Weinen und wahre Gefühle an die Oberfläche bringen. Jay McLean lebt in Australien in ihrem Traumhaus, das immer von lautem Lachen und noch lauterer Musik erfüllt ist.
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Prolog
LUCAS
Das Blut auf meiner Kleidung ist noch feucht, anders als das Blut an meinen Händen.
Irgendwann auf dem Weg zwischen Krankenhaus und der Zelle hier auf der Polizeiwache ist es zu einem dünnen roten Panzer getrocknet, der an meinen Handflächen und Fingern haftet. Auch auf meinem Gesicht kann ich Blut spüren, aber dort hat es sich mit meinen Tränen vermengt. Ich frage mich, wie ich auf die anderen Insassen wirken mag – ein Jugendlicher, noch nicht ganz Mann, der in einem blutbefleckten Smoking und mit nur einem Schuh an den Füßen in der Ecke kauert. Kurz stelle ich mir vor, was für Geschichten sie sich wohl über mich ausdenken.
Vielleicht, dass ich betrunken einen Verkehrsunfall verursacht habe.
Vielleicht, dass ich mich betrunken geprügelt habe.
Vielleicht, dass ich versucht habe, jemanden umzubringen.
Ich versuche, nicht allzu lange darüber nachzudenken, weil das Ausmaß der Konsequenzen meines Handelns über meinen Verstand hinausgeht. Also starre ich einfach auf den Boden zwischen meinen Füßen, auf meinen einzelnen Schuh, der mir vorkommt wie ein Symbol für meinen Niedergang, und denke an die eine Sache, die noch Sinn ergibt.
Ich denke an sie.
Und ich frage mich, ob ich das Bild in meinem Kopf und das Gefühl ihres schlaffen Körpers in meinen Armen jemals werde abschütteln können.
Acht Sekunden.
Die Zeit, die ich brauchte, um zu begreifen, wie sehr ich sie liebe.
Acht Sekunden, die mein Leben veränderten.
Acht Sekunden, die reichten, um sie zu verlieren.
LANEY
DAMALS
»Nett von deinem Chef, dass er uns eingeladen hat«, murmelte ich meinem Dad zu, der neben mir auf dem Fahrersitz saß, die Hände am Lenkrad, und uns durch die Stadt fuhr, die von jetzt an mein Zuhause sein würde.
Nach der Scheidung hatte er noch mal ganz von vorn anfangen wollen, und das bedeutete in erster Linie, so weit von Mom wegzuziehen wie möglich. Falls er enttäuscht war, weil der Job, den er am Ende bekommen hatte, nur vier Autostunden weit von ihr entfernt lag, ließ er es sich nicht anmerken. Dafür versicherte er mir, es sei ein guter Job und für einen Vorarbeiter außerdem anständig bezahlt. Und auch, wenn die Stadt viel kleiner war als die, in der ich meine Kindheit verbracht hatte, fand er, hier ließe es sich gut aushalten, bis ich alt genug war, um meiner eigenen Wege zu gehen – College und so weiter. Das waren seine Worte, nicht meine. Schließlich war ich erst elf. Alt genug, um mir eine eigene Meinung zu bilden, aber noch zu jung, um mir groß Gedanken über die Zukunft zu machen. »Und wie ist dein Chef so? Tom heißt er, oder?«
Dad nickte, dann warf er einen Blick in den Seitenspiegel und wechselte die Spur. »Scheint ziemlich in Ordnung zu sein. Ein Riesenkerl, und seine Frau ist winzig. Sie heißt Kathy.«
Mein Dad ist einer von diesen Männern, die nicht zu altern scheinen. Nur dass er auch nie jung gewirkt hatte. Sein Bart war immer schon von grauen Stoppeln durchsetzt gewesen, und er hatte immer schon dunkle Ringe unter den Augen gehabt, die ihn stets müde wirken ließen. Am meisten aber stach an ihm hervor, dass er ständig besorgt wirkte – als stünde uns der Weltuntergang bevor und er wäre der Einzige, der davon weiß. Als es mit Mom zunehmend schlecht lief, wurde seine Sorge erst zu Stress, dann zu Angst und wich irgendwann, ganz langsam, Akzeptanz. Ich glaube, die Akzeptanz war für ihn das Schlimmste von allem – zu wissen, dass jetzt nur noch er und ich gegen den Rest der Welt übrig waren. Dann bekam er dieses Jobangebot. Ich glaube nicht, dass ich ihn seit »dem letzten Tropfen« – das war, als Mom ihm einen Stuhl an den Kopf warf – noch mal hatte lächeln sehen.
Er stupste mir mit dem Ellenbogen in die Seite und lächelte mir zu. »Rate mal, wie viele Kinder sie haben.«
Ich zuckte mit den Achseln, schob meine Gedanken weg. »Wie viele?«
»Du sollst raten, Lo.« Seine Stimme vibrierte förmlich vor Erwartung.
»Keine Ahnung. Vier?«
»Mehr.«
»Fünf?«
Er schüttelte den Kopf.
Ich setzte mich auf und fragte mit großen Augen: »Sechs?«
Gott sei Dank nickte er endlich. Ein Kind mehr, und mir wären die Augen aus dem Kopf gefallen. »Jupp. Fünf Jungs und ein Mädchen. Das Mädchen ist am ältesten. Und ihre Namen fangen alle mit L an. Siehst du, Lois? Du passt perfekt dazu.«
Ich schaute runter auf meine Flip-Flops, die Jeans-Shorts und das T-Shirt, auf dem eine Katze mit dem Schriftzug Look at Me-ow darunter zu sehen war. »Vielleicht hätte ich mir besser ein hübsches Kleid anziehen sollen oder so. Um sie zu beeindrucken, weißt du?«
Es dauerte etwas, bis er antwortete, und als er es tat, sprach er so laut, dass ich seine Worte auch heute, sechs Jahre später, noch klar und deutlich zu hören glaube. »Du beeindruckst die Leute mit deinem Verstand. Mit deinem guten Herzen und deiner Bescheidenheit. Du bist ein bildhübsches Mädchen, Lois, aber dein Aussehen und deine Kleidung sollten nicht der Grund dafür sein, dass sich jemand zu dir hingezogen fühlt. Denk daran, wenn du älter wirst und sich langsam die ersten Jungs für dich interessieren. Wenn sich einer nur zu deinem Äußerem hingezogen fühlt, ist er nicht der Richtige für dich, Lo. Du hast etwas Besseres verdient. Und etwas Besseres wirst du auch bekommen.«
Der Vortrag allein war mir Beweis genug, dass es richtig gewesen war, mit ihm wegzuziehen, anstatt bei meiner Mutter zu bleiben.
»Außer, es handelt sich um Justin Timberlake«, witzelte ich, um meine wahre Reaktion auf seine Worte zu verbergen. »Der darf mich nur für mein Aussehen mögen, oder?«
Dad lachte leise in sich hinein. »Du hast so was von was Besseres verdient als Justin Timberlake.«
»Das bezweifle ich«, entgegnete ich ernst. Was JT betraf, verstand ich keinen Spaß.
Jetzt lachte er richtig, und es klang so aufrichtig, dass ich meine Mutter einen Moment lang fast schon dafür hasste, mit welcher Hartnäckigkeit sie versucht hatte, ihm dieses Lachen für immer zu nehmen. Ja, ich war jung. Aber blind war ich nicht. Und auch nicht taub. Und obwohl ich garantiert nicht alles wusste, was zwischen den beiden passiert war – das, was ich mitbekommen hatte, reichte.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Tom und Kathy und ihren Stall voll Kinder. »Dad …« Ich sah ihn von der Seite an. »Bist du sicher, dass du den Job annehmen willst? Nicht, dass diese Leute in irgend so einer schrägen Sekte sind. Am Ende fängst du als Bauleiter bei denen an, und ehe du es dich versiehst, hast du sechs Ehefrauen.«
Er verdrehte die Augen. »Ich sollte mehr darauf achten, was du dir im Fernsehen anschaust. Das war’s jedenfalls vorerst mit den Reality-TV-Sendungen.« Er ging vom Gas, bis wir fast zum Stehen kamen. »Ich glaube, wir sind da.« Er beugte sich übers Lenkrad, um einen genaueren Blick auf die Hausnummer am Briefkasten zu werfen. Er war das Einzige, was von der Straße aus zu sehen war. Und eine lange Kiesauffahrt in einem endlosen Meer aus Bäumen. »Jepp, wir sind da«, sagte er mehr zu sich selbst als zu mir, und der Wagen kroch langsam durch das offene Tor. »Wow …«, flüsterte er.
Und ja: Wow traf es echt.
Als das Haus der Prestons zum Vorschein kam, war es fast so, als würde die Zeit auf einmal langsamer verstreichen. Das weiße Haus war wunderschön: dreistöckig mit dunklen Fensterläden und einer umlaufenden Veranda. Dazu ein Nebengebäude, in dem unten die Garage und oben eine weitere Wohnung untergebracht war. Der Garten war gepflegt, der Rasen perfekt getrimmt. Es war die Art Haus, die man normalerweise nur in Wohnzeitschriften zu sehen bekommt. Vermutlich hätte uns das in Anbetracht der Tatsache, dass Tom Preston das größte Bauunternehmen in diesem Teil von North Carolina gehörte, nicht weiter verwundern dürfen, aber trotzdem … Es war das prächtigste Haus, das ich je gesehen hatte. Zumindest in echt.
Um das Haus verlief ein niedriger weißer Lattenzaun, der vermutlich dafür sorgen sollte, dass die Kinder auf dem mindestens fünfzig Hektar großen Grundstück in Sichtweite blieben. Und bei den fünfzig Hektar war der See noch nicht mitgerechnet.
Je näher wir kamen, desto mehr Kinder schienen sich wie aus dem Nichts um uns herum zu versammeln. Eins. Zwei. Drei … Bei vier hörte ich auf zu zählen. Denn die Vier sorgte dafür, dass mir der Atem stockte und ich nervös an meinem T-Shirt herumfummelte und meine Gedanken um die Frage kreisten, warum ich verflixt noch mal kein hübsches Kleid angezogen hatte.
Als Dad seinen neuen Chef als Riesenkerl bezeichnet hatte, war das kein Witz gewesen. Tom war nicht nur groß, er war auch breit. Nicht übergewichtig, sondern einfach … gigantisch. Und extrem einschüchternd, auch wenn ich nicht glaube, dass das seine Absicht war. Er hatte diese tiefe, gewaltige Stimme, die ihn wie Donnergrollen zu umgeben schien.
Während Tom uns seiner Familie vorstellte – Dad als seinen neuen Vorarbeiter Brian und mich als dessen Tochter Lois –, standen wir noch im Garten. Eine Menge Namen wurden genannt, unterbrochen von freundlichem Nicken und höflichem Gemurmel. Aber die einzigen Namen, die ich wirklich mitbekam, waren der von seiner Frau Kathy, der von...