E-Book, Deutsch, Band 2, 512 Seiten
Reihe: Preston Brothers
McLean Preston Brothers, Band 2 - Losing Logan
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-473-51230-0
Verlag: Ravensburger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 512 Seiten
Reihe: Preston Brothers
ISBN: 978-3-473-51230-0
Verlag: Ravensburger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jay McLean ist passionierte Leserin, mit Herzblut New-Adult- und Young-Adult-Autorin und äußerst gut darin, Dinge vor sich herzuschieben. Wenn sie nicht gerade liest, schreibt oder To-Dos verdrängt, verbringt sie am liebsten Zeit mit ihren drei Söhnen oder schaut True-Crime-Dokumentationen. Sie schreibt genau die Bücher, die sie auch selbst als Leserin liebt. Bücher, die sie zum Lachen, ihr Herz zum Weinen und wahre Gefühle an die Oberfläche bringen. Jay McLean lebt in Australien in ihrem Traumhaus, das immer von lautem Lachen und noch lauterer Musik erfüllt ist.
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Kapitel 1
LOGAN
Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt: die Realisten und die Faker, die sich selbst und anderen ständig was vormachen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie beide ähnlich stark zum Kotzen finde.
Sogar jetzt, wo Joy neben mir in meinem Truck sitzt und ihr langes, blondiertes Haar im Fahrtwind flattern lässt, empfinde ich dieses unangenehme Kribbeln, wie Nadelstiche, nur schlimmer. An Joy ist praktisch gar nichts echt, aber gleichzeitig ist das mit ihr auch das Beziehungsähnlichste, was ich je hatte.
Ihr Lachen ist so nervtötend und unecht wie das dazugehörige Lächeln. Jetzt gerade kichert sie über irgendwas, das ich gesagt habe und an das ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann. Aber ich wette, es war null witzig.
Joy … allein schon der Name. Freude. Was für eine Last. Als wäre es ihr vorgeschriebenes Lebensziel, Freude zu verbreiten, ganz gleich, wohin sie kommt.
Arme Joy.
Sie streckt die Hand aus, legt sie in meinen Nacken, vergräbt ihre aufgeklebten Fingernägel in meinem Haar und gibt ein aufgesetztes Stöhnen von sich. Ich sehe sie an, grinse, und sie klimpert mit ihren bestimmt zwei Zentimeter langen künstlichen Wimpern. Es kostet mich meine gesamte Beherrschung, nicht am Straßenrand zu halten und … Sie lässt die Hand von meinem Hals zu meiner Schulter und weiter über meine Brust gleiten, bis sie schließlich warm auf meinem Bauch zum Liegen kommt.
Dann erstarrt Joy plötzlich mitten in der Bewegung und sagt: »Wir müssen noch Aubrey abholen.«
Ich schiebe ihre Hand weg.
Aubrey ist ihre Freundin und ungefähr die größte Nervensäge in der Menschheitsgeschichte. Müsste ich einen Graphen zeichnen, der Faker und Realisten abbildet, würden Joy und Aubrey vermutlich die beiden entgegengesetzten Enden des Spektrums besetzen.
Ich sage: »Ich dachte, wir zwei sind heute Abend unter uns.«
Joy schnaubt, ein Geräusch, das ich hasse. »Mit ungefähr fünfzig weiteren Leuten? Wir gehen auf eine Hausparty, Logan.«
Es ist Freitagabend, ich bin seit fünf Uhr früh wach, und ein Teil von mir fühlt sich zu alt für den Scheiß, auch wenn ich erst neunzehn bin. Aber gleichzeitig bin ich aufgedreht und hibbelig und will den Abend nutzen, um den Frust der vergangenen Woche abzuschütteln und Dampf abzulassen. Nur dass jetzt Aubrey ins Spiel gekommen ist, und … »Ich hab heute Abend keinen Bock auf Aubrey.«
»Aber sie ist meine Freundin!«, jammert Joy, als wüsste ich das nicht selbst. Ich bin jetzt seit knapp drei Monaten mit ihr zusammen, länger als mit irgendwem zuvor. Ich war ihr treu, hab nicht mal anderen Frauen hinterhergeschaut. Hab mich zusammengerissen, obwohl ich das Gefühl hatte, dabei langsam, aber sicher den Verstand zu verlieren.
»Außerdem hatte sie heute Abend noch nichts vor«, fügt Joy hinzu.
Was mich nicht weiter überrascht. »Und deswegen müssen wir sie jetzt aus Mitleid mitnehmen?«
»Sei einfach nett zu ihr, okay?«
Nett?!
»Wenn du ein braver Junge bist«, fügt sie hinzu, führt meine Hand an ihre Lippen und haucht mir einen Kuss auf die Fingerspitzen, »zeige ich mich später auch erkenntlich.«
Und da haben wir auch schon den Grund dafür, warum ich die Menschheit überhaupt ertrage. Joy insbesondere.
Als wir bei Aubrey ankommen, sitzt sie schon in der Einfahrt. In ihrem langen Rock, dem weißen Tanktop und der potthässlichen Oma-Strickjacke sieht sie aus wie der letzte Hippie.
Joy klappt die Blende herunter und überprüft ihr überschminktes, makelloses Gesicht. »Kann sie auf deiner Seite rein? Ich will nicht aussteigen.«
Da es komplett sinnlos wäre, mit ihr herumzustreiten, steige ich aus und lasse die Fahrertür offen, damit Aubrey einsteigen und in die Mitte rutschen kann. »Hi, Arschloch«, sagt sie zur Begrüßung.
Ich verdrehe die Augen. »Offenbar hab ich die Partyeinladung nicht richtig gelesen. Sonst hätte ich mitbekommen, dass wir uns als Hippies verkleiden sollen.«
Aubrey bleibt vielleicht einen halben Meter vor mir stehen und wirft mir dieses fiese Grinsen zu, das ich zutiefst zu verabscheuen gelernt habe. »Weil das nur in der Einladung für die Mädchen stand. Die Jungs sollen als hoffnungslose Kiffer kommen, die die Highschool nicht gepackt haben.« Sie klatscht in die Hände. »Ja, und schau: Du musst dafür nicht mal so tun als ob!« Mit diesen Worten schiebt sie sich an mir vorbei und zieht den Schirm meines Caps nach unten, sodass ich nichts mehr sehe.
Nachdem ich mir das Cap wieder zurechtgerückt habe, steige ich ebenfalls ein und lasse den Motor an. Und weil mich ihr fieser Spruch höchstens marginal berührt hat, belasse ich es bei: »Dein Rock ist kackenhässlich.«
»Klasse, dann passt er ja zu deinem Gesicht.«
Joy seufzt und trägt mehr Lippenstift auf ihre jetzt schon knallrosa Lippen auf. »Könntet ihr zwei wenigstens so tun, als würdet ihr euch verstehen?«
»Nein«, antworten Aubrey und ich im Chor.
Na ja, wenigstens in dem Punkt sind wir uns einig.
Ich setze rückwärts aus ihrer Einfahrt und fahre zurück auf die Straße, und schon schabt Aubreys Stimme wieder gegen meine Nerven. »Übrigens brauchst du mich. Schließlich habe ich uns die Einladung besorgt.« Was natürlich gelogen ist, weil Aubrey abgesehen von Joy keine Freunde hat. Klar, sie ist noch neu in der Stadt. Aber trotzdem …
»Es gibt gar keine Gästeliste, Klugscheißerin.«
Aubrey schüttelt mit einem bedauernden Seufzer den Kopf. »Aber vorn im Garten steht ein großes Schild mit der Aufschrift Hunde verboten. Es war nicht so leicht, Brittney davon zu überzeugen, dich trotzdem reinzulassen.«
»Hast du ein Glück, dass sie mit dummen Ziegen offenbar kein Problem hat.«
»Können wir jetzt einfach auf diese bescheuerte Party gehen?«, brummt Aubrey.
»Wenn du lieber nicht gehen möchtest, kann ich auch umdrehen und dich zu Hause rauslassen«, biete ich an.
»Ja, bitte.«
Ich betätige den Blinker, aber Joy langt über Aubrey drüber und schaltet ihn wieder aus. Dann sagt sie zu ihrer Freundin: »Wir gehen da jetzt hin. Und zwar alle drei. Und wir freuen uns drauf.«
Wie gesagt: Lebensziel, Freude zu verbreiten.
Winbury, das Kaff, in dem wir wohnen, ist winzig, und die soziale Schere verläuft entlang der Main Street. Auf der einen Seite wohnen die mit Geld, auf der anderen … die anderen. Komplett klischeemäßig, ich weiß.
Der Eingang zum Preston-»Anwesen«, wie der Vollpfosten-Anteil der Einwohnerschaft von Winbury es gern nennt, liegt am Ende der Main Street. Geografisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich würde ich meine Familie ziemlich genau in der Mitte einordnen. Aubrey wohnt etwas näher bei denen ohne Geld, Joy dagegen ist so was wie die Prinzessin der Snobs, was bedeutet, dass (abgesehen von Aubrey) die Leute, mit denen sie sich umgibt, allesamt genauso sind wie sie. Aubrey und sie haben vor ein paar Monaten ihren Highschool-Abschluss gemacht, Joy auf der St. Lukes, der einzigen Privatschule im Umkreis von fünfzig Meilen. Wo Aubrey zur Schule gegangen ist, weiß ich nicht. Aufs College will im Augenblick keine von ihnen. Joy kann es sich leisten, nichts zu tun – Daddys Geld macht’s möglich. Wieso auch nicht? Was Aubrey mit ihrem Leben vorhat, interessiert mich nicht.
Bis ich auf einer der Partys auf der anderen Seite der Main Street, auf die ich regelmäßig gehe, Joy kennengelernt habe, hatte ich diesen Teil der Stadt praktisch nie tagsüber zu Gesicht bekommen, außer wenn ich Dad auf dem Bau half. Die Partys hier sind dagegen eine Welt für sich, und es gibt einen guten Grund, aus dem ich hingehe:
Weil es Gras und Alkohol für lau gibt.
Erwähnte ich schon, dass ich nicht trinke?
Es gibt einen richtigen DJ, der normalerweise garantiert in cooleren Locations auflegt als hier, und die Bässe bringen die Fenster und Wände zum Beben. Ich hänge auf dem Sofa ab, rauche einen Joint und schaue zu, wie mein Mädchen mit einem anderen Mädchen tanzt.
Rubinroter Satin schmiegt sich an Joys Kurven. Das Kleid reicht ihr nur knapp bis über den Hintern. Darunter: endlos lange gebräunte Beine und Fünfzehn-Zentimeter-Stilettos mit jeweils einer Reihe winziger Glitzersteine hintendran, die in einer roten Schleife münden.
Das Sofakissen gibt nach, weil sich jemand neben mich setzt, aber ich reagiere nicht, sondern lege den Kopf in den Nacken, um die Lightshow an der weißen Decke zu betrachten. Rote, blaue, grüne Flecken ziehen an mir vorbei, und in mir macht sich dieses herrlich freie, schwebende, euphorische Gefühl breit, das die Dunkelheit vertreibt. Dies sind die wenigen Momente, in denen ich mich verstecken kann. Verstecken vor … vor den Erinnerungen.
»Dein Mädchen sieht toll aus.« Ich erkenne die Stimme. Sie gehört Denny, dem Mann, an den man sich in dieser Stadt wendet, wenn man auf andere Gedanken kommen will. Sprich: unserem lokalen Dealer. »Yo, brauchst du Nachschub?«
Nach kurzem Zögern schüttle ich den Kopf. Aber Denny ist sowieso schon wieder weg. Er geht rüber in die andere Wohnzimmerecke. Erst als er stehen bleibt, bemerke ich, wem er gefolgt ist: Aubrey.
Ich setze mich auf.
...