Morrison | Nina X | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Morrison Nina X

Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8438-0621-3
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-8438-0621-3
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nina X ist die Geschichte einer außergewöhnlichen jungen Frau, die von Geburt an in einer maoistischen Kult-Kommune in 'ideologischer Reinheit' erzogen wird und dann in unsere moderne Welt flieht. Über 20 Jahre lang hat Nina X keine Bücher, keine Spielsachen und keine Privatsphäre. Ihre engste emotionale Beziehung unterhält sie zu den Vögeln vor ihrem Zimmerfenster, wenn sie mutig genug ist, die Gipsplatte zu entfernen, die es verdeckt. Nina hat das kleine Haus in London noch nie verlassen. Sie hat nie ein anderes Kind getroffen. Sie hat keine Mutter und keinen Vater; sondern einen Führer und vier Genossinnen. Der allmächtige Führer nennt sie Das Projekt; sie wird von den 'falschen Göttern des Kapitalismus' und vom 'Kult um das Ich und das Selbst' ferngehalten. Der Führer verlangt von ihr, alles in Notizbüchern festzuhalten, um ihre Gedanken verfolgen zu können; zwingt sie, die Einträge so lange zu überarbeiten und umzuschreiben, bis sie seiner Vorstellung entsprechen. Ihre eigenen Worte werden ausgelöscht, wieder und wieder ...Doch das war damals. Jetzt ist Nina in Freiheit, und alle Regeln haben sich verändert. Sie muss sich immer wieder sagen, dass jetzt alles das Gegenteil von dem ist, was sie gelernt hat - und trotzdem ergibt die Welt immer noch keinen Sinn. Ein geheimnisvoller Roman mit einer exzentrischen, unzuverlässigen Protagonistin, die unsere Welt in einem ganz anderen Licht sieht.

Ewan Morrison, geboren 1968, ist ein mehrfach ausgezeichneter schottischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Essayist. Eine unverkennbare Stimme in der britischen Literatur. Jurymitglied des Booker Prize Stuart Kelly bezeichnet ihn als 'sprachgewandtesten und intelligentesten schottischen Schriftsteller seiner Generation'. Er ist der Autor von Tales From The Mall, der Trilogie Swung (Swinger, dt. C. Bertelsmann 2008), Distance und Ménage, des Romans Close Your Eyes und der Sammlung The Last Book You Read and Other Stories. 2006 war er Writer in Residence der UNESCO Edinburgh City of Literature in Varuna. Morrison ist als 'Provokateur' in seinen öffentlichen Reden und journalistischen Arbeiten bekannt. Viele seiner Artikel sind in den führenden Zeitungen Großbritanniens, Italiens und Deutschlands erschienen. Morrisons Essays sind dafür bekannt, sich rasend schnell zu verbreiten. Nina X ist sein siebtes und ambitioniertestes Buch. # Christian Lux, geboren 1978 in Essen, studierte Buchwissenschaft und Literatur, danach Herausgeber, Übersetzer und Verleger. Seit Jahren betätigt er sich als Vermittler angloamerikanischer Literatur.
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Kladde #2422018


Nina hat eine Liste mit Dingen, die auszuprobieren sind, und das ist viel zu aufregend für Nina, also muss sich hingelegt werden, aber das darf nicht auf dem Schotter oder auf dem Weg passieren, denn Ninas erstes Haus ist nicht ihr Privatbesitz, sondern es ist das Charity House. Nina ist sehr dankbar, eine Tür zu haben und das Recht hinauszugehen, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen. Es gibt viele wichtige Dinge, die so bald wie möglich zu erledigen sind:

Alle Arten von Schokolade essen.

Ein Flugzeug fliegen.

Kenntnisse über das Ausruhen erwerben.

Einen Supermarkt aufsuchen.

Lippenstifte in allen Farben kaufen.

Alles über Geld lernen.

Heiraten.

Lernen, wie man mit einer anderen Person tanzt.

Das Charity House riecht nach Kleber und alten Socken und frischer Farbe. Der braune Teppich ist das Beste, und Nina mag es, auf seinem Luxus zu liegen. Am Fenster sind noch Fingerabdrücke von den letzten Flüchtlingen. Nina nimmt an, dass es eine Mutter und ein Kind waren, weil Nina einen zerbrochenen Buntstift und einen Krümel Süßes gefunden hat. Es gibt hier drei Zimmer, und alle sind nur für Nina, und eins davon hat sogar einen Tisch für einen Fernseher, aber Nina ist noch nicht bereit, also hat Nina den Tisch ans Fenster gerückt, um Menschen zu betrachten, und es gibt Tausende. Nina ist froh, wieder ein Fenster zu haben.

Eine lebende Berühmtheit treffen.

Eine Affäre haben.

Speisen aus anderen Ländern probieren, aber nichts Chinesisches.

Eine Ärztin sein.

Alle Worte in ihr Gegenteil verkehren.

Sich täglich daran erinnern, dass alles gut ist und dass alles, was vorher war, Lügen waren.

Nina sitzt da und starrt hinaus, aber Nina darf das nur durch die Jalousien tun. Nina darf nicht gesehen werden, falls ein Fotograf ihr Gesicht stehlen will.

Lernen, wie man lächelt, ohne anderen Angst zu machen.

Einen besten Freund haben.

Keine Schwäne mehr falten.

Die 23 Arten, ihn zu verwöhnen, auswendig lernen.

Vögel jedweder Art füttern und ihre Namen lernen.

Einige der Dinge, die Nina verpasst hat, kann man nicht nachholen, zum Beispiel mit anderen Kindern spielen, denn das sind völlig Fremde. Nina wird das nicht nochmal in der Nähe des Charity House versuchen, denn sie weinen, und Nina hatte Glück, dass die Eltern nicht bei den Bullenschweinen angerufen haben. Ab sofort dürfen sie nicht mehr Bullenschweine genannt werden. Sie sind das Gegenteil von Schweinen. Charity Sonia nannte sie die Polizei.

Charity Sonia ist von Sanctuary, das ist eine Organisation in einem Telefon, die jeden Tag Frauen rettet, und sie hat ein weiches Gesicht mit bemalten Lippen und lockigen braunen Haaren und großen, dunklen Augen und sie ist keine Sklavin, riecht aber nach süßlichem Parfüm und Zigaretten, die sie aufgeben will, weil sie über einen freien Willen verfügt. Nina wollte sie Genossin Sonia nennen, aber sie sagte, dass das ein bisschen seltsam wäre heutzutage, wenn Nina also versucht ist, Genossin zu sagen, radiert Nina es einfach aus und ändert es in Charity. Das lässt Nina lachen, aber das sieht niemand, weil es nur in Ninas Kopf stattfindet.

Dinge, an denen Nina wirklich arbeiten muss:

Nach draußen gehen, ohne die Angst zu haben.

Menschen nicht packen, ziehen oder sich an ihnen festkrallen.

Augenkontakt herstellen.

Sich nicht immer verstecken, wenn jemand an der Tür klingelt oder das Licht anmacht.

Alleine essen.

Nicht mit hängenden Schultern herumlaufen, weil das als defensive Geste gewertet wird.

Sich jeden Tag waschen.

Sich anziehen, bevor sie zur Tür oder ans Fenster geht.

Sich erinnern, dass es keine Strahlung vom Himmel gibt, abgesehen von Blitzen, und dass diese selten sind und vor allem am Äquator auftreten, wo die vorkapitalistischen Menschen leben.

Ohne Unterbrechung schlafen.

Lernen, Ich zu sagen, statt immer nur Nina, weil die Leute es als ein Zeichen für Zurückgebliebenheit werten, wenn man sagt, Nina will dies oder Nina will jenes, man sollte stattdessen sagen, ich mag dies und ich will das. Und man darf auch nicht zurückgeblieben sagen.

Charity Sonia sagt, Nina braucht nicht mehr zu schreiben, weil niemand sonst in der Welt zwanzig Jahre lang ein Beicht-Tagebuch schreiben müsse und dass es ja wirklich eine Art Folter gewesen sein muss. Sie sagt, es könnte ein Zeichen sein, dass es Nina besser geht, wenn Nina ihre eigenen Erfahrungen für sich behält, und dass Nina das jeden Tag üben könnte, indem sie Ich, Ich, Ich sagte. Es sei nicht notwendig, es aufzuschreiben.

Sie berührt Ninas Kopf und sagt, Du Armes.

Aber Nina muss schreiben, denn wenn Nina nicht schreibt, wird Nina niemals aus ihren Fehlern lernen.

Versuchen, alles anders zu sehen.

Schlecht ist gut. Der Himmel tötet nicht.

Charity Sonia kam wieder zu Besuch und stand in dem Zimmer mit den Stühlen, und sie sagte, Hast Du geübt, draußen zu sein, Nina? Und Nina sagte, dass Nina gelesen habe. Nina erzählte Charity Sonia, dass Nina ganz aufgeregt war, in Freiheit zu sein, weil Nina den vierten Comic von Der Zauberer von Oz finden könnte, denn Nina hat die ersten drei Teile hundertachtundvierzig Mal gelesen, denn abgesehen von den Büchern der großen Väter der Revolution und Ninas beiden Lehrbüchern und den zwei Ausgaben von National Geographic war das alles, was im Kollektiv erlaubt war. Und Nina hat nie herausgefunden, wie die Geschichte endet, denn der dritte Comic hörte auf, als Dorothy und ihre Freunde von der Bösen Hexe des Westens gefangengenommen wurden.

Charity Sonia lächelte und sagte, sie habe nicht gewusst, dass es einen Comic zu Der Zauberer von Oz gab, da sie daran immer als Film dachte, also an einen großen Fernseher in einem dunklen Raum mit Fremden, die hinter einem essen. Charity Sonia war überrascht, dass Nina den Film nie gesehen hatte, da er immer zu der Zeit laufe, wenn die Sklaven des Kapitalismus ihren Wohlstand ausstellen und alle darauf hoffen, dass Schnee fällt.

Nina fragte, Entkommen sie der Hexe und schafft es der Zauberer, Dorothy zurück nach Kansas zu zaubern, wie er versprochen hat? Und nimmt sie den Löwen mit? Denn der ist Ninas Liebling.

Und Charity Sonia lächelte und sagte, wenn sie Zeit habe, würde sie versuchen, den letzten Comic zu finden, aber es wäre vermutlich leichter, den Film aufzutreiben, und vielleicht würde das auch helfen, Nina von A nach B zu transportieren, denn ihre Kinder hörten immer auf, im Wagen herumzuschreien, wenn sie einen Film anmachte. Und Nina war sehr aufgeregt und konnte nicht sprechen, aber das lag eigentlich daran, dass Nina nach der Erfahrung im Krankenwagen Angst hatte im Auto zu fahren. Doch Nina war so aufgeregt, das Ende von Dorothys epischer Geschichte zu erfahren, dass Nina Genossin Charity Sonia küsste, aber das war nicht angemessen. Nina spürte erneut ein Lochgefühl, als Charity Sonia Nina dazu brachte, ihre Hand loszulassen und gehen wollte.

Charity Sonia sagte, Ich wollte noch fragen, ob Du Dich selbst einschließen kannst? Kannst Du das gerade mal mit den Schlüsseln tun, als Test? Es ist nicht so, dass irgendwer kommt, um Dich zu holen, nein, glaub das nicht, es geht nur darum, dass alle das tun. Ich weiß, dass Du Angst vor abgeschlossenen Türen hast, aber Du hast den Schlüssel. Ich möchte einfach nur sehen, dass Du weißt, wie es geht, Nina. Ich habe auch einen Schlüssel, nur für den Fall.

Nina stand auf der einen Seite der Tür und Charity Sonia auf der anderen, und Nina drehte den Schlüssel, wie man es ihr gesagt hatte, und dann war Charity Sonias Schatten im Glas, und sie sagte, Es ist in Ordnung, siehst Du, ich bin noch hier, Du hast meine Nummer im Telefon, das ich Dir gegeben habe, ruf mich einfach an, wenn Du mich brauchst.

Das bedeutet, Nina muss tapfer sein und das Telefon benutzen. Es versetzt einem keine elektrischen Schläge und kocht einem nicht die grauen Zellen weich. Und Nina muss keine Angst vor Genosse Chen haben, da er ein Lügner war und seine Welt jetzt auf den Kopf gestellt wurde, weil gegen ihn Haftbefehl erlassen wurde durch die Bullenschweine, die Polizisten genannt werden. Und er wird seine gerechte Strafe bekommen, und irgendwann wird Nina ihm vergeben.

Nina muss die Liste erweitern.

Du bist nicht einsam, sondern nur allein, und das ist normal, wenn man in Freiheit lebt.

Lernen, ohne andere Menschen in anderen Zimmern zu leben, abgesehen von jenen hinter den Wänden. Das sind Nachbarn, und einige darunter sind krank, und andere sind verletzliche Erwachsene. Es ist also besser, wenn Nina nicht nochmal klopft.

Lernen,...

Ninas Ursprung Ob Sie es glauben oder nicht, Nina X nahm ihren Anfang damit, dass ich einen Science-Fiction-Roman schreiben wollte, der auf einer abgelegenen Insel spielt, bevölkert von einer Sekte, deren Mitglieder sich mit Human Engineering beschäftigten, die sich mit Human Engineering beschäftigte. Die Sekte war der Meinung, dass sie die alte Welt und alle »kontaminierten« Wörter auslöschen könnte. Sie hatte vor, das Wort »Ich« abzuschaffen, da die Mitglieder glaubten, so jede Form der Selbstsucht überwinden und eine perfekte Generation von Kindern hervorbringen zu können. Ich schrieb daran, als ich einen Artikel über ein maoistisches Kollektiv in London entdeckte, das eine Frau von Geburt an, ihr Leben lang, gefangen gehalten hatte. Die Parallele zu meinem Buch über die »Insel des Ich« war bemerkenswert. Ich entdeckte noch vier weitere maoistische Gruppen in den USA und Europa, die sich zu Sekten entwickelt hatten, und deren Geschichten sehr ähnlich waren. Ich entschied mich dazu, meine mit Linguistik experimentierende Inselsekte in eine moderne Stadt zu versetzen und meinen eigenen Hintergrund als ehemaliger Kommunist (ich war in den späten 80ern Mitglied der trotzkistischen Vereinigung SWP) heranzuziehen, um eine kommunistisch-linguistische Sekte von Grund aufzu erfinden. Daraus hat sich Nina entwickelt. Ich hatte keine Vorstellung davon, dass ein Kind, dem das Wort »Ich« entsagt wurde, sich so verschieden von uns anderen entwickeln würde. In vielerlei Hinsicht ist Nina wie ein moderner Kaspar Hauser. Sekten und die 70er Mein letzter Roman »Close Your Eyes« drehte sich um eine New Age-Sekte in den entlegenen schottischen Highlands. Als Inspiration diente mir meine eigene Kindheitserfahrung als Sohn von Hippie-Eltern im hohen Norden, weit weg von den korrumpierenden Einflüssen moderner Zivilisation.Meine Schwester und ich waren eine Art fehlgeschlagenes Experiment einer utopischen Form des Social Engineering. 1979 nahm das politische Engagement meines Vaters eine falsche Richtung, das war etwa zur Zeit des Patty Hearst Vorfalls und der RAF.Er wurde Teil der SNLA, einer nationalistischen Bewegung, die Briefbomben an britische Regierungsvertreter verschickte. Mir war seit meiner Kindheit bewusst, wie leicht Idealismus in Extremismus umschlagen kann; wie das Streben nach ideologischer Reinheit zu Paranoia und Gewalt führen kann. Dieses Motiv von Idealisten, die zu Monstern werden und unabsichtlich ihre Kinder verletzen, ist für mich ein Kernthema, nicht nur als Autor, sondern auch als Erwachsener und als Vater. Die Entdeckung Ninas Nina X ist der Versuch, die Ideale meiner Eltern ins Extrem zu führen; das soziale Experiment so weit wie möglich weiterzuspinnen – mit einem Kind, dessen Sprache und Verhalten von ihren Genossen überwacht und verändert wird, und das zu jeder Zeit, mit dem Ziel ideologische Reinheit zu erreichen. Nina muss all ihre Selbstkritik in einem Tagebuch verinnerlichen und alle von ihr verwendeten »problematischen« Wörter müssen ausradiert werden. Nina hat eigentlich keine Chance, aber zu meiner Überraschung entwickelte Nina beim Schreiben ein Eigenleben und wurde zu einer Figur, die mir ans Herz wuchs. Ich stellte fest, dass Nina immens neugierig ist, dass sie altklug und frech und durchaus in der Lage ist, Erwachsene zu manipulieren. Erstaunlich war ihre Resilienz in einer Sekte, die jede ihrer Bewegungen und jedes Wort überwachte, in der sie maoistischer Selbstkritik und Gruppenprügel ausgesetzt war, und dass sie das alles dennoch überlebte. Folgeschäden Erst als Nina im Roman frei wird und mit 28 in unsere heutige Welt eintaucht, wurde mir klar, wie schwerwiegend Ninas psychische Schäden in Wirklichkeit sein mussten. Wie das ständige Ausradieren des »Ichs« sogar zu neurologischen Schäden geführt haben könnte. Sie wird von einem querdenkenden, überlebenden Kind im Kollektiv zu einer verängstigten Erwachsenen in einer Welt, die sie weder verstehen, noch bewältigen kann; Autos machen ihr Angst; sie glaubt, dass der Regen Strahlung sei; es ist ihr unmöglich, allein zu essen. Selbst in Freiheit steckt sie in den kleinen sich ständig im Kreis drehenden Abläufen ihrer Gefangenschaft fest. Bei meinen Recherchen erfuhr ich erschreckende Dinge über Wolfskinder (Genie, Kaspar Hauser, der echte Mowgli) und die neuro-linguistische Seite der Gehirnentwicklung. Mir wurde klar, dass die Sekte Nina mentaler Entwicklungsschritte beraubt haben könnte, derer es bedarf, um das volle mentale Wachstum eines Erwachsenen zu erreichen. Ich musste gegen die Figuren des Romans kämpfen, um Nina vor diesem fürchterlichen Schicksal zu bewahren, da ich sie sehr liebgewonnen hatte. Freiheit Ich fand es emotional sehr schwierig, Nina nach ihrer Befreiung dazu zu zwingen, sich mit der modernen Welt auseinanderzusetzen. Sie ist naiv und wehrlos, und sie begeht zahlreiche Verhaltensfehler, wenn sie mit modernen Menschen interagiert. Ich habe viel über die Frauenhäuser und behördlichen Hilfsprogramme recherchiert, die sie »durchlaufen« hätte, und ich stellte fest, dass Nina sich in großer Gefahr befand, im Pflegesystem »durchs Netz zu fallen«. Ich hatte Angst, dass man sie als geisteskrank oder unzurechnungsfähig diagnostizieren würde und dass sie als Obdachlose auf den Straßen Londons enden könnte. Maoistische Sekten Nach zwei Jahrzehnten Geheimhaltung und extremer Zurückgezogenheitwurde in den letzten sieben Jahren die Existenz maoistischer Sekten bekannt. Die vier wichtigsten, die ich mir genauer angesehen habe, sind The O. (Die Organisation), über die Alexandra Stein ihre Enthüllungsgeschichte geschrieben hat,The Workers’ Institute ofMarxism-Leninism-Mao Zedong Thoughtin London; TVIND in Dänemark und die Democratic Workers Party in Kalifornien – deren Existenz von der Sektenexpertin Janja Lalich aufgedeckt worden ist. Ich habe Elemente von all diesen Sekten übernommen, um das Kollektiv des Romans zu erschaffen, und habe es mit Aspekten von Sekten wie The Family und The People’s Temple (bei dessen Gründer, Jim Jones, oft vergessen wird, dass er in erster Linie Kommunist war) angereichert. In den 70ern hatten maoistische Gruppen die gleiche Philosophie wie internationale Guerilla-Zellen. Während diese Zellen und Kollektive gegen Ende der 90er und Anfang der 2000er immer mehr in Isolation gerieten, waren sie dann endgültig aufgeschmissen, als die Kommunistische Partei Chinas dem puren Maoismus und allen solchen internationalen Abenteuern gänzlich den Rücken kehrte. Eine Art degenerative Krankheit befiel maoistische Gruppen; die gestrandeten Kollektive verwandelten sich in gefährliche sektenartige Strukturen. Autoritär, klein und alles überwachend mit diktatorischen Anführern. Sie richteten sich gegen sich selbst und gingen von der Selbstkritik zur Selbstzerfleischung über. Was sie zu Sekten werden ließ, war ihr Glaube, dass sie den »neuen kommunistischen Menschen« in einer Art ursprünglichem Zustand erschaffen könnten, wenn sie alle Spuren der Vergangenheit ausradierten und jedweden Kontakt mit der äußeren Welt unterbanden. Das hieß, dass die Mitglieder zu 100% unter der Kontrolle ihrer Anführer standen. Eine Reihe vonPraktiken, die dazu geschaffen waren, ein kommunistisches Land zu steuern, wurde nun auf kleine, isolierte Gruppen angewendet. Die Kraft eines totalitären Staates verdichtete sich in einen einzelnen Haushalt. Nina Bei einem Buch mit solch ernstem Thema und so vielen Schrecknissen erhoffe ich mir seltsamerweise, dass die Leser vor allem die Liebe zu Nina mitnehmen; dass sie so wie ich selbst erstaunt sind, wie Nina diese fürchterlichen Situationen ertragen und sich anpassen konnte. Dass sie aber auch die Welt so sehen, wie sie es tut, durch ihre Augen, die manchmal kindlich und unschuldig sind und manchmal tiefere Einsichten bergen. Sie erkennt Makel an uns modernen Menschen, die wir nicht selbst erkennen können. Ebenfalls seltsam ist, dass die Menschen Ninas Missverständnisse bezüglich der modernen Welt erfrischend witzig finden, obwohl Nina selbst lediglich einen einzigen Witz erzählt. Ich würde mir erhoffen, dass die Leser genauso überrascht von dieser warmen, seltsamen Figur sind, wie ich es war, als sie entgegen allen Erwartungen auf dem Papier vor mir auftauchte. Erlösend scheint mir, dass Ninas unschuldige Art den Alltag anzuschauen, ihr unverstellte Perspektiven auf die Absurditäten modernen Lebens ermöglicht, die wir als gegeben hinnehmen. Beispielsweise glaubt sie, dass Frauenmagazine im Wartezimmer beim Arzt von der Regierung herausgegeben werden, um Frauen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Sie begreift das Konzept Geld nicht und kann nicht verstehen, weshalb Menschen allein essen wollen. Sie ist überrascht, dass sich Hunde im Kapitalismus nicht wirklich gegenseitig auffressen. Und dann findet sie heraus, dass der Vorsitzende Mao nicht der Retter der Welt, sondern ein Massenmörder gewesen ist. Einer der Vorteile, die beim Schreiben aus Ninas unschuldiger Perspektive entstanden, war, dass ich zwei Jahre lang mit meinem eigenen zweifelnden Kopf und Fragen an mich selbst verbringen konnte, wie: Wie wäre es wohl, zum ersten Mal einen Supermarkt zu betreten? Würde ein Krankenhaus bedrohlich oder magisch wirken? Wie wäre es, zum ersten Mal einen Bus zu sehen? Was würde Nina darüber denken, dass Menschen herumlaufen und auf ihre Smartphones starren? Nina sieht unsere Welt mit einer Klarheit, die uns fehlt.


Morrison, Ewan
Ewan Morrison, geboren 1968, ist ein mehrfach ausgezeichneter schottischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Essayist. Eine unverkennbare Stimme in der britischen Literatur. Jurymitglied des Booker Prize Stuart Kelly bezeichnet ihn als »sprachgewandtesten und intelligentesten schottischen Schriftsteller seiner Generation«. Er ist der Autor von Tales From The Mall, der Trilogie Swung (Swinger, dt. C. Bertelsmann 2008), Distance und Ménage, des Romans Close Your Eyes und der Sammlung The Last Book You Read and Other Stories. 2006 war er Writer in Residence der UNESCO Edinburgh City of Literature in Varuna. Morrison ist als »Provokateur« in seinen öffentlichen Reden und journalistischen Arbeiten bekannt. Viele seiner Artikel sind in den führenden Zeitungen Großbritanniens, Italiens und Deutschlands erschienen. Morrisons Essays sind dafür bekannt, sich rasend schnell zu verbreiten. Nina X ist sein siebtes und ambitioniertestes Buch. # Christian Lux, geboren 1978 in Essen, studierte Buchwissenschaft und Literatur, danach Herausgeber, Übersetzer und Verleger. Seit Jahren betätigt er sich als Vermittler angloamerikanischer Literatur.

Ewan Morrison, geboren 1968, ist ein mehrfach ausgezeichneter schottischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Essayist. Eine unverkennbare Stimme in der britischen Literatur. Jurymitglied des Booker Prize Stuart Kelly bezeichnet ihn als »sprachgewandtesten und intelligentesten schottischen Schriftsteller seiner Generation«. Er ist der Autor von Tales From The Mall, der Trilogie Swung (Swinger, dt. C. Bertelsmann 2008), Distance und Ménage, des Romans Close Your Eyes und der Sammlung The Last Book You Read and Other Stories. 2006 war er Writer in Residence der UNESCO Edinburgh City of Literature in Varuna. Morrison ist als »Provokateur« in seinen öffentlichen Reden und journalistischen Arbeiten bekannt. Viele seiner Artikel sind in den führenden Zeitungen Großbritanniens, Italiens und Deutschlands erschienen. Morrisons Essays sind dafür bekannt, sich rasend schnell zu verbreiten. Nina X ist sein siebtes und ambitioniertestes Buch. # Christian Lux, geboren 1978 in Essen, studierte Buchwissenschaft und Literatur, danach Herausgeber, Übersetzer und Verleger. Seit Jahren betätigt er sich als Vermittler angloamerikanischer Literatur.



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