Wagner | Tom Winter und der weiße Hirsch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 406 Seiten

Wagner Tom Winter und der weiße Hirsch


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7380-9728-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 406 Seiten

ISBN: 978-3-7380-9728-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Tom fehlten die Worte für das, was ihm in diesem Moment widerfuhr. Er fühlte sich nicht länger wie ein einziges, selbständiges Wesen, sondern als hätte man ihn in der Mitte zerteilt. Dieses zweite Geschöpf, das vor ihm in einem hellen gelben Licht erstrahlte, war genauso wichtig wie er selbst, ihre Leben miteinander verbunden.' Hals über Kopf stürzt Tom sich ins Abenteuer, die Anderswelt vor Vampir Graf Skelardo zu retten. Dabei ist es nicht unbedingt von Vorteil, dass er bis eben noch geglaubt hatte, völlig normal zu sein. Zum Glück sind seine Freunde Charlie, Peer und Astos bei ihm, wenn es brenzlig wird ...

Nicole Wagner ist Studentin der lateinischen und englischen Philologie. Sie schreibt Geschichten seitdem sie vierzehn ist, wobei sie sich vornehmlich dem Bereich fantastischer Kinder- und Jugendliteratur widmet. Ihr erstes vollendetes Manuskript 'Val und die Löwenstatue' veröffentlichte sie im Jahr 2015 beim Self-Publishing-Verlag Paramon.
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Der tote Kobold


Im Bernsteinweg sechs, der am hinteren Ende des Örtchens Glöckerlstadt lag, verlief das Leben in ruhigen Bahnen. Selten störte ein Laut die nächtliche Stille, außer man war penibel und zählte ein gelegentliches Beben, das aus den Kellerräumen zu dringen schien, dazu. Wenn sie es tatsächlich einmal hörten, machten die Dorfbewohner Reginald Winter dafür verantwortlich, den etwas verschrobenen, aber gutmütigen Wissenschaftler, der bereits im Alter von fünf Jahren erklärt hatte, zauberhafte Wesen wie Kobolde und Trolle seien keineswegs Auswüchse der Fantasie, sondern genauso real wie Herr und Frau Feuerecker, die Nachbarsleute. Tom Winter, sein dreizehnjähriger Sohn, war nach dem Tod seiner Mutter vor acht Jahren ungefähr der einzige, der den Vermutungen seines Vaters Glauben schenkte.

Tom erwachte von einem Krachen, das wie das Losgehen eines Kanonenrohrs klang. Er saß kerzengerade im Bett und lauschte, was sich im Erdgeschoss abspielte. Er meinte, seinen Vater singen hören zu können und zwar zur leicht abgeänderten Melodie von Alle Jahre wieder.

All die Jahre der harten Suche

Endlich hab ich den Beweis

Soll'n sie lachen und auch kichern

Endlich rechnet sich der Fleiß!“

Tom sah auf die Uhr, die rot leuchtenden Ziffern zeigten fünf nach Zwölf an. Rasch zog er sich Jeans und T-Shirt an und schlüpfte aus der Tür. Wie er erwartet hatte, brannte Licht im Keller, dem privaten Forschungslabor seines Vaters, wo er nach Beweisen ausgestorbener oder für der Fantasie entsprungen geglaubter Wesen suchte. Reginald musste die Schritte seines Sohnes auf der Treppe gehört haben, denn er riss die Tür auf und bat ihn unter großem Hallo hinein.

„Hier ist er, Tom, der Beweis, auf den ich solange gewartet habe! Der Beweis, dass die Anderswelt existiert!“ Reginald weinte fast vor Glück.

Tom sah, dass auf einem Tisch in der Mitte des Raumes, umgeben von hohen Regalen und blechernen, leise summenden Maschinen, ein kleines, pelziges Etwas lag. Im ersten Moment hielt er es für eine tote Katze und er fragte sich, wie zum Teufel dies seinem Vater von Nutzen sein konnte. Dann erkannte er, dass es für eine Katze einen zu langen Körper besaß und zu kurze Vorderarme, fast so als würde das Wesen auf zwei Beinen gehen; auch das Gesicht war runder und flacher, die leeren Augen groß wie Clementinen und smaragdgrün. Langsam ging Tom näher, er streckte eine Hand aus und berührte das Fell, es war struppiger als das eines Haustiers. Ihm war klar: dies war kein Vertreter der bekannten und in Naturkundeführern aufgelisteten Tierarten.

„Was ist das?“, fragte er leise.

„Das, mein lieber Tom, ist ein Kobold.“

Ein Kobold. Wenn man den Beschreibungen aus Harry Potter Glauben schenken konnte, waren Kobolde hässliche, langnasige Wesen, die Zauberergold bewachten. Das, was auf dem Tisch lag, sah aus wie eine Mischung aus Katze und Koboldmaki.

„Ein Waldkobold, um genau zu sein.“

„Wo hast du ihn gefunden?“

„Drüben am Waldrand, genau neben Oswald Griselbarts Hecke. Ich vermute, dass er sein Versteck verließ, um Nahrung zu suchen und angegriffen wurde, als er durch die Hecke schlüpfen wollte.“

Oswald Griselbart war ihr direkter Nachbar und von sogar noch merkwürdigerem Naturell als Reginald Winter, wenn man das so sagen konnte. Zumindest war er der einzige Mensch, den Tom kannte, der an Heiligabend mit seinem Teleskop die Uranusmonde beobachtete, anstatt mit Freunden und Familie vor dem heimischen Kamin zu sitzen. Außerdem hatte Tom noch nie einen Fuß in sein Haus setzen dürfen, und als er sich bei anderen Dorfbewohnern danach erkundigte, sagten sie ihm, dass Griselbart dies niemand anderem als sich selbst gestattete.

„Wie ist er gestorben?“, fragte Tom.

„Durch einen Zaubererfluch.“

„Woher willst du das wissen?“

„Er weist keine äußerlichen Verletzungen auf, keine Bisswunden, keine Quetschungen, keine Hämatome. Medizinisch gesehen ist dieses Wesen kerngesund.“

Tom überlegte. "Was willst du jetzt tun?"

"Ich sage Professor Specht von der Hirlingsheimer Uni Bescheid und dann soll er mit mir zusammen die Existenz dieser fremden Wesen attestieren. Stell dir vor, welch einen Aufschrei das in der ganzen Nation auslösen wird! Mein Name in allen Zeitungen! Aber ich muss mich beeilen, ehe er ins Bett geht.“

Tom schlüpfte mit klopfendem Herzen nach oben in sein Zimmer. Dort ging er zum einzigen vorhandenen Fenster, das Ausblick auf das benachbarte Haus bot. In dem zur Zeit des frühen Historismus erbauten Gebäude, worauf die Dachtürmchen und Bogenfenster der vielen Zimmer verwiesen, wohnte Oswald Griselbart. Es war der teuerste Bau in ganz Glöckerlstadt, noch teurer sogar als die Kirche. Viele fragten sich, warum Griselbart es nicht verkaufte und sich eine moderne Villa in einer Großstadt aneignete, wie sie es getan hätten. Der Besitzer jedoch wollte nichts davon wissen. „Glöckerlstadt ist keine Stadt, die man leichtfertig aufgibt“, sagte er dann. Was genau er damit meinte, wusste niemand.

Immer, wenn Tom in letzter Zeit den zum Haus gehörigen Weg und die Eingangstür beobachtete, sah er merkwürdig anmutende Gestalten, die, in lange Umhänge gehüllt, den Kiesweg entlang wuselten. Der Hausherr öffnete, ohne dass er in den Lichtschein der Lampe trat, und ließ sie hinein. Dann konnte Tom stundenlang warten, oft bis weit nach Mitternacht, aber keiner der Gäste kam wieder zum Vorschein, was nahelegte, dass sie einen anderen Ausgang nahmen. Tom tippte auf den Wald hinter Griselbarts Haus, der, wenn man ihn einmal durchquert hatte, ins nächstgelegene Örtchen Bruckwalde führte. Dort musste es irgendetwas geben, das das Interesse der zauberhaften Wesen weckte. Auch die Tatsache, dass sein Vater den Kobold eben am Rand dieses Waldes gefunden hatte, verstärkte seinen Verdacht. Jetzt war es natürlich kein Verbrechen, abends Gäste zu empfangen – heftete diesen Gästen nicht etwas Merkwürdiges an. Manche waren nur halb so groß wie normale Menschen, andere von überdurchschnittlich kräftiger Statur mit Haaren, die fast bis zum Boden reichten, wieder andere schienen mit den Füßen nicht mal den Boden zu berühren, wenn sie gingen, und oft meinte Tom, wenn sie den letzten Schritt über die Schwelle taten, im Licht ihre haarigen Gesichter zu erkennen. Und nun lag der Beweis in den Kellerräumen seines Vaters; Tom wollte jede Wette eingehen, dass auch diese zu Besuch kommenden Wesen Zauberwesen aus einer anderen Welt waren. Ungeduldig trommelten seine Finger gegen den Fensterrahmen. Angesichts der hohen Relevanz einer gelungenen Beschattung würde er Unterstützung brauchen und sein Vater stand ja gerade nicht zur Verfügung. Tom nahm das Haustelefon und wählte die Nummer seines Freundes Peer Feuerecker; der wohnte direkt gegenüber, hatte also ebenfalls gute Sicht auf Griselbarts Haus, und war Tom und seinem Vater in der Vergangenheit schon oft bei Finde-Hinweise-zur-Existenz-der-Anderswelt-Suchaktionen zur Seite gestanden.

„Hi, Tom. Ich hab mir gerade Schmetterlinge angesehen.“

Es war Peers Hobby, die Krabbler unter dem Mikroskop zu betrachten.

„Peer, es gibt unglaubliche Neuigkeiten. Mein Dad hat einen toten Kobold gefunden!“

„Du machst Witze!“

„Ich schwör's, ich hab ihn gesehen! Er liegt in unserem Keller.“

„Du verarschst mich doch! Wo kommt der her?“

„Er lag am Waldrand, hinter Griselbarts Haus.“

„Ha! Wir haben immer geahnt, dass an dem Typen was faul ist … He Tom, siehst du den Kerl, der jetzt die Straße entlangkommt?“

Tom spähte aus dem Fenster. Die Nacht warf lange Schatten. Gerade in diesem Augenblick schlüpfte aus der Dunkelheit ein Mann, denn das schien er zu sein, und ging mit zielstrebigen Schritten auf Griselbarts Haus zu. Seine Umrisse waren gewaltig, doppelt so groß wie die eines normalen Menschen und zwischen Kopf und Rücken war so viel Abstand, als hätte er einen Buckel wie Quasimodo, der Glöckner der Notre-Dame. Die Hände hielt er merkwürdig angewinkelt an seiner Seite und von der Mütze, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, ging ein schwaches rotes Leuchten aus, als würden seine Augen glühen.

„Siehst du seine Augen?“, fiepte nun auch Peer ins Telefon.

„Ich seh‘s“, flüsterte Tom ebenso leise zurück. Plötzlich wandte der Fremde den Kopf und fing seinen Blick auf, wie er da am Fenster stand. Tom konnte sich nicht rühren, er war wie gelähmt. Der Fremde fletschte die Zähne, man konnte es nicht anders ausdrücken, und knurrte. Eine laute, blecherne Stimme hallte in Toms Kopf wieder, als würde ein Roboter direkt in sein Gehirn sprechen.

Halt dich fern von uns!“

So schnell wie er gekommen war, so schnell war der Moment vorbei, der Fremde schlüpfte durch die sich öffnende Tür und war verschwunden. In der allerletzten Sekunde verrutschte sein Mantel, und gab den Blick frei auf einen langen, büschelartigen Schweif gleich dem eines Wolfs. Eine Weile sagte keiner etwas, dann murmelte Peer: „Ich bin sofort bei dir.“

„Warte, nimm deinen Fußball mit!“

Peer fragte nicht weiter nach. „Okay.“ Er legte auf.

Es dauerte keine drei Minuten, da klingelte es Sturm an der Haustür. Tom zog gerade den Reißverschluss seiner Softshelljacke zu, als Peer schon an der Klinke rüttelte, als wäre der...


Wagner, Nicole
Nicole Wagner ist Studentin der lateinischen und englischen Philologie. Sie schreibt Geschichten seitdem sie vierzehn ist, wobei sie sich vornehmlich dem Bereich fantastischer Kinder- und Jugendliteratur widmet. Ihr erstes vollendetes Manuskript „Val und die Löwenstatue“ veröffentlichte sie im Jahr 2015 beim Self-Publishing-Verlag Paramon.



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