E-Book, Deutsch, 112 Seiten
Reichert Pfuffel - Baby - Peng
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-7715-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
... eine Zeitreise durch den Oberschlunzgau der 1980er Jahre
E-Book, Deutsch, 112 Seiten
ISBN: 978-3-7578-7715-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wir schrieben die 1980er. Der Oberschlunzgau war noch nicht richtig zubetoniert, die Polizei hieß immer noch Gendarmerie und unsere Dörfler waren speziell. Das machte die Gebirgsdynamik, das raue Klima zwischen Schatt- und Sonnseite, der Westwind und natürlich der Alkohol. Man alterte rasch, reifer wurde man selbstverständlich nicht. Und für so manchen Jungspund war ein Jahr Bitterbach wie ein Hundejahr. Die hier erzählten Geschichtchen zeichnen die Höhepunkte einer nachdenklich stimmenden Serie von Tiefpunkten nach. Sowas konnte nur bei uns passieren.
Der Autor erblickte 1959 in der finsteren Nachkriegs-Hauptstadt unseres Schnitzellandes das Licht der Welt. Seine Flegeljahre überlebte er abwechselnd ebendort beziehungsweise im deutlich helleren Oberschlunzgau.
Autoren/Hrsg.
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Casper
Mirlinger trottete ab, von mir gestützt. Er "begleitete" mich, denn unsere Nachhausewege verliefen bis zu meiner Wohnstatt ident. Weiter musste er dann allein, noch ein gutes Stück bis zu seinen Gemächern, die lange schon kein Gast mehr betreten hatte. Es rankten sich wilde Gerüchte um die keimige Bleibe. Seit Jahren unaufgeräumt, schmutzig, versifft und vollgestopft mit Grusch der grindigsten Art, ging die Mär. Doch nie war jemand dort gewesen, außer dem Wohner selbst. Sieht man einmal von Casper, Melchior und Balthasar ab, den geliebten Silberfischchen samt Gefolge. Mirlinger, der der Lohnarbeit eines Musterzeichners (mit Perspektive alkoholbedigte Frührente) nachging, hatte in einem wachen Moment ein kunstvolles Werk geschaffen, einen Stammbaum, an dessen unterem Ende C+M+B zu lesen war. Mirlinger nahm die Zeichnung vom Abort, wo ihr natürlicher Platz der Dauerpräsentation war ab, rollte sie zusammen und zeigte sie im Hotel Finder her. Die Meinungen zu seiner Kulturleistung drifteten damals stark auseinander, kann ich mich erinnern. Vor allem der Paarungsakt, den der erstaunlich gebildete Tierfreund immer wieder als Vorbild für die Jugend hervorhob, stieß nicht auf ungeteilte Zustimmung. Das Männchen "Lepisma Saccharina" spannt ja unter Aufbringung sämtlicher Raffinesse einen Faden und lockt sein Weibchen mit Getanze darunter hindurch. Dabei muss sich die Angebetete ducken, ein bisschen wie beim kreolischen Limbo. Vorher aber hat der Verführer insgeheim ein hübsches kleines Samenpaket darunter abgestellt, über das er nun das gefoppte Weibchen laufen lässt. "So soit ma des mochen, des warat klass, am besten glei do im Tonzkölla!", hatte der Mirlinger damals empfohlen. Eine Empfehlung, die im Raume verhallte. Und die Sternsinger hatten eines kalten Dreikönigstages den verhängnisvollen Fehler begangen, die für unübertretbar gehaltene Schwelle der Mirlingerschen Räumlichkeiten ein paar Zentimeter zu überschreiten. Sie bliesen ob der abgestandenen Luft angewidert zum schnellstmöglichen Vortrag. Und da fiel es dem Tierhalter wie Schuppen aus dem Ekzem, dass das C+M+B-Geschmiere "Christus Mansionem Benedicat" bedeutetet und nicht seine lichtscheue Insektentrinität benennt. "Christus segne dieses Haus!", hatten die Könige gerufen und mit Kreide und nervigen Fingern an die Tür gekritzelt. In Wahrheit hatten sie natürlich "raus, so schnell wie möglich" gemeint. Mirlinger holte anstatt des üblichen Beitrags für die Kollekte noch ein dick gemästetes Exemplar seiner alternativen Könige aus dem Badezimmer und zeigte Casper Casper, auf einem Stück Klopapier hockend. Doch die ganze Truppe nahm von jetzt auf eben Reißaus, hinein in die kalte Rauhnacht. Zurück zum zweiten Abschnitt Mirlingers beschwerlicher Heimreise. "Bis Murgn oiso, ölf Uhr beim Dschuggeleschpress", lallte er. Er meinte die gute alte Schlunzga Bahn, von den Eingeborenen liebevoll "Dschungelexpress" genannt. Eine wunderbare Schmalspur-Schönheit, die den Oberschlunzgau rauf und runter keuchte. Der Mirlinger keuchte auch. Es war vier Uhr früh, elf würde knapp werden. Er war wohl auf einem der hinteren Ränge in der Liste der Gottesbeweise gelandet, so wie er jetzt davontorkelte. Und so ritt er in Ermangelung eines Sonnenuntergangs eben in den zart keimenden Aufgang auf der anderen Seite des Firmaments, ohnehin die bessere Richtung für seinen Nachhauseweg. Warten Es war also ein Sonntag, der seinen Namen verdient hatte, kein Wölkchen am feinen Oberschlunzhimmel. Um fünf vor elf war ich am Bahnhof. Den muss man sich allerdings in der Kleinbahn-Ausführung vorstellen. Der Vorsteher blickte mich an. "Wann kommt der Express?", wollte ich wissen. - "Do hinten, siechst eam eh scho!" Tatsächlich, man konnte bereits die rot schimmernde Silhouette erkennen. Der Dschungelexpress war einfach nur schön und alle Oberschlunzgauer mit ihm. Die Schmalspurbahn galt als Wahrzeichen und schien der eigentliche Grund zu sein, warum der Schlunzgau nur von Trümml bis Zettergschaid gewertet werden konnte. Von Zettergschaid "abwärts" wurde er von den Oberschlunzgauern geographisch richtig als "Unterschlunzgau" bezeichnet, aber sie meinten es nicht nur geographisch. Und wie auf Kommando pfiff er, der Kümmeler Ache entlangschlingernd, zahlreiche unbeschrankte Übertritte passierend, fröhlich und hell. Aber kein Mirlinger weit und breit. Kein Mirlinger. Der gestrige Abend hatte auch bei mir Spuren hinterlassen. Das Aufstehen war mir gar nicht leicht gefallen und ich hatte auf ein Frühstück verzichtet. Vor dem Kaffeehaus überfiel mich dann doch noch der Hunger. Ich entschied mich für eine leckere Schaumrolle, denn es war Sonntag und der Bäcker schlief seinen Weekend-Plichtrausch aus. Da stand ich also am Bahnsteig. Der Zug fuhr ein und der Mirlinger war nicht zu sehen. Es quietschte und rumpelte, es zischte und der Dschungelexpress stand da in seiner roten Pracht. Nichts. Kaum Fahrgäste. Keiner, der ein- oder auszusteigen gedachte. "Wos is jetzt?", wollte der Bahnhofsvorsteher wissen. - "Ich wart auf den Mirlinger!" - "Ah so! Oba der hot gestern sicher an furchtbaren Rausch ghobt, gestern wor Somstog!", meinte die Rotmütze schelmisch und fertigte den Zug ab. Ja ja, da lag er nicht so weit daneben, der Gute. Nur, dass es beim Mirli rauschtechnisch keine Rolle spielte, welcher Tag gestern war. Trennkost Der Zug war nur noch ein Pünktchen und der Mirlinger nahte im Schweinsgalopp. "Ma-ha!", rief er, "Ma-haaaaaaa!" Es war also ein Ma-ha-Tag. Ma-ha-Tage waren ganz normal bei meinem Freund. An so einem Tag sagte er ganz einfach sehr sehr oft Ma-ha. Manchmal schrie er es, manchmal wisperte er es. Aber nie verließ ein normales Ma-ha den Mirlinger. Wahrscheinlich, weil es ein normales Ma-ha gar nicht gab. Ma-ha kam wann es wollte und wie es wollte, stets aber eigentümlich und mit Timbre oder wenigstens zischend, quietschend, pfauchend. Ma-ha war ein bisschen wie unsere Schmalspurbahn. Heutzutage ginge Ma-ha locker als Tourette-Syndrom durch, damals war Ma-ha nur Ma-ha. "Ma-ha, i hob des Fruahstucksgulasch vasoizen und jetzt so an Durscht ghobt, dass i schnöll no a Bier trinken hob miassn!" Dazu muss man wissen, wie es um das Mirlingersche Kochverhalten bestellt war. Da er in unmittelbarer Nähe des Supermarktes wohnte, hatte er seine Ernährungsgewohnheiten der neuen Zeit angepasst. Alle paar Monate war Großeinkauf. Dies bedeutete, dass der Mirli zuerst einmal unzählige Bierdosen, zu vierundzwanzig Stück mit Plastik verschweißt, nachhause karrte. Er hatte zu diesem Zweck einen alten Leiterwagen restauriert und ihn sogar mit Holzlack angestrichen. Der Leiterwagen war randvoll mit Dosen und es hätte wirklich nichts mehr draufgepasst, auch nicht mit heftigstem Bemühen. Das gute alte Stück ächzte und knarrte und man musste Angst haben, dass es die Tour überhaupt übersteht. Wenn die Bierdosen dann verstaut waren, kehrte Mirlinger spornstreichs zum Supermarkt retour, wobei er die abschüssige Straße dazu nutzte, Angst und Schrecken zu verbreiten, indem er schon einmal aufritt oder sich wenigstens hinten draufstellte. Es folgte der zweite Teil des Großeinkaufes. Mirlinger hatte vom Filialleiter des Marktes eine ersprießliche Sondergenehmigung erwirkt. Er durfte mit dem Leiterwagerl in den Verkaufsraum. Aber was hatte der Filialleiter schon groß für Möglichkeiten? Die Alternative wäre gewesen, dass der Mirlinger einen regulären Einkaufswagen beladen, zumindest kurzfristig entwendet und damit garantiert einen Unfall gebaut hätte. Und der wäre dann womöglich noch mit Regressansprüchen gegen den Supermarkt ausgegangen, denn vom Fahrer selbst war nicht viel zu holen. Nicht auszudenken! Nein nein, auf sein schön restauriertes Leiterwagerl passte der Mirlinger schon auf! Im zweiten Teil des Großeinkaufes waren die Fertiggerichte dran, ebenfalls in der praktischen Dose feilgeboten. Gefüllte Paprika, Bohnen mit Speck, Linsen mit Speck, Reisfleisch, Ravioli in Tomatensauce und Schwammerlgulasch hießen die sechs Säulen der ausgewogenen Ernährung. Ganze Paletten davon mussten in den Karren, bis dieser zu quietschen begann. Zu den Speisen reichte der Mirli Salz, Pfeffer und sonst nichts. Wohl nicht aus gesundheitstechnischen Überlegungen, sondern weil kein anderes Produkt jahrelang haltbar war. So gab es jeden Tag eine leckere Mahlzeit, bei deren Zubereitung man nicht seine ganze Zeit am Herd vertrödelte. Mirlinger hing an der Dose, wie ein Giftler an der Nadel. Und nachdem er die leeren Konserven nur ausgesprochen ungern entsorgte, lag ihr welker Duft schwer im Haus. Prinz "Ma-ha, i hob vaschlofen. Der Sandmann woas, die Drecksau! Und hiatz noch dem Soizgulasch hob i scho wieda so an Durscht, geh ma doch in Prinz, der nachste Ekschpress foahrt eascht zMittog!" Dazu muss man wissen, dass der "Prinz" natürlich nicht der Prinz, sondern der Gasthof "Zum Prinz" war, Epizentrum der Bierausschank, in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes gelegen. Mich beschlichen Bedenken. Fast eine Stunde Warten, das machte mindestens zwei Bier im Mirlingerschen Alkohol-Universum. Eines hatte er bereits getrunken. Der nächste Zug ging um...