E-Book, Deutsch, 156 Seiten
Stöhr Altern kennt keine Zeit
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-7912-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gedanken über Zeit und Zeitgelassenheit in unserer Lebenswelt
E-Book, Deutsch, 156 Seiten
ISBN: 978-3-7562-7912-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Titel des Buches gleicht einer Provokation. Er stellt Lebenszeit und Zeit des Alterns außerhalb unseres tradierten Zeitverständnisses, fernab gewohnter Zeitmessung und alltäglichen Gebrauchs. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hielt die Räderuhr Einzug in das gesellschaftliche Leben. Die Uhrzeit begannt zusehends das Leben in ihre Ordnung zu fassen. Mechanisierung und Industrialisierung folgten von nun ab einem neuen, vom Menschen geschaffenen Zeitregime. Die natürliche Zeit trat in den Hintergrund; die technisch ausgestattete Kulturzeit wurde gesellschaftsbestimmend. Seitdem begleitet unser Leben ein Mensch-Zeit-Wirkungsmacht-Dilemma. Will und hat der Mensch je die Möglichkeit, sich aus dieser Klammer zu befreien? Niemand vermag diese Menschen-Zeit zu ignorieren oder abzuschaffen, auch wenn deren Folgen in der Spätmodernen nicht zu übersehen sind. Zeitbeschleunigung, Schnelllebigkeit, Naturzeit- und ICH-Verfremdung schaffen Zerrbilder menschlichen Zeiterlebens. Das Buch lädt all´ jene ein, die bereit sind, die Lebenswirklichkeit von einer derartigen Zeit-Etikette zu befreien und sie auf das Wesentliche zurückzuführen. Es ist ZEIT, die Lebenszeit des Menschen vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das Verstehen von Zeitvergessenheit, Zeitfreiheit, Zeitlosigkeit und Zeitgelassenheit kann eine hilfreiche Brücke zu einem Mehr an Lebenssinn sein.
Hans-Jürgen Stöhr, Jg. 1949, in Parchim bei Schwerin geboren, ist seit 2012 Inhaber der Rostocker Philosophischen Praxis. Von ihr aus geht die Initiative, das Philosophieren aus dem Hörsaal der Universität auf die Straße zu tragen und für jene interessant zu machen, die Lust und Freude an dieser Denkkunst verspüren. Hierfür werden von der Philosophischen Praxis verschiedene Formate angeboten. Dazu gehören die klassische Beratung und Lebensbegleitung einzelner als auch die Durchführung von Veranstaltungen wie das Philosophische Café, der Philosophische Salon oder die Rostocker Philosophischen Tage, die auf ein öffentliches, bürgernahes Philosophieren ausgerichtet sind. Von 1968 bis 1975 absolvierte H.-J. Stöhr eine Philosophie-Studium mit Nebenfach Biologie. Ab 1975 bis 1991 war er an der Rostocker Universität als Assistent und später als Philosophie-Hochschullehrer tätig. Er wurde 1975 promoviert und habilitierte 1980 führte zwei Forschungsgruppen und trug Verantwortung für die Rostocker Philosophischen Manuskripte (Heft 18 bis 32). 1993 gründete er das Institut für ökosoziales Management mit den Schwerpunkten Bildung, Beratung und Projektentwicklung in den Bereichen Gesundheit und Soziales. Mit der Philosophischen Praxis erfüllte er sich selbst seinen Wunsch, wieder verstärkt im Bereich der Philosophie tätig zu sein.
Autoren/Hrsg.
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Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind. Hermann Hesse (1877–1962) GUTES LEBEN UND ZEITVERGESSENHEIT Es mag wie ein Paukenschlag in einer beginnenden Sinfonie erklingen: Das Leben ist, wie es ist. Es ist da, nicht mehr und auch nicht weniger. Es ist weder gut noch ungut, weder schlecht noch böse, weder moralisch noch unmoralisch. Ganz einfach – es ist. In diesem Sinne hat das Leben keinen Wert; es ist also wertfrei, frei von jeder Moral. Es besteht in seinem Dasein und nimmt einen Platz zwischen Raum und Zeit ein. Es bewegt sich in seinem Sein zwischen Werden und Vergehen, Zeugung und Tod. Das Leben lebt. In der Zeit seiner Existenz verfügt es über sich selbst. Diese wertfreie Lebensbestimmtheit begründet sich ausschließlich in ihrer natürlichen Daseinsweise. Das Leben des Menschen steht für den bewegten Menschen, der sich in Raum und Zeit verändert. Und dennoch ist das Leben nicht wertlos. Es versteht sich als Wert in dem Moment, wo der Mensch beginnt, bewusst über sein Leben zu verfügen, sich seiner Gestaltungsmacht anzunehmen, die das Leben innehat. Der Mensch beginnt, sein eigenes Leben zu leben. Mit dem Bewusstsein der Verfügbarkeit über das eigene Leben, es selbst in die Hand zu nehmen und gestalten zu können, stellt sich die Frage nach dessen Sinn und Bedeutung. Da wir unser Leben mit aller Alltäglichkeit in Raum und Zeit wahrnehmen, ist das Nachdenken des Lebens im Zusammenhang mit Zeit naheliegend. Zeit wird zum Rahmen des Lebens. Wir sprechen von Lebenszeit. Wir messen Leben in Zeit, geben ihm einen temporären Rahmen. Die Verbundenheit von Zeit und Leben ist nicht in Frage gestellt. Uns kommt nicht in den Sinn, Zeit aus dem Leben wegzudenken, ein Leben zu führen, aus dem wir das Zeitliche herauslösen und versuchen, ein so genanntes zeitloses Leben zu führen. Haben wir den Mut und verlassen die uns gewohnte Denk-Komfortzone, in der Zeit und Leben unwiderruflich als verbunden angesehen werden. Lassen wir uns auf ungewohnte Fragen ein: Was meinen wir, wenn wir von Lebenszeit bzw. Zeit des Lebens sprechen? Was bedeutet es, wenn wir Zeit aus unserem Lebensverständnis abkoppeln und für eine Lebenssicht ohne Zeit plädieren? Welche Konsequenzen würden sich daraus ableiten? Wird das Leben dadurch zeitlos oder eröffnen wir uns eine Lebenswahrnehmung, die uns eine neue Lebensdenk- und -handlungsperspektive eröffnet? Nicht weniger interessant sind jene Fragen, die das gute Leben und dieses im Zusammenhang mit Zeit ansprechen: Was ist unter einem guten Leben zu verstehen? Ist ein Leben nur dann gut, wenn wir ihm einen zeitlich-strukturierten Rahmen geben? Lässt sich ein gutes Leben auch dann leben, wenn wir es außerhalb jedes Zeitgeschehens betrachten? Hier werden wir auf die Qualität des Lebens aufmerksam gemacht. Die Verbindung zwischen Leben, Zeit und Güte drängt sich auf. Das menschliche Leben ist eine an Körper, Geist und Seele gebundene Eigenschaft des Menschen. Als solche ist sie fest mit ihm verknüpft. Das Leben wird jedoch erst in dem Moment für den Menschen von Bedeutung und sinnstiftend, wenn er es über sein Tun begreift und mit seinem werdenden Bewusstsein sein Denken und Handeln als sein Leben annimmt. Damit überwindet der Mensch sein Leben als einfaches, natürliches, existenzielles Über-Leben und wächst über dieses Über-Leben hinaus. Er verschafft sich über sein Wirken den Zugang, sein Leben als ein Er-Leben zu begreifen und als solches gestalten zu können. Menschliches Leben heißt also Denken, Entscheiden, Handeln. Es bedeutet Tätigsein und trägt einen bewussten, erlebbaren Gestaltungscharakter. Der Wert des Lebens ist nicht in seinem Dasein begründet, sondern im Handeln des Menschen selbst. Das Leben tritt aus seiner schlichten Existenz heraus, wenn der Mensch es vermag, sein Leben in ein Erleben zu verwandeln. In allem zeigt sich mit dem Erleben des Lebens seine Wirkungsmacht, in der Zeit sich als bedeutungslos erweist. Der Sinn des Lebens braucht keine Zeit. Der Wert des Lebens ist in sich selbst und zeitlos begründet, weil das Leben ausschließlich für sich in seinem Sein und vor allem Werden spricht. Diese Botschaft ist, das Leben von der Zeit zu lösen und sich auf das Leben selbst zu besinnen. Warum, weil es einen Eigenwert besitzt und nicht erst einen Wert erhält, wenn wir es der Zeit zu- oder gar unterordnen und unser Leben in unserem Denken und Handeln durch eine „Zeitbrille“ verklärt wird.7 Das Leben ist wert, gelebt zu werden, was so viel heißt wie: Fülle dein Leben mit Leben! Übernimm Verantwortung für das dir geschenkte Leben! Mache aus dem Leben ein Erleben! Mache mit und aus ihm etwas Gutes! Den Sinn des Lebens ist einzig und allein darin auszumachen, für das geschenkte Leben so früh wie möglich selbst Verantwortung zu übernehmen, was bedeutet, den Menschen frühzeitig zur Verantwortungsübernahme zu befähigen. Mit dieser Verantwortungsübernahme sind alle Lebensumstände eingeschlossen, die das Leben bereithält. Das betrifft auch das eigene Kranksein und Sterben. Mit unserem Handeln „veredeln“ wir das Leben; geben ihm seine persönlichkeitsbestimmte Wertigkeit. Wir geben mit unserem Denken und Handeln dem Leben eine Sinnbestimmtheit. – Doch welche? Sind wir verpflichtet, ein sinnvolles Leben zu führen? Stehen wir in Eigenverantwortung, ein gutes, gelingendes, erfolgreiches, schönes bzw. glückliches Leben zu führen, nur weil uns das Leben ungewollt geschenkt wurde? Die meisten von uns nehmen diese Verantwortung selbstbestimmt wahr. Sie sehen den Sinn des Lebens darin, ein Leben zu leben, das im Ergebnis als gut, erfüllt, gelungen, erfolgreich schön“ oder glücklich wahrgenommen wird. Was ist das Gute im bzw. des Lebens? Wofür steht gut, wenn wir von einem guten Leben sprechen? Wer bestimmt, was gut ist? Mit dem Guten erfassen wir das allgemein Verständliche. Es steht für den alltäglichen Sprachgebrauch des Guten als Inbegriff, als Gesamtheit dessen, was wir im Leben als erstrebenswert ansehen. Es ist das Gute, das wir über unser Handeln erreichen. Es zeigt sich als gelingend, erfolgreich, erfüllt, glücklich oder auch zufrieden. Es sind Charakterisierungen, die sich unter das „gute Leben“ subsumieren lassen. Jede Eigenschaft erfüllt in unserem Alltagsverständnis ihre Besonderheit: Erfolgreich steht für Erreichtes, Erzieltes im Leben. Es ist alles erreicht – mit positiven Folgen. Es ist gelungen. Als gelingend bestimmen wir das Leben in seinem erfolgversprechenden Werden. Das Leben, bestimmte Lebensabschnitte oder auch Abschlüsse finden mit ihnen ihren Erfolg. Gelingend steht für tüchtig, geeignet, nützlich, erreicht. Erfüllt soll das gelebte Leben insofern sein, als damit erfahrene Lebens-Fülle zum Ausdruck gebracht wird. Diese Fülle des Lebens kann qualitativ verschieden und quantitativ umfänglich, reichlich oder auch intensiv sein, was das erreichte oder auch gelebte Leben deutlich macht. Es kann heißen: Alles ist gut, weil es sich als genug, gelungen bzw. erfolgreich erweist, weil es ein Leben voller Sinn und Glück oder auch vieler Güter – sei es an Fülle von Dingen, Erlebnissen oder Gedanken – ist. Wird ein Leben als glücklich bezeichnet, so liegt das Gute darin, dass das Leben sich positiv anfühlt und zutiefst als zufrieden betrachtet wird. Es macht in besonderer Weise die Emotionalität unseres Lebens – des Er-Lebens – deutlich. Eine zweite Sicht auf das Gute im Leben zielt auf die begriffliche Differenzierung des Guten. Vier Merkmale des Guten lassen sich herausstellen: Erstens. Das Leben ist ein Leben mit Gütern. Es ist ein Leben des Schaffens und Besitzens von Dingen, die für das eigene Leben wichtig sind und das Leben lebenswert machen. Es ist das Haben und weniger das menschliche Sein im Leben, was das Leben gut macht. Dieses Haben sind Güter materieller wie ideeller Natur. Es sei in diesem Zusammenhang angemerkt, dass nicht wenige Menschen – und heute mehr denn je –, und zwar in beiderlei Richtung das Leben auf das Dingliche, auf das Leben mit materiellen Gütern reduzieren. Das trifft sowohl für jene zu, die in ihrem Leben das Besitzen von Gegenständlichem auf ein Minimum zurückführen, auf vieles oder auf fast alles verzichten, als auch auf jene, die ihren Lebenssinn in der Anhäufung von Gegenständlichem sehen. In beiden Richtungen, das Leben entweder in seiner Mini- oder Maximalisierung an Dinglichem zu leben, wird dieses Leben zum Maß der Dinge, über das sich das Leben definiert. Zu diesen Gütern eines guten Lebens zählen auch das Fühlen, Denken und Handeln, was uns das menschliche Leben als Gabe mitgegeben hat. Es sind unsere Erfahrungen und Entscheidungsfähigkeiten,...




