Millesi | Granturismo | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Millesi Granturismo


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-902844-09-5
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

ISBN: 978-3-902844-09-5
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Während ein kleiner Angestellter eine krisenbedingte berufliche Freistellung dazu nützt, sich den lebenslang gehegten Traum von jenem Aufbruch ohne ein bestimmtes Ziel, jener Reise um des Reisens willen, zu erfüllen, für die er bislang weder Zeit noch Mut aufgebracht hat, schickt ihn ein Schriftsteller als Hauptfigur seines Prosatextes auf eben jene große Fahrt. Von diesem Moment an werden die Fährnisse des einen zu Unannehmlichkeiten für den anderen. Ihre Wege kreuzen sich: Versiegt die Reiselust, wird die Romanfigur unbrauchbar, lässt der Hunger nach Abenteuern nach, liegt das mitunter an der Erfindungsgabe des Autors.

Granturismo erzählt vom Entstehen und Scheitern eines Reiseromans. Wir begleiten den Protagonisten auf den skurrilsten Passagen seiner Fahrt, werden Zeugen überraschender Begegnungen und folgenschwerer Irrtümer. Ob mit todesverachtenden Liebespaaren, Seelenverkäufern mit angeknackstem Selbstbewusstsein oder längst verstorbenen Personen konfrontiert, sobald sich der Reisende gezwungen sieht, eine Atempause einzulegen, wendet sich sein Erfinder der eigenen Umgebung zu und avanciert auf diese Weise zum Helden einer ganz anderen, seiner "eigenen" Geschichte, die immer lebendigere Ausmaße annimmt.

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Möchten Sie ein Glas Wasser, will jemand wissen, der sich offenbar hinter dem Angestellten befindet, und es ist weniger die Frage, die diesen überrascht, als vielmehr, dass ihm beim Betreten des Büros außer dem Vorgesetzten niemand aufgefallen ist. Für ein Umdrehen ist es mittlerweile zu spät, er hat schon Platz genommen, und ein nachträgliches Umdrehen würde bedeuten, ihm unterlaufe die erste Unaufmerksamkeit zuweilen bereits, ehe eine Unterhaltung Gelegenheit hat, in die Gänge zu kommen. Besser gar nicht erst reagieren, denkt der Angestellte, möglicherweise eine mit einem Termin in einem Büro wie diesem untrennbar verbundene Floskel. Wer darauf hereinfällt, gibt sich als unerfahren zu erkennen, als Freiwild, mit dem ein Vorgesetzter während des folgenden Gesprächs leichtes Spiel haben wird. Wahrscheinlich befindet sich ein Knopf an der Unterkante seines Schreibtischs, auf den gedrückt die Frage nach einem Glas Wasser ausgesprochen wird. Vielleicht vom Mund einer der Figuren auf dem Gemälde, an dem sein Blick beim Hereinkommen vorbei hatte müssen. Auf diese Weise soll an ein Prinzip der Fürsorge erinnert werden, das in einem abgelegenen Seitenflügel der breit gefächerten Aura des Vorgesetzten dahinvegetiert; unabhängig davon, dass dieses Prinzip auf eine Schwachheit abzielt. Auf den riesigen Fensterscheiben hinter dem Schreibtisch kleben die Silhouetten von Greifvögeln. Lässt sie ein bestimmtes Zeichen auf die zur Beute erklärte Person herabstürzen? Kreisen sie bereits über jenem Kadaver, der man sein wird, sobald der Vorgesetzte die Unterhaltung für beendet erklärt? Statt etwas zu erwidern richtet der Angestellte seine gesamte Aufmerksamkeit auf den Vorgesetzten und stellt fest, dass dieser aus zwei riesigen Augen besteht. In und auf den Gängen, Stiegenhäusern und gelegentlichen Feierlichkeiten des Unternehmens sind ihm diese Augen zwar schon begegnet, er fühlte sich bisweilen von ihnen abgezählt, abgetan, abgehakt, aber in diesem Büro, auf einen Sessel gesetzt, der aller Wahrscheinlichkeit nach in einem für den Vorgesetzten vorteilhaften Blickwinkel ausgerichtet ist, erwecken diese Sinnesorgane den Anschein, der ganze Mann setze sich aus nichts anderem zusammen. Dabei hatte sich der Angestellte vorgenommen, den Sessel vor dem Platznehmen ein wenig zur Seite zu rücken. Auf dem Gemälde sei, hätte er auf eine diesbezügliche Frage geantwortet, ein elegant gekleideter Mann zu sehen gewesen, der seinen Kopf in den trichterförmigen Lautsprecher eines Grammophons hält. Was am Vorgesetzten nicht Augen ist, wurde offenbar als Ergänzung derselben konzipiert; und zwar fehlerhaft, wie der Angestellte bemerkt: Die Größenverhältnisse stimmen nicht überein. Hinter schwarz umrandeten Brillengläsern erscheinen die Augen im Verhältnis zum Rest der Gesichtslandschaft überdimensional. Von Augenbrauen ist nichts zu erkennen, die Stirn flattert wie ein loses Bändchen, die Wangen sind nach innen gewölbt, als bestünde ihre Aufgabe darin, die Zunge im Mund zu fixieren, das Kinn klebt kümmerlich unten dran. Die Lippen bilden das farblose Gleichheitszeichen hinter einer Subtraktion geringer Beträge. Die Ohren wirken, als habe sie jemand hierhergehängt, um Brille und Augen Halt zu verleihen, und was die Nase betrifft, liegt die Vermutung nahe, sie sei irgendwie mit der Brille verbunden und ließe sich mit derselben herunternehmen. Etwa um den Träger vorübergehend außer Gefecht zu setzen, wie man ein dunkles Tuch über einen Käfig Vögel wirft oder den Stecker, der eine Trockenhaube mit Strom versorgt, herauszieht. Diese Augen machen nicht nur den eigentlichen Vorgesetzten aus, sie beanspruchen augenblicklich die Entscheidungsgewalt über alles, was in ihre Sehschneise gerät. Jeder, der es auf ihrer Wellenlänge mit ihnen aufnimmt, kann einen Blick auf die eigene Unterlegenheit werfen. Die Augen des Vorgesetzten starren den Angestellten an, als wäre er hierherbestellt worden, um auf diesem Sessel sitzend von ihnen betrachtet zu werden. Für ein Glas Wasser ist es noch ein bisschen zu früh. Der Vorgesetzte fährt mit dem ausgestreckten Zeigefinger seiner rechten Hand, die er unter der Tischplatte hervorgeholt hat, den Rücken seiner schmächtigen Nase entlang, als suche er nach dem kürzesten Weg zu einem bestimmten Punkt zwischen seinen Augen. Das immense Brillengestell gerät dadurch in so etwas wie eine Ausgangsposition. Netzhaut, Bindehaut, Regenbogenhaut werden wieder in ihre Grundstellung gebracht. Der Angestellte könnte schwören, dass irgendwer außerhalb seines Blickfeldes den Raum durchquert. Ehe hier jemand ein Glas Wasser benötigt – das wirst du noch lernen –, muss erst die Katze aus dem Sack. Er weiß nicht, ob der Vorgesetzte mit ihm spricht, sein Gefühl sagt ihm: Eher nein, er spricht mit dem Hintergrund, aus dem heraus sich jemand um sein körperliches Wohlergehen besorgt zeigt. Und bevor wir das Kätzchen herauslassen, versichern wir uns üblicherweise gegenseitig unserer Wertschätzung, stimmt’s? Die Pupillen des Vorgesetzten fixieren den Angestellten wieder uneingeschränkt. Haben sie bislang nach etwas gesucht, an dem sie sich festkrallen oder mit dem sie verschmelzen können, scheinen sie so etwas nunmehr gefunden zu haben. Es dürfte sich um all das handeln, was sich im Kopf des Angestellten zusammenbraut. Richtig, ich wollte gerade …, die riesigen Pupillen des Vorgesetzten scheren nervös aus, als wäre es unklug, dergleichen auszusprechen. Sein intensiver Blick ist bereits damit beschäftigt, alles Notwendige vom Gedankenapparat seines Gegenübers herunterzuladen. An den Leerstellen hinterlässt er die in solchen Fällen üblichen Füllsel. Wir sind hier … das wissen Sie, mehr als nur … Söhne von Schwestern … zufrieden … familiär …, seine Pupillen erweitern sich bis an die Grenzen der Iris um sie herum. Der Angestellte spürt förmlich, wie ihn ihr Größerwerden anspornt, ebenso reibungslos und ohne Hilfe unzureichender Wörter zu kommunizieren, aber das ist zu viel verlangt. Enttäuscht werden die Pupillen des Vorgesetzten wieder kleiner. Als sie den bislang geringsten Umfang erreicht haben, sagt er: Wir sitzen ganz schön in der Klemme, haben Sie das gewusst? Und ob er das gewusst hat, schließlich spricht die gesamte Nation, der Kontinent, die Welt, das ganze verdammte globale Netzwerk davon. Wen wundert da, dass auch ein in dieses Netzwerk verwobenes Unternehmen diese Verklemmtheit eines Tages zu spüren bekommt. Und zwar nicht bloß auf dem Papier, sondern in Fleisch und Blut. Soll ich ein Fenster aufmachen, erkundigt sich jemand aus dem für den Angestellten nicht einsehbaren Bereich des Raumes. Jetzt noch nicht, sagt der Vorgesetzte unwirsch über den Kopf seines Gegenübers hinweg und, diesem zugewandt: Sie müssen entschuldigen, das sind seine ersten Schritte in Angelegenheiten der Unternehmensführung. Offenbar findet zur selben Zeit ein Praktikum statt. Um aus dieser Klemme hinauszufinden, sagt der Vorgesetzte jetzt und blickt den Angestellten aus überdimensionalen Spielzeugaugen heraus an, sind wir auf die Mithilfe unserer besten Leute angewiesen. Der Angestellte ist überrascht, den Vorgesetzten ihm gegenüber von den besten Leuten sprechen zu hören. Soll er diesen eine Nachricht überbringen, jemandem den Weg frei machen, oder könnte es sein, dass er eine völlig falsche Vorstellung von seinem Ranking innerhalb des Betriebs hat? Er hätte sich als Durchschnittskraft eingeschätzt und gemäß dieser Durchschnittlichkeit auch beschäftigt. In Zeiten wie diesen hieße das zwar …, entspräche jedoch nichtsdestoweniger seinem Pro-forma-Ehrgeiz und dem erschreckend geringen Identifikationsgrad in Bezug auf Philosophie, Strategie, Schizophrenie, Nomophobie sowie Zukunft und Vergangenheit des Unternehmens; im Grunde der Branche insgesamt. Es gilt, uns von jener Kurzsichtigkeit zu befreien, die uns in eine Situation wie diese gebracht hat. Die Silhouetten der Vögel verharren unbeweglich an der Fensterscheibe, als hätten sie gelernt, geduldig zu warten, bis der Vorgesetzte zu Ende gesprochen hat. Eine Kurzsichtigkeit der Expansion, eine Kurzsichtigkeit der Investitionen und eine im Umgang mit unseren Mitarbeitern. Da gibt es nichts zu beschönigen, sagt der Vorgesetzte, und seine Augäpfel wölben sich bei diesen Worten aus ihren Höhlen wie Lautsprecher, die bemüht sind, ein steigendes Maß an Dezibel unter Kontrolle zu halten. Offenbar haben die Brillengläser nicht nur vergrößernde Wirkung, sondern verhindern, wenn es darauf ankommt, dass die Pupillen in einem Moment der Unkontrolliertheit den Schädel verlassen und sich dort festsaugen, wohin sie eben noch geschaut haben. Es hat seit jeher zur Philosophie unseres Unternehmens gehört, von mehreren zur Auswahl stehenden Wegen den unorthodoxen einzuschlagen – im Scherz hatte sich der Angestellte gelegentlich eingestanden, der Philosophie seines Urologen näher zu stehen als jener des Unternehmens, für das er tätig ist –, und in diesem Sinn nützen wir eine...


Hanno Millesi, geb. 1966, studierte an der Universität Wien und der Hochschule für Angewandte Kunst Wien. Lebt in Wien.



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