E-Book, Deutsch, 444 Seiten
Singer Wo?
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-99064-773-8
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 444 Seiten
ISBN: 978-3-99064-773-8
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es liegt schon vieles hinter Peter Marxon, Schulleiter in einer Kleinstadt in der Schweiz, seiner Freundin Judith und deren Tochter Sarah. Begonnen hatte alles in Zürich in Peters Lieblingsbar und mit einem tödlichen Auftrag, der sie bis nach Südafrika führt. Eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält und ihnen auf den Fersen bleibt. Mit einem Netzwerk an Helfern. Eine Auftragsmörderin, die sich leichten Fußes durch die High Society bewegt. Peter und Judith hoffen, in einem kleinen Nest an der Atlantikküste in Frankreich Ruhe zu finden und diese heillose Geschichte endlich hinter sich lassen zu können. Aber auch die Frau kennt Frankreich. Vor allem Saint-Tropez, wo sie jene Rolle spielt, die sie am liebsten mag: die Frau, die alles im Griff hat und von allen bewundert wird ...
Autoren/Hrsg.
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MAPUNGUBWE, April 2014
Welcome, Sir!
1
Sie reagierte nicht auf seine staubige Kleidung. Nicht auf seine aufgerissenen Handballen. Die blutverschmierten Finger. Oder schien nicht darauf zu reagieren. Es war ihm egal. Er war hier, und das war das Einzige, das eine Bedeutung hatte.
„Welcome, Sir!“, sagte sie in gebrochenem Englisch und mit ungebrochenem Blick. Beinahe fröhlich, erwartungsvoll und dahingehend, mit der Wahl der Übernachtung an diesem jenseits der Touristenströme gelegenen Ort einen Volltreffer gelandet zu haben. Er nickte, notierte seine Personalien und nahm Schlüssel und Wegkarte in Empfang. Er nickte wieder und verliess die Rezeption. Den Blick der Frau im Rücken oder wo auch immer. Er hätte sich umdrehen müssen, um dies sicher zu wissen. Aber dazu war er zu fokussiert.
Er stieg in seinen Hertz-Wagen. Sechs Stunden Fahrt hatte man ihm am Schalter des O. R. Tambo Flughafens gesagt und damit bestätigt, was er bereits im Vorfeld abgeklärt hatte.
Oliver R. Tambo, ein führender Kopf der Anti-Apartheits-Bewegung und Vorsitzender des ANC in den 80er-Jahren, war der Namensgeber, wenn der Entscheid auch nicht von ihm selber gefällt wurde, sondern vielmehr von der südafrikanischen Regierung, dreizehn Jahre nach seinem Tod.
Auch wenn der Flughafen in Johannesburg am meisten Flugbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent zählte, er war für ihn nur Durchgangstation. Ohne Bedeutung. Wie Pretoria mit dem Puls einer halbjährlichen Hauptstadt und den vielen Studenten. Ohne Bedeutung. Die vielen kleinen Ortschaften nördlich Pretorias, die teilweise immer noch von Touristen besucht werden, die sich ein Bild des wahren Afrikas machen wollen, indem sie private Tierparks besuchen oder sich ins warme Wasser der Quellen begeben, die einmal berühmt gewesen waren. Ohne Bedeutung. Auch wenn sie heilen. Heilen sollen.
Sechs Stunden. Das war eine realistische Einschätzung gewesen. Er hatte doppelt so lange benötigt. Er betrachtete die Karte in seinen Händen, schüttelte den Kopf und startete den Motor. Er fuhr los, vorbei an den Schildern, die davor warnten, das Fahrzeug zu verlassen und die Geschwindigkeit von vierzig Kilometern pro Stunde nicht zu überschreiten. Ohne Bedeutung. Er war da, wo er zu sein hatte. Nach weniger als dreißig Minuten Fahrt stellte er den Wagen neben eine Rundhütte. Eine von etwa fünfzehn. Vor keiner stand ein Fahrzeug. Entweder waren die Touristen auf Safari und würden bald zurückkehren, oder es gab keine Touristen hier. Es war nicht die Saison. Und es war nicht der Ort.
Er öffnete die Tür und trat ein. Angenehme Kühle trat ihm entgegen. Nachdem er die Vorhänge aufgezogen hatte, öffnete er die Glastür zu einer kleinen Terrasse. Sie war erhöht und mit einer niedrigen Steinmauer umgeben. Keine der Nachbarhütten war sichtbar. Nur die atemberaubenden Felsformationen, die von der Sonne angestrahlt wurden. Das hohe Steppengras machte mit seinem Gelb dem Farbenspiel von roter Erde und rötlich gelbem Gestein alle Ehre. Aber er hatte nun keinen Blick dafür. Er musste sich ausruhen. Er legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Er war endlich da, obwohl er nicht den blassesten Schimmer hatte, was weiter geschehen würde. Es war zwecklos gewesen, ihn an dieser Reise zu hindern. Nicht die Versprechen zu Hause, nicht die Versuchung der großzügigen Aufstockung seines Kontos und auch nicht der weiße Geländewagen, der ihn an der Weiterreise hindern wollte und schuld war an der doppelten Fahrzeit, seinen aufgerissenen Händen und den wiederkehrenden Schmerzimpulsen, die von seiner Schulter an sein Hirn geleitet wurden.
Plötzlich meinte er, einen Wagen zu hören. Wahrscheinlich hatte er sich getäuscht. Oder ein Gast kam zurück von einer Beobachtungsfahrt. Das kümmerte ihn nicht. Er würde heute keine Touren mehr machen, sondern bleiben, wo er war.
Er war hier und würde auf sie warten. Sie würde sich melden. Auf die eine oder andere Weise. Davon war er überzeugt.
2
Er hatte Glück gehabt! Gut zwölf Stunden zuvor war ihm der weiße Nissan bereits aufgefallen, als er kurz vor Pretoria von der R21 in die Nationalstraße eingebogen war. Nicht weil es ein Nissan war und auch nicht, weil er weiß war. Kurz nach der Zahlstelle hatte der Wagen am Rand der Straße gestanden. Ein dunkel gekleideter, trainierter junger Kerl mit Sonnenbrille, offensichtlich der Besitzer oder zumindest der Fahrer, stand angelehnt an der Kühlerhaube. Die Fahrertür stand offen. Mit der Zigarette im Mund gehörte seine Aufmerksamkeit den unzähligen Fahrzeugen, die ihre Fahrt erneut aufnahmen, sobald die Gebühren für die Benutzung der Autobahn bezahlt waren.
Er hatte diesen Mann schon am Flughafen gesehen. Bei der Autovermietung am Ende der Kolonne. Er hatte zuhinterst in der Reihe des Hertz-Schalters gestanden. Derselbe dunkle Anzug, der allerdings bei genauerem Hinsehen eine Reinigung verdient hätte und wohl schon länger im Besitz des Mannes war. Der Stoff des Jacketts spannte um die Oberarme. Es war klar, dass der Anzug in keiner Weise zu den Trainingseinheiten passte, die sein Körper wohl bereits hinter sich hatte. Er trug eine Sonnenbrille, die ihn aber nur wenig älter aussehen ließ, als er war. Es schien, als würde er warten, bis er an die Reihe kam. Vor ihm war eine Familie mit drei kleinen Kindern. Das Kleinste hatte wohl Hunger oder war müde oder auch beides. Die Mutter versuchte es zu beruhigen, was sie offensichtlich nicht schaffte.
Er selber war dabei, seine Unterschriften auf den Mietvertrag zu setzen und blickte zu dem Kind hinter sich, das mit seinem Weinen nicht nur seine Aufmerksamkeit erzwang, sondern auch die Umstehenden unruhig werden ließ. Die beiden anderen Kinder saßen auf den großen Koffern, die neben dem Vater standen, bereit, weitere Zentimeter vorzurücken, sobald er die Kreditkarte wieder eingesteckt und die Autoschlüssel in Empfang genommen haben würde. Er war nicht der Einzige, der die Szene beobachtete. Interessiert und trotzdem abwesend. Den Blick abwendend, sobald dieser jenen der Mutter traf, die das Kind nun zurück in die Tragetasche legte. Nur der Mann zuhinterst schien keine Notiz von den Schwierigkeiten zu nehmen, die sich direkt vor ihm abspielten. Kein unterstützendes Kopfnicken. Kein wohlwollendes Lächeln, das die Mutter beruhigen sollte. Kein Blick, der ausdrücken will, dass nach einem zwölfstündigen Flug in einem engen Flugzeug mit Essen, das man besser verweigert hätte, und nur wenig Schlaf ein schreiendes Kind doch absolut kein Problem sei. Nein. Seine Augen waren nach vorn gerichtet. Seine Aufmerksamkeit galt allerdings nicht der Prozedur einer Autovermietung. Sie galt ihm. Das war offensichtlich.
Er drehte sich wieder der schwarzen Angestellten zu, bedankte sich für die Schlüssel und glaubte, weiterhin Blicke in seinem Rücken zu spüren. Er drehte sich um und schaute zurück. Der Mann war verschwunden.
Sie konnten doch nicht so schnell mitbekommen haben, dass er bereits hier war. Das war einfach nicht möglich. Er hatte doch niemandem etwas gesagt. Zumindest nicht den Zeitpunkt seiner Reise.
Während er sich auf die Suche nach dem grünen Volkswagen machte, der ihm die nächsten Tage als fahrbarer Untersatz dienen sollte, schob sich die Reihe vorwärts, und das Schreien des Kindes hörte für einen kurzen Moment auf. Der Mann war nicht mehr zu sehen.
Aber genau dieser Mann stand nun am Rand der Straße. Sobald er ihn mit seinem grünen Kleinwagen passiert hatte, schmiss der Wartende seine Zigarette in die Straße und hastete zur Fahrerseite seines Nissans. Mit der Ruhe schien es vorbei zu sein. Er stieg ein, schaute nochmals in die Richtung des grünen Fahrzeugs und startete den Motor, um die Verfolgung aufzunehmen. Er schlug die Tür zu, während er bereits in die Fahrbahn rollte.
Vielleicht hatte er sich aber auch getäuscht. Vielleicht hatte der Nissan-Fahrer auch nur eine Rauchpause gemacht und plötzlich festgestellt, dass er zu spät kommen würde. Vielleicht sah er auch einfach nur Gespenster und hielt jeden dunkel gekleideten Mann für einen potenziellen Gefahrenherd. Und stehende Fahrzeuge am Straßenrand waren in diesem Land anscheinend keine Seltenheit. Eben erblickte er einen gelben Kleinlaster, der am Rand stand. Einige Männer stiegen von der Ladefläche. Junge Schwarze, offensichtlich am Ende ihres Arbeitseinsatzes.
Niemand wusste, dass er hier war. Außer sie natürlich. Sie hatte ihm den Hinweis gegeben. Sie wusste, dass er kommen würde. Oder hoffte es. Und er wusste, dass sie niemandem gegenüber auch nur ein Wort verlieren würde. Verlieren könnte.
Er drosselte das Tempo. Der Nissan sollte ihn überholen. Doch dieser ging ebenfalls vom Gas runter. Ein Hupkonzert ganz hinten veranlasste den Fahrer des Nissans allerdings, seinen kleinen Mietwagen trotzdem zu überholen. Die Blicke der beiden Fahrer trafen sich, als sie auf derselben Höhe waren. Ein Weißer. Wenig Haare im Gesicht. Noch weniger auf dem Kopf. Kahl rasiert. Regungslose Mimik. Verstärkt durch die Gläser seiner dunklen Sonnenbrille. Markante Kinnpartie. Das Fenster des Wagens stand offen. Er blickte zu ihm rüber, kurz nur, doch er glaubte, ein leichtes Lächeln auf dessen Gesicht zu sehen. Nur angedeutet. Wissend, das Ziel erreicht zu haben. Wie lange schaut man, dass es noch als beiläufig durchgeht? Wer war dieser Mann, der ihn zu verfolgen schien, seit er ihm am...