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Schlund "Behinderung" überwinden?



Organisierter Behindertensport in der Bundesrepublik Deutschland (1950-1990)

1. Auflage 2017, Band: 4, 411 Seiten, Kartoniert, Großformatiges Paperback. Klappenbroschur, Format (B × H): 139 mm x 213 mm, Gewicht: 523 g Reihe: Disability History
ISBN: 978-3-593-50683-8
Verlag: Campus Verlag GmbH


Schlund "Behinderung" überwinden?

Der Sport behinderter Menschen gerät meist nur während der Paralympics in den Fokus der Öffentlichkeit. Sebastian Schlunds Buch eröffnet - auch abseits dieses Großereignisses - Einblicke in die Geschichte des Behindertensports in Deutschland zwischen der Zeit der Weltkriege und der "Wiedervereinigung". Die Studie zeigt die Entwicklung des Phänomens von einer Therapiemaßnahme für Kriegsversehrte zu einer selbstbestimmten Freizeitaktivität. Dieser Prozess war von Debatten um die Integration behinderter Menschen sowie von Konflikten um die Gleichbehandlung aller Menschen mit Behinderung geprägt.
Für diese Dissertation wurde Sebastian Schlund 2017 mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung in der Sektion Geistes- und Kulturwissenschaften ausgezeichnet.

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InhaltEinleitung9Begriffserklärungen und Forschungsstand12Fragestellung und Aufbau der Arbeit21Quellenlage281. Versehrtenleibesübungen (1914-1945)321.1 "Überwindung des Krüppeltums" - Versehrtenleibesübungen um den Ersten Weltkrieg331.2 Kriegsopferverbände, Sport und Militär in den 1920er Jahren371.3 "Körperbehinderte Volksgenossen": Versehrtensport im Nationalsozialismus432. Versehrtensport und Erwerbsarbeitsparadigma (1950-1968)512.1 Versehrtensport als Teil der Kriegsopferversorgung542.2 Akteurskonstellationen und Organisation des Versehrtensports732.2.1 Etablierung der bundesweiten Versehrtensportorganisation742.2.2 Versehrtensportorganisation in den Bundesländern912.2.3 "Die gleichen Ziele über 25 Jahre" - Mitgliederstrukturen und Motivlagen in den Vereinen992.3 "Üben stärkt - Nicht-üben schwächt" - Diskurs und Praxis des Versehrtensports1092.3.1 Prothetische Versorgung und medizinischer Expertendiskurs: Versehrtensport als therapeutische Heilmaßnahme1102.3.2 Sportbetrieb und Sportbegriff des Versehrtensports1223. Zwischenbetrachtung I - Versehrtensport, Kameradschaft und Intersektionalität1393.1 "Gemütvolle Gebilde der Geselligkeit" - Kameradschaft im Versehrtensport1433.2 Hegemoniale Männlichkeit im Versehrtensport1523.3 Benachteiligung von Frauen im Versehrtensport1563.4 Versehrtensport in der Arbeitsgesellschaft1614. Versehrtensport, Integrations- und Freizeitkonzepte (1969-1975)1664.1 "Eine unerträgliche Diskrepanz" - Zur Angleichung der Förderung kriegs- und zivilbehinderter Menschen1704.2 Die Entdeckung der Freizeit: Sozialwissenschaften und Versehrtensport1834.3 Vom Versehrtensport- zum Behindertensportverband1944.3.1 Sport behinderter Kinder1954.3.2 Frauen im Versehrtensport2064.3.4 Umbenennungsdebatten - Versehrt oder behindert?2174.4 Abbau von Vorurteilen? Die "Weltspiele der Gelähmten" 1972 in Heidelberg2225. Zwischenbetrachtung II - Wertewandel im Behindertensport?2305.1 Grundlagen der Forschung zum Wertewandel2335.2 Vorbedingungen: "Stille Revolution" und wirtschaftlicher Wohlstand2375.3 Selbstbestimmte Freizeitgestaltung behinderter Menschen als Ausdruck von Wertewandel2435.4 Die frühen 1970er Jahre als Scharnierphase des bundesdeutschen Behindertensports2516. Pluralisierungsprozesse, Behindertenleistungssport und Integrationsangebote (1976-1990)2586.1 Ausweitung der Zielgruppen: Gesundheitssport, Rehasport, Seniorensport2626.1.1 Die Gesamtvereinbarung von 19812636.1.2 Gesundheitssport und Seniorensport2686.2 Sport von Menschen mit geistiger Behinderung2856.2.1 "Freizeiterziehung" und persistente Vorurteile - Determinanten des Sports geistig behinderter Menschen2866.2.2 "Möglichst viel Kontakt" - Konzepte von Freizeitgestaltung als Mittel sozialer Integration2906.2.3 Lebenshilfe, DBS oder DSB - Wer förderte den Sport geistig behinderter Menschen?2936.2.4 Zwischen Leistungsprinzip und Überbehütung - Erste Wettkämpfe geistig behinderter Menschen3006.2.5 Auf dem Weg zu den Special Olympics Deutschland3076.3 Integrationssport als soziale Eingliederung3126.3.1 Integrative Modellversuche nach dem "Göttinger Modell"3146.3.2 Integrationsverständnis in der Spitze DBS3176.3.3 Koexistenz oder Konkurrenz? Initiativen des DSB und die Sportgruppe "city nord"3206.3.4 Integration als "Daueraufgabe" - Debatten um Begriffe und Zuständigkeiten Ende der 1980er Jahre3256.4 Leistungssport behinderter Menschen3326.4.1 Behindertenleistungssport als Element der Selbstbestimmung3346.4.2 "Leistungsexplosion" im paralympischen Sport3416.4.3 Innovative Prothetik und der Wandel des Bildes von Behinderung durch mediale Repräsentation352Schluss363Quellen und Literatur379Dank 410


EinleitungAcht Meter vierundzwanzig. Die Anzeigetafel im Ulmer Donaustadion zeigte am Nachmittag des 26. Juli 2014 unter dem Namen "Markus Rehm" 8,24 Meter. Der für Bayer Leverkusen angetretene Rehm sollte mit dieser Weite seinen schärfsten Konkurrenten Christian Reif um vier Zentimeter übertreffen und letztlich die Deutschen Meisterschaften im Weitsprung der Männer gewinnen. Was die Anzeigetafel nicht verriet: Markus Rehm ist seit einem Unfall einseitig unterschenkelamputiert und bestritt den Wettkampf mit einer speziell angefertigten Carbonprothese. Mit seinen herausragenden sportlichen Leistungen katapultierte sich Rehm nicht nur regelmäßig an die Spitze von Teilnehmerfeldern, sondern auch ins Zentrum öffentlicher Debatten um den Sinn gemeinsamer Wettkämpfe behinderter und nichtbehinderter Athleten. Schließlich schien dem Springer das eigentlich als Beeinträchtigung verstandene Fehlen eines natürlichen Beines mitnichten zum Nachteil zu geraten. Im Gegenteil: Markus Rehm warf - und wirft noch immer - die Frage auf, ob körperliche Beeinträchtigung mithilfe von High-Tech-Prothesen schlichtweg überwunden werden kann und somit die Chancengleichheit im sportlichen Wettkampf gefährdet sei.Lässt sich "Behinderung" überwinden? Warum der Sport behinderter Menschen historisch wie aktuell mit Überwindungsmotiven konnotiert ist, bildet die Leitfrage dieser Arbeit. Zum einen verspricht diese Fragestellung Erkenntnisse, weil die "Überwindung" einer körperlichen Beeinträchtigung eines der Hauptmotive behinderter Sportlerinnen und Sportler im gesamten Untersuchungszeitraum darstellte. Zum anderen wird nach der Überwindung von Zugangsbeschränkungen gefragt, die behinderte Menschen daran hinderten, am Sport teilzunehmen. Insofern umfasst diese Leitfrage sowohl die Mikroperspektive behinderter Sportler als Subjekte ihrer eigenen Geschichte sowie eine auf der Mesoebene angesiedelte Suche nach verschiedenartigen Barrieren im Behindertensport. Darüber hinaus begleitete der Überwindungsbegriff den Behindertensport in der Bundesrepublik über den gesamten Untersuchungszeitraum - allerdings in unterschiedlicher Form. Auf welche Art und Weise "Überwindung" mit dem Sport behinderter Menschen verknüpft wurde, hing dabei ebenso von gesamtge-sellschaftlichen Wandlungsprozessen auf der Makroebene ab, wie von spezifischen Entwicklungen im organisierten Behindertensport. In erster Linie ist hierbei an den Funktionswandel zu denken, den der Behinderten-sport im Verlauf der Jahrzehnte erfuhr.Zentraler Ort dieses Wandlungsprozesses war der im Deutschen Be-hindertensportverband (DBS) organisierte Sport in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1950 und 1990. An einigen Stellen wird die Analyse allerdings zeitlich nach beiden Richtungen über die Grenzen dieses Beobachtungszeitraums hinausgreifen, um die höchst unterschiedlichen Erscheinungsformen des Sports behinderter Menschen erfassen zu können. So bedeutete Behindertensport in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten vor allem eine staatlich finanzierte therapeutische Heilmaßnahme kriegsversehrter Männer. Diese funktionelle Art des Behindertensports bezog Anleihen aus Bewegungstherapien, die in Lazaretten des Zweiten und teils gar des Ersten Weltkriegs praktiziert worden waren. Entsprechend seiner Herkunft hieß der Behindertensport auch lange Zeit "Versehrtensport" und der heutige Behindertensportverband trug bis 1975 den Namen Deutscher Versehrtensportverband e.V. (DVS).Die Namensänderung des Verbandes, dessen Entwicklung einen der Schwerpunkte der Untersuchung darstellt, verweist auf mehrere Transformationen, die als thematische Schneisen dienen werden. Erstens veränderte sich die Mitgliederstruktur des organisierten Behindertensports im Beobachtungszeitraum stark: Während anfangs nahezu ausschließlich kriegsversehrte Männer am Sport behinderter Menschen teilnahmen, stie-ßen im Verlauf der Jahrzehnte auch Menschen hinzu, deren Beeinträchti-gung nicht ursächlich auf den Krieg zurückging. Diese sogenan


Schlund, Sebastian
Sebastian Schlund, Dr. phil., ist Wissenschaftlicher Koordinator im Projekt "Intersektionalität interdisziplinär" an der Universität Kiel.


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