Siegmund | Cassandra - Niemand wird dir glauben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 464 Seiten

Reihe: Die Pandora-Reihe

Siegmund Cassandra - Niemand wird dir glauben


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-21362-6
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 464 Seiten

Reihe: Die Pandora-Reihe

ISBN: 978-3-641-21362-6
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was tust du, wenn du alles verlierst?

Nachdem Liz und Sophie dem Sandmann entkommen sind, arbeitet Liz als Blog-Jounalistin bei Pandoras Wächter. Nach einem kritischen Artikel über die Abschaffung des Bargelds wird sie verhaftet – sie soll den Chef der NeuroLink AG getötet haben. Alle Beweise sprechen gegen sie – aber ist sie wirklich eine Mörderin? Als Liz verurteilt und aus Berlin verbannt wird, bleibt ihre Schwester Sophie in der Stadt zurück. Nun ist es an ihr, die Wahrheit herauszufinden, doch bald ist auch Sophie in Berlin nicht mehr sicher.
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LIZ

Ich legte den Kopf auf meine Schreibtischplatte und atmete tief durch. Schon wieder einer dieser verrückten Tage in Berlin, von denen es in letzter Zeit mehr und mehr gab. Seitdem meine Schwester Sophie und ich in den Skandal um die Firma NeuroLink verwickelt gewesen waren, gab es in meinem Leben eigentlich keine normalen Tage mehr. Und so langsam ging mir das gewaltig auf die Nerven.

Nicht nur, dass die Politik verrücktspielte. Erst hatte man die Großstädte des vom Terrorismus gebeutelten Europas eingezäunt, Sicherheitsschleusen und Kontrollpunkte eingerichtet, anschließend war das Bargeld abgeschafft worden. Und kurz darauf hatten sie die Strafrechtsreform in Deutschland beschlossen, die in wenigen Tagen in Kraft treten würde. Eine Eilklage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte war heute gescheitert, nun war es unausweichlich.

Verbrecher wurden nicht mehr durchgefüttert, sondern einfach vor die Tür gesetzt – oder besser: vor die Stadt. Die Konten der Betreffenden wurden gelöscht und man konnte sehen, wo man blieb. Das würde Geld in die klammen Kassen spülen und man musste sich weder personell noch finanziell mit dem Abschaum der Gesellschaft beschäftigen. Alles in allem eine saubere Lösung, fanden viele.

Ich war natürlich, wie immer, dagegen und wollte heute als Erstes einen wütenden Artikel über die Reform für unseren Blog schreiben, doch ich konnte mich einfach nicht dazu aufraffen. Obwohl ich die Reform schrecklich und unmoralisch fand, kreisten meine Gedanken um etwas völlig anderes.

Vor mir auf dem Tisch stand mein Laptop. Wie jeden Morgen hatte ich mich bei meiner Ankunft in der Redaktion in unsere Redaktionscloud eingeloggt und meine Mails abgerufen. Es waren viele an diesem Mittwochmorgen, die meisten drehten sich um die Strafrechtsreform, obwohl natürlich die obligatorischen Morddrohungen und Liebesbriefe irgendwelcher Querköpfe auch nicht fehlen durften. Ich hätte nie für möglich gehalten, wie viele Typen sich die Mühe machten, einer anonymen Reporterin zu schreiben. Aber scheinbar war mein Deckname Anreiz für die wildesten Fantasien. Manchmal schickten die Männer sogar Fotos ihrer intimsten Teile. Alleine beim Gedanken daran rollten sich mir die Zehennägel hoch. Die meisten der Mails löschte ich, ohne sie genauer durchzulesen.

Doch eine Nachricht war mir an diesem Tag sofort ins Auge gesprungen und hatte mein Gehirn beinahe lahmgelegt. Denn der Absender war niemand Geringeres als Harald Winter, Vorstandsvorsitzender und Altvorderer von NeuroLink höchstpersönlich. Der alte Mann im silbernen Turm, der in unserer Redaktion nur ›Sauron‹ genannt wurde. Einer der reichsten und wichtigsten Menschen der Stadt und mein weißbärtiges fleischgewordenes Feindbild. Tag für Tag setzte ich mich für Datenschutz und Bürgerrechte ein – beides Dinge, die Winter mit Füßen trat und dafür sehr viel Geld kassierte. Es gab wohl kaum einen Konzern, der das Leben der Menschen so dramatisch verändert hatte wie NeuroLink. Und es gab wohl niemanden, der so verbissen gegen diese Firma anschrieb wie Pandoras Wächter und allen voran ich selbst.

Wir kämpften an zwei verschiedenen, völlig verhärteten Fronten und ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Winter mir einmal persönlich schreiben würde. Und der Grund seiner Mail erst! Der Technikmogul bot mir ein Exklusivinterview über die Arbeit von NeuroLink und sein Lebenswerk an. Winter schrieb, dass es ein ganz bewusster Schritt sei, das Interview mir und niemand anderem anzubieten, da er auch für ›eine gewisse Kompensation‹ dessen sorgen wolle, was ›mir und meiner Familie widerfahren‹ sei. Er schlug für das Interview die große Jubiläumsfeier der Firma am Samstag vor und zwischen den Zeilen war deutlich herauszulesen, dass dieser Termin meine einzige Chance war. Er wollte das Interview auf seinem Hoheitsgebiet geben, in einem Moment, in dem das Unternehmen auf Hochglanz poliert sein würde. Ausgerechnet! Alleine deswegen fühlte ich einen heftigen Widerwillen gegen die ganze Sache. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, ausgenutzt zu werden, als größter Triumph vorgeführt – das bockige Kind, das am Ende doch noch Einsicht zeigt.

Im Anhang der Nachricht fand ich eine Einladungskarte mit QR-Code. Der Code führte auf eine Seite, auf der ich meinen Daumenabdruck für den Zugang zur Party hochladen konnte – der Upload würde als Zusage gewertet, schrieb Winter. Beinahe hätte ich aufgelacht. Diese Einladung war so typisch NeuroLink, dass es beinahe wie eine Parodie wirkte. Und Ausdruck all dessen, was ich an dieser Firma so hasste. Augenblicklich überfiel mich ein gewaltiger Kopfschmerz.

Es klopfte und im nächsten Moment flog die Tür zu meinem Büro auf.

»Himmel, wie oft habe ich dir gesagt, dass Anklopfen nur etwas bringt, wenn man anschließend auch wartet, bis man hereingebeten wird!«, schimpfte ich.

»Tschuldigung, Lizzie«, sagte Marek und schenkte mir sein vertrautes schiefes Grinsen.

Wie jeden Morgen versetzte mir auch heute sein Anblick wieder einen Stich. Unser Chefredakteur stand in meinem Büro und sah mit seinen türkisblauen Augen, dem unschuldigen Blick und den strubbeligen blonden Locken wie immer aus, als sei er kurz davor, sich auf ein Surfbrett zu schwingen. Die coole Unbekümmertheit, die ich am Anfang so anziehend gefunden hatte, machte mich mittlerweile beinahe nur noch wütend. Warum nur hatte er immer so unerschütterlich gute Laune? Es gab dafür nicht den geringsten Grund, denn eigentlich ging alles den Bach runter. Natürlich wusste ich, dass er überhaupt nichts dafürkonnte. Ich war es, die sich verändert hatte – mein Leben war düsterer und komplizierter geworden. Genau wie mein Gemüt.

Seit dem Tod meiner Eltern vor drei Monaten hielt ich Marek auf Abstand. Streng genommen waren wir nie offiziell zusammen gewesen, also musste ich auch nicht Schluss machen, aber jeder hatte uns als Paar begriffen. Marek inklusive. Ich wusste, dass er verrückt nach mir war und ich mich ihm gegenüber schrecklich verhielt. Und ich … ich hatte nicht die Kraft, mich anständig von ihm zu trennen, und ließ ihn warten. Natürlich wusste ich, dass das nicht fair war. Aber mich interessierte momentan nur, dass die Arbeit der einzige Weg war, dem Schmerz davonzulaufen.

Da mir klar war, dass all das nicht Mareks Schuld war, rang ich mir ein Lächeln ab. »Ist schon gut«, sagte ich. »Jetzt bist du ja drin. Was gibt’s denn?«

Marek schloss die Tür und setzte sich auf die Lehne meines Besucherstuhls. Das machte er immer so. Er setzte sich nie auf die Sitzfläche.

»Verfluchter Mist mit der Strafrechtsreform!«, sagte er. »Das hätte niemals durchgehen dürfen.«

»Hmmm …« Ich nickte und Marek runzelte die Stirn.

»Was ist denn mit dir los? Die letzten Wochen hast du über nichts anderes gesprochen. Du musst doch rasend vor Wut sein!«

»Bin ich auch«, sagte ich, doch selbst in meinen Ohren klang das ziemlich lahm. Marek horchte auf.

»Ist etwas passiert?«, fragte er und gab sich alle Mühe, nicht alarmiert zu klingen.

Anstelle einer Antwort drehte ich meinen Laptop so, dass er die E-Mail von Harald Winter lesen konnte. Er pfiff durch die Zähne. »Donnerwetter. Wo kommt denn das jetzt auf einmal her?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Vielleicht packt ihn auf die alten Tage doch noch sein Gewissen?«

Marek kratzte sich am Kinn. »Vielleicht. Liz, das könnte eine verdammt fette Story werden. Am Ende rückt er noch mit irgendwas raus!«

Das war tatsächlich kein abwegiger Gedanke. »Ja, ich habe gehört, dieser Claudius sägt kräftig an seinem Stuhl. Vielleicht will er mir etwas über seinen Technikchef erzählen. Wenn schmutzige Details auf unserer Webseite verbreitet werden, dann hat er genau das richtige Zielpublikum erreicht. Es ist immerhin schon recht merkwürdig, dass Winter mich um ein Interview bittet, nachdem ich NeuroLink seit knapp zwei Jahren für jede Stellungnahme wochenlang hinterherrennen muss.«

Es klopfte erneut und Sash stand in der Tür. Er sah wahnsinnig schlecht aus. Dunkle Ringe unter den Augen verrieten, dass er seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen hatte, seine Haut war noch blasser als sonst und seine eigentlich enge Jeans hing an seinem Körper wie ein übergroßer blauer Müllsack. Es sah aus, als hätte er keinen Hintern mehr. Gegen das, was Sash und Sophie während ihrer Trennung durchgemacht hatten, war das mit Marek und mir der reinste Spaziergang. Sie hatten einander nicht geschont, während ich mich so gut es ging aus der Sache rausgehalten hatte. Sash war immer noch mein Freund und Arbeitskollege. Nur war er mittlerweile eben auch der Exfreund meiner Schwester. Die Zwillinge Karweiler / Kirsch hatten momentan kein Glück in der Liebe.

»Hey. Was ist denn hier los?«, fragte Sash und Marek grinste seinen besten Freund an.

»Rate mal.«

»Was denn?«, Sash zog eine Augenbraue nach oben.

»Harald Winter gibt Liz ein exklusives Interview.«

»Ist nicht dein Ernst!«, rief Sash aus und das erste Mal seit Wochen sah ich das vertraute aufgeregte Funkeln in seinen Augen.

»Moment, Moment«, schaltete ich mich ein und die Jungs sahen mich leicht verwirrt und erwartungsvoll an.

»Ich weiß doch noch gar nicht, ob ich zusagen werde«, sagte ich.

»Machst du Witze?« Marek sprang von der Stuhllehne auf und brachte damit das Möbelstück ins Wanken.

»Das kannst du nicht machen, Liz«, pflichtete Sash ihm bei. »Was auch immer dahintersteckt, es könnte eine Riesenchance sein. So eine kommt nicht...


Siegmund, Eva
Eva Siegmund, geboren 1983 im Taunus, stellte ihr schriftstellerisches Talent bereits in der 6. Klasse bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb unter Beweis. Nach dem Abitur entschied sie sich zunächst für eine Ausbildung zur Kirchenmalerin und studierte dann Jura an der FU Berlin. Nachdem sie im Lektorat eines Berliner Hörverlags gearbeitet hat, lebt sie heute als Autorin an immer anderen Orten, um Stoff für ihre Geschichten zu sammeln.



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