Schalamow / Thun-Hohenstein | Linkes Ufer | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 02, 320 Seiten

Reihe: Schalamow - Werke in Einzelbänden

Schalamow / Thun-Hohenstein Linkes Ufer

Erzählungen aus Kolyma 2
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-88221-130-6
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen aus Kolyma 2

E-Book, Deutsch, Band 02, 320 Seiten

Reihe: Schalamow - Werke in Einzelbänden

ISBN: 978-3-88221-130-6
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Erzählungen aus Kolyma - der 2. Zyklus 'Warlam Schalamow ist die große Gegenfigur zu den literarischen Zeugen der nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Er gehört in eine Reihe mit Primo Levi, Jorge Semprún oder Imre Kertész.' -Gregor Dotzauer, Tagesspiegel Mit Linkes Ufer wird die Werkausgabe von Warlam Schalamow fortgesetzt, deren erster Band Durch den Schnee seit seinem Erscheinen 2007 ungebrochen hohe Aufmerksamkeit genießt. Schalamow zieht den Leser in die Gegenwart des Lageralltags hinein und geht der Schlüsselfrage unserer Gegenwart nach: Wie können Menschen, die über Jahrhunderte in der Tradition des Humanismus erzogen wurden, Auschwitz oder Kolyma hervorbringen? Lange Jahre im Westen unbekannt, erfährt er in den letzten Jahren zunächst in Frankreich und Deutschland endlich die verdiente Anerkennung als einer der Großen der russischen Literatur. Die Erzählungen aus Kolyma, deren zweiter Zyklus in der Übersetzung von Gabriele Leupold hier veröffentlicht wird, sind Weltliteratur.

Warlam Schalamow, 1907 im nordrussischen Wologda als Sohn eines orthodoxen Geistlichen geboren, studierte zunächst sowjetisches Recht in Moskau. Nach seiner Verhaftung wegen »konterrevolutionärer Agitation« wurde er zu Lagerhaft im Ural verurteilt und in die Kolyma-Region um den gleichnamigen Fluss im Nordosten Sibiriens deportiert. 1956 kehrte er nach Moskau zurück, wo er 1982 starb. Bei Matthes & Seitz Berlin erscheint eine Ausgabe seiner Werke in Einzelbänden.

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Die Aussätzigen
Gleich nach dem Krieg wurde vor meinen Augen im Krankenhaus ein weiteres Drama gespielt – genauer gesagt, das Ende eines Dramas. Der Krieg hatte Schichten, hatte Stücke des Lebens von seinem Grund nach oben und ans Licht gehoben, die sich immer und überall vor dem hellen Sonnenlicht versteckt hatten. Das sind nicht die Kriminellen, keine Untergrundzirkel. Das ist etwas vollkommen anderes. Während der Kriegshandlungen waren die Leprastationen zerschlagen worden, und die Aussätzigen hatten sich unter die Bevölkerung gemischt. War das ein heimlicher oder ein offener Krieg? Ein chemischer oder bakteriologischer? Die vom Aussatz Befallenen konnten sich leicht als Verwundete ausgeben, als Kriegskrüppel. Die Aussätzigen mischten sich unter die gen Osten Fliehenden und kehrten zurück ins wirkliche, wenn auch schreckliche Leben, wo man sie für Kriegsopfer hielt, vielleicht für Helden. Die Aussätzigen lebten und arbeiteten. Der Krieg mußte zu Ende gehen, damit sich die Ärzte an die Aussätzigen erinnerten und die schrecklichen Karteikästen der Leprastationen sich wieder zu füllen begannen. Die Aussätzigen hatten unter den Menschen gelebt und den Rückmarsch, den Vormarsch, die Freude oder Bitternis des Siegs geteilt. Die Aussätzigen hatten in Fabriken und auf dem Feld gearbeitet. Sie waren Chefs und Untergebene geworden. Nur Soldaten waren sie niemals geworden, daran hinderten sie die Fingerstümpfe, die den Kriegsverwundungen ähnlich, zum Verwechseln ähnlich waren. Die Aussätzigen gaben sich auch als Kriegskrüppel aus – Einzelne unter Millionen. Sergej Fedorenko war Leiter des Lagerhauses. Als Kriegsinvalide kam er mit seinen widerspenstigen Fingerstümpfen geschickt zurecht und machte seine Sache gut. Ihn erwarteten Karriere und Parteibuch, doch kaum hatte Fedorenko Geld, begann er zu trinken, zu bummeln, er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und kam mit einem der Kolymaschiffe nach Magadan, zu zehn Jahren verurteilt nach einem Sozialparagraphen. Hier änderte Fedorenko seine Diagnose. Obwohl es auch hier genug Krüppel, zum Beispiel Gliederabhacker, gab. Aber es war vorteilhafter, moderner, weniger auffällig, in der Flut der Erfrierungen unterzugehen. Und so traf ich ihn auch im Krankenhaus an – Folgeerscheinungen von Erfrierungen dritten, vierten Grades, eine nicht verheilende Wunde, Fußstumpf, Fingerstümpfe an beiden Händen. Fedorenko wurde behandelt. Die Behandlung brachte keine Ergebnisse. Aber jeder Kranke widersetzte sich ja der Behandlung, so gut er konnte und vermochte. Nach vielen Monaten mit trophischen Geschwüren wurde Fedorenko entlassen, und weil er im Krankenhaus bleiben wollte, wurde Fedorenko Sanitäter, er kam als Obersanitäter in die chirurgische Abteilung mit rund dreihundert Plätzen. Das Krankenhaus war ein Zentralkrankenhaus, mit tausend Betten allein für die Häftlinge. Im Anbau war auf einer der Etagen ein Krankenhaus für Freie. Irgendwann wurde der Arzt krank, der Fedorenkos Krankengeschichte betreute, und an seiner Stelle begann Doktor Krasinskij »einzutragen«, ein alter Militärarzt und Verehrer Jules Vernes (warum?), ein Mann, dem das Leben an der Kolyma das Verlangen zu plaudern, sich zu unterhalten und Meinungen auszutauschen, nicht genommen hatte. Als er Fedorenko untersuchte, war Krasinskij verblüfft – er wußte selbst nicht, wovon. Seit seiner Studienzeit befiel ihn diese Unruhe. Nein, das war kein trophisches Geschwür, kein Stumpf nach einer Explosion oder dem Beil. Das war langsam zerfallendes Gewebe. Krasinskijs Herz begann zu schlagen. Er rief Fedorenko noch einmal zu sich, zog ihn ans Fenster, ans Licht, und betrachtete gierig sein Gesicht, ungläubig. Das war Lepra! Das war die Löwenmaske! Ein menschliches Gesicht, das aussah wie das eines Löwen. Fieberhaft blätterte Krasinskij in den Lehrbüchern. Er nahm eine große Nadel und stach mehrmals in ein helles Fleckchen, von denen es auf Fedorenkos Haut viele gab. Keinerlei Schmerz! Schweißüberströmt schrieb Krasinskij einen Rapport an die Leitung. Der Kranke Fedorenko wurde in einem Einzelzimmer isoliert, Hautstückchen wurden zur Biopsie ins Zentrum, nach Magadan, und von dort – nach Moskau eingeschickt. Die Antwort kam nach etwa zwei Wochen. Lepra! Krasinskij war der Held des Tages. Natschalniks korrespondierten mit Natschalniks über das Ausstellen eines Marschbefehls ins Leprosorium der Kolyma. Dieses Leprosorium ist auf einer Insel gelegen, und an beiden Ufern stehen auf die Übersetzstelle gerichtete Maschinengewehre. Einen Marschbefehl, man brauchte einen Marschbefehl. Fedorenko stritt nicht ab, daß er im Leprosorium war und daß die Aussätzigen, sich selbst überlassen, in die Freiheit geflohen waren. Die einen – um den Zurückweichenden nachzueilen, die anderen – um Hitlers Leute zu empfangen. So wie im normalen Leben. Fedorenko erwartete seinen Abtransport ruhig, aber das Krankenhaus tobte. Das gesamte Krankenhaus. Auch die, die bei Verhören geschlagen und deren Seelen in Tausenden Verhören zertrümmert worden waren, deren Körper von der die Kräfte übersteigenden Arbeit verkrüppelt, zerquält waren, bei Haftzeiten von fünfundzwanzig plus fünf – Haftzeiten, die man nicht erleben, überleben, am Leben bleiben konnte ... Alle zitterten, schrieen, verfluchten Fedorenko und fürchteten sich vor dem Aussatz. Das ist dasselbe psychische Phänomen, das den Flüchtling nötigt, die wohlvorbereitete Flucht aufzuschieben, weil es an diesem Tag im Lager Tabak gibt – oder das »Lädchen«. So zahlreich die Lager sind, so zahlreich auch solche sonderbaren, aller Logik fernen Beispiele. So etwa die menschliche Scham. Wo sind ihre Grenzen und ihr Maß? Menschen, deren Leben zerstört ist, deren Vergangenheit und Zukunft zertreten sind, unterwerfen sich plötzlich der Macht eines albernen Vorurteils, eines Unsinns, über den sie sich aus irgendeinem Grund nicht hinwegsetzen, den sie aus irgendeinem Grund nicht zurückweisen können. Und dieses plötzliche Bekunden von Scham tritt auf als das feinste menschliche Gefühl und wird später ein Leben lang als etwas Echtes, etwas unendlich Teures erinnert. Im Krankenhaus gab es einen Fall, wo ein Feldscher, der noch gar kein Feldscher war, sondern einfach half, den Auftrag bekam, Frauen zu rasieren, einen Frauentransport zu rasieren. Die Leitung amüsierte sich, indem sie Frauen befahl, die Männer zu rasieren, und Männern – die Frauen. Jeder amüsiert sich wie er kann. Aber der Friseur beschwor seine Bekannte, dieses Ritual der sanitären Versorgung selbst zu vollziehen und wollte nicht daran denken, daß das Leben ja zerstört war; daß all diese Amüsements der Lagerleitung nur der schmutzige Schaum auf diesem schrecklichen Kessel waren, in dem sein eigenes Leben zu Tode kochte. Dieses Menschliche, Drollige, Zarte tritt in den Menschen unerwartet zutage. Im Krankenhaus herrschte Panik. Fedorenko hatte ja einige Monate dort gearbeitet. Leider dauert die Inkubationszeit der Erkrankung, bis zum Auftreten äußerer Krankheitszeichen, bei Aussatz einige Jahre. Die Ängstlichen waren dazu verurteilt, die Angst auf ewig in der Seele zu bewahren, ob Freier oder Häftling – ganz gleich. Es herrschte Panik im Krankenhaus. Die Ärzte suchten fieberhaft bei den Kranken und beim Personal nach den weißen, gefühllosen Fleckchen. Die Nadel wurde, zusammen mit Phon-Endoskop und Hämmerchen, zum unentbehrlichen Hilfsmittel des Arztes bei der Erstuntersuchung. Der Kranke Fedorenko wurde gebracht und vor den Feldschern und Ärzten ausgezogen. Ein Aufseher mit Pistole stand in einiger Entfernung vom Kranken. Doktor Krasinskij, mit einem riesigen Zeigestock bewaffnet, sprach über die Lepra und wies mit dem Stock mal auf das Löwengesicht des ehemaligen Sanitäters, mal auf seine abfallenden Finger, mal auf die glänzenden weißen Flecken auf seinem Rücken. Überprüft wurde buchstäblich die gesamte Population des Krankenhauses, Freie und Häftlinge, und plötzlich zeigte sich ein weißes Fleckchen, ein gefühlloses weißes Fleckchen, auf dem Rücken von Schura Leschtschinskaja, einer Frontschwester – jetzt Diensthabende in der Frauenabteilung. Leschtschinskaja war erst seit kurzem im Krankenhaus, ein paar Monate. Keinerlei Löwenmaske. In ihrem Auftreten war Leschtschinskaja nicht strikter und nicht nachsichtiger, nicht lauter und nicht ungenierter als jede andere gefangene Krankenschwester. Leschtschinskaja wurde in eines der Zimmer der Frauenabteilung eingeschlossen und ein Stückchen ihrer Haut nach Magadan, nach Moskau zur Analyse geschickt. Und die Antwort kam: Lepra! Desinfektion bei Aussatz ist eine schwierige Angelegenheit. Man soll die Hütte abbrennen, in der der Aussätzige gewohnt hat. So schreiben es die Lehrbücher vor. Aber einen Krankensaal in einem riesigen zweistöckigen Haus, in einem Hausgiganten abzubrennen, niederzubrennen! Dazu konnte sich niemand entschließen. Ebenso...


Leupold, Gabriele
Gabriele Leupold, 1954 geboren, übersetzte u. a. Ossip Mandelstam, Michail Bachtin, Boris Pasternak, Andrej Platonow und die Werke von Warlam Schalamow. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Paul-Celan-Preis, den Johann-Heinrich-Voß-Preis, den Hieronymus-Ring und den Jane Scatcherd-Übersetzerpreis 2018 der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung.

Thun-Hohenstein, Franziska
Franziska Thun-Hohenstein, 1951 geboren, studierte russische Sprache und Literatur in Moskau. Sie ist senior-fellow am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin und ist seit 2007 Herausgeberin der Warlam-Schalamow-Werkausgabe bei Matthes & Seitz Berlin.

Schalamow, Warlam
Warlam Schalamow, 1907 im nordrussischen Wologda als Sohn eines orthodoxen Geistlichen geboren, studierte zunächst sowjetisches Recht in Moskau. Nach seiner Verhaftung wegen »konterrevolutionärer Agitation« wurde er zu Lagerhaft im Ural verurteilt und in die Kolyma-Region um den gleichnamigen Fluss im Nordosten Sibiriens deportiert. 1956 kehrte er nach Moskau zurück, wo er 1982 starb. Bei Matthes & Seitz Berlin erscheint eine Ausgabe seiner Werke in Einzelbänden.

Warlam Schalamow, 1907 im nordrussischen Wologda als Sohn eines orthodoxen Geistlichen geboren, studierte zunächst sowjetisches Recht in Moskau. Nach seiner Verhaftung wegen »konterrevolutionärer Agitation« wurde er zu Lagerhaft im Ural verurteilt und in die Kolyma-Region um den gleichnamigen Fluss im Nordosten Sibiriens deportiert. 1956 kehrte er nach Moskau zurück, wo er 1982 starb. Bei Matthes & Seitz Berlin erscheint eine Ausgabe seiner Werke in Einzelbänden.Franziska Thun-Hohenstein, 1951 geboren, studierte russische Sprache und Literatur in Moskau. Sie ist senior-fellow am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin und ist seit 2007 Herausgeberin der Warlam-Schalamow-Werkausgabe bei Matthes & Seitz Berlin. Gabriele Leupold, 1954 geboren, übersetzte u. a. Ossip Mandelstam, Michail Bachtin, Boris Pasternak, Andrej Platonow und die Werke von Warlam Schalamow. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Paul-Celan-Preis, den Johann-Heinrich-Voß-Preis, den Hieronymus-Ring und den Jane Scatcherd-Übersetzerpreis 2018 der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung.



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