E-Book, Deutsch, Band 3, 768 Seiten
Reihe: Preston Brothers
McLean Preston Brothers, Band 3 - Leaving Leo
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-473-51231-7
Verlag: Ravensburger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 768 Seiten
Reihe: Preston Brothers
ISBN: 978-3-473-51231-7
Verlag: Ravensburger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jay McLean ist passionierte Leserin, mit Herzblut New-Adult- und Young-Adult-Autorin und äußerst gut darin, Dinge vor sich herzuschieben. Wenn sie nicht gerade liest, schreibt oder To-Dos verdrängt, verbringt sie am liebsten Zeit mit ihren drei Söhnen oder schaut True-Crime-Dokumentationen. Sie schreibt genau die Bücher, die sie auch selbst als Leserin liebt. Bücher, die sie zum Lachen, ihr Herz zum Weinen und wahre Gefühle an die Oberfläche bringen. Jay McLean lebt in Australien in ihrem Traumhaus, das immer von lautem Lachen und noch lauterer Musik erfüllt ist.
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Kapitel 2
MIA
Keine Ahnung, wieso ich dachte, dass es im darauffolgenden Sommer besser laufen würde. Denn mein zweiter Aufenthalt bei den Prestons ist eine exakte Kopie des Vorjahrs. Der einzige Mensch, mit dem ich überhaupt je ein richtiges Gespräch führe, ist Tom. Er arbeitet viel, deswegen ist er selten zu Hause. Aber wenn er da ist, dann unterhält er sich mit mir über mein Leben, mein Zuhause, meine Hobbys. Manchmal sind auch seine Söhne dabei, aber sie achten nicht weiter auf mich. Sie sind nie grausam oder gemein zu mir, machen jedoch auch keinerlei Anstalten, sich mit mir anzufreunden. Und meine Mom gibt mir ständig das Gefühl, ihr im Weg zu sein, weswegen ich mich auch in diesem Jahr wieder frage, warum sie mich überhaupt hier bei sich haben will.
Ich bereue meine Zusage, kaum dass ich einen Fuß ins Haus gesetzt habe. Ich entdecke Leo sofort und lächle ihm zu, wobei ich hoffe, nicht allzu offensichtlich rot zu werden. Die vergangenen zwölf Monate war ich im Traumland unterwegs und habe mir Tausende von Gründen ausgemalt, aus denen er ein Foto von mir mit sich herumtragen könnte. Doch schon bei meiner Ankunft erweisen sich all meine detaillierten Fantasien als genau das: Fantasien. Denn Leo sitzt auf der Couch, liest ein Buch, und dann steht er auf und verlässt den Raum, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ohne ein Wort zu sagen. Nicht mal »Hi«.
Und mein kleines dreizehnjähriges Herz zerspringt in eine Million Scherben.
Die erste Sommerhälfte verbringe ich allein, spaziere auf dem Grundstück herum und bemühe mich, meiner Mutter aus dem Weg zu gehen. Die älteren Jungs scheinen immer irgendeine Beschäftigung zu finden. Aber sie fragen mich nie, ob ich mitmachen will. Das einzige Preston-Mädchen ist gleichzeitig auch das Älteste der Kinder und wohnt schon nicht mehr im Haupthaus. Wenn sie doch mal dort ist, was selten vorkommt, unterhält sie sich mit mir. Aber so, als wäre ich noch ein Kind, dabei fühle ich mich gar nicht mehr so. Ich bezweifle, dass sie eine Ahnung hat, wie alt ich bin. Und ich glaube auch nicht, dass es sie interessiert. So wie sich niemand hier für mich interessiert.
Als ich mit Grandpa telefoniere, verschweige ich ihm das alles und erzähle ihm stattdessen, was für einen Mordsspaß ich bei den Prestons hätte. Ich habe zwar ein entsetzlich schlechtes Gewissen deswegen, aber ich bin mir gleichzeitig sicher, dass ihm die Wahrheit wehtun würde.
Meine Mom steht in der Küche der Garagenwohnung, während ich mit dem Telefon am Ohr auf dem Sofa liege und versuche, mir nichts anmerken zu lassen.
»Wie schön, dass du dich amüsierst, Baba«, dröhnt er mit seiner tiefen Stimme, und ich muss lächeln. Ich vermisse ihn. Ich vermisse diese Stimme, seinen starken ungarischen Akzent und seinen Kosenamen für mich, der so viel bedeutet wie »Kleine«. Ich bin sein einziges Enkelkind, und tief in meinem Herzen glaube ich, dass ich sein Ein und Alles bin. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie er auf dem Fernsehsessel in unserem Wohnzimmer sitzt. Der Fernseher ist auf stumm gestellt, und seine runzligen Hände, mit denen er sich das Telefon ans Ohr hält, zittern. Er vermisst mich sicherlich genauso wie ich ihn, aber er hat mich ermutigt, herzukommen, damit ich mehr von der »Welt« sehe, als er mir bieten kann. Er will, dass ich noch zu anderen Kindern als Holden Kontakt habe. »So findet man Freunde«, hat er zu mir gesagt.
Wir befinden uns im selben Bundesstaat, nur drei Stunden Autofahrt voneinander entfernt, aber er hat recht. Das hier ist eine andere Welt.
»Ich hab überlegt, wenn ich wieder zu Hause bin, könnten wir …«, setze ich an, aber Mom unterbricht mich mitten im Satz.
»Mia, bring das bitte rüber ins Haupthaus zu Tom. Es ist für morgen.« Sie stellt eine Auflaufform auf die Arbeitsfläche.
»Ich telefoniere gerade«, antworte ich, obwohl sie das bereits weiß. Sie reagiert nicht, sondern schiebt mir nur kommentarlos die Form hin, ehe sie im Schlafzimmer verschwindet und die Tür hinter sich schließt. Wenig später höre ich die Dusche rauschen.
Seufzend stehe ich von meinem provisorischen Bett auf und sage ins Telefon: »Ich muss jetzt auflegen. Ich ruf dich morgen wieder an, okay?«
»Okay, Baba. Szeretlek.«
»Ich hab dich auch lieb, Tata.« Ich beende das Gespräch und schiebe das Telefon in meine Jogginghosentasche. Dann wickele ich mir das Geschirrtuch als Schutz um meine Hände, greife die dampfende Auflaufform, schlüpfe in meine Schuhe und gehe die Treppe nach unten.
Die Verandalichter am Haupthaus sind noch an, und Tom sitzt mit einem seiner Söhne draußen am Tisch. Der Junge wendet mir den Rücken zu, deswegen kann ich nicht erkennen, welcher es ist. Keiner von beiden sieht mich kommen, bis die Verandatreppe unter meinen Schritten knarrt und sie sich zeitgleich dem Geräusch zuwenden.
Tom lächelt.
Leo nicht.
»Tut mir leid, dass ich störe«, krächze ich. »Mom meinte, ich soll das hier rüberbringen. Möchten Sie, dass ich es in den Kühlschrank stelle?«
Tom steht auf, nimmt mir vorsichtig die Form ab und setzt sie auf dem Tisch ab. »Das kann warten«, sagt er immer noch lächelnd. »Setz dich doch ein bisschen zu uns.«
Ich schüttle schnell und heftig den Kopf. »Nein, nein, schon gut, ich … ich …«
Aber er ist schon dabei, mir einen Stuhl hinzuschieben.
Da ich schlecht einfach Nein sagen kann, setze ich mich. Die Schamesröte steigt in meine Wangen. Ich war Leo noch nie so nah. Normalerweise geht er immer, wenn ich den Raum betreten, oder ignoriert zumindest meine Anwesenheit. Jetzt aber sitzt er mir direkt gegenüber und hat nicht mehr die Möglichkeit, so zu tun, als wäre ich nicht da. Aber er steckt die Nase in ein Buch, das sein ganzes Gesicht bedeckt. Vielleicht gelingt es ihm also doch. Um ehrlich zu sein, überrascht es mich, dass er nicht einfach aufsteht und geht.
»Und, wie war der Sommer bisher für dich?«, fragt Tom und trinkt einen Schluck aus einer Tasse, die vermutlich Kaffee enthält.
»In Ordnung. Also, ich meine natürlich, gut. Es war ein schöner Sommer, ja.« Ich bin ein nervliches Wrack, und das ohne jeden Grund.
Tom räuspert sich. »Ich gehe mal davon aus, dass meine Jungs dich ordentlich auf Trab halten. Oder zumindest dafür sorgen, dass du dich nicht langweilst? Hier gibt es immer was zu erleben.«
Ich lächle, auch wenn es schmerzt. Lüge, auch wenn es wehtut. »Klar, sicher.«
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Leo das Buch ein wenig sinken lässt. Und dann noch ein wenig mehr. Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen, während er mir einen durchdringenden Blick zuwirft und seine sonst so strahlend blauen Augen einen düsteren Ausdruck annehmen, auf den ich mir keinen Reim machen kann. Er sagt kein Wort.
»Wenn die Jungs dir zu viel werden«, fährt Tom fort, »sag einfach Laney Bescheid, und sie hält ihnen eine Standpauke.«
Ich reiße meinen Blick von Leo weg und konzentriere mich auf das, was Tom gerade gesagt hat. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist diese Laney eigentlich nur Lucas’ beste Freundin. Aber alle hier behandeln sie wie ein Familienmitglied. Lucas und Laney sind bloß ein paar Jahre älter als ich, aber sie wirken viel reifer. Viel … lebenserfahrener.
»Okay, mach ich«, murmle ich. Alles in mir drängt mich zu gehen, in die Bequemlichkeit meiner Einsamkeit zurückzukehren.
Toms Telefon vibriert auf der gläsernen Tischplatte, und ich bin dankbar, dass sich für mich dadurch eine Gelegenheit zur Flucht ergibt. Kaum ist er aufgestanden und hat den Anruf entgegengenommen, da springe ich schon auf. Doch er legt ganz sachte seine große, schwere Hand auf meine Schulter, um mich aufzuhalten. »Bleib doch noch.« Sein Tonfall ist sanft. »Ich würde mich gern noch ein bisschen mit dir unterhalten.«
Ich nicke und muss dabei den Hals recken, um überhaupt in sein Gesicht sehen zu können. Er ist groß, an die eins neunzig, würde ich sagen, und mir schießt die Frage durch den Kopf, welcher seiner Söhne am Ende wohl am größten wird. Mein Blick folgt ihm ins Haus, wo er in seinem Büro verschwindet. Seine Stimme ist nur noch ein fernes Murmeln. Jetzt, wo mein Puffer weg ist, atme ich tief ein und halte den Blick starr auf die Auflaufform gerichtet. Eine Minute verstreicht, dann noch eine. Ich beiße so fest die Zähne zusammen, dass mein Kiefer schon wehtut. Als ich mich gerade ein bisschen entspanne, räuspert sich Leo. Ruckartig sehe ich auf. Er hat sein Buch aufgeschlagen auf den Tisch gelegt. »Dad meinte, du wohnst auf einer Farm?«
Beim Klang seiner Stimme, der Worte, die er direkt an mich richtet, schießt mein Puls in die Höhe.
Ich nicke, presse aber weiter die Lippen zusammen und versuche, ihn nicht anzusehen. Zumindest nicht in seine Augen, die gleichzeitig zu viel zu verraten und nichts zu enthüllen scheinen.
Er lehnt sich entspannt zurück, und sein schlichtes weißes T-Shirt spannt sich bei der Bewegung. »Wie ist das so?«
Achselzuckend gebe ich die einzige Antwort, die mir in diesem Moment einfällt: »Ruhig.«
Er wirft mir ein schiefes Lächeln zu. »Muss schön sein.«
Meine Schultern entspannen sich. »Die Ruhe?«
Jetzt ist er es, der wortlos nickt.
»Ja, ist es wohl.« Ich zucke mit den Achseln. »Aber manchmal ist es auch ganz...