Rosenthal | Zwei Leben in Deutschland | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 349 Seiten

Rosenthal Zwei Leben in Deutschland

Eine jüdisch-deutsche Geschichte | Die ergreifende Autobiografie von Hans Rosenthal
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-7438-3
Verlag: Quadriga
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine jüdisch-deutsche Geschichte | Die ergreifende Autobiografie von Hans Rosenthal

E-Book, Deutsch, 349 Seiten

ISBN: 978-3-7517-7438-3
Verlag: Quadriga
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Siebenmal ist er dem Tod von der Schippe gesprungen - so schreibt es Hans Rosenthal in seiner Autobiografie, die anlässlich seines 100. Geburtstags in neuer Ausstattung erscheint. Der beliebte Moderator, der in den Siebzigern ein Millionenpublikum mit TV-Shows wie DALLI DALLI unterhielt, hat den Holocaust nur knapp überlebt. In seinem Buch berichtet er vom frühen Tod seiner Eltern, der Deportation und Ermordung seines jüngeren Bruders, der Zwangsarbeit auf Feldern, Fabriken und Friedhöfen und der ständigen Angst, von den Nazis getötet zu werden. Aber er schreibt auch über drei deutsche Frauen, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um seins zu retten. Und über eine Karriere, die ohne Versöhnung wohl so nicht möglich gewesen wäre.

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Vorwort von Adriana Altaras


Lieber Hans Rosenthal,

darf ich Ihnen meine Verehrung aussprechen?

So hätte ich Hans Rosenthal auf der Straße gestellt, ihn überrumpelt und ohne Erlaubnis auf ihn eingeredet. Er hätte etwas verlegen gelächelt, mich machen lassen, ich hätte immer wieder dasselbe gesagt: Wie sehr er mich stets beeindruckt hat! Wie wichtig er für meine Familie war, für die paar Juden, die sich nach der Shoah in Deutschland wiedergefunden hatten. Trotz allem. Und ich, das Kind von eben diesen Überlebenden, wuchs in der Mitte Deutschlands auf, unter anderem mit »Dalli Dalli«. »Ich danke Ihnen, lieber Herr Rosenthal!« Er hätte eine kleine Dankesverbeugung angedeutet und wäre davonspaziert, Richtung Sender.

Wenn ich Mitte der siebziger Jahre am Wochenende aus dem Internat kam, feierten wir den Schabbath auf eine besondere Weise. Meine Mutter hatte russischen Eiersalat gemacht, mein Vater »Dalli Dalli« aufgezeichnet (es lief donnerstags), und wir versammelten uns alle drei frisch gebadet vor dem Fernseher. Der Videorekorder wurde angeschaltet und Tri Top eingeschenkt. Dann kam Hänschen ins Bild.

Die ersten Minuten konnte ich gar nichts verstehen, weil meine Eltern jedesmal in etwa folgendes Gespräch führten, laut, denn sie mussten den Fernseher übertönen:

»Das ist er! Unser Hänschen. Ja! Einer von uns! Ein Jude! Im deutschen Fernsehen! Er hat hier überlebt! Ungeheuerlich! Wie er das geschafft hat? Ein Wunder! Das macht ihn noch mehr zum Helden. Stell dir das mal vor, Adriana! In Berlin. In einer Kleingartensiedlung. Drei Frauen haben ihn versteckt. Ganz normale deutsche Frauen. Die drei sind auch Heldinnen, oder was meinst du? Und wie gut er ist. Er ist der Beste, obwohl er so klein ist. Er ist einfach Spitze!«

Was ich dazu sagte? Gar nichts. Ich kam nicht dazwischen. Die Kommentare meiner Eltern ließen keinen Platz. Sie wollten auch gar nichts hören, sie wollten ihn, Hans Rosenthal, nur verehren. Und sie wollten, dass ihre Verehrung meine werden würde. Das hat funktioniert.

Ich erinnere mich kaum noch an einzelne Episoden aus Rosenthals Sendungen, aber ich weiß noch, wie beeindruckt ich war, dass sein Deutsch so perfekt war, dass der Mann berlinerte, dass er ein Deutscher war und doch ein Jude. Dass er so lustig war, so charmant und dass er hoch in die Luft springen und dort sogar ein paar Sekunden verweilen konnte. Unglaublich.

Neben dem schwerfälligen Hans-Joachim Kulenkampff und dem frötzelnden Rudi Carrell war Hans Rosenthal eine Erscheinung.

Ich war zu jung, um die ganze Dimension der Person Hans Rosenthal zu erfassen. Ich war elf, als ich die erste Sendung sah, und sechzehn, als die letzte lief.

Ich sah natürlich auch Robert Lembke, Vico Torriani, Joachim Fuchsberger und und und … aber »Dalli Dalli« blieb für lange Zeit mein Favorit.

Viele Jahre später erfuhr ich im Dokumentarfilm »Kulenkampffs Schuhe«, den meine Freundin Regina Schilling über deutsche Showmaster in den 1970er, 1980er Jahren gedreht hatte und in dem auch Hans Rosenthal vorkommt, folgende Geschichte:

Am 9. November 1978 sollte eine Jubiläumssendung von »Dalli Dalli« ausgestrahlt werden. Hans Rosenthal bat, die Sendung zu verschieben. Der 9. November, die Reichspogromnacht, sei für ihn ein Gedenktag, der in diesem Jahr zum ersten Mal offiziell vom deutschen Staat in der Kölner Synagoge ausgerichtet werden sollte. Schwer, das beiseitezulegen und unbeschwert heiter zu sein. Er würde wirklich gern an dieser Gedenkfeier teilnehmen. Verschieben? Das sei leider nicht möglich, verweigerte die Programmdirektion seine Bitte.

Die Show wurde aufgezeichnet. Wenn man sich die Folge heute anschaut, spürt man vielleicht einen etwas ernsteren Talkmaster, nicht viel mehr. Und er trägt, was er sonst nie tat, einen schwarzen Anzug.

Mich hat diese Geschichte sehr berührt, weil sie viel über den Charakter von Hans Rosenthal erzählt. Er war ein sehr bescheidener Mann, der neben seinem Talent und der Gabe zu Heiterkeit und Humor eine ungemein stille, ernste Seite hatte. Wie sollte es auch anders sein, bei seiner Vita.

Hans Rosenthal verweigerte dem ZDF nicht die Aufnahme. Er setzte seinen Wunsch nicht durch. Hätte er doch machen können, denke ich mir. Was hätten sie ohne ihn tun sollen?

Nein. Er trug nur einfach Schwarz. Er machte die Trauer mit sich selbst aus.

Hätte Hans-Joachim Kulenkampff sich so dezent verhalten? Ich wage es zu bezweifeln. Er, der als Soldat in Russland gekämpft hatte, er, der keine Gelegenheit ausließ, unangebrachte Witze über den Krieg zum Besten zu geben, selbstgerecht und eitel. Hätte er seinen Willen nicht durchgesetzt?

Es war eine besondere Zeit, der Beginn der deutschen Fernsehunterhaltung, zehn, fünfzehn Jahre nach Kriegsende. Man wollte sich amüsieren, nicht über Scham, Schuld und Verbrechen nachdenken. Die deutsche Unterhaltungsindustrie fand ihren Anfang genau dann, zwischen Wirtschaftswunder und dem unbedingten Willen, jetzt alles gut, richtig machen zu wollen und den Rest zu vergessen.

Hans Rosenthal versuchte sich in diesem Spagat, denn er wollte es schaffen. Er wollte in diesem Deutschland, das seine Heimat war, nach oben kommen, kraft seiner Begabung. Er wollte beweisen, dass der kleine Jude auch das Zeug zum großen Talkmaster hatte. Dass man ihn lieben konnte, ihn, der sich so lange Zeit verstecken musste. Ihn sollte man sehen!

»Siehst du«, sagte mein Vater, »man kann jetzt in Deutschland als Jude wieder Karriere machen. Siehst du?«

Ich sah, dass unser Hänschen sowohl der beliebteste Talkmaster sein wollte als auch der beliebteste Jude. Aber leider funktioniert das so nicht, damals nicht und heute genauso wenig.

Hans Rosenthal besaß eine große Portion Ehrgeiz. Gleichzeitig blieb er sehr angepasst. Er stellte sein Jüdischsein nicht aus, aber er versteckte es auch nicht. Er wollte als Künstler anerkannt werden. »Juden sind doch keine Unmenschen! Wir sind Berliner wie ihr!«, schien er aus jeder Pore mitteilen zu wollen.

»Fair enough«, würde mein Sohn sagen, der auch in Berlin geboren ist und seine Heimatstadt ebenso verehrt.

Ich kenne dieses Verhalten nur zu gut. Charmant bleiben, bloß nicht unangenehm werden, zeigen, dass wir Juden genauso sind wie alle anderen auch, vielleicht sogar ein wenig lustiger …

Sind wir das wirklich? Müssen wir wirklich lustiger sein als alle anderen? Ich halte das für einen Trugschluss.

Hans Rosenthal nutzte seine Prominenz, engagierte sich im Zentralrat der Juden, saß im Vorstand. Es war ihm nicht einerlei, wie es »seinen Leuten« ging. Er selbst wurde schon vor dem Krieg zum Waisen und verlor seinen Bruder Gert in der Shoah. Nach dem Krieg machte es ihn sehr glücklich, eine neue Familie aufgebaut zu haben, aber Trauma und Schmerz kannte er nur zu gut. Er war es auch, der vermittelnd eingriff in einem Streit über Gemeindeangelegenheiten zwischen meinem Vater und dem Zentralrat. Besonnen, klug, ruhig.

Er war wer. Er hatte es geschafft.

Trotzdem blieb Hans Rosenthal zeitlebens misstrauisch. Wollte man wirklich ihn? Meinte man wirklich ihn? Würde er bei seinem geliebten RIAS bleiben dürfen?

Es gab einige Rückschläge, die ihn zwar zutiefst verletzten, aber nicht aufhalten konnten.

Ende der 1990er Jahre spielte ich in Hamburg in einem Stück von Horst Pillau. Es ging um eine israelische Stewardess, die sich in einen türkischen Blumenhändler verliebt. Nahezu visionär, möchte man meinen, oder utopisch, aus heutiger Sicht.

Meine Rolle war sehr genau beobachtet, und ich fragte Horst Pillau, woher er sich so gut auskenne.

»Ich war sehr gut mit Hans Rosenthal befreundet«, antwortete er. »Du weißt, ich hatte den Pilotenschein gemacht. Ich habe ihn oft nach München geflogen, wir haben viel Kabarett zusammen gemacht. Ein toller Kerl!«, grinste Horst Pillau.

»Außerdem gründeten wir diese Gastspieldirektion. Wir mieteten Kinos, mehrere für einen Abend, in allen möglichen Stadtteilen. Ich war Autor und Chauffeur. Hans Impressario und Unterhalter. Es gab Musik und Stars, meine Texte und seine Moderation. Die Leute strömten wie irre zu uns. Wir waren lustig, frech, sogar subversiv.«

Diese Seite gab es also auch. Den renitenten Hans, der seine Meinung, in scharfe Witze verpackt, unter die Leute brachte.

1983 versuchte er in seiner ARD-Show »Das gibts nur einmal – Noten, die verboten wurden« die Zeit unter dem Nazionalsozialismus zu verarbeiten.

Damals lautete seine Abmoderation: »Vor fünfzig Jahren fing alles an, und wir können nur hoffen, dass diese Vergangenheit keine Zukunft hat!«

Was würde er jetzt sagen? Wie würde er die Ambivalenz ertragen, in der wir uns befinden? Mit uns meine ich Juden wie Nichtjuden, Berliner und Europäer.

Wo der Nahostkonflikt katastrophale Ausmaße angenommen hat. Wo eine rechte, kriegstreibende Regierung auf der einen Seite und eine terroristische, menschenverachtende Organisation auf der anderen unendlich viele Menschenopfer fordern. Wo es nur eine einzige Lösung gibt: Friedensverhandlungen, sofort.

Wo antisemitische Übergriffe an der Tagesordung sind und rassistische Denkweisen unverblümt geäußert werden. Das, lieber Hans Rosenthal, ist die momentane Realität in Ihrer Heimatstadt, ja, in Deutschland generell.

Was würde er wohl dazu sagen? Vielleicht: »Aufgeben, meine Lieben, ist keine Option. Ja, Demokratie ist anstrengend, aber wir haben keine Alternative. Und auch nur diese eine Welt. Also: ›Dalli Dalli!‹«

Adriana Altaras ist...


Rosenthal, Hans
Hans Rosenthal, 1925 in Berlin geboren, war Regisseur, Moderator und Entertainer. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs machte er Karriere beim RIAS, einem von den Amerikanern gegründeten Rundfunksender in West-Berlin. Hier erfand er zwischen 1950 und 1980 Dutzende erfolgreiche Rate- und Unterhaltungsshows. Zeitgleich entwickelte er sich zu einem der beliebtesten TV-Entertainer des Landes. Die von ihm moderierten Sendungen wie DALLI DALLI oder GUT GEFRAGT, IST HALB GEWONNEN begeisterten Millionen. Er wurde u. a. mit der GOLDENEN KAMERA, dem BAMBI und dem BUNDESVERDIENSTKREUZ ausgezeichnet. 1987 starb Hans Rosenthal in Berlin.



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