Sturmer | Afrika! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Sturmer Afrika!

Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7445-0420-1
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-7445-0420-1
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Afrika ist ein Kontinent jenseits unserer Wahrnehmung. Seit Jahrzehnten wird die mangelnde Qualität der Afrika-Berichterstattung in deutschsprachigen Medien kritisiert. Zu Recht: Die Überbetonung von negativen Aspekten wie Bürgerkriegen, Hungerkatastrophen und Krankheiten entspricht den aktuellen Entwicklungen auf dem aufstrebenden Erdteil kaum. Afrika heute - das ist auch der Kontinent enormen Wirtschaftswachstums, beispielloser Innovationen und herausragender Persönlichkeiten. Warum aber bekommen wir von diesen Entwicklungen nichts mit? Und wie kann die Afrika-Berichterstattung organisiert werden, um eine realistische Darstellung des Kontinents zu ermöglichen? Das sind die beiden zentralen Fragen, denen Martin Sturmer in seinem Buch nachgeht. Ausgehend von Erkenntnissen der Kommunikationswissenschaft zeigt Sturmer, welche Faktoren und Akteure das gegenwärtige Afrika-Bild beeinflussen. Er dokumentiert schwere journalistische Fehlleistungen und beschäftigt sich mit ihren weitreichenden Folgen auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Kontinents und seiner Menschen. Schließlich belegt der Autor auf Basis einer Medienresonanzanalyse, dass eine differenzierte Afrika-Berichterstattung auch unter schwierigen medienökonomischen Bedingungen möglich ist. Sturmer spricht sich für einen Perspektivenwechsel aus, in dem afrikanische Journalisten selbst über ihre Heimatländer berichten.

Martin Sturmer hat Afrikanistik und Kommunikationswissenschaft in Wien und Dar es Salaam studiert und ist Lehrbeauftragter an der Universität Salzburg. Mit seiner Nachrichtenagentur 'afrika.info' engagiert er sich für eine Korrektur des bestehenden Bildes von Afrika.
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2 Nachrichten aus Afrika: Wen interessiert’s?


Dadaab im Februar 2012. Die Fallschirmjournalisten großer Medienunternehmen wie CNN, BBC, REUTERS und NEW YORK TIMES haben das Feld längst geräumt. Noch vor wenigen Monaten hatten sie dramatische Bilder von der Flüchtlingskatastrophe in Somalia um den Erdball geschickt – mittlerweile ist der Tross zu anderen Krisenherden weitergezogen. Dabei hat sich die Situation im größten Flüchtlingskomplex der Welt seither eher verschärft als entspannt: Über 460.000 Menschen bevölkern die völlig überlaufenen Camps Hagadera, Ifo und Dagahaley, die Versorgungslage ist dramatisch.

Damit Dadaab nicht völlig aus dem Blickfeld verschwindet, hat der junge Somalier Abdi Abdullahi gemeinsam mit acht weiteren Lagerbewohnern die Zeitung THE REFUGEE gegründet. »Meine Redakteure und ich haben oft als Übersetzer für ausländische Journalisten in Dadaab gearbeitet«, erzählt Abdullahi im Gespräch mit Philipp Hedemann (2012). »Irgendwann haben wir uns gedacht: Wir leben hier, wir kennen hier jeden und jedes Problem, wir brauchen keine Übersetzer. Wir erstellen selbst eine Zeitung.«

Auch die Website dadaabcamps.com verfolgt ähnliche Ziele wie THE REFUGEE: dadaabcamps.com berichtet tagesaktuell in den Sprachen Englisch und Somali über Aktivitäten und Veranstaltungen in den Lagern. Webmaster Mohamed Bashir Sheik (2012) zeigt sich auf der Internetseite überzeugt: »Spend a week with us and we think you will not find a better source for news from inside the refugee camps.«2

Auslandsberichterstattung in der Krise

Doch wen interessiert’s? Journalismusexperten sehen die Auslandsberichterstattung in einer schweren Krise – eine direkte Folge des wirtschaftlichen Drucks, mit dem Medienhäuser seit Jahren zu kämpfen haben. Ergebnis ist ein Abwärtstrend, der nur noch schwer zu stoppen scheint: Die Zahl der Auslandskorrespondenten schwindet, Hintergrundinformationen sind immer weniger gefragt. An die Stelle der Fernsicht sei ein sich verengender Blick auf den eigenen Schrebergarten getreten, meint der Auslandskorrespondent Willi Germund (2011). Am Beispiel der Dreifach-Katastrophe in Japan wurde der Niedergang der Auslandsberichterstattung besonders deutlich:

»Ursachen und Folgen in Japan interessierten in der öffentlichen Diskussion kaum noch. Die Medien begnügten sich im Großen und Ganzen mit der Überzeugung, dass ein Tsunami zwischen Rhein und Oder ziemlich unwahrscheinlich ist, und wandten sich konsequent der Frage zu, welche Folgen ein Flugzeugabsturz auf einen deutschen Atommeiler haben würde.« (Germund 2011)

Auch Lutz Mükke (2008) stellte in der Berichterstattung deutschsprachiger Medien in den letzten Jahren zunehmende Regionalisierungs-und Lokalisierungstendenzen fest. Neue, erfolgreiche Zeitschriftentitel wie LANDLUST in der Bundesrepublik oder SERVUS IN STADT UND LAND in Österreich unterstreichen den Trend zur publizistischen Nabelschau. »Die Landlust ist der behaglichste Pol der Globalisierungsskepsis, das Gegenteil von Attac«, schreibt Harald Jähner (2011) in der BERLINER ZEITUNG. Und weiter: »Die Sorge um unsere Welt ist darin ganz nach innen gewendet und in eine geradezu besessene Lust verwandelt, zu Hause zu sein, nichts als zu Hause.«

Für die Berliner Journalistin Gemma Pörzgen (2012: 11) verträgt sich die Rückbesinnung auf die scheinbare Idylle wenig mit den rasanten Veränderungen unserer Gesellschaft. Allerdings ortet sie auch außerhalb der bunten Illustriertenwelt einen hohen Infektionsgrad mit dem LANDLUST-Virus:

»Medial ist seichter, boulevardiger, unpolitischer, merkantiler geworden. Selbst politische Redaktionen fragen komplizierte Zusammenhänge heute weniger nach. ›Möglichst simpel‹ gilt immer häufiger als journalistisches Erfolgsrezept. Da finden EU-Themen in Online-Medien kaum statt, weil sie sich nun mal ›schlecht klicken lassen‹. Auslandsthemen gelten im Fernsehen als echte Quotenkiller. (...) Erstaunlicherweise glauben Chefredakteure und anderes Redaktionspersonal genau zu wissen, was ihre Leser, Zuschauer oder Zuhörer zu erfahren wünschen und was nicht. Dem Rezipienten wird immer weniger zugemutet.«

Angepasster Journalismus durch Publikumsforschung

Sind Auslandsthemen also Quotenkiller? Woher wissen Medienmacher überhaupt, was die Rezipienten interessiert? In seiner Studie »Journalismus und Medienforschung« räumt Ralf Hohlfeld (2003) mit dem Vorurteil auf, dass sich Journalisten nicht mit der Publikumsforschung beschäftigen. 97,1 Prozent der befragten Medienmitarbeiter waren mit den Ergebnissen der angewandten Medienforschung zumindest gelegentlich in Berührung gekommen. Zwischen den einzelnen Mediengattungen gab es allerdings erhebliche Unterschiede: 56,6 Prozent der Hörfunkjournalisten und 52,9 Prozent der Fernsehjournalisten informierten sich häufig über die Resultate der Rezipientenforschung, ihre Printkollegen lagen mit einem Wert von 29,7 Prozent deutlich dahinter zurück. Hohlfeld (2003: 379) kommt aufgrund seiner Ergebnisse zum Schluss,

»dass der Journalismus der Gegenwart über weite Strecken ein gewissermaßen angepasster Journalismus ist. Angepasst an Publikumsbedürfnisse, -interessen und -wünsche, deren Befriedigung aus Sicht der Medienpraxis weder zwangsläufig noch in bedrohlichem Ausmaß Leistungseinbußen und Autonomieverlust zur Folge haben.«

Copytests, Rezipientenbefragungen, Tiefeninterviews, Fokusgruppen, aufwändige elektronische Verfahren wie Readerscan und Quotenboxen – die Publikumsforschung kennt zahlreiche Instrumente. Am intensivsten geforscht wird von den TV-Anstalten. Die Zuschauerforschung in der Bundesrepublik erfolgt durch die GfK-Fernsehforschung in Nürnberg im Auftrag der »Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung« (AGF). Die AGF ist ein Zusammenschluss von ARD, ZDF, der PROSIEBENSAT.1 MEDIA AG und der Mediengruppe RTL DEUTSCHLAND. Für ihre kontinuierliche Zuseherforschung verwendet die GfK ein Panel aus 5.100 Haushalten, in denen etwa 11.500 Menschen (im Alter ab drei Jahren) leben. Damit soll die Fernsehnutzung von 71,94 Millionen Personen bzw. 36,04 Millionen Fernsehhaushalten in der Bundesrepublik repräsentativ abgebildet werden (Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung 2012).

In den Panel-Haushalten wird ein Messgerät namens »GfK-Meter« installiert. Das Gerät erfasst und speichert im Sekundentakt alle Ein-, Um- und Ausschaltvorgänge. Auch die Nutzung von Videorecordern und Videotext wird aufgezeichnet. Da das GfK-Meter nicht erkennen kann, wer vor dem Fernseher Platz genommen hat, müssen sich die Nutzer in den beteiligten Haushalten über eine spezielle Fernbedienung an- und abmelden (Karstens u. Schütte 2010).

In Österreich kommt mit dem »Teletest« das im Prinzip selbe Verfahren zum Einsatz. Mit der Durchführung wurde von der »Arbeitsgemeinschaft Teletest« (AGTT) die GfK Austria beauftragt. Das Panel setzt sich aus 3.560 Personen ab drei Jahren bzw. 1.590 Haushalten zusammen. Die Grundgesamtheit besteht aus 7,90 Millionen Fernsehzuschauern ab drei Jahren in 3,55 Millionen Haushalten. Allerdings weist die Medienforschung des ORF zumeist Werte für Zuseher ab zwölf Jahren aus: in diese Zielgruppe fallen 7,17 Millionen Österreicher (ORF 2012).

Die Fernsehzuschauerforschung beeinflusst sowohl die Programmplanung als auch die Programmgestaltung. Die wichtigsten quantitativen Eckdaten der Fernsehzuschauerforschung sind Sehbeteiligung und Marktanteil. Die Sehbeteiligung zeigt die Durchschnittsreichweite einer Sendung in Bezug auf die Grundgesamtheit. Nach Karstens und Schütte (2010) ist sie ein Indikator dafür, wie attraktiv das Fernsehen oder ein bestimmtes Programm im Verhältnis zu anderen Dingen ist, die Zuseher alternativ tun könnten. Der Spitzenwert aller Fernsehprogramme zusammengenommen wird laut Karstens und Schütte (2010) um 21:30 Uhr erzielt – um diese Zeit sitzen 40 Prozent der Bevölkerung vor den TV-Geräten. Das bedeutet aber auch, dass weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung selbst zur attraktivsten Sendezeit etwas anderes tut als fernsehen.

Der Marktanteil gibt den prozentualen Anteil einer Sendung an der gesamten Sehdauer während eines betrachteten Zeitraums im Ausstrahlungsgebiet an. Zum Beispiel: Eine ARD-Sendung, die zwischen 20:15 und 22:15 Uhr ausgestrahlt wird, erreicht einen Marktanteil von 50 Prozent. Das bedeutet: Die Hälfte der gesamten Zeit, welche die deutschen Zuschauer in den betreffenden beiden Stunden für alle Sender aufgewendet haben, ist auf genau diesen Beitrag entfallen (Karstens u. Schütte 2010).

Werfen wir nun einen Blick auf die Kennzahlen der Auslandsformate von ARD, ZDF und ORF:

Abb. 1: Sehbeteiligung und Marktanteil von WELTSPIEGEL, AUSLANDS-JOURNAL und WELTJOURNAL im Jahr 2010 (Quelle: Zubayr u. Gerhard 2011: 135, ZDF 2011, ORF 2011: 33)

Im Vergleich zu den erzielten Spitzenwerten erreichen die Auslandsformate der...


Martin Sturmer hat Afrikanistik und Kommunikationswissenschaft in Wien und Dar es Salaam studiert und ist Lehrbeauftragter an der Universität Salzburg. Mit seiner Nachrichtenagentur 'afrika.info' engagiert er sich für eine Korrektur des bestehenden Bildes von Afrika.



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