Shipstead | Kreiseziehen | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 608 Seiten

Shipstead Kreiseziehen

Roman | Shortlist Women's Prize for Fiction 2022
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-423-44109-4
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | Shortlist Women's Prize for Fiction 2022

E-Book, Deutsch, 608 Seiten

ISBN: 978-3-423-44109-4
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In den Weiten des Himmels gibt es keine Grenzen Marian Graves ist ein Wildfang von Kindesbeinen an. Im heimatlichen Montana sucht sie stets das nächste Abenteuer und scheut keine Gefahr. Besonders angetan hat es ihr das Fliegen - sie träumt davon, über den Wolken zu schweben. Aber um ihr Ziel zu erreichen, muss sie Hindernisse meistern und Opfer bringen. 1950 startet Marian den Versuch, als erste Person die Erde in der Längsachse zu umrunden. Doch in der Antarktis verschwindet sie und lässt nur ein Logbuch zurück. 2014 verkörpert die skandalerschütterte Hollywoodschauspielerin Hadley Baxter die Rolle der zum Mythos gewordenen Marian Graves und begibt sich auf die ganz eigene Spurensuche dieser ungewöhnlichen Frau. »Ein mitreißender Pageturner, der mühelos einmal um die Welt und durch das 20. Jahrhundert fliegt.« Thomas Hummitzsch, Der Freitag »[...] So ist >Kreiseziehen< ein toller und facettenreicher Roman, nicht nur, aber vor allem über zwei Frauen, die sich mit den für sie vorgesehenen Rollen nicht begnügen.« Bettina Baltschev, Deutschlandfunk

Maggie Shipstead wurde 1983 in Kalifornien geboren und studierte Amerikanische Literatur in Harvard. Anschließend besuchte sie den berühmten Iowa Writers' Workshop, wo Zadie Smith sie unterrichtete. Für ihr Debüt >Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit< erhielt sie den Dylan Thomas Prize. >Kreiseziehen< ist ihr dritter Roman, stand auf der Shortlist für den Booker Prize 2021 und für den Women's Prize for Fiction 2022.
Shipstead Kreiseziehen jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material




Ich wusste nur deshalb von Marian Graves, weil eine der Freundinnen meines Onkels mich als Kind gern in der Bücherei deponierte und ich mir einmal wahllos ein Buch schnappte, das oder so ähnlich hieß. Meine Eltern waren losgeflogen und nie zurückgekommen, und wie sich herausstellte, hatte ein beträchtlicher Anteil der tapferen Damen das gleiche Schicksal erlitten. Das weckte mein Interesse. Ich wollte wohl von jemandem hören, dass ein Flugzeugabsturz gar kein so übler Tod ist – obwohl ich sicher gedacht hätte, dass derjenige Mist labert. Im Kapitel über Marian stand, dass sie von ihrem Onkel aufgezogen wurde, worauf ich eine Gänsehaut bekam, denn wurde (gewissermaßen) auch von Onkel aufgezogen.

Eine nette Bibliothekarin grub Marians Buch für mich aus – etc, und ich studierte es wie ein Astrologe eine Sternenkarte, weil ich hoffte, dass Marians Leben irgendwie mein eigenes erklären und mir sagen würde, was ich tun und wie ich sein sollte. Das meiste ging über meinen Verstand, hinterließ in mir aber den vagen Wunsch, meine Einsamkeit in ein Abenteuer zu verwandeln. Auf die erste Seite meines Tagebuches schrieb ich in Druckbuchstaben: »Ich war zum Wandern geboren.« Danach schrieb ich nichts mehr, denn wie soll man das umsetzen, wenn man zehn Jahre alt ist und seine Zeit im Haus seines Onkels in Van Nuys verbringt oder für Fernsehwerbung vorspricht? Nachdem ich das Buch zurückgegeben hatte, vergaß ich Marian mehr oder weniger. Eigentlich sind fast alle tapferen Damen des Himmels vergessen. In den 80er Jahren gab es gelegentlich ein gruseliges TV-Special über Marian, und eine Handvoll eingefleischter Marian-Enthusiasten spinnt immer noch Theorien im Internet, aber sie ist nicht so präsent wie Amelia Earhart. Die Leute zumindest, etwas über Amelia Earhart zu wissen, selbst wenn sie es nicht tun. Eigentlich ist das auch nicht möglich.

Dass man mich so oft in der Bibliothek ablud, erwies sich als Vorteil, denn während die anderen Kinder in der Schule waren, saß ich bei jedem Casting für kleine weiße Mädchen (oder kleine Mädchen unbestimmter ethnischer Herkunft, was auch weiß bedeutet) im Großraum Los Angeles auf diversen Klappstühlen in diversen Fluren, begleitet von diversen Kindermädchen und den Freundinnen meines Onkels Mitch, zwei Kategorien, die sich bisweilen überschnitten. Ich glaube, die Freundinnen boten manchmal an, auf mich aufzupassen, um mütterlich zu wirken und so als Ehefrau infrage zu kommen, aber das war keine sonderlich gute Strategie, wenn man beim alten Mitch das Feuer am Brennen halten wollte.

Als ich zwei war, stürzte die Cessna meiner Eltern in den Oberen See. Glaubt man zumindest. Man fand nie eine Spur. Mein Dad, Mitchs Bruder, flog die Maschine. Sie waren auf einem romantischen Trip zur Hütte eines Freundes mitten im Nirgendwo, um, wie Mitch es ausdrückte, wieder zueinanderzufinden. Selbst als ich noch klein war, erzählte er mir, meine Mutter habe das Herumficken nicht aufgeben wollen. Seine Wortwahl. Mit Kindheit konnte Mitch allgemein nicht viel anfangen. »Aber sie konnten auch nicht voneinander lassen«, fügte er hinzu. Mit Wortspielen konnte Mitch auf jeden Fall viel anfangen. Er hatte als Regisseur von TV-Schmonzetten wie (da ging es um einen Zollbeamten) und (raten Sie mal) angefangen.

Meine Eltern hatten mich bei einer Nachbarin in Chicago gelassen, laut Testament aber an Mitch vererbt. Es gab sonst niemanden. Keine Tanten oder Onkel, und meine Großeltern waren eine Kombination aus tot, entfremdet, abwesend und unzuverlässig. Mitch war kein übler Kerl, aber im Grunde war er ein Opportunist im Hollywood-Format, und nachdem er mich ein paar Monate hatte, forderte er einen Gefallen ein, um mich in einer Apfelmus-Werbung unterzubringen. Dann suchte er mir eine Agentin, Siobhan. Von da an bekam ich ziemlich regelmäßig Werbespots, Gastauftritte und Rollen in Fernsehfilmen (ich spielte die Tochter in ) und kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht geschauspielert oder es zumindest versucht hätte. Für mich war es das normale Leben: wieder und wieder ein Plastikpony in einen Plastikstall zu stellen, während die Kameras liefen und ein fremder Erwachsener mir sagte, wie ich lächeln sollte.

Als ich elf war und Mitch vom Film der Woche zu Musikvideos wechselte und sich in die Welt der Indie-Filme vorarbeitete, erlebte ich meinen sprichwörtlichen Durchbruch: die Rolle der Katie McGee in einer Zeitreise-Sitcom für Kinder namens .

Am Set war mein Leben blitzsauber und zuckersüß, mit Wortspielen und ordentlichen Handlungssträngen und nach vorn offenen Zimmern unter einem heißen Himmel aus Jupiterlampen. Ich spielte übertrieben, begleitet von brüllenden Lachkonserven, und trug dabei so extravagant modische Outfits, dass ich wie der fleischgewordene Tween-Zeitgeist aussah. Wenn ich gerade nicht arbeitete, machte ich dank meines nachlässigen Onkels so ziemlich, was ich wollte. In ihrem Buch schreibt Marian Graves: Ich war wohl ungestümer und verwöhnter als Marian, empfand aber ganz ähnlich. Die Welt war meine Auster und die Freiheit meine Sauce Mignonette. Wenn dir das Leben Zitronen gibt, schälst du sie und garnierst damit deine Martinis.

Als ich dreizehn war und das -Merchandise sich wie verrückt verkaufte und Mitch bei Regie geführt hatte und sich im Erfolg wälzte, zogen wir auf seine Initiative und mit unser beider Geld nach Beverly Hills. Nachdem ich nicht mehr im Valley festsaß, stellte mich der Typ, der Katie McGees großen Bruder spielte, seinen reichen Highschool-Freunden vor, denen alles egal war, die mich herumfuhren, auf Partys mitnahmen und mir an die Wäsche gingen. Mitch merkte wahrscheinlich gar nicht, wie oft ich weg war, weil er meist selbst unterwegs war. Manchmal begegneten wir uns besoffen um zwei oder drei Uhr morgens und nickten uns zu wie Leute in einem Hotelflur, die an derselben wilden Konferenz teilnehmen.

Das Gute aber war: Die Lehrer am Set von waren anständig und sagten, ich solle aufs College gehen, und da mir das gefiel, schwafelte ich mich nach dem Ende der Serie in die NYU, wobei mir mein Status als B-Fernseh-Promi beträchtlich half. Ich saß startbereit auf meinen Koffern, als Mitch eine Überdosis nahm, sonst wäre ich wohl einfach in L. A. geblieben und hätte mich auch zu Tode gefeiert.

Das Gute oder Schlechte war: Nach einem Semester wurde ich für den ersten -Film gecastet. Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich stattdessen das College abgeschlossen und die Schauspielerei aufgegeben und man mich vergessen hätte, aber es ist ja nicht so, als hätte ich die kolossale Gage für die Rolle der Katerina ablehnen können, was alles andere irrelevant macht.

In meiner kurzen Phase höherer Bildung hatte ich Zeit, Einführungskurse in die Philosophie zu belegen und etwas über das Panoptikum zu lernen, das hypothetische Gefängnis, das Jeremy Bentham erdacht hatte und in dem es ein einziges winziges Wachhaus in der Mitte eines riesigen Rings von Zellen gab. Man brauchte nur einen Wärter, der einen jederzeit beobachten , und die Vorstellung, beobachtet zu werden, ist weit wichtiger als die tatsächliche Beobachtung. Dann verwandelte Foucault das Ganze in eine Metapher darüber, dass man eine Person oder Bevölkerung disziplinieren und beherrschen kann, indem man lediglich den Eindruck erweckt, sie beobachtet werden. Der Professor wollte offensichtlich, dass wir das Panoptikum beängstigend und schrecklich fanden, aber später, nachdem mich viel zu berühmt gemacht hatte, wäre ich nur allzu gern mit Katie McGees absurder Zeitmaschine in den Hörsaal zurückgekehrt, um ihn zu bitten, das Gegenteil in Betracht zu ziehen. Denn nicht ein Wärter, sondern man selbst steht in der Mitte, und Tausende, vielleicht Millionen von Wärtern beobachten einen – oder könnten es tun –, und zwar immer und überall.

Nicht, dass ich den Mut gehabt hätte, einen Professor irgendwas zu fragen. An der NYU starrten mich alle an, weil ich Katie McGee gewesen war, aber mir kam es vor, als starrten sie mich an, weil sie wussten, dass ich es nicht verdient hatte, dort zu sein. Und vielleicht stimmte das sogar, aber man kann Fairness nicht im Labor messen. Man kann nicht wissen, ob man etwas . Wahrscheinlich tut man es nicht. Deshalb war ich auch erleichtert, als ich die Uni wegen verließ, wieder eine Million Verpflichtungen hatte, die ich mir nicht aussuchen konnte, und einen Tagesablauf, den ich nicht selbst bestimmte. An der Uni hatte ich das wörterbuchdicke Vorlesungsverzeichnis durchgeblättert und war völlig verwirrt gewesen. Ich hatte mich durch die Cafeteria treiben lassen und mir all die verschiedenen Speisen angesehen, die Salatbars und die Berge von Bagels und die Müslibehälter und den Softeisautomaten, und war mir vorgekommen, als sollte ich ein monumentales Rätsel lösen, bei dem es um Leben und Tod ging.

Nachdem ich alles ruiniert hatte und Sir Hugo Woolsey ( Sir Hugo, der...


Spatz, Sylvia
Sylvia Spatz arbeitet als freie Lektorin und Übersetzerin aus dem Englischen, Italienischen und Französischen. Sie lebt mit ihrer Familie in Italien.

Goga-Klinkenberg, Susanne
Susanne Goga-Klinkenberg lebt als Übersetzerin und Autorin in Mönchengladbach und ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. Sie studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf und ist seit 1995 freiberuflich für verschiedene renommierte Verlage tätig. Für dtv hat sie unter anderem Chris Cleave, Wendy Walker und Jessica Barry übersetzt.

Fricke, Harriet
Harriet Fricke lebt in Hamburg und übersetzt Sachbücher und Romane aus dem Englischen.

Shipstead, Maggie
Maggie Shipstead wurde 1983 in Kalifornien geboren und studierte Amerikanische Literatur in Harvard. Anschließend besuchte sie den berühmten Iowa Writers’ Workshop, wo Zadie Smith sie unterrichtete. Für ihr Debüt ›Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit‹ erhielt sie den Dylan Thomas Prize. ›Kreiseziehen‹ ist ihr dritter Roman, stand auf der Shortlist für den Booker Prize 2021 und für den Women’s Prize for Fiction 2022.

Maggie Shipstead wurde 1983 in Kalifornien geboren und studierte Amerikanische Literatur in Harvard. Anschließend besuchte sie den berühmten Iowa Writers' Workshop, wo Zadie Smith sie unterrichtete. Für ihr Debüt ›Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit‹ erhielt sie den Dylan Thomas Prize. ›Kreiseziehen‹ ist ihr dritter Roman, stand auf der Shortlist für den Booker Prize 2021 und für den Women's Prize for Fiction 2022.

Maggie Shipstead wurde 1983 in Kalifornien geboren und studierte Amerikanische Literatur in Harvard. Anschließend besuchte sie den berühmten Iowa Writers' Workshop, wo Zadie Smith sie unterrichtete. Für ihr Debüt ›Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit‹ erhielt sie den Dylan Thomas Prize. ›Kreiseziehen‹ ist ihr dritter Roman, stand auf der Shortlist für den Booker Prize 2021 und für den Women's Prize for Fiction 2022.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.