Selke | Schamland | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

Selke Schamland

Die Armut mitten unter uns
13001. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8437-0539-4
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Armut mitten unter uns

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

ISBN: 978-3-8437-0539-4
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In einer einzigartigen Mischung aus Sozialreportage und messerscharfer Gesellschaftsanalyse nimmt Stefan Selke uns mit in die unbekannte Welt der Armen. Er zeichnet das Leben jener Menschen, die einst in der Mitte der Gesellschaft lebten und sich verzweifelt bemühen, ein Stück Normalität zu bewahren.

Stefan Selke landete nach einem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik bei der Soziologie und ist als Professor für »Gesellschaftlichen Wandel« an der Hochschule Furtwangen am Puls der Zeit. Der disziplinäre Grenzgänger und öffentliche Soziologe ist als Redner, Blogger sowie Gesprächspartner der Medien auch außerhalb der Wissenschaft präsent. Seinen persönlichen Perspektivwechsel erlebt Selke immer wieder beim Segelfliegen, gerne auch im Rückenflug. 2021 wurde Selke mit dem Wolfgang-Heilmann-Preis der Integrata-Stiftung zum Thema »Visionen für eine bessere Welt: Humane Utopien als Gestaltungrahmen für die nach-Corona-Gesellschaft« ausgezeichnet.   Er bloggt unter http://stefan-selke.tumblr.com, vernetzt sich unter www.facebook.com/selkestefan und sammelt seine Forschung auf www.stefan-selke.de.
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Autoren/Hrsg.


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I
Armut mitten unter uns

Die neue soziale Frage

In der Doku-Fiktion Aufstand der Jungen wird mit »anschaulich inszenierter Trostlosigkeit« gezeigt, wie ein reiches Land aussehen könnte, in dem das Solidaritätsprinzip endgültig zu den Akten gelegt wurde.1 Der Film porträtiert eine Gesellschaft, deren Regelsystem brüchig geworden ist und in der Menschen für weniger als 2,50 Euro pro Stunde arbeiten. Obwohl immer mehr Bürger unter die Armutsgrenze rutschen und um ihr Überleben kämpfen, schreitet der Staat nicht ein. Erste Stadtteile gelten als rechtsfreie Zonen, in denen diejenigen abtauchen, die sich »dem Würgegriff der Behörden und Gläubiger« entziehen müssen. Mitten in Berlin existiert ein derartiger Stadtteil, von allen nur »Höllenberg« genannt. Niemand dort zahlt Steuern. Die Polizei unternimmt nichts gegen Verbrechen. In dieser Gesellschaft akzeptieren die meisten, denen es noch besser geht, die durch Armut und Ausgrenzung gekennzeichnete Parallelwelt. Die Menschen in »Höllenberg« misstrauen dem »Establishment« und glauben nicht mehr an ihre Bürgerrechte. Stattdessen gründen sie Selbsthilfevereine und Nachbarschaftshilfen. Gleichzeitig gibt es dort öffentliche Armenküchen. Auf einem der Transporter, die Lebensmittel nach Höllenberg bringen, steht das Wort »Tafel« – in Farbe und Schriftart erinnert es deutlich an den Bundesverband Deutsche Tafel e. V. Als in Höllenberg Krawalle losbrechen, spricht man von den schwersten sozialen Unruhen seit dem Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Der Nachrichtensprecher kommentiert: »Deutschland zahlt nun den Preis für die verschleppten Sozialreformen.«

Es ist ein düsteres Bild, das in diesem Film von der Zukunft gezeichnet wird. Aber es enthält Elemente, die wir schon jetzt wahrnehmen können, wenn wir mit offenen Augen auf unsere Gesellschaft blicken. Die Tafeln sind eines dieser Elemente.

In diesem Buch wird vor allem die Frage beantwortet, wie es sich anfühlt, inmitten von Reichtum arm zu sein. Armut im Reichtum ist ein Skandal. Damit ist auch eine Anklage verbunden. Durch rechtzeitige Reformen hätte das Problem entschärft werden können. Da dies aber nicht passiert ist, nähern wir uns der im Film gezeigten Negativfiktion Stück für Stück an. Denn Deutschland hat sich verändert. Es wird zu einem Schamland.

Für die meisten meiner Gesprächspartner, die ich im Verlauf meiner Recherchen zwischen 2009 und 2012 getroffen habe, war nicht die eigene Armut der Skandal, sondern die Tatsache, inmitten von so viel (sichtbarem und unsichtbarem) Reichtum arm zu sein. Dieses Gefälle führte zu Reaktionen, die sich nicht auf Sozialneid reduzieren lassen, sondern vielmehr das Ausmaß der allgegenwärtigen Beschämung und Verachtung verdeutlichen. Wenn zum Beispiel ein ehemaliger Handwerker, der von seiner geringen Erwerbsunfähigkeitsrente lebt, protestiert: »Die Reichen, die kriegen den Hals nicht voll. Die kriegen immer mehr. Während wir mit dem Minimum auskommen müssen.«2 Mir geht es hierbei nicht darum, wie objektiv solche Aussagen sind, sondern um die Frage, warum immer mehr Menschen in diesem Land das Gefühl haben, nicht mehr Teil der Gesellschaft zu sein.

Weder Deutschland noch Österreich oder die Schweiz sind arme Länder. Und doch gibt es in diesen drei Ländern Tafeln, die Lebensmittel an bedürftige Menschen verteilen – im Grunde vormoderne Almosensysteme, die allein durch ihre Existenz ein lange verschwiegenes Armutsproblem sichtbar machen. Die neue Marktförmigkeit der Hilfsbereitschaft in Form privater Mildtätigkeit lässt sich gegenwärtig idealtypisch an den Tafeln in Deutschland beobachten.3 Daher wird in diesem Buch immer wieder prominent Bezug auf diesen Prototyp des Almosenwesens genommen, auch wenn gelegentlich andere Formen der Armutsökonomie zur Sprache kommen. In der Tafelarbeit spiegeln sich Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft wider: Konkurrenzdruck und Stress, Fokussierung auf Leistungsfähigkeit und die Fixierung auf einen Warenfetisch, auf den alle Ängste projiziert werden. Tafeln sind ein verkleinertes Modell der Gesellschaft und zugleich Erzeugnisse und Zeugnisse der Transformation des Sozialen.

Dem Land geht es gut, aber vielen Menschen geht es schlecht. Deutschland gilt in international vergleichender Perspektive als Wohlstandsgigant. Kennzahlen wie das klassische ›Bruttoinlandsprodukt pro Kopf‹ (BIP) eignen sich hervorragend dazu, Ranglisten zu erstellen, auch wenn sie langsam in Verruf kommen, weil sie nicht wirklich dazu geeignet sind, Lebensqualität und Wohlstand angemessen zu beschreiben.4 Der Internationale Währungsfonds listet Deutschland unter rund 180 Ländern auf Platz 20, gleich nach Japan und Frankreich.5 Zum Vergleich: Die Schweiz landet auf Platz 4, Österreich auf Platz 11 und die USA auf Platz 14. Kein Platz auf dem Siegertreppchen für Deutschland, aber eine gute Ausgangsposition. Dem Land geht es also trotz Krise vergleichsweise gut.

Und trotzdem sind viele Menschen arm. So arm, dass wir gerade einen schleichenden, aber radikalen Umbau unserer Gesellschaft erleben. In den letzten 25 Jahren haben sich die Wahrscheinlichkeiten zu verarmen in den verschiedenen Einkommensschichten unterschiedlich entwickelt. In den unteren Einkommensschichten stieg die Verarmungsquote von 10 auf 15 Prozent, in den mittleren und oberen Einkommensschichten ist sie hingegen gleichmäßig niedrig geblieben.6 Aber Armutsdefinitionen, Statistiken zu Armutsrisiken und Armutsquoten geben nur bedingt Auskunft über Armut. Denn Armut und Reichtum sind nicht nur Fakten, die auf Zahlen basieren. Als Lebensgefühl und Existenzform sind sie nur unzureichend abbildbar. Das eigene Leben ist kein Zahlenspiel. Menschen verbringen ihren Alltag nicht damit, sich wie Nationalstaaten in Ranglisten einzuordnen. Armut und Reichtum sind ebenso emotionale Zustände, die auf subjektiven Wahrnehmungen basieren. Thema dieses Buches sind daher gerade diese subjektiven Komponenten von Armut. »Armut kann nicht auf eine Einkommensstatistik begrenzt werden«, bestätigt der Armutsforscher Christoph Butterwegge.7 Sie wird daher in diesem Buch konsequent an der Selbstwahrnehmung betroffener Mitbürger festgemacht. Das Bild, das hierbei entsteht, zeigt, dass Armut mitten im Reichtum nicht ausschließlich tabellarisch zu erfassen ist. So kam einer meiner Gesprächspartner zu folgender persönlicher Diagnose: »Ich befinde mich am untersten Zipfel der gesamten Gesellschaft. Ich habe gearbeitet, habe Steuern bezahlt und bin auch in der Kirche geblieben, als ich arbeitslos wurde und weniger Geld hatte. Aber der Staat hat mich verlassen. Ich bin ein Ausgestoßener! Und es geht immer weiter. Ich sinke immer tiefer.« Vertrauensverlust, Verlassensängste und Selbstabwertung. Das sind subjektive Lebensgefühle, keine statistischen Parameter. Gleichwohl sind sie für das eigene Leben der Betroffenen sehr real. Wie subjektiv Armutslebenslagen sein können, zeigt auch dieser Ausschnitt aus einem Gespräch mit einem jungen arbeitslosen Familienvater, der versucht, gegen den sozialen Abstieg und die Resignation anzukämpfen: »Ich muss ständig an meinen Empfindungen arbeiten. Wie kann ich vernünftig haushalten? Wie kann ich einen vernünftigen Eindruck machen? Das Problem ist auch im Kopf, nicht nur im Portemonnaie. Das ist auch eine Einstellungssache, eine innere Sache. Die Frage, wie schlecht es einem geht.« Es sind solche Perspektiven, die in diesem Buch ausgebreitet, analysiert und als Aufforderung begriffen werden, Dinge zu verändern.

Aussagen über den Anteil der Gesamtbevölkerung, der als arm oder armutsgefährdet gilt, basieren auf ›offiziellen‹ Grenzziehungen, die hauptsächlich von Statistikern gezogen und bewacht werden. Nur wenige meiner Gesprächspartner würden sich selbst als »absolut arm« begreifen.8 Dennoch gibt es Menschen, die aus verschiedensten Gründen hungern. Man kann die Ernährungsarmut im Soziologendeutsch als »sozial-existentielles Teilhabeproblem«9 bezeichnen, bei meinen Gesprächspartnern klingt das so: »Es gibt Leute, die richtig Hunger haben. Ich war überrascht, wie viele es gibt. Mich eingeschlossen.« Mütter sorgen sich. Nicht um den eigenen Hunger, aber um den ihrer Kinder: »Wenn der eigene Pott leer ist, das ist zweitrangig. Aber die Kinder müssen irgendwie durchs Leben kommen.« Hunger ist hier mehr als nur eine Metapher für die verlorene gesellschaftliche Anschlussfähigkeit, sondern unter der Bedingung von Hartz IV immer öfter auch ganz konkret gemeint.

Aber auch »relative« Armutsgrenzen sagen nur bedingt etwas darüber aus, wie sich das echte Leben anfühlt. Die subjektive Lebenswirklichkeit und die individuellen Überlebensstrategien lassen sich mit derartigen Berechnungen nur schlecht erfassen. Armutsgrenzen sind berechenbar. Das Leben mit Armut nicht. Was heißt schon ›relativ arm‹? Keiner meiner Gesprächspartner käme von sich aus auf die Idee, sich so einzuordnen. Zumal sich die relative Armutsgrenze am »bedarfsgewichteten Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen« festmacht und diese Formulierung nur Fachleuten unmittelbar einleuchtet, während sie für die meisten Normalbürger einen Zungenbrecher darstellt.10 Das »gespaltene Ganze« der Gesellschaft11 lässt sich nicht an exakten Grenzziehungen festmachen, auch wenn Armutsgrenzen rechnerisch ausgewiesen werden können. Auch die Anwendung konkurrierender Berechnungs- und...


Selke, Stefan
Stefan Selke landete nach einem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik bei der Soziologie und ist als Professor für 'Gesellschaftlichen Wandel' an der Hochschule Furtwangen am Puls der Zeit. Der disziplinäre Grenzgänger und öffentliche Soziologe ist als Redner, Blogger sowie Gesprächspartner der Medien auch außerhalb der Wissenschaft präsent. Seinen persönlichen Perspektivwechsel erlebt Selke immer wieder beim Segelfliegen, gerne auch im Rückenflug.2021 wurde Selke mit dem Wolfgang-Heilmann-Preis der Integrata-Stiftung zum Thema 'Visionen für eine bessere Welt: Humane Utopien als Gestaltungrahmen für die nach-Corona-Gesellschaft' ausgezeichnet.  Er bloggt unter http://stefan-selke.tumblr.com, vernetzt sich unter www.facebook.com/selkestefan und sammelt seine Forschung auf www.stefan-selke.de.

Stefan Selke, *1967, ist Professor an der Hochschule Furtwangen mit dem Lehrgebiet "Gesellschaftlicher Wandel". Im Rahmen seiner Feldforschungen beschäftigt er sich seit 2006 mit der modernen Armenspeisung in Suppenküchen und Tafeln. Er ist Mitgründer des „Kritischen Aktionsbündnisses 20 Jahre Tafeln“ (www.aktionsbuendnis20.de) und als Tafelforscher und öffentlicher Soziologe ein begehrter Gesprächspartner in den Medien.



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