Ullmann | Mädchen, 1983 | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Ullmann Mädchen, 1983

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-29765-7
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-641-29765-7
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Indem ich beschreibe, was geschah, indem ich die Geschichte so wahrheitsgemäß erzähle, wie ich nur kann, versuche ich, sie in einem Körper zu vereinen - die Frau von 2021 und das Mädchen von 1983. Ich weiß nicht, ob das möglich ist.'
Wie wirkt das, was wir nicht mehr erinnern, in uns weiter? Ist es möglich, ehrlich über etwas zu schreiben, das vor fast vierzig Jahren passiert ist?

Paris, eine Winternacht im Jahr 1983. Sie ist sechzehn Jahre alt und hat sich verirrt im Labyrinth der unbekannten Straßen. Auf einem Zettel hat sie sich die Adresse des dreißig Jahre älteren Modefotografen notiert, der zufällig in New York auf sie aufmerksam wurde und sie bat, nach Paris zu kommen, damit er sie dort fotografieren kann. Gegen den Willen der Mutter, geprägt von dem Wunsch, die Fesseln der Kindheit abzustreifen, macht sie sich auf den Weg. Vier Jahrzehnte später, in einer Zeit der inneren und äußeren Krise, versucht die erwachsene Frau, das junge Mädchen zu verstehen, die sie einmal war.

LINN ULLMANN ist eine der bedeutendsten Autorinnen Skandinaviens. Ihre Romane sind vielfach preisgekrönt und in 30 Sprachen übersetzt, 2017 erhielt sie von der Schwedischen Akademie den Doubloug -Preis für ihr Gesamtwerk. Bei Luchterhand erschien zuletzt 'Das Verschwiegene' - unter dem Titel 'The Cold Song' u.a. auf der Jahresbestenliste der New York Times und eines der Lieblingsbücher von James Wood (New Yorker). Für 'Die Unruhigen' erhielt sie den Hörerpreis des Norwegischen Rundfunks, der Roman war für den Kritikerpreis und den Nordischen Literaturpreis nominiert. Eine Bühnenfassung davon hatte im Herbst 2018 am Königlichen Dramatischen Theater Stockholm unter der Regie von Pernilla August ihre Uraufführung.

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Ich glaubte, dich gäbe es nicht mehr


Ich glaubte, dich gäbe es nicht mehr, aber dann tauchtest du vor anderthalb Jahren im September unter einer Ulme auf und verlangtest danach, gehört zu werden.

Du bist durchsichtig. Ganz ohne Gesichtszüge. Wie Wasser.

Dinge, die ich über dich weiß:

Unsere Mutter gebar dich im Schlaf, und dann liefst du davon.

Dich zu beschreiben, ist das Schwierigste, woran ich mich versucht habe. Du bittest mich darum, unmögliche Dinge zu tun, und hörst mir nicht zu, wenn ich sage, dass ich es nicht hinbekomme.

Manchmal glaube ich, unsere Mutter ahnt, dass es noch eine gibt außer mir, dass wir zwei sind, aber dann wischt sie es weg.

Dieses Frühjahr schweben die Flügelnüsse der Ulmen über Oslo, Tag für Tag fallen sie zur Erde, wie ein sanftes Unwetter, still, weiß, wie Laub oder schmutziger Schnee legen sie sich in Haufen auf die Bürgersteige und in Parks, wirbeln über die Häuserdächer. Ich suche im Internet, frage mich, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, , es sind so viele. es ein Zeichen? Ich glaube, ich messe Zeichen oder dem, was ich als Zeichen wahrnehme, eine zu große Bedeutung bei. Es wehen Flügelnüsse in die Wohnungen der Leute, dünne Samenschuppen, die überhaupt nicht an Nüsse erinnern und in der Luft verschiedene Muster bilden. Sie legen sich auf den Fußboden, in die Badewanne, auf die Laken. Ich suche unter , finde aber nichts. Ich suche nach , finde aber auch darunter nichts.

, sagtest du, fast fürsorglich, . Ich wollte aufstehen, es war Morgen, ich hörte Evas Stimme im Wohnzimmer, mein Mann sagte etwas zu ihr und sie lachte, aber du sagtest Nein. Und so blieb ich liegen und hörte stattdessen auf dem Handy einen Podcast mit der amerikanischen Dichterin Sharon Olds. Sie sagte, einer der Gründe dafür, dass sie sich nicht mehr schminke, sei, dass sie die Leute erschrecken wolle; wenn sie nahe genug herankommen, sagte sie, sehen sie, dass etwas anders ist, dass etwas nicht stimmt. Ich bin embryonal, sagte sie (und da dachte ich an dich), ohne Augenbrauen, ohne Augenlider, ohne Mund.

Ich dagegen habe all diese Dinge (Augenbrauen, Augenlider, Mund), und die Fotografie, von der ich erzählen möchte, wurde im Winter 1983 von A in einem Fotostudio in Paris gemacht. Die langen Ohrringe waren aus Strass, sie waren nicht wertvoll, im Gegenteil, daheim, in meinem Zimmer in der Wohnung, die ich mir in New York mit meiner Mutter teilte, hatte ich eine Schatulle voller ähnlicher Ohrringe. Baumelohrringe, Glitzerohrringe, Strass. Flitter. Aber ein Stein, dem Ohrläppchen am nächsten, war blau, daran erinnere ich mich.

~

Der neue Mantel, Anfang Januar 1983 bei Bloomingdale’s gekauft, ist knöchellang und aus einem blauen Wollstoff gefertigt, und hat um die Taille einen Gürtel. Ich bin sechzehn. A lebt in New York, hat aber auch eine Wohnung in Paris. Vielleicht willst du ja mal mitkommen, sagt er.

~

Als ich sechs oder sieben war, und dann wieder, als ich elf war, und ein drittes Mal, als ich dreizehn war, träumte ich von einer großen blauen Feuerqualle mit langen Tentakeln. Alles in dem Traum war blau. Meine Lippen, weil es im Wasser kalt war und ich fror, die Wolken, das Meer. Ich las irgendwo (nachdem ich erwachsen geworden war und nicht mehr von ihnen träumte), dass Quallen im Laufe ihres Lebens durch verschiedene Stadien gehen. Larve, Polyp, Meduse. Ich hatte keine Angst. Nicht im Traum.

~

Ich bin sechzehn Jahre alt. Es ist mitten in der Nacht. Ich bin in As Wohnung in Paris, habe den Mantel aber noch an. Es ist eine kleine Wohnung, ein Zimmer mit Küche und Holzfußboden und hohen Fenstern sowie einem Bad mit blauen Kacheln über dem Waschbecken. Ich stehe mitten in dem großen Zimmer. Ich habe die Arme in einer Art Umarmung um die Taille gelegt, oder wie einen zusätzlichen Gürtel, um den Mantel an seinem Platz zu halten.

Hast du nicht vor, den Mantel auszuziehen?

Doch.

Es ist sehr spät.

Ja.

Warum bist du hergekommen?

Wie meinst du das?

Statt in dein Hotel zu gehen?

~

Du bist das Mädchen, das nicht sterben will, und jetzt, nachdem du viele Jahre fort warst, hast du dich wieder in mich verirrt. Als ich klein war, stellte ich mir vor, dass du abwechselnd in der Tapete und in meinen Kleidern wohnst, und einem großen Insekt ähnelst, einer Libelle, und statt eines Kleids hattest du einen doppelten Satz schimmernder Flügel.

Ich stellte mir vor, wir wären Schwestern. Ich habe vier Halbschwestern, vermisste aber eine Schwester, eine Schwester, eine, die da war. Ich hatte meine beste Freundin Heidi, die mein Spiegelbild war, aber Heidi hatte ihre eigene Schwester. Du und ich versprachen uns, dass wir einander niemals verlassen würden. Ich wollte, dass wir einen Bluteid ablegten, aber du hast ja kein Blut, also ließen wir es.

Als ich klein war, hatte ich Angst vor Insekten und im Dunkeln und vor erwachsenen Menschen, die sich betranken –

und dem Atomkrieg und der rasenden Wut meiner Eltern –

und dem Tod, nicht meinem eigenen, sondern dem von Mutter –

und vor Ballsportarten und lauten Geräuschen –

und davor, angefasst und festgehalten zu werden –

~

Das erste Mal begegnete ich A in einem Lift auf dem Weg nach oben im Carnegie Hall-Gebäude zwischen W 56th und 57th Street im Oktober 1982. Wir sprachen nicht miteinander, das Wort ist deshalb vielleicht falsch. So, wie ich es heute vor mir sehe, fast vierzig Jahre später, waren viele Menschen in dem Aufzug, er hielt mehrmals, Etage auf Etage, und Leute kamen und gingen. Er sagte später, mein Lächeln habe ihn bezaubert. Das glaube ich nicht. Ich lächelte so gut wie nie. Jedenfalls nicht, als ich sechzehn war. Vielleicht bezauberten ihn das weiß-rosa gestreifte Kleid, halb Bonbon, halb Punk, und die große rote Strickmütze aus Norwegen. . Ich meine nicht, dass ihn das Kleid als solches bezauberte – ärmellos, mit dünnen Schulterträgern, straff über den Brüsten und der Taille, ehe es sich in einem weichen Rock entfaltete, der bis zur Mitte der Knie reichte –, sondern das Mädchen, das es ganz offensichtlich liebte, sich darin zu zeigen. Die schmale Taille hat sie schon immer, sie war immer dünn, die Brüste sind fast neu und noch nicht vollständig entwickelt. Bis zum Jahreswechsel 1981/1982 war sie flach wie ein Brett. Die geliehene offene Lederjacke über den nackten Schultern ist vier Nummern zu groß und bildet einen massiven Kontrast zu dem weiß-rosa gestreiften Sommerkleid darunter, die einzige Funktion, die der Lederjacke in dieser Szenerie zukommt, besteht darin, dass sie ihr abgenommen werden soll, jemand muss sie einfach von ihr abzupfen.

Einer Untersuchung zufolge, die ich über die Zusammensetzung des Körpers gelesen habe, bestehen Gehirn und Herz aus 73 Prozent Wasser, die Lunge aus 83 Prozent Wasser, die Haut aus 64 Prozent Wasser, Muskeln und Nieren aus 79 Prozent Wasser und das Skelett aus 31 Prozent Wasser. Alles, worüber ich hier schreibe, was sich vor und während und nachdem A in Paris ein Bild von mir machte, abspielte, besteht größtenteils aus Vergessen, so wie der Körper größtenteils aus Wasser besteht. Woran ich mich nicht erinnere, was nur als Träume, Wahrnehmungen oder Schmerzen hochkommt, kann nicht in Worte gefasst werden, wird aber dennoch in Worte gefasst werden.

~

A trat aus dem Aufzug, ging den langen Flur hinunter, schloss das Fotoatelier auf und rief die Frau an, die ich hier Maxine nenne und die ihr Büro im selben Gebäude hatte.

Ich versuche, mich an ihre Stimmen zu erinnern, an As Stimme und an die von Maxine. Und was ist mit der Stimme des sechzehnjährigen norwegischen Mädchens, das manchmal Karin genannt wird? Der Name steht in ihrem Pass. Sie spricht jetzt mehr Englisch als Norwegisch, seit sie mit ihrer Schauspielerinnenmutter nach New York gezogen ist. Ich habe keine Erinnerungen an diese Stimme. Englisch ist weder ihre Muttersprache noch ihre Vatersprache, sie ist halb Norwegerin, halb Schwedin, ich stelle mir einen Anflug von Übermut in ihrer Stimme vor, wenn sie spricht, und dass es mit ihrem Englisch zusammenhängt, so als wäre diese dritte Sprache ein Kleid, das sie sich geliehen hat, und als täte sie so, als gehörte es ihr, ich höre auch Unsicherheit – das Mädchen ist sich in allem unsicher –, und diese Unsicherheit verleiht ihrer Stimme unverkennbar einen Klang von dem, was ihr schwedischer Vater, hätte er gehört, wie sie spricht, als abgetan hätte. Ich habe die Namen von A und Maxine im Internet gesucht, nach Videoclips gefahndet, aber keine mit Ton gefunden, ich dachte, vielleicht wenn ich ihre Stimmen höre, unsere Stimmen höre, würde das Erinnerungen freisetzen, ein Loch in dieses Geschwür stechen, das meine Geschichte von damals ist.

Maxine war eine gut gekleidete Frau in leger sitzenden, maßgeschneiderten, schwarzen Kleidern, die alles bedeckten, was es an Haut gab, sie trug lange, weiße Perlenketten und große runde Brillen mit schwarzen Gestellen. Schönheit kann so vieles sein, sagte sie. Anfangs war sie eine Agentin aufstrebender Fotografen, mit der Zeit auch einer...


Ullmann, Linn
LINN ULLMANN ist eine der bedeutendsten Autorinnen Skandinaviens. Ihre Romane sind vielfach preisgekrönt und in 30 Sprachen übersetzt, 2017 erhielt sie von der Schwedischen Akademie den Doubloug -Preis für ihr Gesamtwerk. Bei Luchterhand erschien zuletzt „Das Verschwiegene“ – unter dem Titel „The Cold Song“ u.a. auf der Jahresbestenliste der New York Times und eines der Lieblingsbücher von James Wood (New Yorker). Für „Die Unruhigen“ erhielt sie den Hörerpreis des Norwegischen Rundfunks, der Roman war für den Kritikerpreis und den Nordischen Literaturpreis nominiert. Eine Bühnenfassung davon hatte im Herbst 2018 am Königlichen Dramatischen Theater Stockholm unter der Regie von Pernilla August ihre Uraufführung.

Berf, Paul
Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, Kjell Westö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.



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