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E-Book, Deutsch, 477 Seiten

Wirtz Kakaden

Der Untermieter
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7565-8950-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Untermieter

E-Book, Deutsch, 477 Seiten

ISBN: 978-3-7565-8950-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Frank, Studienrat für Latein, Spanisch und Geschichte, führt ein geordnetes und einsames Leben. Änderungen sind ihm verhasst. Ganz im Gegenteil zu seinem Untermieter, der sich als innere Stimme in seinem Kopf eingenistet hat und ihn seit Monaten quält. Während Frank in den Sommerferien nach Spanien reist, um dort einen geruhsamen Bildungsurlaub zu verbringen, möchte sein Untermieter Abenteuer erleben. In Bilbao schließen die beiden eine Wette ab. Sie tauschen für einen Tag die Rollen. Sollte Frank sich in dieser Situation dazu verleiten lassen, das Leben zu preisen, überlässt er seinem Untermieter für den Rest des Urlaubs das Kommando. Frank verliert und ein turbulentes Abenteuer nimmt seinen Lauf.

Günter Wirtz, geboren 1965. Arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium. In seiner Freizeit schreibt er Romane, Geschichten, Essays etc. Besonders stolz ist er auf den ersten Platz bei der Storyolympiade 2014 und 2016
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Kapitel 1 Frankfurt – Bilbao


K a s k a d e n


Der Untermieter


Günter Wirtz


Drei Dinge, die der Untermieter an Frank nicht schätzte. Eigentlich waren es dreihundert, aber im Moment störten ihn drei: der Geiz, die mangelnde Entschlossenheit und die Unfähigkeit, unhöflich zu sein. Wäre sein Wirt spendabler, hätte er Erste Klasse gebucht. Wäre er entschlossener, hätte er die Frage am Airline-Schalter, ob er einen bestimmten Platz wünsche, nicht mit „Nein“ beantwortet, sondern mit „Ja, einen Fensterplatz und bitte neben einer Frau, die aussieht wie Penélope Cruz und die Belesenheit eines Jorge Luis Borges besitzt!“ So wie er, die innere Stimme, es ihm souffliert hatte. Stattdessen hockte Frank jetzt in der Mitte der Sitzreihe. Zu seiner Rechten kauerte ein kaugummifletschender Bodybuilder, der sich für Terminator hielt und dringend etwas gegen den Geruch im Achselbereich unternehmen sollte. Zu allem Übel war es gerade diese Körperpartie, die er Frank aufgrund der unnatürlichen Breite seiner Schultern direkt vor die Nase hielt. Auf der Lehne zwischen ihnen lag sein Unterarm wie ein Baumstamm, der nicht bereit war, sich auf Kompromisse einzulassen. Um den unangenehmen Berührungen und Gerüchen zu entgehen, hatte sich Frank nach vorne gebeugt und war damit vom Regen in die Traufe gelangt. Bei der Traufe handelte es sich um den Sitznachbarn zu seiner Linken, einen etwa sechzigjährigen Mann mit affektiert gezwirbeltem Schnauzbart und Halbglatze, die er durch quergelegte Haarsträhnen kaschierte. Mit seinem fliederfarbenen Hemd unternahm er den vergeblichen Versuch, sich zehn Jahre zu verjüngen, und die cremefarbene Fliege sollte ihm wohl den Touch eines Gentlemans verleihen. Ein Stutzer, der ihn so zutextete, dass es Frank unmöglich war, das Buch auf seinen Knien in Ruhe zu lesen.

„Warum beugen Sie sich so weit nach vorne? Ist Ihnen schlecht?

„Nein, ich reise immer in dieser Haltung. Das entspannt mich.“

Frank hoffte, sein Sitznachbar würde die Ironie der Botschaft verstehen und beleidigt schweigen. Vergeblich.

„So was wie Yoga? Ich halte nichts von diesem esoterischen Firlefanz. Alles nur Reibach, Kohle, Pasta.“ Zur Veranschaulichung rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander. Frank hasste Leute, die mit Erwachsenen wie mit Kleinkindern redeten und selbst einfachste Aussagen pantomimisch untermalten. Spätestens jetzt hätte Frank den Dialog nach Ansicht seines Untermieters abbrechen und den Typ mit seiner lächerlichen Fliege strangulieren, ihm aber zumindest die Meinung geigen sollen, doch dazu fehlte ihm Punkt 3 der Mängelliste: Dreistigkeit. Stattdessen rechtfertigte sich sein Wirt sogar noch.

„Ich weiß, was Reibach bedeutet. Und nein, mit Yoga hat das nichts zu tun.“

„Sie machen eine Reise nach Santiago de Compostela, stimmt‘s oder hab ich Recht? Mitte fünfzig, Midlife-Crisis. Oder Sie haben was ausgefressen und wollen jetzt dafür Buße tun. Vielleicht Ihre Frau betrogen, was?“ Er klopfte Frank jovial auf die Schulter. „Ich weiß, ich bin ein Zyniker, aber nur so kann man dieses absurde Leben ertragen, finden Sie nicht? Ich heiße übrigens Ulf. Ulf wie Alf, nur mit U.“ Er lachte und reichte Frank die Hand.

Nicht einschlagen!, befahl die innere Stimme.

Frank schlug ein.

Aber wenigstens deinen Namen wirst du diesem aufgeblasenen Fatzke nicht verraten!

Das tat er nicht, aber der Fatzke wollte ihn auch nicht wissen, sondern quasselte sofort weiter.

„Wenn Sie mich fragen, ist dieser Finde-den-Weg-zu-dir-selbst-Müll rund um das Wallfahren reine Abzockerei. Ein Bekannter von mir, Chefarzt in der Uniklinik, hat mal den Weg gemacht. Unverschämte Preise verlangen die in den Hotels, hat er gesagt. Ich hoffe, Sie haben genug Asche dabei.“ Wieder rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander.

„Offenbar bewegt sich Ihr Bekannter trotz seines Berufes an der Armutsgrenze, aber keine Sorge. Ich bin weder Pilger noch Mitte fünfzig und in einer Midlife-Crisis, ich?“ Das spöttische Lachen, das Frank ausstoßen wollte, missriet zu einem Krächzen.

In Sachen Alter und Krise lag der Typ nicht ganz falsch, aber die Genugtuung, zwei Halbtreffer gelandet zu haben, gönnte Frank ihm nicht.

„Wie ein Geschäftsmann sehen Sie jedenfalls nicht aus. Lassen Sie mich raten! Sie lesen, tragen eine Cordhose und reden so geschwollen wie eine Mandelentzündung. Sie sind Lehrer, stimmt‘s oder hab ich Recht?“

Frank hasste Konversationen über seinen Beruf, vor allem mit Leuten, bei denen die Floskel „Stimmt‘s oder hab ich Recht?“ unausrottbar im Wortschatz verwurzelt war. Gespräche über seinen Berufsstand verliefen immer gleich. Der Begriff „Lehrer“ öffnete in den Leuten eine Art Büchse der Pandora, die alle schlechten Erfahrungen freisetzte, die sie selbst in der Schule mit seinesgleichen gemacht hatten. Schlimmer noch: Sie machten im weiteren Gesprächsverlauf Frank für ihre traumatischen Erlebnisse verantwortlich und sahen in ihm einen Fußabtreter, um sich all den Schmutz von der pädagogisch geschundenen Seele zu streifen. Jedes Mal nahm Frank sich vor, dem Rat seines Untermieters zu folgen und zu lügen. Zu sagen „Nein, ich bin Klempner, Frisör oder Meerschweinchen-Züchter“, aber er brachte das nicht über die Lippen. Noch eine der dreihundert Eigenschaften, die der Parasit in ihm geringschätzte.

Frank nickte, worauf Ulf so lachte, dass ihm die querliegenden Haarsträhnen über die Nasenwurzel rutschten. Die nächsten zwanzig Minuten ließ sich sein Sitznachbar über seine Schulzeit aus, während Frank demonstrativ in seinen Sprachführer „Aupa – Baskisch für Anfänger“ starrte. Solche Signale schienen seinen Nebenmann allerdings nicht zu stören, sondern zu monologischen Höchstleistungen anzutreiben. Er spannte den Bogen vom Lateinlehrer, der immer nur einen rotzgrünen Rollkragenpullover getragen hatte, über den Biolehrer, den „faulen Sack“, bis hin zum „unfähigen Referendar“, dem sie das Leben so zur Hölle gemacht hatten, dass er zuerst den Beruf an den Nagel gehängt und später sich selbst vor den Zug geschmissen hatte. Das Ganze gipfelte in einer Reihe von Lehrerwitzen im Stil von „Wer hat vormittags recht und nachmittags frei?“

Um ihm zu zeigen, wie souverän er über solche Vorurteile stand, konterte Frank mit einem eigenen Witz: „Was haben Lehrer und Fixer gemeinsam?“

Ulf zuckte die Achseln.

„Sie denken nur an ihren Stoff.“

Das Gelächter, das folgte, war so laut, dass sich die Leute zu ihnen umdrehten. Selbst Terminator zuckte mit den Mundwinkeln und unterbrach für einen Moment das Kaugummikauen.

„Und was treibt Sie nach Spanien?“, wollte der Lehrerhasser wissen. Leider gab er nicht nur Klischees, sondern auch Speicheltropfen von sich, die Frank angewidert von den Seiten seines Buches wischte.

„Ich möchte Baskisch lernen.“

Im ersten Moment war sein Gegenüber sprachlos. Als er im zweiten Moment begriff, dass Frank keinen Witz gemacht hatte, hüpfte, sprang und kullerte das Lachen aus ihm heraus.

„Wollen Sie mich verarschen?“, stieß er schließlich hervor. „Baskisch lernen! Mann, Sie stecken in keiner Midlife-Crisis, sondern sind schon im Endstadium. Wer zur Hölle fährt in Urlaub, um dieses Steinzeitgebrabbel zu lernen?“

Frank wollte die politische Aktualität der baskischen Sprache und ihre faszinierenden Wortbildungsmechanismen hervorheben, hatte aber das Gefühl, Perlen vor die Säue zu werfen.

Erzähl ihm, dass wir was Verrücktes machen, damit er uns nicht für einen langweiligen Akademiker hält!, stichelte die innere Stimme.

Was ist an einem Akademiker langweilig?, schoss Frank in Gedanken zurück.

In Ulfs Augen alles und jetzt diskutier hier nicht rum, sondern sag was Spektakuläres!

Frank überlegte kurz. „Außerdem leihe ich mir ein Fahrrad, um damit die Gegend zu erkunden.“

Die Gegend erkunden. Sie drücken sich nicht nur geschraubt aus, sondern haben auch ‘ne Schraube locker.“ Ulf unterbrach sich, um über sein Wortspiel zu lachen. „Das Baskenland ist voll bergig. Außerdem regnet es die ganze Zeit. Ein Bekannter von mir hat sich im Urlaub auch mal ein Fahrrad geliehen. Da sind die Bremsen gerissen und er ab über die Leitplanke. Vier Monate Krankenhaus.“

„Lassen Sie mich raten! Als Motivationspsychologe arbeiten Sie nicht.“

Ulf überging Franks Sarkasmus. „Haben Sie schon ein Hotel gebucht?“

Natürlich hatte er das. „Nein, ich lasse mich treiben.“

Gut so!, bestärkte ihn sein Untermieter.

„Typisch Lehrer. Im Klassenraum Alleswisser, aber in der freien Wildbahn völlig aufgeschmissen. Ich hoffe, Sie bereiten Ihren Unterricht gründlicher vor. Mann, um diese Zeit ist alles ausgebucht, da kriegen Sie nichts mehr!“

„Ich vertrau auf mein Glück.“ Frank zog ein schwarzes Mikrofasertuch aus der Hemdtasche und putzte seine Brille, einerseits, um Ulf nicht ansehen zu müssen, andererseits, weil sich ein Speicheltropfen auf eines der Gläser verirrt hatte.

Glück? Was sind Sie für ein Naivling! Glück gibt es genauso wenig wie Pech, Zufall, Fügung oder Gott. Glaube an Glück oder Gott ist was für Feiglinge, die nicht ertragen können, dass sie selbst...



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