Millesi | Der Schmetterlingstrieb | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 136 Seiten

Millesi Der Schmetterlingstrieb


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-903005-96-9
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 136 Seiten

ISBN: 978-3-903005-96-9
Verlag: Edition Atelier
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Der Sinn des Lebens lässt sich ebenso unter dem eigenen Sofa aufspüren, wie ein Stück Unendlichkeit im auslaufenden Badewasser verlorengehen kann. Hanno Millesi erzählt in seinem humorvollen und hintergründigen Roman von einem Menschen, der sich auf Expeditionen begibt, ohne die eigene Wohnung zu verlassen: ein Winterspaziergang bei geöffneten Fenstern, eine Radtour von der Küche ins Schlafzimmer, ein paar Stunden im Schrank bei den Winterkleidern oder Detektivarbeit vorm Bücherregal - auf hingebungsvolle und inspirierende Weise wird der Alltag zum Abenteuer und die Wohnung zu einer eigenen Welt.

Hanno Millesi, geboren 1966 in Wien, Studium an der Universität Wien und an der Hochschule für angewandte Kunst; in den 90er-Jahren u.a. Assistent von Hermann Nitsch und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums moderner Kunst in Wien. Auszeichnungen u.a.: Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien, Projekt- und Staatsstipendium für Literatur des BKA. Publikationen u.a.: »Das innere und das äußere Sonnensystem« (Erzählungen), »Granturismo« (Roman), »Venusatmosphäre« (Novelle), seinen bildnerischen Arbeiten widmete sich kürzlich die »flugschrift«.

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II.
Meine Schmutzwäsche sammle ich in einem taillierten Flechtkorb, wie ihn Schlangenbeschwörer verwenden, um ihre gelehrigen Tiere darin aufzubewahren. Die den Schlangen eigene, gespenstische Physiognomie erlaubt es diesen Tieren, in sich zusammengerollt auf jenen Zeitpunkt zu warten, an dem sie von einer betörenden Melodie herausgelockt werden. Bis es so weit ist, vertreiben sie sich die Zeit mit ihrer Verdauung. Ihre Körperhaltung hat etwas von einem Kabel oder einem Lasso, die für den unverzüglichen Einsatz bereitliegen. Solange mein Schmutzwäschekorb nicht bis über die Hälfte gefüllt ist, passt mein gesamter Körper in seinen Bauch. Ich stelle mich auf die Wäschestücke am Boden des Korbes und gehe ganz langsam in die Hocke. Den geflochtenen Deckel halte ich mit beiden Händen über meinem Kopf wie ein orientalischer Kellner sein Tablett und verschließe damit vorübergehend meine Anwesenheit in meiner Wohnung wie zwischen Anführungszeichen, die etwas, das man eigentlich gar nicht sagen will, nur gedämpft ausgesprochen wirken lassen. In dem Korb setze ich mich behutsam auf die unter mir versammelte Wäsche, die mich an die abgetragene Haut eines Pythons erinnert. Knie und Arme halte ich angewinkelt und lege die Hände auf meine Schultern. In dieser Position verharren Astronauten in ihren Raumkapseln. Bei meinem ersten Aufenthalt im Wäschekorb schwebte mir eine embryonale Körperhaltung vor, aber das ist zu gefährlich. Der Korb könnte umkippen und über den Boden der menschenleeren Wohnung rollen. Embryonal hingebettet liefe ich außerdem Gefahr, in eine Art ewigen Tiefschlaf zu verfallen, mein Ziel jedoch liegt darin, es in die meditative Warteschleife der Schlangen zu schaffen, in der diese die Geduld aufbringen, die Melodie ihres Meisters zu erwarten. Während ich in einer von einem Gewirr schwacher Lichtstrahlen durchlöcherten Finsternis des Korbes sitze, fällt mir ein, dass ich meinen Radiowecker hätte programmieren sollen. Beispielweise könnte ich mich begleitet von einem Stück klassischer Musik aus dem Schmutzwäschekorb erheben. Stilvoll wäre es auch, mit einem Gongschlag zur vollen Stunde aufzustehen wie ein Kuckuck, den ein Mechanismus aus seinem Kuckuckshäuschen holt, oder wie ein Toter, der von den Kirchenglocken in seiner Urne geweckt wird. Jedes Mal vergesse ich diesbezügliche Vorkehrungen. Das liegt daran, dass es mir zunächst ausschließlich um einen Zustand des Abwartens und der Geduld geht. Alles andere erscheint nebensächlich. Sobald mir wieder einmal bewusst wird, wie schwer es ist, in einen solchen Zustand zu gelangen, meine ich zu begreifen, dass sich ein mit der Außenwelt verbundener Schlusspunkt versöhnlich anfühlen würde. Als würde mir die Welt da draußen zurufen, dass es ohne mich einsam und trostlos sei. Tatsächlich aber kommt nicht einmal jemand vorbei, um mich mit schmutziger Wäsche zu überhäufen. Eines Tages habe ich so lange gewartet, bis der Refrain von I Don’t Know How to Love Him in Form eines Klingeltons aus dem Stiegenhaus zu mir in den Schmutzwäschekorb drang. Ein anderes Mal fiel mir nichts Besseres ein, als das Geräusch einer Kreissäge, das von der Straße oder aus einem benachbarten Gebäude herüberkam, gelten zu lassen. Am häufigsten hat mich eine Ambulanz mit ihrer Sirene aus meinem selbst gewählten Refugium geholt. Den heutigen Tag verbringe ich im Schlafzimmer. Damit, was die Benutzung meiner Räumlichkeiten betrifft, von einem einigermaßen ausgeglichenen Verhältnis gesprochen werden kann, erkläre ich abwechselnd je einen Raum meiner Wohnung vorübergehend zum Zentrum. Vierundzwanzig Stunden lang betrachte ich die gesamte Situation aus dieser Perspektive. Abzüglich der Zeit, in der ich schlafe, und kurzer Pausen, die ich hin und wieder einschiebe, um einem körperlichen Bedürfnis nachzugehen oder mit mir selbst ein Gesellschaftsspiel zu spielen. Ich habe mir dieses zyklische System vom europäischen Staatenbund abgeschaut, obgleich es, meines Erachtens nach, dort – wie so vieles – nicht mit der nötigen Konsequenz zur Anwendung gebracht wird. Ginge es nach mir, würden die einzelnen Mitgliedstaaten an einem jeweiligen Stichtag untereinander die Regierungen tauschen. Da alle Regierungen nach außen hin eine gemeinsame Linie vertreten, ließe sich auf diese Weise verhindern, dass kleingeistige Staatsmänner unter dem Deckmantel supranationaler Interessen in Wahrheit nichts als die Geschicke ein paar regionaler Quadratkilometer im Auge behalten. Es hätte wenig Sinn, im Rahmen einer Wahlkampagne auf unterentwickeltes Gerechtigkeitsgefühl, eine dunkle Vergangenheit oder die allgemeine Beschränktheit lokaler Bevölkerungen zu setzen. Wer hier einigermaßen ankommt, hätte gute Chancen, auch dort zu reüssieren, wer hierzulande scheitert, wird auch woanders nicht zu den Gewinnern zählen. Sämtliche Regierungsvertreter werden schließlich überall nach den gleichen Prinzipien ausgewählt, und früher oder später entscheiden alle Bürger selbst, in welchem Staat sie leben möchten. Was spricht also dagegen, dass die Regierungen sich vorübergehend um die Belange eines der anderen Mitgliedstaaten kümmern? Welche Mannschaft welchem Land zugeteilt wird, oder – umgekehrt – welcher Staat welche Regierung erhält, wird mithilfe einer Schablone entschieden, die ich mir wie jene Schablone vorstelle, die zu den Bestandteilen von Traffic gehört. Im Grunde mache ich es bei mir zu Hause nicht anders! Bei Traffic handelt es sich um ein auf Würfelglück basierendes Gesellschaftsspiel, das über ein besonderes Charakteristikum verfügt: Alle Spielfiguren, die unterschiedliche Fahrzeuge symbolisieren und sich auf schematischen Straßenzügen bewegen, ziehen zwar entsprechend der gewürfelten Augenzahl weiter, eine von Runde zu Runde neu auszurichtende Schablone stellt jedoch diverse Ampeln entweder auf Rot oder Grün. In Bewegung gesetzt wird diese Schablone mithilfe einer Perforierung – altertümlichen Telefonwählscheiben nicht unähnlich – und eines Zeigefingers. Neben den Kommandos für freie Fahrt oder Anhalten, gilt es bei Traffic auch weitere Verkehrsregeln zu beachten (Abbiegen, Einbahnen etc.), wodurch das an und für sich simple Spiel eine abwechslungs- und lehrreiche Komponente erhält. Einen vergleichbaren Mechanismus stelle ich mir für die Rochaden der europäischen Regierungen vor, wobei das System und seine Veränderbarkeit selbstverständlich auf die Zahl der daran beteiligten Mitgliedstaaten erweitert werden müsste. Während ich im Schlafzimmer residiere und politisiere, höre ich – peng – aus dem Wohnzimmer einen satten Knall, den ich nicht zuordnen kann. Ich denke sofort an ein Unglück und frage mich, wem um Himmels willen in meinem Wohnzimmer etwas zugestoßen sein könnte. Ich mache mich auf den Weg, um nachzusehen, und wünschte, mir stünde eine Schablone wie in Traffic zur Verfügung, um herauszufinden, ob ich freie Fahrt habe. Immerhin durchquere ich im Arbeitszimmer fremdes Hoheitsgebiet. Anders herum wären es sogar zwei gewesen (Küche und Vorzimmer). Erwartungsgemäß ist im Wohnzimmer niemandem etwas passiert. Es ist nicht die geringste Spur auszumachen, die darauf schließen lässt, was den Knall hervorgerufen haben könnte. Vielleicht, sage ich mir, war ein Vögelchen im Begriff, in meine Räumlichkeiten hineinzufliegen und ist – peng – gegen die Fensterscheibe geknallt. Das ist bereits vorgekommen und hat mich damals zutiefst verunsichert. Als handle es sich um den Startschuss zu einer peinlichen Befragung über meine Lebensumstände. Wie unreif, denke ich mir, entweder umgeben wir uns mit Spiegeln, die uns die eigene Erscheinung in Erinnerung rufen, oder mit Glasscheiben, die uns glauben lassen, wir wären ein Teil des Geschehens da draußen. Ein bisschen frische Luft täte mir gut, sage ich laut, als ob das jemand anderen etwas anginge oder auch nur interessierte, und schlage die Fensterscheibe mit meiner zur Faust geballten Hand ein. Mit leichter Verzögerung beginnt meine Hand zu schmerzen. Etwa in Höhe des Mittelhandknochens tritt Blut aus. Der Körper und seine Befindlichkeit, fahre ich wie zur Erklärung fort, stehen immer noch im Zentrum jeglicher Architektur. Das sollten wir nie vergessen. Wenn ich die Wintersachen in den Schrank räume, kann es vorkommen, dass ich danach für einige Zeit unauffindbar bin. Das liegt daran, dass ich mich in einen der Mäntel schmuggle und mit dem Rest der warmen Sachen im Schrank verschwinde. Im engen, finsteren Raum stelle ich mir vor, wie es war, mich an den Tagen der letzten, der kalten Monate in diesen Jacken und Hosen zu befinden. Die Kappe mit den Ohrenschützern habe...


Hanno Millesi, geboren 1966 in Wien, Studium an der Universität Wien und an der Hochschule für angewandte Kunst; in den 90er-Jahren u.a. Assistent von Hermann Nitsch und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums moderner Kunst in Wien. Auszeichnungen u.a.: Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien, Projekt- und Staatsstipendium für Literatur des BKA. Publikationen u.a.: »Das innere und das äußere Sonnensystem« (Erzählungen), »Granturismo« (Roman), »Venusatmosphäre« (Novelle), seinen bildnerischen Arbeiten widmete sich kürzlich die »flugschrift«.



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