Melchor | Paradais | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Melchor Paradais


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8031-4316-7
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-8031-4316-7
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Am Rand des Paradieses ist das Wasser schlammgrün. Jede Nacht sitzen sie unten am Fluss und trinken bis zur Besinnungslosigkeit: der übergewichtige blonde Franco, der in der Luxus-Anlage Paradise wohnt, und der sechzehnjährige Polo, der dort als Gärtner arbeitet. Doch Franco ist kein Freund, er braucht Polo nur, um seine grotesken sexuellen Phantasien auszubreiten. Die drehen sich obsessiv um eine einzige Frau: die unerreichbare Nachbarin Señora Marián. Polo bleibt trotzdem sitzen und säuft: um die Plackerei, die Herabwürdigungen zu ertragen, um nicht zurück ins Dorf zu müssen, wo alle für die Drogenmafia arbeiten - und ihn seine schwangere Cousine und die Vorwürfe seiner Mutter erwarten. Die Nachbarin wolle ihn verführen, sagt der Dicke, er müsse mit ihr schlafen, notfalls mit Gewalt. Polo hält das für lächerliche Hirngespinste, aber allmählich wird er vom stummen Saufkumpan zum Komplizen. Und wittert seine Chance auf den großen Ausbruch?... Mit unheimlicher Wucht erzählt Fernanda Melchor, wie aus Begehren etwas Finsteres, Aggressives, Lebensgefährliches entsteht. Ein hochexplosives Gemisch aus unüberbrückbaren Klassenunterschieden, Frustration und Frauenhass durchdringt »Paradais« in jedem Satz - bis in die letzte Ritze, bis zum irrwitzig flackernden Ende.

Fernanda Melchor, 1982 in Veracruz/Mexiko geboren, studierte Journalistin, gehört zu den wichtigsten Autorinnen Lateinamerikas. Für ihren zweiten Roman »Saison der Wirbelstürme« erhielt sie 2019 den Anna-Seghers-Preis, den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und stand auf der Shortlist des International Man Booker Prize. Der Roman erlebte zahlreiche Nachauflagen und wurde in 15 Sprachen übersetzt. 2021/22 ist Melchor Stipendiatin des DAAD in Berlin.
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SO HATTE ALLES ANGEFANGEN, das würde er ihnen sagen. Mit diesem überstürzten Besäufnis, das sie ein paar Tage später wiederholten, dank der Kohle, die der Dicke seinen Großeltern abluchste und mit der Polo Alk, Zigaretten und diese widerlichen, mit orangefarbenem Käsepulver überzogenen Chips kaufte, auf die der Fettsack so stand. Bald schon wurde es zur Gewohnheit: das ungeduldige Warten nach dem Mittagessen, die Suche nach dem Geld im Gestrüpp, der Lebensmittelladen, zum Bersten voll mit Arbeitern, die sich was zum Trinken kauften, bevor sie nach Boca oder in ihre Dörfer zurückfuhren; der unheimliche Weg durch das verlassene Grundstück, sie beide auf dem Steg in der Dämmerung, saufend und rauchend, Franco Andrades Geschwätz, Polos willfähriges Lachen, die schläfrige Benommenheit, die der Alkohol mit sich brachte, von dem es nie so viel gab, wie Polo es gern gehabt hätte, gerade mal genug, um ihn einigermaßen abzustumpfen, der Welt ihre schärfsten Kanten zu nehmen. Deshalb trank er so schnell, als veranstalte er einen Wettlauf mit dem Dicken, bis kein Rum oder Bier und keine Zigaretten mehr übrig waren und die gefräßigen Moskitos endgültig die Oberhand gewannen und die Lichter von Progreso auf der anderen Flussseite nach und nach erloschen und Polo abgefüllt genug war, um sich wieder in die Finsternis des Dickichts zu wagen und sein Fahrrad an dem wispernden Haus vorbeizuschieben, leise vor sich hin singend, , irgendeines der Lieder, die aus Cenobios Radio tönten, , so kitschig und absurd sie auch waren, , um nicht an die blutige Gräfin zu denken, die diesen einsamen Palast in den Mangrovensümpfen hatte erbauen lassen und deren blutüberströmte Gestalt immer noch jeden erschreckte, der so unvorsichtig war, sich in diese Gegend zu wagen, wie die alten Klatschweiber von Progreso erzählten, seine Mutter natürlich eingeschlossen – bis er endlich die menschenleere Straße erreichte, aufs Fahrrad stieg und den Abhang zur Landstraße hinunterraste, ohne ein einziges Mal in die Pedale treten zu müssen, und dann am Seitenstreifen entlang weiter, aus allen Poren schwitzend, so schwül war die Nacht, und so angestrengt war er darauf konzentriert, nicht über den weißen Seitenstreifen zu fahren, und darauf, dass der verfluchte wackelige Lenker nicht ausscherte und ihn gegen einen der Scheinwerfer der wenigen Autos schleuderte, die noch unterwegs waren. Denn ganz egal, wie viel oder wie schnell er auf dem Steg getrunken hatte, es war nie genug, um ihn einfach auszuknocken, das Bewusstsein verlieren zu lassen, auf die ganze Welt zu scheißen, einfach mal befreit auszuklinken, denn bald, zu bald, würde sich die kostbare Benommenheit, die er mit so viel Mühe erreicht hatte, in pochende Kopfschmerzen verwandeln, die besonders stechend wurden, wenn er daran dachte, dass er in weniger als fünf Stunden dieselbe Landstraße schon wieder zurück würde fahren müssen, um einen neuen Tag in dieser beknackten Anlage von Paradais zu beginnen. Deshalb blieb er auf der Brücke über den Fluss immer ein paar Minuten stehen und schaute auf das brackige Wasser hinab, das sich zwischen den Wiesen und Luxusanlagen und winzigen Inseln mit ihren Trauerweiden und zerzausten Palmen entlangschlängelte, die kaum sichtbar waren vor der lachsfarbenen Leinwand des nächtlich erleuchteten Hafens dort hinten am Horizont, und dann musste er an das Boot denken, das er mit seinem Großvater hätte bauen sollen, als noch Zeit dazu war, ein einfaches kleines Boot, nichts Besonderes, mit zwei kräftigen Rudern und vielleicht einer Stange, mit der sie sich im schlammigen Flussbett vorangestochert hätten, bis in die Mitte des Deltas, wo es nur so wimmelte von Bobo-Fischen, die aus den Bergen heruntergeschwommen kamen, und von Robalitos, die in den Flussmündungen laichten, das zumindest hatte sein Großvater immer gesagt, bevor er elendig abgekratzt war. Hätte er jetzt das Boot, dachte Polo, müsste er sich nicht auf diesem riesigen Umweg abstrampeln, um von Paradais nach Progreso zu gelangen und umgekehrt, und hätte sein Großvater sein Versprechen gehalten, ihm beizubringen, wie man ein Boot baut, hätte der alte Mann den Traum ernst genommen, mit dem er so oft geliebäugelt hatte, wenn sie zusammen auf der Brücke angelten, müsste Polo überhaupt nicht in diese dämliche Anlage zurück und sich von dem Arschgesicht Urquiza beleidigen lassen; er könnte in seinem Boot angeln oder Touristen über die Lagune schippern oder einfach nur flussaufwärts fahren, ohne festes Ziel, ohne Pläne und ohne Verpflichtungen, an einem der Dörfer der Flussmündung anlegen, wenn er irgendwas brauchte, und frei wie ein Vogel weiterfahren, ohne dass irgendjemand ihn davon abhalten könnte; er müsste keine lächerlichen Abstinenzversprechen abgeben und keine ungerechten, erniedrigenden Strafpredigten über sich ergehen lassen, er müsste nicht auf dem Wohnzimmerboden schlafen und würde im Morgengrauen nicht vom nervigen Gedudel des Weckers seiner Mutter aufwachen, er würde nicht tagein, tagaus denselben blöden Rasen sprengen und alle paar Tage mähen müssen, nicht zwischen den meterhohen, mit Stacheldraht bewehrten Mauern der Luxusanlagen bergauf radeln müssen, über den Kies des Seitenstreifens schlingernd, geblendet von den Scheinwerfern der entgegenkommenden Autos, die sich förmlich auf ihn zu stürzen schienen. Das einzig Gute daran, in den Morgenstunden nach Hause zu kommen, war vielleicht – abgesehen davon, dass er sich die Tiraden seiner Mutter und die ordinäre Visage von Zorayda ersparte –, dass die Landstraße so gut wie ausgestorben war, dass er sie mit dem Fahrrad überqueren konnte, ohne eine halbe Stunde auf eine Lücke im Verkehr warten zu müssen, und noch mit dem Schwung in die erste Bresche einbiegen konnte, die sich im Dickicht öffnete, eine Abkürzung, über die er direkt nach Hause kam, ohne durch das Zentrum von Progreso zu müssen, ein Trampelpfad, der zu dieser nächtlichen Stunde eher wie ein Schlund aus lebendiger, schreiender Dunkelheit wirkte, ein Tunnel, erfüllt vom Kreischen und Lärmen der Grillen und großer, im Gras versteckter Fröschen, in den Polo ungebremst hineinraste, benommen von Durst und Kopfschmerzen, die Augen von Schweiß und den in sein Gesicht klatschenden Insekten zu Schlitzen verengt, mit der stumpfen Benommenheit des Suffs in die Pedale tretend, dem Gedächtnis seiner Muskeln vertrauend, die sich reflexartig an die Stellen erinnerten, an denen die Bresche schmaler oder von Baumwurzeln verformt wurde, so oft hatte er mehrmals täglich diesen Tunnel aus Lianen und Farnkraut und vermodertem sumpfigem Gestrüpp durchquert, der nach frischem Grab roch: als Junge auf dem Weg zur Schule, die auf der anderen Flussseite lag, später, um den Bus nach Boca zu nehmen, und jetzt, um nach Paradais zu fahren, seit dem verfluchten Tag, an dem seine Mutter ihn in die Büros der Compañía Inmobiliaria del Golfo gezerrt und er seinen vollständigen Namen unter einen Vertrag gesetzt hatte, den der Schwanzlutscher von Urquiza ihm vor die Nase gelegt hatte und in dem stand, dass Leopoldo García Chaparro von diesem Moment an Gärtner in der Wohnanlage war. , korrigierte Urquiza ihn mit einem spöttischen Grinsen, als Polo zum zweiten Mal versuchte, diesen Gringoscheiß auszusprechen. Es heißt , nicht , also noch mal, sprich mir nach: . Und der neue Angestellte hätte ihm am liebsten geantwortet: , verflucht noch mal, du verfickte Schwuchtel, aber in Gegenwart seiner Mutter traute er sich nicht, sie hatte es nur eilig, dass er endlich unterschrieb, drängend schaute sie ihn mit ihren gelben Augen an wie eine hungrige Dohle; jetzt unterschreib schon, hatte sie gesagt, als sie sah, dass ihr Sohn den Vertrag durchblättern wollte, um zu sehen, was drinstand; erst unterschreibst du, dann kannst du’s immer noch lesen, verschwend doch nicht die Zeit des Herrn Ingenieurs. Also blieb Polo nichts anderes übrig, als den Scheißwisch zu unterschreiben, schon ahnend, dass er dem Teufel seine Seele verkauft hatte, und dieses Gefühl verstärkte sich noch, als er sah, wie sehr sich seine Mutter freute, dass er zum Lakaien dieses Packs arroganter Hohlköpfe wurde, denn es sei ja schließlich höchste Zeit, dass Polo in die Gänge kam und aufhörte, herumzulungern, ohne einen einzigen Peso nach Hause zu bringen, seit er so unglaublich blöd gewesen war – denn anders konnte man es ja nicht nennen –, im ersten Semester an der Oberschule in allen sechs Fächern durchzufallen, und alles nur wegen der Schwänzerei; alles hatte er damit über Bord geworfen, alle Opfer umsonst, die seine Mutter jahrelang gebracht hatte, damit der Rotzlöffel die Möglichkeiten hätte, von denen sie nicht einmal hatte träumen können. Das hatte er davon, jetzt sollte er sich auch mal den Arsch für die Familie aufreißen und aufhören, so ein verantwortungsloser Faulpelz zu sein. Es war auch so schon alles schwierig genug, und wegen des Missgeschicks seiner Cousine Zorayda wäre in ein paar Monaten ohnehin alles knapper denn je, wenn in dem verdammten Dorf nicht schon vorher alles den Bach runterging. Ein Glück, dass ihr Chef, Señor Hernández, ihm wenigstens diese gegeben hatte, in einer seiner Anlagen zu arbeiten, denn Progreso wurde langsam zu einer wahren Schlangengrube, und die Gefahr war groß, dass Polo wie sein Cousin Milton endete, dieser schamlose miese Kriminelle, der Polo erst auf die schiefe Bahn gebracht hatte. Was zum Teufel gefiel ihm denn so daran, sich wie ein Vollidiot aufzuführen? Warum nahm er sich nicht seinen Großvater zum Vorbild? Seinen armen Großvater, der von klein auf hart hatte arbeiten müssen, um...


Fernanda Melchor, 1982 in Veracruz/Mexiko geboren, studierte Journalistin, gehört zu den wichtigsten Autorinnen Lateinamerikas. Für ihren zweiten Roman 'Saison der Wirbelstürme' erhielt sie 2019 den Anna-Seghers-Preis, den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und stand auf der Shortlist des International Man Booker Prize. Der Roman erlebte zahlreiche Nachauflagen und wurde in 15 Sprachen übersetzt. 2021/22 ist Melchor Stipendiatin des DAAD in Berlin.

Fernanda Melchor, 1982 in Veracruz/Mexiko geboren, studierte Journalistin, gehört zu den wichtigsten Autorinnen Lateinamerikas. Für ihren zweiten Roman »Saison der Wirbelstürme« erhielt sie 2019 den Anna-Seghers-Preis, den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und stand auf der Shortlist des International Man Booker Prize. Der Roman erlebte zahlreiche Nachauflagen und wurde in 15 Sprachen übersetzt. 2021/22 ist Melchor Stipendiatin des DAAD in Berlin.



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