E-Book, Deutsch, 308 Seiten
Schmidt Rendezvous mit Mops und Fliege
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-8978-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine fast romantische Geschichte
E-Book, Deutsch, 308 Seiten
ISBN: 978-3-7504-8978-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dagmar Schmidt ist die Tochter des Autors Hans-Dieter Brunowsky, der im Alter von 83 Jahren seinen ersten Bestseller veröffentlichte. (Opa, das kannst du auch) Sie schreibt seit ihrer Jugend erlebte und erfundene Geschichten. Aber erst mit dem Eintritt ins Rentenalter findet sie genug Zeit, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Sie lebt mit ihrem Partner in der Umgebung von Kiel. Dort spielen auch alle ihre Romane. Bisher von der Autorin erschienen: Der gläserne Käfig - Fast ein Krimi ISBN: 9783750433489
Autoren/Hrsg.
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1.
Die späte Abendsonne schien durch das dunkle Grün des großgewachsenen Ficus Benjamini in mein Arbeitszimmer. Gedankenverloren betrachtete ich von meinem Schreibtisch aus den rot glühenden Himmel. Seit einer halben Stunde klickte ich mich durch das Forum , in dem ich mich vor ein paar Tagen angemeldet hatte. Bei Google war ich durch den Suchbegriff den ich eingegeben hatte, darauf gestoßen. Dort tummelten sich hauptsächlich Frauen, aber auch ein paar Männer und alle hatten eine unglückliche Affäre mit einem verheirateten Menschen. Sie suchten Antworten oder Trost, genau wie ich. Einige waren offenbar schon durch den Schmerz hindurch:
las ich.
Geiger nannte man hier die Fremdgänger, denn sie spielten mit den Partnern erste und zweite Geige. Natürlich war die oder der Geliebte immer die zweite. Ich las den nächsten Beitrag. Hoppla, der war ja von einem Mann geschrieben:
Ich drückte, ohne lange nachzudenken, auf den Antwort-Button.
Innerhalb weniger Minuten schlossen sich andere Forumsteilnehmerinnen meiner Meinung an. Klar, auch Männer konnten Liebeskummer haben, das bestritt niemand, aber dieser Post hörte sich eher nach jemandem an, der sich darüber ärgerte, dass er seinen Willen nicht bekam. Außerdem fand ich seine Antwort respektlos seiner Ehefrau gegenüber. W. antwortete unverzüglich.
Ui, war der giftig. Regeln schienen ihm wichtiger zu sein als der gesunde Menschenverstand oder Gefühle. Ich antwortete nicht mehr, sondern las nur noch mit, wie die Userinnen sich auf den Fremdgänger mit der übergewichtigen Ehefrau stürzten und ihn verbal zerfleischten. Ich fühlte mich an Paul erinnert, der mich über Jahre klein gehalten hatte. Er hatte auch stets über dicke Frauen gelästert und mich nach und nach davon überzeugt, dass ich es gar nicht wert war, geliebt zu werden. Auch er war von sich selbst überzeugt gewesen, hatte nie eine andere Meinung als seine eigene akzeptiert.
So ging es weiter und keine der Frauen ließ ein gutes Haar an ihm. Wir waren ja alle von verheirateten Männern verletzt worden, die mit uns ihre Frauen betrogen. Und jetzt suchte ausgerechnet so ein Mann hier Rat? Er biss in seinen Antworten aggressiv um sich. Irgendwie verstand ich ihn. Paul war auch regelmäßig bösartig geworden, wenn er von irgendjemandem kritisiert wurde. Ich hatte das allerdings nie gewagt, zu groß war meine Angst vor seiner Gehässigkeit gewesen und noch größer davor, dass er aufhören könnte, mich zu lieben. W. wurde ja im Forum nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst, sondern von den Frauen heftig attackiert. Kopfschüttelnd klappte ich meinen Laptop zu. Ich hatte genug gelesen und dadurch war wieder einmal Paul in meine Gedanken gerutscht. Ich vermisste ihn und hatte nicht das Gefühl, dass das jemals vergehen würde, auch wenn meine Freundin Louisa behauptete, dass ich nur Zeit brauchte oder einen neuen Mann.
„Himmel, Isa, du bist eine starke, attraktive Frau“, hatte sie behauptet, als ich ihr heulend erzählte, dass Paul mir den Laufpass gegeben hatte und zu seiner Frau zurückgekehrt war. Wie konnte mich jemand attraktiv finden? Mit Ende fünfzig waren meine langen braunen Locken das einzige, was ich an mir akzeptabel fand. Ich fuhr mit den Fingerspitzen beider Hände über meinen Hals und zog die Haut glatt. Nirgendwo hatte ich so viele Falten wie an dieser Stelle. „An den Händen und am Hals erkennt man das Alter einer Frau am besten“, hatte Paul hin und wieder in seiner unnachahmlich charmanten Art gesagt.
Es wäre wirklich sinnvoll, mehr Sport zu treiben. Bewegung war in den letzten Monaten viel zu kurz gekommen und so hatte ich zugenommen. Lediglich meine Füße und Fesseln waren einigermaßen schlank. Ich hasste meine Wampe noch mehr, als meine zu großen Brüste und schämte mich dafür. Hatte Paul mich vielleicht wegen meiner überflüssigen Pfunde verlassen? Seine ständige Betonung, er würde eigentlich nur schlanke Frauen mögen, sprach dafür. Aber trotz meiner Kleidergröße 42 waren wir viele Jahre lang ein Paar gewesen. Unsere Beziehung war an dem Sonnabend, als ich ihn das letzte Mal in einem Park getroffen hatte, von einem Tag auf den anderen vorbei gewesen. „Isa, es geht nicht mehr weiter mit uns. Ich muss mich um meine Frau kümmern. Ich kann nicht mehr so weitermachen, sie hält es nicht länger aus. Sie war so viele Jahre geduldig. Ich schulde ihr was.“ Ja, und dabei war ihm die Liebe egal, die er mir all die Jahre geschworen hatte. Ich versuchte vergeblich, die Gedanken an ihn abzuschütteln. „Er ist deine Tränen nicht wert“, sagte Louisa immer wieder. Leichter gesagt als getan. „Quatsch, du siehst üppig aus, geradezu sinnlich“, behauptete sie, „zieh dich beim nächsten Mann bei Kerzenlicht aus, das steht jeder Frau gut.“ Sie überzeugte mich nicht. Vielleicht sollte ich versuchen, ein paar Kilo abzunehmen. Paul würde mir das allerdings nicht zurückbringen. Ich zog meinen Pyjama an, seufzte und ging ins Bett. Morgen konnte ich ja mal wieder über eine Diät nachdenken. Eventuell auch erst übermorgen oder nächste Woche. Weightwatchers und Riesentöpfe voll Kohlsuppe folgten mir in meine Träume.
Schon seit einigen Wochen ließ ich mich vom Austausch mit den Frauen im Geigerforum aufbauen.
So und ähnlich klangen die Antworten, die ich von meinen Leidensgenossinnen bekam. Naja, eigentlich hatte Paul sich von mir getrennt, das hatte ich wohl vergessen zu erwähnen. Die Idee, freiwillig gegangen zu sein, erschien mir im Übrigen wesentlich ansprechender. Ich stöberte durch den Explorer und fand in einem Dateiordner ein altes Chatprotokoll, das ich damals „Paul – Wie es begann“ genannt hatte. Nach kurzem Zögern öffnete ich die alte Datei.
, las ich und blinzelte die Tränen fort, die sich in meinen Augen sammeln wollten. Im Yahoo-Chat konnte man damals seinem Namen ein Foto hinzufügen. Das hatte ich getan, und so sah Paul Bocuse vor meinem Namen ein Porträtfoto von mir. Ich kannte ihn nicht, aber die Anrede gefiel mir.
Ich musste wider Willen lachen. Die Situation stand mir noch genau vor Augen. Der kleine Flirt hatte mir Spaß gemacht.
Wenn ich damals geahnt hätte, wie abhängig ich eines Tages von Paul werden würde und wie sehr er mein ganzes Leben auf den Kopf stellen würde, hätte ich wohl die Flucht ergriffen.




