P.M. | Manetti lesen oder vom guten Leben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

P.M. Manetti lesen oder vom guten Leben


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-96054-128-8
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-96054-128-8
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein zwölfbändiges Tagebuchwerk in Schmuckkassette eines gewissen Roberto Manetti, das im Züricher Ammann Verlag erschien, lässt reihenweise seine Leser verschwinden. Paul Meier macht sich auf die Suche nach den Verschwundenen und will das Geheimnis der Lektüre lüften. Seine Suche führt ihn aus der Schweiz u.a. in die Toscana, die Provence, nach Paris und schließlich auf eine geheimnisvolle Schiffspassage. Unversehens befindet er sich in einer entspannt faszinierten Auseinandersetzung mit den brennenden Fragen unserer Zeit. Eine neue Lebensweise zeichnet sich immer klarer ab: neu eingebettete Subsistenzgesellschaften in lokalen, offenen Gemeinschaften, weltweit vernetzt. Das gute Leben und Luxus für alle! Ein literarisches Antidepressivum, das Lust auf Leben macht!

P.M., geboren 1947, lebt und arbeitet in Zürich. Sein Pseudonym geht auf seinen ersten Roman Weltgeist Superstar (1980) zurück und bezieht sich auf die damals häufigsten Initialen im Telefonbuch (Peter /Paul Meier/Müller). P.M. hat eine Reihe von Romanen, Spielen und Sachbüchern verfasst, die sich meist mit gesellschaftlichen Alternativentwürfen beschäftigen: bolo'bolo (1983), Die Schrecken des Jahres 1000 (1996), Subcoma (2000), AKIBA (2008), Neustart Schweiz (2009). Seit jeher widmet sich P.M. urbanistischen Themen. Er hat in Zürich bei der Gründung von alternativen Wohngenossenschaften aktiv mitgewirkt.
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2.


Von Thomas Schneider, seinem ersten Leser und Lektor, habe ich weitere Details über Manettis Leben erfahren. Die Notizbücher wurden ja nur darum publiziert, weil Schneiders Freundin K. mit Elsa bei einer Szenographie in einer abgelegeneren Halle der Expo.02 zusammenarbeitete. Beide waren sie Bekannte von Pippilotti Rist. Klar, in Zürich ist praktisch jeder ein Bekannter von Pippilotti Rist – ich habe damals bei einer literarischen Modenschau (bunte Hemden, Fische mit Zähnen) mitgewirkt, die von ihren Freundinnen organisiert wurde. Das Hemd habe ich immer noch, und kürzlich hat mir ein alter Schulfreund sogar den auf Schreibmaschine getippten Programmablauf zugesandt, den er beim Aufräumen fand. Aber zurück zu Roberto Manetti.

Es war Mitte Juli, als ich Thomas Schneider wieder einmal im Grand Café am frisch beruhigten Limmatquai traf. Thomas trägt immer einen eleganten, absichtlich zerknitterten Anzug, dazu eine unauffällige Krawatte. Er geht selten zum Coiffeur und verunstaltet sein Gesicht mit einer monströsen Hornbrille, die wahrscheinlich an Max Frisch erinnern soll. Typisch für ihn ist auch, dass er nie etwas bei sich hat. Er bittet einen dauernd um Schreibzeug, um Feuer, um die Benutzung des Mobilfons. Dabei sagt er nicht einmal: »Hättest du Feuer, bitte?«, sondern fuchtelt einem nur vor der Nase herum. Selbstverständlich hat er auch nie Geld dabei – es scheint ihm nicht aufgefallen zu sein, dass ich seinen Kaffee (mit oder ohne Croissant) seit Monaten bezahle. Aber da er ein liebenswürdiger Zeitgenosse ist und viele Interna zu berichten weiß, macht mir das gar nichts aus.

Während also drei Tische hinter uns Hugo Loetscher die las, erfuhr ich einiges über die Familie Manetti. (Hugo Loetscher sitzt manchmal auch im Odeon. Er ist das Urbild eines Literaten – gebildet, weit gereist, belesen, aufmerksam. Er kann gut formulieren. Er hasst Muschg, weil Muschg sich als Frisch-Ersatz betrachtet und immer wieder völlig umständliche, nichtssagende, aber manifestartigumfassende Stellungnahmen zum Zeitgeschehen abgibt. Wenn man sie gelesen hat, fragt man sich: Was hat Muschg jetzt gesagt? Wenn man also mit Muschg nichts anfangen kann, dann passt einem Loetscher gerade. Loetscher schreibt seit Jahren auf einem Computer, der ihm geschenkt wurde. Schade, man hätte ihn doch gerne noch nervös Zigaretten rauchend an einer Hermes-Baby sitzen sehen. Aber er ist ein echter Literat, er hat auf jede Frage eine einigermaßen bemerkenswerte Antwort. Meist kommt er auf seine Jugend in Aussersihl, auf seine Zeit beim oder auf Brasilien zu sprechen. Loetscher ist lesbar – aber natürlich kein Vergleich mit Manetti. Der übrigens auch lange in Brasilien lebte.)

»Die Manettis stammen ursprünglich aus dem Aosta-Tal«, begann Thomas, als er sich eine meiner Zigaretten mit meinem Feuerzeug angezündet hatte, »sie waren wahrscheinlich Waldenser und im Seidenhandel tätig. Also hatten sie immer schon Beziehungen nach Lyon und Zürich. Dann kamen die Verfolgungen. Gegenreformation. Sie verloren alles und siedelten nach Bergamo über, wo sie einen Gemischtwarenladen eröffneten. Sie verhielten sich religiös unauffällig – das ist die Stadtpräsidentin.«

Er lenkte meinen Blick auf eine elegant gekleidete junge Frau mit blondem Wuschelschopf, die über die erhöhten Randsteine bei der Tramstation hüpfte und Richtung Rathaus eilte.

»Sie hat nichts dabei«, bemerkte ich.

»Wahrscheinlich trägt man ihr alles nach. Eine Stadtpräsidentin mit bauchiger Ledermappe wäre ja auch ein ziemliches Stilverbrechen. Man hat alles im Kopf oder kann es auf dem iPhone abrufen. Eine mittlere Akte hat kaum fünfzig Kilobyte, ein Roman im Layout vielleicht zwei Megabyte. Ein Mensch, der noch Unterlagen herumträgt, ist praktisch ein Neandertaler.«

»Vielleicht ist die Goldbrosche an ihrem Lederjäckchen ein 16-Giga-USB-Stick.«

»Darin könnte man alles Wesentliche über die westliche Zivilisation unterbringen.«

Hinter uns räusperte sich Hugo Loetscher. Thomas hatte ein bisschen zu laut gesprochen. Er hat diese Angewohnheit: Wenn er etwas Zitierbares sagt, dann will er, dass man es rundherum hört. Insofern gleicht er Muschg.

»Diesen Herbst werde ich von Corine Mauch meinen Literaturpreis entgegen nehmen«, prahlte Thomas vor sich hin.

»Warum du? Du hast doch nichts geschrieben!«

»Klar nicht – aber ich habe etwas gelesen, vor allen andern. Und ich habe daraus ein Buch gemacht.«

Eigentlich logisch, dass für ein Buch, das keinen greifbaren Autor hat, der erste Leser und Lektor einen Anerkennungspreis bekommt. Wer sonst?

»Natürlich kenne ich Corine schon lange, sie ist mit meiner Freundin befreundet. Beide sind seit langem in der SP.«

Wieder räusperte sich Hugo Loetscher – war er nicht auch in der SP?

»Wir waren beim Gemischtwarenladen in Bergamo stehen geblieben.«

»Am Anfang des letzten Jahrhunderts rutschten sie in den Kaffeehandel und begannen, eine kleine Kaffeerösterei zu betreiben. Sie waren sehr erfolgreich und eröffneten bald Filialen in Milano, Como und dann in Chiasso. Sie erfanden eine bartaugliche Espressomaschine und bauten eine kleine Fabrik in Milano. Dann kam Mussolini, und sie dislozierten nach Lugano.«

»Warum? Was hatten sie von ihm zu befürchten?«

»Nun, es gab Gerüchte über eine Großmutter, die Levi hieß.

Die Manettis hatten Erfahrungen mit Verfolgungen und wollten vorsichtig sein. Zudem stellte sich der Umzug später als geschäftlicher Geniestreich heraus. In den fünfziger Jahren griff die italienische Kaffeekultur auf die Schweiz über. Sie expandierten nach Zürich und wurden nach einigen Jahren Bürger von Zürich. Roberto besuchte hier das Gymnasium. Er sollte Wirtschaftswissenschaften studieren, um das elterliche Geschäft zu übernehmen. Er ging brav nach St. Gallen und eignete sich betriebswirtschaftliches Wissen an, brach aber das Studium bald ab. Um seine Eltern nicht zu enttäuschen, begann er, sich um das Geschäft zu kümmern, schrieb sich aber zugleich an der Universität Zürich ein. Er studierte dies und das, Romanistik, Mathematik, Geschichte, Psychologie, hörte Emil Staiger zu, las Max Frisch, was man halt Anfang der sechziger Jahre so tat.«

Man kann all das in Max Frischs Tagebüchern nachlesen. Seltsamerweise kommt der große Literaturstreit (»Dann frage ich Sie: in welchen Kreisen verkehren Sie?«) nur nebenbei vor. Genau genommen war es ja gar kein richtiger Streit. Man kann ganz gut zu Mozart zurückkehren und trotzdem über Prostituierte, Kriminelle und Drogensüchtige schreiben. Die Sitten zu Mozarts Zeiten waren auch nicht besser als heute. Hätte ich damals etwas zu sagen gehabt, so wäre ich wahrscheinlich sogar mit Staiger einig gewesen. Warum soll Literatur sich immer nur mit Spezialfällen wie Verdingkindern, Alkoholikern, Mördern, Rebellen und andern Randfiguren befassen? Einfach weil es interessant ist? Ist doch reiner Voyeurismus! Die Opfer der Gesellschaft brauchen die Verteidigung durch die Literaten sowieso nicht. Sollen sie doch der SP beitreten und etwas für eine bessere Altersversicherung tun. Auch ganz normale Leute haben große Probleme. Außerdem: warum müssen sich Romane mit Problemen befassen? Man kann ja einfach mal was schreiben. Klar liest das dann niemand – aber das ist halt das Los der verkannten Künstler. Manetti schreibt ja auch nicht über spezifische Themen, man könnte keine Manetti-Partei gründen, trotzdem liest man ihn gern, ja, er macht richtig süchtig.

Inzwischen war Thomas bei Manettis Philosophiestudium angelangt, das dieser parallel zu Geschäftsaktivitäten in Brasilien, Ostafrika und Costa Rica betrieb. Er entdeckte neue Kaffeelieferanten, während er sich einerseits durch die Philosophiegeschichte, andererseits durch Kurse in Phänomenologie und Logik arbeitete.

»Da ist Leupi, samt Velo«, bemerkte Thomas, »der grüne Fraktionschef. Ich wette, er ist nächstes Jahr Stadtrat. Sicher geht er zu einer Besprechung mit Corine.«

»Was kann man mit Corine Mauch besprechen?«, fragte ich, während er wieder eine Zigarette erwedelte, »bisher hat sie noch gar nichts gesagt. Noch weniger als Elmar Ledergerber, der wenigstens die Ökoterroristen erfand.«

»Sein politischer Selbstmord.«

Ich träumte kurz, dass Corine aus aktuellem Anlass von Finanz- und Immobilienterroristen reden könnte. Vielleicht war sie schon nahe daran, die Worte wollten nur nicht über ihre Lippen kommen.

»Sie wird nie etwas sagen«, seufzte ich, »das hat sie aus seinem Schicksal gelernt. Sie wird einfach da sein und aufgeschlossen lächeln.«

Thomas paffte und nickte. »Aber was willst du denn? Dass sie die Bevölkerung zur...


P.M., geboren 1947, lebt und arbeitet in Zürich. Sein Pseudonym geht auf seinen ersten Roman Weltgeist Superstar (1980) zurück und bezieht sich auf die damals häufigsten Initialen im Telefonbuch (Peter /Paul Meier/Müller).
P.M. hat eine Reihe von Romanen, Spielen und Sachbüchern verfasst, die sich meist mit gesellschaftlichen Alternativentwürfen beschäftigen: bolo'bolo (1983), Die Schrecken des Jahres 1000 (1996), Subcoma (2000), AKIBA (2008), Neustart Schweiz (2009).
Seit jeher widmet sich P.M. urbanistischen Themen. Er hat in Zürich bei der Gründung von alternativen Wohngenossenschaften aktiv mitgewirkt.



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